April in Zülpich (II)
Veröffentlicht von am 07.06.2020 9:00 Schreibe einen Kommentar

Mit dem Stadtplan von Paris versuche ich mich in Zülpich zu orientieren. Crossmapping nennt sich das. Ein Tipp von Felicitas. „Wenn du lieber etwas anderes finden willst, als du eigentlich suchst.“ Um die Métro-Station namens Tolbiac hat Felicitas einen Kringel gemacht. Tolbiac sei der französische Name für Zülpich, hat sie erklärt. „Vom lateinischen Tolbiacum.“

Ich folge der Promenade, die um die Stadtmauer führt. Dahinter liegt diese Geschichte. Ich gehe erstmal außen herum. Spatzen zirpen. Pusteblumen werden verweht. Eine Hummel fliegt in Zeitlupe vor meinen Augen vorbei, von links nach rechts kreuzend wie Maja und Willi Ende der 70er Jahre. Vor der Zeit geschützt scheint dieser Ort.

Ein kleines Mädchen wirft seinen pinken Roller ins Gras. Mit seinem Marienkäferhelm fügt es sich ganz selbstverständlich in die Landschaft unter den hohen, grünenden Bäumen ein. Hinterher kommt der Vater mit der noch etwas jüngeren Schwester an der Hand. „Was steht da?“ Die Tochter mit dem Marienkäferhelm heißt Amalia. Sie zeigt auf eine Tafel mit einem Vers. Er hängt unter einem Kreuz an einem Turm der Stadtmauer. Zwei Treppen, beide von einer Schranke bewacht, führen von den Seiten hinauf zu der Inschrift. Der Vater liest vor: „Zülpichs wehrhafte Mauern künden die Namen der – “ Dann bricht er ab, nuschelt es nur noch zu Ende, weil seine Töchter bereits die Stufen zu dem Denkmal erklimmen, das sich „Ehrenmal“ nennt. Ich lese zu Ende: Zülpichs wehrhafte Mauern künden die Namen der Helden, die / Ein lebender Wall / Fielen für Heimat und Volk. „Die Neugestaltung des Ehrenmals freundlich unterstützt“ haben das Jagdbombergeschwader 31, die Luftwaffeninstandhaltungsgruppe 23, ein Oberst a.D. und einige lokale Firmen. Für Heimat und Volk. Die Art und Weise des Gedenkens scheinen sie nicht neu gestaltet zu haben.

Drei junge Männer in schwarzen T-Shirts setzen sich auf eine Bank vor der Mauer mit dem Wehrturm, um zu rauchen. Auf einem der T-Shirts steht Star Wars. Wäre mir das an einem anderen Ort aufgefallen? Es ist normal. Ich bin damit aufgewachsen. Mit Star Wars, dem Film. Und mit Star Wars von Ronald Reagan. Mein Vater kam aus einem Ort mit solchen Wehrtürmen und Stadttoren aus Backstein nach Deutschland. Ende der 70er Jahre war das. Er ist nicht wie Biene Maja geflogen, er war bei der Luftwaffe. Militärtraditionen fühlen sich fremd an, merkwürdig – und zugleich ist das Teil von mir, von zuhause. Es gehört dazu. Wie das Unbehagen.

Auf dem Smartphone suche ich nach einer Bibliothek, um dort vielleicht mehr über die Zülpicher Stadtgeschichte herauszufinden. Die nächste steht angeblich elf Kilometer entfernt in Euskirchen. Ich gehe in die Geschichte hinein, durch das Tor. Das erste, was ich sehe, ist die Spielhalle Mega Fun. Per Aushang sucht sie Service-Personal. Aber Spielsucht ist gerade nur online möglich, deshalb kommt dieser Job nicht infrage. Auch wenn man, das weiß ich aus Erfahrung, dort viel über eine Stadt lernen kann. Auch über Soldaten. Und über sich selbst. Ich betrachte mein Spiegelbild im Fenster von Mega Fun. Wie ich mit dem Hintergrund, den Bäumen, dem Backstein verschwimme. In der Hosentasche habe ich Felicitas Karte, den Stadtplan von Paris. Ich könnte es damit probieren. Etwas anderes finden.

Ich falte die Karte auf. Hier ganz in der Nähe liegt, will sie mir sagen, die Bibliothèque Nationale. Einfach zwischen den Türmen hindurch, so wie eben und dann kommst du auf einen großen Platz. Ich gehe in dieser Richtung eine schmale Straße entlang, mit Ladenlokalen zu beiden Seiten. Rechts ein Zweiradhandel mit Kindermotorrad im Eingang, eine Apotheke. Links eine Eisdiele, wo die Apothekengehilfin gerade die einzige Kundin ist. Ein Stück weiter eine Zoohandlung ohne Tiere. „Heute wegen gestern geschlossen“, sagt ein Aufkleber am Schaufenster. Auf einem anderen mit dem Slogan „Wir helfen Tieren in Not“ hat die Sonne den abgebildeten Hund aufgefressen. Im Versicherungsladen lackiert sich die Kauffrau die Nägel. Kunden sind keine in Sicht. Ich bleibe kurz stehen, überlege, wogegen ich mich versichern lassen könnte, aber ich traue mich nicht hinein. Ein römischer Legionär bewacht hier den Eingang. Er ist aus Pappe und hält eine Pappe hoch. Was darauf mal stand war womöglich Latein. Heute hat er mir nichts zu verkünden.

