Bullerbü und Borkenkäfer
Veröffentlicht von am 10.03.2020 12:52 Schreibe einen Kommentar

Rhonard war immer mein Bullerbü in Südwestfalen.

Die Tage in Rhonard rochen schon beim Aufwachen nach Heu, Stroh, Mist und frischer Milch. Noch bevor wir überhaupt ins Auto stiegen, um nach Rhonard zu fahren, war ich als Kind aufgeregt und ganz besonders glücklich. Dabei gab es eigentlich in Rhonard nichts als eine Straße, bei der man immer aufpassen musste, weil die Autos so schnell fuhren, eine Handvoll weitläufige Bauernhöfe, sehr viele Wiesen, Tiere und Wald. Ich fuhr so gerne nach Rhonard. Denn Rhonard war das Bullerbü meiner Kindheit, nicht nur wegen dem Geruch, sondern auch wegen dem Heu, in das wir krochen, um verstecken zu spielen, Räuber zu jagen oder nach Mäusen zu suchen, wegen den Räumen aus Holz und aus Stein gebaut, so ganz ohne Beton, in denen wir saßen und ungeduldig auf die frische Milch am Abend warteten.

Und nun ist da wieder dieser Geruch, als ich die Autotür öffne und sofort fühlt es sich an wie immer, wenn ich hier in Rhonard war und schon bin ich wieder in Bullerbü und alles ist gut. Ein Auto fährt vorbei, sehr schnell und ohne überhaupt die schöne Buche wahr zu nehmen, neben der ich gerade stehe und die ich frage, ob sie mich noch kennt, sich noch an mich erinnert, wie ich hier war, mit einer einstelligen Alterszahl an Jahren und immer so glücklich und aufgeregt. Die Buche antwortet nicht, sie hat ihre eigenen Sorgen, ein wenig zu viel Moos hat sich auf ihrem Stamm gesammelt, die Winter sind ihr zu warm geworden, aber das ist nichts im Vergleich zu den Fichten, die zur Jahnschaft gehören und die am Borkenkäfer leiden, „wie noch nie“. So  stand es 2018 in der Zeitung und da stand auch, dass das Umweltministerium Nothilfen ablehnt. Denn 2018 war ein Jahrhundertsommer, besonders heiß, trocken, mit wenig Niederschlag, Trockenstress für Fichten und für Borkenkäfer leichtes Spiel.

Bullerbü, das war einmal, heute ist der Borkenkäfer da und macht den Menschen das Leben schwer.

 

Die Arbeitswelt des Borkenkäfers, Foto: Susanne Thomas

 

Für viele Waldbauern waren die Fichten die Altersvorsorge, es braucht Generationen, bis ein Baum auswächst, und die, die damals noch Kinder waren, als ihre Väter hier die Bäume pflanzten, sind schon längst nicht mehr da, abgewandert vom Land in die Stadt, da wo es Arbeit gibt. Von ein Dutzend Höfen in Rhonard gibt es heute nur noch zwei, die von der Landwirtschaft leben. Aber Rhonard ist immer noch wunderschön, ein heller Fleck Erde mit viel Licht, das findet auch die Buche und erzählt mir, das Rhonard gerodeter Hard (Bergwald) bedeutet, dass es schon lange hier Menschen gibt, ungefähr im Jahr 1000 n-Chr, Menschen, die schon immer vom Holz und Land leben, wenigstens so lange die Buche da ist und dabei betont sie, wie froh sie ist, dass sie hier immer noch steht.

Und sie erzählt mir von dem Forstschutzgesetz, das 1810 erlassen wurde, um „unabsehbares Leid“ abzuwenden. Die Berge mehrerer Orte wurden zu einer Jahnschaft vereinigt.

Ich staune, da mir klar wird, dass die von Menschen verursachte Rodung kein neues Problem des Klimawandels, sondern ein sehr altes menschlicher Zivilisation ist.

In Rhonard waren sich die Bewohner sehr wohl der Abhängigkeit zur Natur bewusst, Landwirtschaft stand immer im Mittelpunkt, obwohl es schwer war, seine Existenz aus der Bearbeitung des Bodens zu sichern. Besonders in Zeiten als die Pächter noch den Zins an den Fürsten zahlen mussten. Die Arbeit in der Kupfergrube brachte zusätzliche Einnahmen. In Rhonard befindet sich eine der ältesten Gruben der Gegend.

Auch das alles wusste ich nicht als Kind, es war mir egal.

Du hast mir halt nie wirklich zugehört, beschwert sich die Buche, immer nur gespielt, die Zeit vergessen und alles was sie beinhaltet, das Heute und vor allem das Früher.

Früher  war mal reger Verkehr in dem heute so verlassenen  Ort an der alten Straße. Die lag nämlich mal am Haupthandelsweg zwischen Siegerland und der Grafschaft Mark. Das Gewerbe von Gaststätten, Fuhrmann und Vorspannbetrieb kam so richtig in Schwung, nachdem Napoleon 1818 die Straße hatte neu bauen lassen.

Ich muss lachen, und als die Buche wissen will, warum, erzähle ich ihr, dass mein Großvater immer behauptet hat, wir würden alle von Napoleon abstammen, ich habe immer geglaubt, das läge lediglich an seiner Leidenschaft fürs Nachbarland, für die Sprache und die Kultur.

