Backstage am Bach
Veröffentlicht von am 14.08.2017 18:46 Schreibe einen Kommentar

Ort: Beelen | Datum: Mi, 02.08.2017 und Fr/Sa, 04./05.8.2017 | Wetter: Festivalwetter (von allem etwas und davon viel)

Ich lasse das Fenster herunter. Merkwürdig ruhig ist es hier. Keine schrittfahrende Bulli-Kolonne vor mir. Keine am Straßenrand haltenden Pkw mit vollgestopften Kofferräumen: Schlafsäcke, Panzer-Tape, Dosen-Ravioli. Keine Ordner oder Parkplatzanweiser. Keine bepackten Festivalfans, Dosenbier in Händen, Taschen auf dem Rücken, Zelte unterm Arm. Keine Live-Musik, wummernden Anlagen oder Generatoren. Kein Geruch nach Gegrilltem. Vor dem letzten Hof rechts fegen eine Frau und eine Handvoll Kinder Stroh zusammen.

2 Tage, 2 Bühnen, 20 Bands, über 2000 Musikbegeisterte

Es ist das 24. Krach am Bach Festival in Beelen. Aufbauwoche. Noch zwei Tage, bis das Gelände seine Tore öffnet. Ab hier geht es während des Festivals nur zu Fuß weiter: zur Kasse, zum Zeltplatz am Festivalgelände, zum Einlass oder zum Frühstück. Heute  f a h r e  ich erstmals am Fliesenstudio Hartmann vorbei. Das Gebäude ist noch das, was es auch die restlichen 360 Tage im Jahr über ist – die Lagerhalle. Sie wird heute aufgeräumt und hergerichtet für den Festivalbetrieb am Wochenende. Bändchen, Programme und Pfandmarken für den Zeltplatz werden dann hier ausgegeben.

Der Backstage-Parkplatz dahinter: eine Wiese, begrenzt von Weidezaun, Maisfeld, Stallwand und Landstraße. Tine holt mich ab. Sie wird mir heute einen Einblick hinter die Kulissen des Festivals geben. Wir gehen durch den Eingang, den am Freitag und Samstag die Bands nehmen. Noch steht hier kistenweise Bühnentechnik. Zwischen ausgeräumtem Pferdestall und Koppel der Backstage-Bereich. Ein Holzsteg, um bei Regen nicht im Matsch zu versinken. Davon abgehend mehrere Pavillons. Gemütlich sieht’s hier aus. Sofas, Palettentische und Lampen mit Fransen, Bierzeltgarnitur, Kicker. Lichterketten und Deko kommen noch. WG-Party im Großformat, könnte man denken.

Vor End das größte Zelt. Tine stellt mir Sarah vor. Sie organisiert das Catering hier im Backstage-Bereich. Mehr als nur Brötchen-Schmieren für etwa 100 Leute in wechselnden Schichten. Sie managt auch die Wünsche der Bands. Das Kurioseste? Tine und Sarah überlegen. Allergien oder Unverträglichkeiten, veganes oder vegetarisches Essen – Standard. Zwei paar schwarze Baumwollsocken, sagt Sarah schließlich. Hier wird alles besorgt, was im weitesten Sinne mit Catering zu tun hat. Am Donnerstag. Großeinkauf. Für das Festival und das traditionelle Nachbarschaftsgrillen am Donnerstagabend.

Von der HIGH HORSE rüber zur WALTZING WANNERUP

Vor dem Cateringzelt beginnt das Festivalgelände. Einige Bauzäune stehen schon. Der Zeltplatz ist bereits abgetrennt. Momentan wird die große Bühne aufgebaut. Alles ehrenamtliche Helfer. Viele kommen aus dem Ort und der Umgebung. Wie Tine und Sarah haben sie sich von ihrer regulären Arbeit frei genommen, um hier beim Festival zu helfen. Dafür erhalten sie freien Eintritt. Aber allein damit, ca. 40 Euro Eintritt, sei der Einsatz auch nicht aufzurechnen, so Sarah. Man will einfach helfen, beim Festival, der Gemeinschaft dabei sein. Überhaupt habe ich den Eindruck, am Festival sind ganz Beelen und Umgebung beteiligt.

Die Einweiser an den Parkflächen stellt seit Jahren der MGV-Concordia Beelen. Auch am Freitag werden der Bulli und ich von einem der MGV-Mitglieder auf eine der Wiesen für Zelte und Pkw gelotst. Neben dem Park- und dem Catering-Team im Backstage-Bereich wären da noch das Kassen-Team, das Camping-Team, die Besetzung der Bierstände, die Stagehands, die Elektronik, Bühnenauf- und Abbau, die MEKs (das Mobile Einsatz Kommando), usw. Insgesamt etwa 200 Personen, schätzen Tine und Sarah. Dazu der Festivalausschuss, bestehend aus ca. 25 festen Helfern und Helferinnen, die zum Teil seit Beginn, zum Teil seit einigen Jahren dabei sind.

