A45 Spaziergang
Veröffentlicht von am 25.04.2020 15:40 3 Kommentare

THE READER IS PRESENT

An das merkwürdige Klackern, wenn die Autos über die einzelnen Segmente der Autobahnbrücke rollen, kann ich mich auch noch gut erinnern. Nur habe ich sie in einem anderen Haus, an einem anderen Ort gehört, diese Autos, die unablässig über die A45 brausten, doch vielleicht waren es genau die Wagen, die auch die Ana Regeniter hörte, nur an einer anderen Stelle, aber in derselben Zeit, und nun sind wir beide eingeschlossen, an fernen Orten, die zu Europa hörten oder noch gehören, sie in Manchester, ich in Paris, und erinnern uns an Südwestfalen.

Spaziergang von Ana Regeniter

„Schon seit 15 Jahren lebe ich in Manchester in Nordengland, aber meine Vorfahren kamen alle aus dem Sauerland, aus Arnsberg und der Gegend um Rüthen herum. Vor einigen Jahren stellten wir einen Familienstammbaum auf. Während wir bei der Familie meines Vaters nach wenigen Generationen nicht weiter kamen, konnten wir die Vorfahren meiner Mutter bis ins 16. Jahrhundert verfolgen. Sie waren nicht viel herumgekommen – bis auf wenige Ausnahmen hatten sie in der unmittelbaren Umgebung von Rüthen gelebt. Wenn ab und zu der Name eines Ortes auftauchte, den ich nicht gekannt hatte, Kellinghausen zum Beispiel oder Eickhoff, dann hatte sich jedes Mal schnell herausgestellt, dass es sich um eine Siedlung nur wenige Kilometer von Rüthen gehandelt hatte. „Ein Westfale lässt sich nicht gern verpflanzen“, hatte meine Großtante früher öfters gesagt. Gestern begegnete ich aber hier in Manchester genau so einem Westfalen, der vor zweihundert Jahren in einem Haus in der Hagener Innenstadt geboren worden und dann mehr oder weniger zufällig in Manchester gelandet war.

Ähnlich wie in Deutschland dürfen wir in England während der jetzigen Ausgangssperre jeden Tag einen kurzen Spaziergang machen. Die Regeln lassen ziemlich viel Freiraum für Interpretation – man soll eigentlich nur aus dem Haus, wenn es wirklich nicht anders möglich ist, darf aber für Spaziergänge mit dem Auto anfahren, solange der Spaziergang deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt als die Anfahrt. Man darf sich sogar zum Ausruhen auf eine Bank setzen, aber nur, wenn man vorher schon länger gelaufen ist – ein kurzer Spaziergang speziell zu einer Bank ist hingegen streng verboten.

In den letzten vier Wochen haben wir uns fast ohne Ausnahme an diese Regeln gehalten und waren nur im Vernon Park um die Ecke von uns unterwegs. Manchmal gehen wir im Uhrzeigersinn über das Parkgelände, machmal gegen den Uhrzeigersinn.  Manchmal laufen wir auf dem Pfad unter den alten Buchen, die gerade ausgeschlagen sind und in einem wunderschönen Grünton leuchten, manchmal laufen wir auf dem Wiesenweg, um möglichst viel Sonne zu tanken. Ich kann mich an keinen Frühling in Nordengland erinnern, in der der Himmel so oft so sattblau strahlte wie in diesem.

Gestern habe ich die Regeln zum ersten Mal gebrochen und habe mich auf eine Fahrt aufgemacht, die nicht wirklich nötig war. Ich hatte eine schreckliche Sehnsucht nach Weite – nach der Freiheit, einfach ins Auto zu steigen und irgendwo hin zu fahren, nach Meer, nach etwas Neuem. Bis zur Küste sind es von Manchester aus immerhin noch 80 Kilomter, also fuhr ich stattdessen zu den Salford Quays, dem alten Binnenhafen der Stadt, von dem aus man das Meer schon ein bisschen ahnen kann. An dem weiten Hafenbecken wehte eine starke Brise und über mir kreisten Lachmöwen, deren Geschrei die unglaubliche Stille zerbrach, die sich in den letzten Wochen über das Land gelegt hat. Kein Flugzeuglärm, kaum Autolärm mehr, und selbst das Gezänk der Betrunkenen am Freitagabend blieb nun aus.