Aber vielleicht hatte er gar nicht so unrecht, das wirst du noch sehen auf deiner Reise durch Südwestfalen, die Spuren der Franzosenzeit findest du hier noch überall antwortet die Buche.

Das Gewerbe aus Gaststätten und Vorspanndiensten an dieser ersten Straße in Westfalen gelegen, kam schließlich durch den Bau der Eisenbahnstrecke Ruhr-Sieg zum Erliegen.

Fast schon meine ich die Karren zu hören, die hier früher über die Hügel kamen. Aber es ist nur der Wind, der ein wenig mit den Zweigen spielt.

In Rhonard ist die Zeit stehen geblieben, erklärt die Buche und gähnt, sie ist müde geworden, jetzt läuten auch die Glocken der kleinen Kapelle und so weiß jeder im Land, dass es jetzt schon sechs Uhr Abend ist.

Warte mal, sage ich und laufe den kurzen Weg hinunter, um mir die Kapelle anzusehen. Auch sie sieht aus wie einer Geschichte von Astrid Lindgren nachgezeichnet. Wenn gleich hier Michels Mutter stände, um hinein zu gehen und für ihren Michel zu beten, mich würde es nicht wundern. Herum stehen aber nur ein paar grasende Schafe, die nicht mal aufblicken, als ich vorbei gehe.

 

Schafe von hinten

 

Die Kapelle steht offen, als hätte sie nur auf mich gewartet, oder als gebe es einfach nichts zu fürchten in dieser Welt. Sie wurde 1842 von den Dorfbewohnern gebaut, und als sie 1921 renoviert werden musste, da wurde das von dem Verkauf von Fichten bezahlt. Damals, als der Borkenkäfer noch nicht die Bestände fraß.

 

Kapelle

Besonders schön ist die spätgotische Pieta in der Kapelle, von der unklar ist, woher sie genau kommt, aber sicher, dass sie ungefähr 1460 entstand, auch sie war immer schon da, hier, an ihrem Platz hat, von dem sie über die kleine Gemeinde wacht.

Pieta, Meister unbekannt

 

Auf dem Rückweg zur Buche komme ich am Backhaus vorbei, auch das hat seine Geschichten zu erzählen, genau wie der Mühlstein davor. Überall in Rhonard springt einem die Vergangenheit von Südwestfalen entgegen, so als hätte man ein Geschichtsbuch aufgeschlagen.

Backhaus, hier mit Jesus

Rhonard präsentiert auch alles, was ich meinen Kindern nicht mehr zeigen kann. Der Geruch von den Kälbern unter der Küche. Der Geschmack von frischer Milch. Das Muhen der Kühe, wenn sie darauf warten, gemolken zu werden. Auf Heuballen klettern und herunter springen. Wenn ich heute will, dass sie mal Landwirtschaft erleben, dann muss ich einen Urlaub auf einem Erlebnishof buchen. Die Idylle eines genügsamen Landlebens hat einem Industriepark Platz gemacht, der von Profitwirtschaft angetrieben wird. Die Menschen sind fort, vor allem die Jungen, das Stadtleben hält sie fest im Griff, die Ballungszentren der Stressgeneration, Klimazerstörung und Gesundheitskiller geben den Takt an.

Was für ein Humbug stöhnt die Buche, das alles hast du dir nur ausgedacht. Bullerbü ist nicht mehr und vielleicht hat es das auch nie gegeben, nur in deinem Kopf, in deiner kindlichen Fantasie, du hast es dir so zurecht gedacht, das Leben für die Menschen, die hier erwachsen waren als du noch klein warst, war doch schwerer als du dachtest. Auflagen, Abgaben, schau dich doch um.

Ein wenig übel nehme ich es der alten Buche, dass sie sich wichtigmachen muss, indem sie mit Humbug Anette von Droste-Hülshoff zitiert.

Aber Recht hat sie, die Buche, noch steht alles, sieht schön und ordentlich aus, doch wenn irgendwann alle fort sind, niemand mehr da ist, dann kann sich auch diese Siedlung zu einem Stück Geisterort verwandeln, dem Verfall überlassen. Sie wird dann nur einer von vielen verlassenen Orten, wie es heute schon so viele gibt an französischen Landstraßen, wo alles noch zentralisierter ist.

Kinder werden diesen Ort dann nur aus dem Autofenster wahrnehmen, wenn sie in eines der Erholungszentren transportiert werden.

Trotzdem, widerspreche ich, mein Bullerbü existierte mal, ich konnte es anfassen, es war nicht nur eine visuelle Welt, ein Onlinespiel oder ein Film auf Amazon Prime. Ich weiß, wie es sich anfühlt, schmeckt und wie es riecht und das nicht nur in meiner Fantasie, sondern ganz genau in meiner Erinnerung.

Die Buche antwortet nicht mehr, sie lächelt, als wäre auch sie in ihrem Gedächtnis verschwunden.

Ich komme wieder, verspreche ich der Buche und will wissen, ob sie dann auch noch da sein wird.

Das hoffe ich, flüstert sie.

Ein Auto rast vorbei, der Fahrtwind lässt ihre Krone leicht zittern, als würde sie mir noch einmal zum Abschied winken.

 

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