Das Team ist in den 24 Jahren Krach am Bach gewachsen. Auch dank der Musik. In den letzten Jahren hat sich der Schwerpunkt vor allem der Headliner in Richtung Stoner Rock verlagert. Was im achtköpfigen Musikausschuss irgendwie Konsens war, was selbst gern gehört wird, erklärt mir Tine. Ansonsten nach wie vor Spartenvielfalt: Postrock, Hardrock, Punk, Prog, Psych, Doom, Blues. Ein Rezept, das ankommt. Seit drei Jahren in Folge ist das Festival zum Auftakt ausverkauft. Dieses Jahr sogar erstmals bereits zwei Wochen im Voraus, keine Abendkasse.

„Und auch am Ende heißt es wieder, was übrig bleibt, geht an Menschen, die wenig haben, aber umso mehr benötigen.“

Schon von Beginn an wurde das Krach am Bach als Benefiz-Festival geplant, erklärt mir Klaus am Samstag im Backstage-Bereich. Zwischen einem Interview und dem Verabschieden von The Brew. Er ist seit der ersten Stunde dabei, beim Krach am Bach e. V. Der Erlös des Festivals geht jedes Jahr an gemeinnützige Vereine und Institutionen aus Beelen und dem Kreis Warendorf. Überwiegend regional und projektgebunden. Zu dem festen Kern von Empfängern treten jedes Jahr auch neue Projekte hinzu, da ist das Team offen für Anfragen.

Freitags, wenn alles steht, bevor das Festivalgelände offiziell öffnet, gibt es einen kleinen Sektempfang für alle Helferinnen und Helfer, die gerade eine Hand frei haben. Als ich Freitag für mein Bändchen an der ehemaligen Lagerhalle in der Schlange stehe, sehe ich im Hintergrund eine noch nicht ganz geleerte Flasche stehen. Und muss grinsen.

Nach dem Festival wird noch eine Party für all die helfenden Hände ausgerichtet. Dazwischen: das große Ausschlafen. Als ich Samstag gegen neun zu trommelndem Regen wach werde, sind Sarah und Tine schon wieder backstage auf den Beinen.


Wie seine Besucherinnen und Besucher war auch das Line-Up des diesjährigen Krach am Bach in Beelen bunt gemischt und international. 20 Bands aus Europa, den USA, Kanada und Australien. Eigentlich müssten dem Line-Up aber noch 200 weitere Namen hinzugefügt werden: die aller ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer aus Beelen und darüber hinaus, ohne die hier nur ein paar Wiesen und Stoppelfelder zu sehen wären.

Stellvertretend stehen hier die beiden, die mich mit hinter die Kulissen genommen haben: Christine Feuersträter und Sarah Austermann. Nächstes Jahr wird das Krach am Bach dann ein Vierteljahrhundert alt. Auf ein Wiedersehen!


Zehn Momentaufnahmen vom Krach am Bach 24

  1. Aufschrift auf einem Zelt unweit des Festivalgeländes: „Camping ist ein ZUSTAND, in dem der Mensch seine eigene Verwahrlosung als ERHOLUNG begreift. – Thomas Hobbes“
  2. Nebenan wird mit einem Autoreifen Flunkyball gespielt.
  3. Die Durchsage auf der Hauptbühne: Bei den Fundsachen an der Kasse ist ein Jack-Russel-Terrier abzuholen.
  4. Vor dem Auftritt von Soap Bubble Orchestra: fünf junge Männer in gestreiften Bademänteln vor der WALTZING WANNERUP Stage.
  5. Die komplette Besetzung des Bierwagens groovt zu Schildkrötenthomas von Dyse.
  6. Direkt vor mir filmt ein Mann mit seinem Smartphone mit ausgestrecktem Arm über die Menge hinweg zwei Songs von Causa Sui – insgesamt ca. 16 Minuten (er wechselt aber ab und zu die Hand).
  7. Ein Junge, der mit etwa bis zur Hüfte geht, steht in kompletter Ledermontur vor der Hauptbühne und wartet auf den Auftritt von Motorpsycho.
  8. Neben dem Technikzelt der kleinen Bühne tanzt eine Frau barfuß mit geschlossenen Augen zu The Legendary Flower Punk.
  9. Trotz Glasverbots zwei Mülltonnen auf dem Stellplatz: eine für Buntglas, eine für Weißglas.
  10. Zwei Männer schauen sich am Samstag auf dem abgeernteten Feld vor dem Fliesenstudio Arm in Arm den Sonnenuntergang an.

 

 

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