Ich lief entlang des Wassers, immer weiter und weiter, vorbei an dem glänzenden Glasgebäude der BBC und dem scherbenförmigen Bau des Imperial War Museums. Kaum jemand war unterwegs, und mich überkam das gleiche Gefühl von Leere, dass mich als Kind in Deutschland immer an Sonntagnachmittagen überkommen hatte, wenn die Zeit stehengeblieben und sich beim Blick aus dem Fenster nichts zu bewegen schien. Bald ließ ich die die teuren Luxuswohnungen der Salford Quays hinter und mir und erreichte einen Teil der Stadt, an dem die Gentrifizierung gänzlich vorbeigegangen war. In den Vorgärten der kleinen Reihenhäuser lagen leere Bierdosen, der rote Putz schälte sich ab wie die Haut nach einem Sonnebrand. Mein Ziel meines heutigen Spaziergangs war der Weaste Cemetery, ein Friedhof, der früher zur Zeit Königin Victorias für die reichen Industriellen angelegt worden war. Am Eingang warf ich einen Blick auf das Notizbrett, das an einem knorrigen Ahorn befestigt war. Beerdigung für eine Leiche über 18 Jahren £ 970, Leichen von 16 bis 17 Jahren £ 250, unter 17 Jahren kostenlos. £ 260 extra für Beerdigungen an Wochenenden und Feiertagen. Nicht weit von hier im Industriegebiet Trafford Park war letzte Woche eine Lagerhalle in eine Leichenhalle umgebaut worden, weil die vielen Opfer des Coronavirus nicht mehr schnell genug beerdigt werden können.

Es dauerte eine Weile, bis ich Karl Halles Grabstein fand. Auf einer von Flechten grünlich gefärbten Säule war eine Büste gemeißelt, die einen vornehmen, ernsten Mann im gehobenen Alter zeigte. Neben seinem Geburts- und Sterbejahr erfuhr man nichts Weiteres über den Mann, der als Karl Halle in Hagen geboren worden und 76 Jahre später als Sir Charles Hallé in Manchester gestorben war. Karl Halle ist heute in Deutschland so gut wie vergessen. In seiner Heimatstadt Hagen steht auf dem Johannisplatz eine Statue von ihm, aber anders als in Manchester, wo das heimische Orchester und einige Straßen und Plätze nach ihm benannt sind, kennt ihn kaum noch jemand. In der Stadtbibliothek von Manchester hatte ich vor kurzem eine Biografie über ihn ausgeliehen.  Ich hatte gelesen, wie er am Johanniskirchplatz aufgewachsen war, gleich neben der Kirche, in der sein Vater als Organist tätig war, und schon mit drei Jahren Klavierunterricht bekommen hatte; wie er sich als Achtjähriger eine schwere Augenkrankheit eingefangen hatte, wegen der er wochenlang nicht sein verdunkeltes Zimmer verlassen durfte, in dem aber zum Glück ein Klavier stand, auf dem er um der Leere und der Langeweile Einhalt zu gebieten Stunde um Stunde übte.

Ich las, wie er mit 17 Jahren nach Paris gezogen war und dort bald erste Erfolge als Musiker verbuchte und mit Komponisten wie Frédéric Chopin und Franz Liszt zusammenarbeitete, aber zehn Jahre später wegen der Französischen Revolution nach England fliehen musste, erst nach London und dann nach Manchester, wo er sich schließlich niederließ und zu einem der einflussreichsten Musiker im England des 19. Jahrhunderts werden sollte. 1858 gründete er das Hallé-Orchester, das noch heute als eines der besten Ensembles Großbritanniens gilt, wurde von Königin Victoria zu ihrem geliebten Osborne House auf der Isle of Wight eingeladen und später wegen seiner Verdienste um das englische Musikleben sogar zum Ritter geschlagen wurde. Hatte Halle sich in Manchester wirklich zu Hause gefühlt oder hatte er sich oft nach seinem heimischen Westfalen gesehnt? Elf Jahre vor seinem Tod machte sich Karl Halle ein letztes Mal auf eine Heimreise nach Deutschland auf und besuchte seine Heimatstadt Hagen.  Am 22. Juli 1884 schrieb Halle von Hagen aus an eine seiner Töchter:

