Der havarierte Hörer sucht sich seine Insel
Veröffentlicht von am 30.10.2015 14:48

Stockhausen. Wer ist Stockhausen? Während eines Gesprächs fliegt mir ständig der Name Stockhausen um die Ohren. Ich entscheide mich, erst mal auf Münchhausen zu machen: „Mhm, ja, Stockhausen. Genau. Ja. Denke ich auch“, entfährt es mir. Es geht um ein Konzert. Nein, eine ganze Konzertreihe. Um den genialsten Komponisten: „Ohne ihn kein Kraftwerk, ohne ihn keine elektronische Musik und Techno ohne Stockhausen – niemals“, heißt es von der anderen Seite des Tischs. Oh je, viele Superlative, denke ich. Ausgerechnet hierzu soll ich etwas schreiben. Musiker und der gesamte Betrieb um sie herum nehmen sich immer sehr ernst, finde ich. Das könnte unangenehm werden, vor allem, wenn man zugibt, unwissend zu sein. Nun denn. Da muss ich nun wohl durch: Also, auf in die Recherche.

Wahrscheinlich bin ich schon häufig mit Stockhausen in Kontakt gewesen. Aber wo ein blinder Fleck ist, da gibt es eben auch kein Wiedererkennen. Das ist wie mit der Literatur, man sieht in den Texten nur das, was man kennt und zuordnen kann. Ich frage zuerst meinen Musikstreaming-Dienst, was er mir zu Karlheinz Stockhausen vorspielen kann. Denn ich möchte hören, nicht darüber lesen, um was es hier geht. Ich könnte nun auch zwei Wochen lang alles über Stockhausen lesen, was ich finde und dann einen Pseudo-Expertentext schreiben. Aber das möchte ich nicht machen. Das können andere, vor allem ohne „Pseudo“. Auf einer langen Busfahrt über Land von Düren nach Euskirchen entschließe ich mich, mich dem Stockhausen-Phänomen zu nähern. Erstkontakt mit Stockhausen. Durch den Sound auf meinen Ohren fühle ich mich wie in einen Science-Fiction-Film geworfen. Durch das an- und abschwellende, rhythmische Piepsen, gepaart mit den Busgeräuschen, dem Ruckeln beim Anfahren und dem Hin- und Herwiegen in den Kurven könnte man meinen, man sei in einem Ufo. Wenn da nicht störenderweise die Felder, Hecken, Dörfer und Einfamilienhäuser vorbeiflögen. Es klingelt, bimmelt, rattert. Käme jetzt ein Flugobjekt angeschwirrt und beschösse uns, wäre ich nicht irritiert, es wäre fast folgerichtig für mich.

Meinen zweiten Kontaktversuch mit dem legendären Komponisten mache ich beim Auftakt des Stockhausen-Projekts in der Citykirche in Aachen: Die Jazz-Pianistin Ulrike Haage stellt dort ihr neues Album „Maelstrom“ vor. Mich hat die Darbietung nicht von Anfang an, aber dann doch Stück für Stück eingesogen. Für den Blog habe ich meinen „Gedankenstrom im Maelstrom“ rekonstruiert.

Musikbunker Aachen. Der dritte Anlauf. Durch besprühte Betonräume gehe ich hinab in das Innere des Bunkers. „Hymnen im Bunker – auch nicht ganz einfach“, denke ich. Je weiter ich voranschreite, desto dunkler wird es, letztlich ist es stockdunkel. Meine Augen haben sich noch nicht an das Schwarz gewöhnt. An die Wand ist ein kreisrunder Mond projiziert. Ein Fixpunkt. Die Klanginstallation von Warner Poland im Vorprogramm zu Stockhausens Hymnen hat gerade begonnen. Und zeigt Wirkung: „Was ist das?“, faucht die Bedienung hinter dem Tresen erschrocken über die düster-verstörenden, mal lauter, mal leiser in den Raum wallenden Klänge. Fast entschuldigend oder fremdschämend schaut sie mich an, als ob sie sagen wolle: „Normalerweise läuft hier andere Musik.“ Ich würde sie am liebsten umarmen und ihr danken. Ich bin also nicht der einzige Mensch, an dem die Stockhausen-Ära und die Arbeit seiner Schüler unwissend vorbeigezogen sind. Man könnte hier ja den Eindruck haben. Die Skurrilität indes sollte nicht abnehmen. Allein schon der Stuhlkreis rund um das Mischpult mit dem in der Dunkelheit schimmernden Mond dürfte eine Musikbunkerkuriosität darstellen. Es könnte hier auch gut ein mythisches Sektenritual abgehalten werden. Mondanbetung. Es gibt keine Bühne, nur das Stuhlkreisrund um die kleinen Schieber, Knöpfe, Regler und Computer.

