Arbeit, Essen, Liebe
Veröffentlicht von am 01.08.2020 10:40 Schreibe einen Kommentar

Was vielleicht sicher ist, und war und auch wohl morgen noch sein wird, ist, dass wir sehr an einer Normalität hängen, sie brauchen, wie wir den Sauerstoff brauchen, Nahrung und Liebe. Und wie sehr uns diese Normalität und vor allem wie schnell sie uns fehlt, dass haben wir in Corona gelernt. Nun ist sie doch zurück, nach dieser so außergewöhnlich schwierigen Zeit hat sich ein Alltag in Form von wechselnden Vorschriften, Masken, Lockdowns eingeschlichen. Aber über diesen Moment der Ausnahme hinaus, ist doch auch das Stipendium vorbeigegangen, zum Teil fast schon geschlichen, als wollte es nicht sichtbar sein, und dann, als die Normalität im neuen Kleid ihren Einzug nahm, richtig davon gelaufen. Über die Aktion the reader is present sind Leser im Blog Südwestfalens sichtbar geworden. Daraus hat sich viel mehr ergeben. Gespräche und Projekte und vor allem dieser Text von Lene B.:

Bis vor fünf Minuten habe ich mich noch an dem Teig für mein drittes Reibekuchenbrot in Folge abgearbeitet, das nun in der Rührschüssel ruht und hoffentlich bald geht. Ob ich den Reibekuchen diesmal richtig hinbekomme? Meine ersten beiden Backversuche vor ein paar Tagen sind zwar nicht total gescheitert, das Ergebnis reicht aber an den Reibekuchen meiner Mutter noch lange nicht heran. „Schmeckt gut, aber anders als der von Oma“ – so lautete das kenner- und irgendwie auch gönnerhafte Urteil meiner Jüngsten, die den Reibekuchen vorkosten musste. Mir ist schon klar, was sie mir mit diesem Urteil sagen wollte. Obwohl ich mich ziemlich genau an das Rezept meiner Mutter gehalten habe, nicht ganz, aber ziemlich – ziemlich kann aber die ausschlaggebende Nuance sein. Meine Mutter backt unserer Auffassung nach den weltbesten „Sejerlänner Riewekooche“, obwohl sie „nur“ gelernte Siegerländerin ist. Mit 19 Jahren verließ sie aus Liebe zu meinem Vater ihre Heimatstadt Völklingen im Saarland, um sich im Siegerland eine neue Heimat einzurichten. Mit ihrer Aussteuer brachte sie auch  die berühmte von vielen Einflüssen bestimmte und sehr offene Saarländer Küche mit ins Siegerland. Eines ihrer Heiligtümer ist bis heute ein Saarländer Kochbuch, das sie zur standesamtlichen Trauung in Völkingen vom Standesbeamten überreicht bekam. Ich vermute insgeheim, dass ein Plan hinter dieser heute reaktionär anmutenden Geste steckte: speziell Auswanderinnen wurden mit diesem Geschenk ausgestattet, auf dass sich die Saarländer Küche in der ganzen Welt verbreite. „Wirf das Kochbuch niemals weg“, gemahnte mich meine Mutter bereits des Öfteren, „und bewahre es für deine Töchter auf“. Ja, es steckt definitiv ein geheimer Plan dahinter, in den alle „echten“ Saarländer (die es so auch nicht gibt) eingeweiht sind.

Die richtige Siegerländer Küche musste sich meine Mutter als frisch gebackene Ehefrau allerdings selbst beibringen. Zwar lebten meine Eltern nach ihrer Hochzeit einige Zeit in dem gemeinsamen Haushalt meiner Großeltern in Siegen, da aber meine Siegener Großmutter eine eher bescheidene Köchin abgab, konnte meine Mutter von ihr wirklich nichts dazulernen. Gewiss ist das auch der Grund dafür, dass mir „Pälzer Grumbeersupp´“, eine schön dicke, kräftige sämige Kartoffelsuppe, die eigentlich zusammen mit Zwetschgenkuchen gegessen wird, oder die Saarländer „Zwiwwelsupp´“ mit reichlich Weißwein, Knoblauch und Gewürzen und insbesondere das Saarländische Nationalgericht „Dippelappes“, ein sehr variables Kartoffelgericht das je nach Zutaten zwischen deftig und pikant variieren kann (wenn auch alles in der vegetarischen Variante, die Saarländer mögen mir verzeihen) leichter von der Hand gehen als eben die Siegerländer Spezialitäten, also wie z. B. der Reibekuchen.

