Die Obstbaumwarte
Veröffentlicht von am 02.10.2016 12:07

Folge 6: Bäume, Früchte und ihre Weisheiten

Das Foto zeigt einen Schmetterling
Ein paar Hummeln tummeln sich auf den Blüten des Spätsommers. „Man merkt schon ein bisschen, dass bald der Herbst kommt“, sagt Dorothea Flaskamp und schaut nach oben. Dick, gülden und saftig schweben die ersten Birnen in den Wipfeln der Baumkrone. „Wir kommen da gar nicht dran“, sagt sie und blickt ein bisschen sehnsüchtig auf die unerreichbare Ernte. Die Schafe hingegen freuen sich schon. „Sie lieben das Fallobst.“ Und nicht nur die Birnen sind eine schmackhafte Beute. Die Kirsche, die Pflaume, die Aprikose und die zahlreichen Apfelbäume im Garten von Dorothea und Klaus Flaskamp verraten schon ein bisschen über ihre Leidenschaft: Sie sind Obstbaumwarte.

 

Was ein bisschen nach Herr der Ringe klingt, ist eigentlich eines der traditionsreichsten Ämter unserer Region. Und Obstbaumwart wird man nicht einfach so. Es gibt eine eigene Ausbildung, bei der man lernt Bäume zu pflegen, sie zu vermehren und zu kategorisieren. Durch Gelder der EU gefördert, konnte die alte Tradition in den letzten Jahren wieder zum Leben erweckt werden. Denn bis in die 1940er Jahre gab es in vielen Gemeinden einen Obstbaumwart, der für alle Fragen rund um die Streuobstwiese vor Ort ansprechbar war. Mit der Zeit mussten diese Wiesen jedoch der Landwirtschaft wegen weichen. „Doch inzwischen ist das ökologische Leben und Gärtnern wieder in“, wissen Dorothea und Klaus Flaskamp. Sie sind schon seit einigen Jahren Obstbaumwarte und helfen nicht nur bei der Auswahl von Obstsorten, sondern geben auch Tipps für die Pflege, informieren über Förderprogramme und die sinnvolle Verwertung größerer Obstmengen.

Schnitt, Veredelung, Pfropfen – das können die Flaskamps. Alles ehrenamtlich. Alles kostenlos. „Die über 70-Jährigen in meinen Kursen sind immer besonders übermütig“, erzählt Klaus Flaskamp. Sie müsse er immer davon abhalten, direkt auf die Leiter zu stürmen und in den Baumkronen herumzuwuseln. Oft bietet er die Schnittkurse im eigenen Garten an. Jetzt im Sommer ist es hier in Linnich unglaublich idyllisch. Ein paar Pfauenaugen schweben in der Nachmittagssonne über eines der üppigen Blumenbeete. Es hat ein bisschen etwas von einem englischen Garten. Spießig wirkt es jedoch keineswegs. Denn hinter dem Gewächshaus mit chilenischen Kakteen und dem Gemüsebeet leben Hühner, Schafe und sogar ein Steinkauz. Sie fühlen sich wohl auf der Wildwiese zwischen den zahlreichen Obstbäumen.

Bevor die Flaskamps ihr Rentenalter ausgekostet haben, hat Klaus Flaskamp am Forschungszentrum Jülich zum Thema Abfälle und Entsorgung geforscht. Seine Frau ist eigentlich gelernte Textilingenieurin. Deshalb wachsen neben den Zucchini, Kürbissen und Tomaten auch Färbepflanzen im eigenen Garten. Schon oft hat sie Kurse zum Selberfärben angeboten und im Keller stehen Spinnräder und sogar ein eigener Webstuhl.

Die Hingabe für das Gärtnern haben die beiden erst mit den Jahren entwickelt. Inzwischen leben sie schon seit fast 40 Jahren in Linnich. „Seitdem hat sich hier im Garten einiges verändert“, sagt Klaus Flaskamp. Von Reisen und Ausflügen haben die beiden immer wieder neue Pflanzen mitgebracht und sich Wissen über ihre Fauna angelesen. Die Ausbildung zum Obstbaumwart sei da nur eine natürliche Folge gewesen.

Einen eigenen Verein haben die Obstbaumwarte nicht, aber sie treffen sich regelmäßig an den Biostationen der Region. Zusammen haben sie schon einiges bewegt: „Ich bin richtig stolz, dass wir den Linnicher Bohnapfel gerettet haben!“ Die Sorte sei fast ausgestorben. Doch die Flaskamps haben einen Baum wiederentdeckt, einige Zweige abgeschnitten und diese veredelt. Auch kommende Woche sind die beiden in der Region unterwegs. Ein Gespräch mit den beiden lohnt sich: definitiv!

Veranstaltungstipp:
Am Montag, 3. Oktober ist Apfeltag im Brückenkopfpark Jülich.
Mit einem Informationsstand werden mehrere Obstbaumwarte aus dem Jülicher Land über ihre Aufgaben berichten und rund vieles über den Apfel berichten. Wer auch mal eine alte Apfelsorte testen möchte, die es im Supermarkt nicht gibt, ist hier genau richtig!

Am Dienstag, 4. Oktober kann jeder, der Apfelsaft vom eigenen Baum aus dem Garten produzieren möchte, seine Äpfel in der mobilen Apfelpresse der Flaskamps auf dem Bauhof Linnich von 10-16 Uhr pressen lassen. (Anmeldungen bei Klaus Flaskamp unter: 02462/2188)

Das Bild zeigt vier Fotos von einer Frau und einem Mann die unterschiedliche Gesten machen