07:41 Uhr, Notaufnahme
Veröffentlicht von am 20.09.2017 8:30 Schreibe einen Kommentar

Im Wartebereich der Notaufnahme sehen die Putzkräfte aus wie Krankenschwestern. Manch einer spricht die wischenden Frauen an, die Frauen nicken dann freundlich. Die Theke zur Anmeldung ist groß, sie dominiert den schmalen, um mehrere Ecken sich windenden Raum. Wartende sitzen mit dem Rücken zur Fensterfront und den Gedanken zur holzvertäfelten Schrankwand. Es ist noch früh, und nur die Ambulanz ist besetzt. Ab und an kommt ein Rettungssanitäter nach vorne, spricht mit der Frau an der Anmeldung.

„Schon wieder einer?“
„Wochenende halt.“
„Kann man nichts machen.“
„Isso.“
„Perso?“
„Besser: handschriftlich.“
„Kann ich nicht lesen.“
„Ja.“
„Moment. Den kenne ich. Der war schon mal da.“

Hinter einer milchigen Tür sind Rollen zu hören, dann eine laute Stimme: „Wir schneiden Ihnen jetzt die Hose auf, in Ordnung?“ Eine Stunde später heißt es: „Ziehen Sie bitte Ihre Hose wieder an“ und: „Ja, wie’s halt geht.“

Im Wartesaal sitzt man stoisch, ein Ehepaar weiß, wie. Sie hat eine Wasserflasche dabei, Kekse, die aktuelle Tageszeitung. Er wird im 20-minütigen Takt versorgt. Sie reden nicht, alles geschieht ruhig, wie selbstverständlich. Er trägt eine Steppjacke, darunter lugt auf der linken Seite ein Beutel hervor. Das Blut bildet lange, flüssige Fäden. Nach einer Weile schwabt es im Beutel, es wird die Toilette aufgesucht.

Ein Mann, Ende 30, stützt ein Mädchen. Sie hat Puschen an, sie sitzen nicht richtig. Der Mann sagt etwas von Klassenfahrt, Wasserkocher, verbrannt. Nachdem sie sich in die Wartereihe eingegliedert haben, holen beide ihre Smartphones raus, dann hebt er die rechte Hand nach oben, sie stecken die Köpfe zusammen, schauen auf zum Smartphone, formen Münder zu Schnuten.

Es kommen und gehen: verbundene Hand, gebrochenes Bein, ein Bänderriss und verbrannte Füße. Das Ehepaar isst Kekse. Eine Stimme im Radio liest immer wieder die gleichen Nachrichten vor. Die Putzkräfte sind weg. Eine der Arzthelferinnen gähnt. Auf dem Toilettenboden schwimmt das Blut.

Gegen 10 Uhr knallt es. Die Tür. Eine kleine, gedrungene Frau stapft in die Notaufnahme. Sie trägt einen schwarzen Rock, gepunktete Socken und schwarze Ballerinas. Vor sich hält sie einen Weidenkorb. Sie kann kaum über die Theke schauen.

Sie sagt: „Ich hab ne Erkältung, ich brauch Tabletten.“
Die Arzthelferin: „Bei einer Erkältung müssen Sie aber zum Hausarzt oder zum ärztlichen Notdienst.“
„Ich hab einen Termin bei der Kosmetikerin. Ich brauch Tabletten. Und Husten.“ Sie hustet leicht.
Die Arzthelferin will ihre Personalien aufnehmen: „Wo wohnen Sie denn?“
„Ja, da.“
„Wohnen Sie mit jemandem zusammen?“
„Mit Jesus.“

Die Frau will Flyer verteilen. Die Arzthelferin wehrt ab, von den Wartenden hebt keiner den Kopf. Die kleine Frau geht, wie sie gekommen ist: mit einem Knall.

Fünf Minuten später werden das Ehepaar und weitere Menschen durchnummeriert und in die Urologie geschickt. Das Wartezimmer hier ist kalt, hinter der Tür steht ein Reitgestell mit Sattel. „Ist ja auch irgendwie ein Witz“, sagt eine Frau und nickt zusätzlich in Richtung der Fotos, die an den Wänden hängen. Darauf zu sehen: fließende Bäche, gefüllte Flaschen. Eine weitere Frau stößt permanent auf, atmet laut und schwer, ruft entweder Yalla oder Allah oder beides.

Die Zeit vergeht minütlich, denn der Uhrzeiger klackt hier hörbar. Es riecht nach Urin und nicht geputzten Zähnen. Später wird es einen Bruch geben: Markttag in der Innenstadt, Herbstsonne, strahlende Gesichter, und Apotheker, die schwarze Sakkos tragen. Aber soweit ist der Zeiger noch nicht. 11:07 Uhr


>Warten<

Reiten in der Urologie – seltsamer Witz. ©mhu

Reiten in der Urologie – seltsamer Witz. ©mhu

Nichtstun. Eine Kulturanalyse des Ereignislosen und Flüchtigen“ (2012) heißt eine wissenschaftliche Arbeit der Ethnologen Billy Ehn und Orvar Löfgren. Im Kapitel „Warten“ steht einleitend:

„Wenn Menschen […] davon sprechen, wie sie das Warten erleben, dann klagen sie im Allgemeinen über dreierlei: erstens, dass es langweilig ist zu warten; zweitens, dass die Zeit, wenn sie gezwungenermaßen warten müssen, so viel langsamer vergeht als gewöhnlich; und drittens, dass sie das Ge­fühl haben, die Zeit vergeudet – ‚getötet‘ – zu haben.“

Mit der Angst im Nacken, etwas Gesundheitsgefährdendes zu haben, sein Leben aufs Spiel zu setzen, allein, weil man zum Stillstand gezwungen ist, ist meiner Meinung nach die schlimmste Form des Wartens. Man tötet nicht nur die Zeit, man tötet sich selbst. Aber darum geht es auch: Sich im Warten und in sich selbst nicht zu verlieren. Immer auch das Außen wahrnehmen. Selbst im Krankenhaus. Oder vielleicht gerade da.

 

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