Ebenso wie Pflanzen und Tiere ist Essen eine Art Kulturfolger: wenn Menschen auswandern, dann nehmen sie ihre Essensgewohnheiten mit, pflegen sie an anderen Orten weiter, vermischen sie mit der Essenskultur, die sie vor Ort vorfinden. Auf diese Weise entsteht etwas Neues. Die meisten, wenn nicht fast alle Familiengeschichten handeln vom Weggehen und Ankommen, vom Entwurzeln und neuem Verwurzeln und darum, warum Menschen ihre Heimat verlassen und ihr Glück woanders versuchen. Wenn nicht gerade Krieg und Gewalt im Spiel ist, so gibt es zwei übergeordnete Gründe: Arbeit und Liebe. Liebe geht bekanntlich durch den Magen und über den Zusammenhang von Essen und Arbeit besagt eine uralte Saarländer Weisheit: „Haupsach´gudd gess – geschafft hann mir schnell“.

Meine Siegerländer Sippen bevölkert tatsächlich seit 300 Jahren die Gegend. Das familiäre Gedächtnis setzt allerdings erst bei meinen Urgroßeltern ein, einer streng protestantischen kinderreichen Siegerländer Bergmannsfamilie, in der Arbeit und Anstand augenscheinlich die höchste moralische Instanz darstellte. Mein Vater kannte seine Großeltern nur noch von Bildern und aus Erzählungen, sie haben sich um ein bzw. zwei Jahre verfehlt. Auch mein Großvater, mein „Opa Albert“, ist zumindest aus meiner Sicht viel zu früh verstorben, denn die, die man liebt, gehen immer zu früh. Dabei war er zu dem Zeitpunkt seines Todes bereits 77 Jahre alt. Jahrgang 1899 – für mich wirkt dieses Datum irreal, wie aus der Zeit gefallen, eine Ewigkeit zurück. Diese 77 Jahre Lebensspanne zwischen Deutschem Kaiserreich und Deutschem Herbst umfasst eine Ära, die den Geschichtsunterricht zweier Jahrgänge füllt. Er starb, als ich fünf Jahre alt war und eigentlich kann ich mich nur noch an einzelne wackelige Bilder und an verwaschene Sequenzen im Kopf erinnern, aber die Gefühle sind sehr klar. Ich sehe in meiner Erinnerung einen nicht sehr großen, zierlichen, aber drahtigen Herrn, von dem man nicht glauben mochte, dass er einst einen Schmiedehammer hat schwingen können. Allerdings habe ich mir von jemanden sagen lassen, der es wissen musste, dass es nicht auf die Kraft, sondern auf die Technik ankam. Ob Kraft oder Technik, viel war nicht mehr übrig von meinem kranken Großvater, der ständig an einer Sauerstoffflasche hing, die mir damals so riesig erschien wie ich klein war. Manchmal hat mein Vater mich mitgenommen, wenn er Großvater eine neue Flasche medizinischen Sauerstoffs besorgen musste – der Beschaffungsrhythmus wurde schnell im kürzer. Heute weiß ich, dass mein Großvater an COPD litt, einer chronischen Atemwegserkrankung, die einem langsam aber sicher die Luft wegnimmt. Als Kind habe ich natürlich schon gesehen, wie krank mein Großvater war, ich habe aber auch gespürt, wie er alle seine Kraft aufwendete, um Contenance zu wahren. Vor allem, wenn seine kleine Enkelin den Raum betrat – dann straffte sich der ausgezehrte Körper und er lächelte – ein aufrichtiges, kein gequältes Lächeln. Die mit dem Schweißen verbundenen Dämpfe und der hohe Zigarrenkonsum mögen eine der Ursachen für die Erkrankung gewesen sein. Für meinen Vater steht jedoch fest, dass es meinem Großvater aus Enttäuschung den Atem verschlagen habe, als er aus dem Haus ausziehen musste, in dem er eigentlich seinen Lebensabend verbringen wollte.