Das Licht bleibt aus. Man solle zusätzlich die Augen schließen, um die Komposition und die vier Spuren wahrzunehmen. Jede Spur kommt aus einer eigenen Box in einer der vier Ecken des Raums. Einige Männer bleiben am Tresen stehen. Sie werden gewarnt, es gehe zweimal sechzig Minuten, ob sie daher nicht doch lieber Platz nehmen wollen. Wollen sie nicht. Dann wünscht Kathinka Pasveer, wie Stockhausen sagen würde, einen „Guten Flug“ mit den Hymnen. Ich habe mich auf diesen Abend mittlerweile sehr gefreut, da mich das Hymnen-Konzept, also die bekanntesten Musikstücke – die Nationalhymnen – in einer Komposition zusammenzuführen und damit deren einzelne identitätsstiftende Wirkung ad absurdum zu führen, elektrisiert hat. Wahrscheinlich ging das vielen Zuhörern so. Was dann kam, überforderte aber auch viele. Einzelne Geräusche wie das Drehen am Frequenzregler, das man in Zeiten des digitalen Radios kaum mehr kennt, verbinden sich mit Versatzstücken des Kaiserlieds und weiteren wohlbekannten oder nicht mehr erkennbaren Melodiesträngen. Viel Quietschen und Schrammeln. Neben mir heißt es sogleich: „Wenn das jetzt zwei Stunden so geht, bekomme ich Kopfschmerzen.“ Es ist anstrengend, was Pasveer für uns abspult. Laut und teilweise undurchdringbar – für mich zumindest. Die ersten Besucher verlassen etwas verschämt den Raum. Ehrlich, denke ich. Wahrscheinlich wollen sie noch rechtzeitig zum Tatort zuhause sein. Ich denke auch, was wohl die anderen Menschen über die Komposition denken. Versteht das jemand? Oder sitzen hier etwa 80 Leute, die allesamt ausharren, um nicht zu offenbaren, dass sie eigentlich dasselbe denken. Nämlich: Furchtbar anstrengend!

Wie so oft im Leben, wenn man sich gerade eine Meinung bildet oder resigniert, dann kommt es doch anders. Plötzlich kommt Sprache ins Spiel. Eine Wortcollage rund um das Wort rouge. „Rouge, rouge, rouge, rouge permanent, echtrot, karminrot, zinnoberrot, russischrot, rouge permanent, rouge, rouge, rouge, …“ Damit packen mich die „Hymnen“. Immer wieder im weiteren Verlauf finden sich solche Inseln, auf denen der havarierte Hörer stranden kann. Immer dann, wenn Sprache auftaucht, fühle ich mich wohl. Immer wieder werden diese Ruheinseln überspült und man treibt wieder in der tosenden Gischt aufgepeitschter, akustischer Paranoia. Dennoch weiß man, dass der Wirbelsturm vorüberzieht, wenngleich er sich jedes Mal wie eine Endlosschleife anfühlt. Pause. Die Hälfte der Besucher geht. Genug gehört. Genug verstört. In den Gesprächen in der Pause höre ich heraus, dass die anderen auch keine wirkliche Meinung dazu haben oder einnehmen wollen. Viel wird über den Produktionsaspekt gesprochen. Stockhausen habe damals auf geniale Weise diese vielen Geräusche erzeugt und dann auf Tonbändern zusammengeführt, zerschnitten, zusammengefügt. Ich habe das Gefühl, jeder hat seine eigene Insel kreiert. Aufnahmetechnik, Sprache, Komposition. Aber dennoch hört man immer wieder Sätze wie „Jetzt brauche ich ein Bier“ oder „Ich hätte am liebsten irgendwo gegengetreten“ oder „Dass immer noch die Hälfte der Leute da ist, finde ich beachtlich.“ Stockhausen lässt nicht kalt, ist nicht gefällig und fordert den Hörer heraus. Entweder er geht oder er findet seinen flüchtigen Zugang. Es ist aber Arbeit, sich mit den Hymnen zu konfrontieren. Den zweiten Teil des Abends finde ich zugänglicher. Ich bin mir aber im Nachhinein gar nicht mehr sicher, ob ich noch aktiv zugehört habe. Ich meine eher, dort in Trance und Gedanken gesessen zu haben. Irgendwann wurde es schön. Irgendwann trug es mich. Irgendwann war es vorbei. Schon? Dachte ich. Die zweite Hälfte war kurz, kürzer als die erste. Das stimmt zwar nicht, aber es fühlte sich so an.

Das Foto zeigt das Innere eines dunklen Gebäudes mit Grafitti an den Wänden