„Ich bin noch immer hier. Nachdem mein Gepäck gestern Abend schon zum Bahnhof gebracht worden war, fühlte ich mich, als ob ich mich nicht losreißen könne, und sandte B., um meinen Koffer wiederzuholen. Ich werde nie jemandem auch nur einen Hauch davon vermitteln können, wie ich mich hier fühle, von dieser riesigen Sehnsucht nach der Vergangenheit und all den lieben Gesichtern, die alle entschlafen sind… Ich denke wirklich manchmal, dass ich glücklich wäre, wenn ich wieder richtig hier leben könnte, also kannst du dir vielleicht vorstellen, dass es mir schwerfällt, zu gehen.“

Seine Mutter war in diesem Sommer in Hagen verstorben, und Halle hatte von nun an keinen Grund mehr, Westfalen zu besuchen. Noch ein einziges Mal reiste er noch zu seiner Schwester, die später zu ihm nach Manchester zog. Dann sah er seine Heimat nie wieder.

Ich stand lange an seinem Grab und dachte über das Heimweh nach und sagte die Namen der Orte, die ich seit der früsten Kindheit immer wieder gehört hatte, auf wie eine Litanei – Meschede, Anröchte, Erwitte, Affeln. Schwerte, Holzwickede, Meiste, Brilon. Ich wohne schon so lange in England, dass Deutschland mir in vieler Hinsicht fremd geworden ist. Als mein Vater, der das Sauerland über alles geliebt hatte, vor zwei Jahren verstarb, habe ich mich auf eine Wanderung von der Ruhrquelle entlang der Ruhr zurück in meine Heimatstadt Schwerte aufgemacht. Es war die letzte Oktoberwoche und ich wollte an Allerseelen zur Grabsegnung sein Grab erreichen. Es war merkwürdig, durch Orte zu laufen, die meinen Eltern und Großeltern so viel bedeutet hatten, die mir selber aber fremd waren. In Arnsberg machte ich in der Propsteikirche Halt, in der schon meine Urgroßmutter Johanna getauft worden war, saß neben eben dem Taufstein, in den sie als kleines Kind getaucht worden war, und lief den steilen Weg zur Burgruine hoch, den sie und ihre Eltern vor ihr sicherlich etliche Male erklommen hatten. Aber wirklich zu Hause hatte ich mich dort nicht gefühlt, genauso wenig, wie es sich wie ein Nach-Hause-Kommen angefühlt hatte, als ich nach einer Woche das Haus in Schwerte, in dem ich aufgewachsen war, erreichte. Erst nachts – da hatte ich in meinem alten Kinderzimmer gelegen und zugehört, wie die Autos auf der nahen Autobahn am Westhofener Kreuz über die Ruhrbrücke donnerten, und es war das Geräusch gewesen, das für mich Heimat bedeutete  – das merkwürdige Klacken, wenn die Autos über die einzelnen Segmente der Brücke rollten, ein Geräusch, das schwer zu beschreiben war und mich sofort in meine Kindheit zurückversetzte.

Und so stand ich hier auf diesem Friedhof in Manchester, hörte zu wie die Amseln an diesem Aprilmorgen trotz allem so tröstend sangen, aber in meinem Kopf hörte ich nichts als das merkwürdige Geräusch der A45, das man so nur nachts im Ruhrtal in Schwerte hören kann, wenn alle anderen Geräusche verstummt sind, und ich bekam großes Heimweh. Und so stand ich noch eine Weile an Karl Halles Grab und sehnte mich wie er nach Westfalen, nickte noch einmal seiner Büste zu, und machte mich dann auf den Rückweg.“

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