Ich komme zum schönen Papiermacherbrunnen. Hier hat die Buchhandlung wieder geöffnet. Ist das hier der Platz auf meiner Karte? Der Ort der Bücher? Die Papiermacher schöpfen aus einem Bottich, der überläuft. Leise plätschert das Wasser an ihren Füßen vorbei. Dann blinkt es wie Kirmes. Es ist Amalias Roller, der über das Pflaster rattert. Seine Räder leuchten beim Fahren. Amalia lehnt ihn gegen das Schaufenster der Buchhandlung. Neben ihr drückt sich ihre Schwester die Nase platt. Sie hat drinnen etwas entdeckt, dass sie unbedingt haben will. Der Vater schüttelt den Kopf. Er bugsiert die beiden am Brunnen vorbei. „Ihr wolltet doch eben noch ein Eis.“

Als sie weg sind, schaue ich nach, was so interessant war in dem Schaufenster. Neben den Kinderbüchern liegt Spielzeug. Am meisten interessiert mich ein „bunter Plopper“. Er ist pink wie Amalias Roller. Eigentlich springt er hoch, wenn man ihn umstülpt und auf den Boden stellt. Aber man kann ihn auch an etwas befestigen, wenn man ihn anders herum dreht. Ganz fest mit Unterdruck würde der Plopper dann auf einer glatten Oberfläche haften und wie ein Pickel aussehen. Zum Beispiel auf dem Schild mit der Ehre, außen an der Stadtmauer. Ich gehe hinein zu dem Plopper. Und kaufe mir bloß einen Textmarker.

Draußen am Brunnen falte ich die Karte noch einmal auf und suche die Métro-Station Tolbiac. Sie muss ein Stück weiter nach rechts sein. Dort hinter der Pizzeria Pinocchio. Die residiert in einem gotischen Rathaus mit einer Laube über dem Eingang. Wenn ich dem Stadtplan vertraue, ist das die Place d’Italie. Hier essen zu gehen, bedeutet, so lange zu lügen, bis deine Nase 1,50 misst.

Ich komme auf einen anderen Platz. Kein Bibliotheksturm steht hier, aber die Miniatur, ein Bücherschrank von RWE in verrosteter Optik. Käsmarkt steht auf einem Straßenschild. Ist es hier? Ist dieses Loch im Boden des Platzes die Métro-Station? Ausgrabungen, sagt mir eine Info-Stele. Vielleicht verlief sie früher über den Käsmarkt, die römische Straße. Von Tolbiacum nach Lutetia, als Untergrundlinie mit Pferden geplant, Stationen Käsmarkt, Place d’Italie, über Porte de la Villette bis La Courneuve 8 Mai 1945.

Im Bücherschrank stehen:

  • Die letzten Tage von Pompeji
  • Der Tod in Venedig (2x)
  • Mann im Dunkel
  • Von Mäusen und Menschen
  • Das Parfüm (3x)
  • Semester der verlorenen Zeit
  • April in Paris

Der Schrank ist von einem breiten Tesastreifen wie von einem Gürtel umschlungen. Aktuell sei die Buchausgabe untersagt, steht auf einem Verbotsschild. Niemand kann von Paris lesen in Zülpich, niemand vom Tod in Venedig, von diesem verlorenen Semester. Nicht in einem alten Buch jedenfalls.
Ein Bettler, ich nenne ihn Clochard, läuft auf dem Platz hin und her wie ein Flipperball. Fragt erst da nach Kleingeld, dann dort, dann hier. Der alte Mann, der auf der Türschwelle seines Hauses steht, winkt bereits von weitem ab. Die Freundinnen auf der Bank schütteln auch schon die Köpfe. Das Betteln auf Abstand ist schwer. Und Flaschen stehen jetzt selten auf Plätzen herum. Ich stelle mir vor, die Bundesregierung verkündet ihre Fördermaßnahme für die Obdachlosen – ein neues Pfand für Masken und die Stadt Zülpich, mit freundlicher Unterstützung der lokalen Firmen, baut ein Denkmal an der Stadtmauer für die Obdachlosen, die sie gesammelt haben.

Mich übersieht der Clochard, denn ich stehe hinter den Büchern. Durch die Glastür des Schrankes sehe ich ihn an. Zwei Glastüren eigentlich, denn von beiden Seiten kann man die Bücher entnehmen. Wenn kein Klebeband es verhindert. Dann kommt der Clochard auf mich zu. Gegenüber stützt er sich mit der linken Hand an der rostigen Hülle ab. Mit der rechten reißt er das Tesa herunter. Seine Augen sind hell wie Laternen. Sie durchsuchen die Reihen, die Titel. Zwischen den Büchern her sehen sie mich an. Lächeln ein mildes Lächeln. Dann nimmt der Clochard ein Buch heraus, schlägt es auf und beginnt, über den Platz zu flanieren, laut daraus rezitierend. Wörter, die klingen wie Medikamente. Es ist ein Wörterbuch Lateinisch – Deutsch.

Ich nehme mir auch ein Buch aus dem Schrank und hole den Textmarker aus der Tasche.

 

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