MOMUMENT Teil X und XI
Veröffentlicht von am 30.05.2020 18:00 Schreibe einen Kommentar

ZEHN
Ich sah zu, wie sich die Baumreihe links von mir mir auflöste und die beiden Felder, die sie trennte zu einem verschmolzen. Ich sah zu, wie aus dem Maisfeld ein Kornfeld wurde und dann wieder ein Maisfeld. Ich sah, wie die Wallhecke vor mir verschwand, die Windräder verschwanden, monströse Mähdrescher auftauchten und ebenfalls wieder verschwanden, und wie der Bach sich füllte und breiter wurde. Ich spürte, wie die Hitze nachließ und die Luft feuchter wurde. Dann sah ich, wie sich das Feld um 1940 plötzlich wieder teilte. Dort, wo vorher bzw. später eine Baumreihe gestanden hatte, tauchte nun wieder dichtes Feldgeholz auf, dass sich immer weiter in die Länge zog und langsam zur Hecke zurückbildete. Auch vor mir war eine Hecke aus dem Boden gewachsen und das Feld dahinter war zu einer Weide geworden. Und der Bach! Jetzt erst erkannte ich, dass der Bachlauf plötzlich eine Beule hatte, wo vorher keine gewesen war. Es sah aus, als habe ihn jemand zusammen geknüllt und wieder lang gezogen.
Und dann war mit einem mal Schluss. 1907. Weiter ging es nicht. Das einzige, was sich kaum verändert hatte bis hierhin, war der Berenbrocker Busch hinter dem Feld am anderen Ufer.

Ich schob den Roller erst an den Feldrand und dann das letzte Stück am Bach entlang. Nach ungefähr fünf Minuten stand ich am Ufer des Kanals, aber es gab keinen Weg, wie ich erwartet hatte. Der Radwanderweg war ja erst irgendwann in den 90ern gebaut worden. Daran hatte ich nicht gedacht. Ich sah auf die Anzeige an meinem Armband. Ein rotes Ausrufezeichen blinkte hinter der Jahreszahl. „Was bedeutet das?“, dachte ich. „Dass die Rekonstruktion zu dieser Zeit und an dieser Stelle nicht verlässlich realitätsgetreu sind. Um zu sehen, welche Ausschnitte anhand authentischer Bildquellen rekonstruiert und welche ergänzt wurden, wähle die Quellenansicht.“
„Ok, wie mach ich das?“
„Ich mach das für dich.“

Vor mir erschienen mehrere Rahmen aus grünem Licht, die jeweils markierten, welcher Ausschnitt der Simulation auf einer Fotografie oder einem Landschaftsgemälde basierten. Am Kanal entlang gab es einige dieser Ausschnitte. Als ich mich jedoch umdrehte, sah ich nur ein paar sehr kleine orangene Rahmen über dem Feld schweben. „Was bedeutet das Orange?“, dachte ich.
„Die orange umrahmten Ausschnitte wurden anhand des unscharfen Hintergrunds auf Bildern vom anderen Ufer rekonstruiert.“

Ich betrachtete die Landschaft hinter mir. Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass sie nicht echt war. Direkt neben mir stand eine junge Weide, etwas weiter links genau dieselbe. Und auch im Rasen am Ufer waren sich wiederholende Muster zu erkennen. Er war aus immer demselben Bodenausschnitt zusammengesetzt worden. Derselbe Klee, dieselbe Butterblume, derselbe Zigarettenstummel alle 1,5 Meter. Ich lachte.

Ein Stück schob ich den Roller noch am Kanal entlang. Diese Vergangenheit in denselben Farben zu sehen wie die Gegenwart, war auf eine Weise faszinierend, gleichzeitig aber auch enttäuschend, weil entmystifizierend – ententfremdend. Ich hatte sie mir immer in schwarz-weiß vorgestellt, ein Reflex, der sich nicht abstellen ließ und ein Beweis dafür, wie sehr schon die Erfindung der Fotografie unsere Vorstellung von Zeit, von Realität beeinflusst hatte, und damit ein nie mehr auszulöschender Teil unseres Menschseins geworden war, unserer „Natur“, wie man früher sagte.

Als es mir zu anstrengend wurde, hielt ich an, tippte auf die Jahreszahl und gab direkt „2000“ ein. Für einige Sekunden wurde es weiß um mich herum. Dann sah ich wieder den Kanal vor mir, allerdings immer noch keinen richtigen Radweg – mehr sowas wie ein Schotterweg. Und endlich fiel mir ein, dass ich nicht am eigentlichen Kanal, sondern vor der Alten Fahrt stand.

Als Kind war ich nur selten an diesem alten Arm des Kanals entlanggefahren. Wir hatten uns an den Weg gehalten, der vom Bach aus die Umgehung entlangführte, aber die war erst in den 1930ern gebaut worden, weshalb ich vom Feld aus natürlich direkt bis zum ursprünglichen Kanal gelaufen war. Ein kleines Stück rollte ich den holprigen Weg entlang, bog dann links ab und landete endlich auf der Dortmund-Ems-Route. Nun kam mir auch alles etwas vertrauter vor.

ELF

Ich fuhr unter der ersten Brücke hindurch, ein paar Gänse liefen schnatternd über den Weg, unter der zweiten Brücke hindurch, ein Kahn lag am anderen Ufer, unter der dritten Brücke hindurch. Weiter als bis zu dieser „dritten Brücke“ hatten wir als Kinder nicht fahren dürfen, warum auch immer. Vielleicht war Tante Mia selbst nie weitergefahren und die Vorstellung, dass wir uns an einem Ort aufhielten, den sie nicht kannte, machte ihr Angst.

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