Gedankenstrom im Maelstrom
Veröffentlicht von am 22.09.2015 13:51

Ulrike Haage stellte in Aachen ihr neues Album „Maelstrom“ vor. Die Jazz-Pianistin und ihre Band begeisterten das Publikum der bis auf den letzten Platz gefüllten Aachener Citykirche St. Nikolaus und erfüllten den Raum mit rhythmischen Klangkaskaden in einem Mix aus Jazz, Avantgarde, Pop und Kunst. Mich hat die Darbietung Stück für Stück eingesogen. Für den Blog habe ich mir überlegt, meinen „Gedankenstrom“ sprachlich zu rekonstruieren.

Musik. Experimentelle Musik. Müsste sie nicht auf einen Exzess hinauslaufen? Lachen, weinen, tanzen. Etwas Explosives. Geht das bei einem bestuhlten Konzert? Einige Leute stehen immer wieder auf. Wollen näher an den Klangstrom. Begreift man besser, was man hört, wenn man sieht, wie es entsteht? Interessant sind die Instrumente allemal. Ein großer Ring mit Schlüsseln macht Schlüsselringklinggeräusche. Würde man ihn nicht sehen, wüsste man nichts davon. Der akustische Eindruck verändert sich durch die Extravaganz des Klanginstruments. Ah, da, ist er wieder der Klang. Denke an ein Konzert von vor ein paar Tagen. Bach. Der wahre Punk. Er braucht nur die Orgel, um Klanggebäude unendlicher Größe aufzutürmen. Aber es ist nicht gerecht, irgendetwas mit Bach zu vergleichen. Wieder zurück zum Strom. Lass dich fallen. Fallen. Fallen in den Maelstrom, den Gefürchteten. Mich trägt der Klangstrudel fort. Endlich drin im Klangwirbel. Drin, weil das Erleben endlich das Streben nach Erkenntnis ersetzt. Maelstrom trägt mich ans Meer. An den Meeressaum. Dort, wo die alte Meeresdame ihr Kleid ausbreitet. Der weiße Saum ihres Wellenkleids bewegt sich am Ufer. Ich höre Wellen brechen. Nie wird dieses Geräusch langweilig. Es ist die perfekte Musik. Die Wellen laufen auf mich zu. Umspielen meine Füße, zerren an ihnen. Wollen mich einsaugen in den ewigen Kreislauf, den Wasserwirbel, den Maelstrom. Mich in die Tiefe reißen.

Musik muss auf eine Reise schicken. Musik kann so viel mehr als Sprache. Musik verführt, Sprache verlockt nur. Gemeinsam sind sie unschlagbar. Gefährlich. Schön. Manipulativ. Aber immer auch nur ein Kompromiss.

Ulrike Haage greift in die Seiten des Flügels, trommelt auf sein schwarzes Holz. Akzentuiert Töne, treibt den Rhythmus durch den Raum. Klangwände stellt sie auf, treibt sie durch den Raum. Erst sehr melodisch, dann immer rhythmischer, klopfender, stampfender, schnaubender, bis sie in sich zusammen und auf die Melodie zurückfallen. Auslaufen. Ufern. Untergehen?

Der Mahlstrom erzeugt gefährliche Wasserwirbel, die in die Tiefe ziehen. Berüchtigt bei Seefahrern. Stoff für Legenden. Einmal im Wirbel, muss man kämpfen, stärker sein, sich gegen den beständig kreiselnden Rhythmus stemmen. In Ulrike Haages Maelstrom darf man sich fallen lassen. Er entführt nur auf eine Reise ohne Gefahr und setzt den Zuhörer am Ende wieder im Hafen ab.

Das Foto zeigt Musiker auf einer Bühne