Meine Großeltern wohnten in einem Haus mitten auf dem Betriebsgelände einer alteingesessenen Weidenauer Firma, bei der mein Großvater fast sein ganzes Arbeitsleben verbracht hatte. Sein Arbeitsleben begann mit 12 Jahren wie damals üblich früh. Als Schmiedehelfer verdiente er zunächst was zum Familieneinkommen dazu, um dann mit 14 Jahren seine Ausbildung zum Schmiedeschweißer zu beginnen. Später machte mein Großvater dann noch seinen Meister obendrauf. Zu welchem Zeitpunkt er genau zu dem besagten Unternehmen wechselte, weiß auch mein Vater nicht mehr. Da meine Großeltern zunächst in einer Doppelhaushälfte direkt neben der Fabrikantenvilla und nach 1945 in einer schönen, verschieferten Fachwerkvilla mit Garten, die direkt auf dem Betriebsgelände der Firma stand, wohnten, versteht sich der enge Kontakt zu der Unternehmerfamilie und zum Betrieb von selbst. Von meiner Warte aus auf diese Epoche blickend, sehe meinen Großvater eher als „Leibeigenen“, dem zwar auf der einen Seite großes Vertrauen entgegengebracht wurde und der durch seine technischen „Tüfftler-“Talente, seinem Verhandlungsgeschick und Ideenreichtum ein hohes Ansehen genoss und sich unabkömmlich machte, der aber auf der anderen Seite immer für seinen Arbeitgeber sprungbereit war. Meine Großmutter beschwerte sich oft, dass er ständig für die Firma sprungbereit sei. Selbst das Telefon, das meine Großeltern besaßen, war nicht mit der Außenwelt, sondern lediglich mit der Firma verbunden. Solange meine Eltern noch dort wohnten, musste meine Mutter jedes Mal mit der Tasche voller Münzen den öffentlichen Fernsprecher aufsuchen, wenn sie mit ihren Eltern telefonieren wollte.

Der damalige Firmenchef hatte meinen Großeltern das Versprechen gegeben, dass sie zeitlebens in dem Haus wohnen bleiben könnten. Ein Handschlaggeschäft, an das sich die Nachfolger nicht mehr halten konnten. Das Haus musste abgerissen werden, damit die Produktionshallen vergrößert werden konnten. Aus wirtschaftlicher und unternehmerischer Sicht eine nachvollziehbare Entscheidung, aus menschlicher Sicht eine wenig wertschätzende Haltung gegenüber einem Menschen, der sich immer mehr als Loyal gegenüber seinem Arbeitgeber gezeigt hat. Warum aber mein Großvater an diesem Haus gehangen hat, kann ich, die schon so oft umgezogen ist, nur vermuten: Vielleicht symbolisierte das Haus eine Art Selbstvergewisserung, Geborgenheit und Sicherheit, vielleicht konnte er sich auch nicht von der Firma lösen, die so zu seinem Zuhause, seiner Wurzel dazugehörte. Meine Eltern waren bereits in ihre eigenen vier Wände umgesiedelt, endlich, denn meine Mutter hatte es im Haushalt ihrer Schwiegermutter alles andere als leicht gehabt. Im Jahr meiner Geburt mussten oder konnten meine Großeltern in eine Genossenschaftswohnung in einem für sie ganz neuen Viertel in unmittelbarer Nähe meiner Eltern umziehen. Die Wege waren damit sehr kurz, so dass sich mein Großvater um mich kümmern und meine Mutter entlasten konnte und umgekehrt unterstützen meine Eltern meine Großmutter bei der Pflege als die Krankheit meines Großvaters schlimmer wurde. Mein Vater hat übrigens jahrzehntelang in demselben Unternehmen gearbeitet, bis er mit fünfzig Jahren den Absprung schaffte. Tradition bedeutet halt nicht, unflektiert Gewohnheiten zu übernehmen, sondern diese zu überdenken, anzupassen, sie anders zu gestalten und wenn notwendig über Bord zu werfen.

 

In der Zwischenzeit ist der Reibekuchen fertig gebacken, das Urteil meiner Liebsten über Konsistenz und Geschmack fällt positiv aus – bis auf die zu hart gewordene Kruste. Ich bin auf einem guten Wege. Trotzdem hätte ich besser meine Mutter angerufen, um mir ihren fachfraulichen Rat einzuholen. Der noch nicht ganz so perfekte Riewekoche wird dann gleich auf unserer Terrasse in Lüdenscheid zu der nahezu rundum gelungenen Zwiwwelsupp gereicht. Passt schon.

 

Text und Bild sind von Lene B.

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