Sommer

Baum, Kuh, mehr Bäume, mehr Kühe. Freibad in der Nachbargemeinde. Die ganze Kindheit und Jugend im Freibad. Immer mit Kalle, dem Bademeister, der seit Finns Seepferdchen zum Inventar des Freibads gehört, dem vielleicht das ganze Freibad gehört. Ohne Kalle kein Freibad. Lang lebe Kalle. Kalle sitzt den ganzen Tag in einer viel zu kurzen Badehose, halb von der Plauze verdeckt, auf einem weißen Plastikstuhl. Ertrinken im Freibad ist keine gute Idee. Kalle ist nicht motiviert genug, um sich hochzurappeln und irgendwen zu retten.

An einem drückend heißen Junitag: Unbekannte Augenpaare mustern Finn, schauen zuerst scheinbar zufällig, dann direkt, Blicke, die brennen, Finn weiß augenblicklich, er erlebt etwas Unglaubliches, etwas, das ihn sprachlos macht, sein Herz berührt, zum Rasen bringt, spürt im Inneren, dass diese Momente etwas in seinem ganzen Leben verändern könnten. Ihre Blicke verfolgen einander, legen Anstandspausen ein, finden sich wieder, verschmelzen für einen kurzen Herzschlag lang zu einer in sich ruhenden, stillen Einheit von zwei sich völlig fremden Jugendlichen. An der Eisdiele steht er neben Finn. Finn kann seine Haut riechen. Der ganze Sommer wird für ihn nach diesem Jungen riechen. Beiläufig berühren die Schultern, die Arme des unbekannten Jugendlichen Finns Arme, Finns Schulter. Brücken entstehen, die im nächsten Moment zerrissen werden. Zwei Jugendliche, die nicht wissen, was sie tun, die nicht wissen, wie sie es tun sollen, sie wissen nur, dass sie auf irgendeine magische Weise zueinander finden wollen und sich fragen, wie viel Risiko ihre jungen Körper tragen können? Wie viel Scham sie überwinden müssen? Wie sie es schaffen, zu zeigen, was bisher in diesem Freibad, in diesem Dorf, im nächsten Dorf, im übernächsten Dorf unsichtbar ist.

Finns Kopf dreht sich. Schaut jemand sie an, fallen sie auf? Denkt sich jemand etwas? Kennt jemand ihn? Dumme Frage, alle kennen sich. Kalle ist mit seinem Vater im Tischtennis-Verein. Aber dieser Junge ist neu, den kennt niemand. Vielleicht ist er deshalb mutig, schaut deshalb herausfordernd, als gäbe es nichts zu verlieren. Finn möchte ihm sagen, wie schön seine blauen Augen sind, wie Saphire möchte er noch sagen. Sind Saphire blau, fragt er sich, egal. Wollen wir was machen, möchte Finn fragen. Was genau, weiß er nicht, vielleicht einfach zusammen abhängen. Er würde gern mit ihm zu Fuß die sechs Kilometer zu seinem Elternhaus gehen, ihm sein Zimmer zeigen, mit ihm abends den Sonnenuntergang anschauen, im Blau seines Zimmers bis zum ersten Sonnenschein Geschichten aus seinem Leben erzählen. Aber schon ist die Gelegenheit vorbei. Das Eis ist bestellt, der Junge entfernt sich, dreht sich noch einmal um, schaut Finn an. Finn aber geht zu seinen Sachen, packt sie ein und verlässt das Freibad, ignoriert Kalles Gruß an den Papa, läuft den Feldweg entlang, beginnt zu rennen, bis er atemlos und mit Seitenstichen stehen bleibt. Er möchte aufschreien, fühlt sich wie ein Feigling, wünscht sich zurück zu gehen, wünscht sich, der Junge wäre noch da, wünscht sich, er wäre nicht mehr da, wünscht sich, er wäre ihm nie begegnet, wünscht sich, er würde ihn gleich im nächsten Augenblick wiedersehen. Vielleicht hat er gesehen, wie Finn hastig aufbrach, vielleicht ist er ihm hinterher gegangen, vielleicht, wenn er wartet, würde der Junge ihn einholen. Finn wartet tatsächlich eine Weile, bis er dann seinen Weg fortsetzt.

Diesen Nachmittag werde ich niemals vergessen, schreibt er in sein Tagebuch, traut sich keine Einzelheiten, auch wenn es sein Tagebuch ist. Die Mama ist schon sehr respektvoll, aber auch schon sehr neugierig. An diesem Nachmittag erblüht etwas in Finn, etwas Fligranes, das leicht kaputt gehen kann. Finn möchte alle Einzelheiten in Sekunden aufgeteilt in seinem Herzen aufzeichnen, damit er es wieder und wieder abspielen kann. Denn da draußen gab es keine Spuren. Das Freibad schrieb ihre Geschichte mit unsichtbarer Tinte.

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Gurbet – Rehmplatz

Sie saß seit einer Stunde regungslos auf einer Bank auf dem Rehmplatz. Ihre Blicke streiften über die lachenden Kinder auf der Spielfläche in der Mitte des Platzes, glitten zu den Obdachlosen, die ebenfalls seit einer Stunde auf einer Bank saßen und sich angeregt unterhielten. Sie wusste nicht ihre Namen, aber erkannte ihre Gesichter. Sie blickte auf ihre dünne Armbanduhr aus Gelbgold: Kurz vor Eins, Freitag. Zu ihrer Linken bildete sich schon eine Schlange, die zur Moschee an der Ecke des Rehmplatzes führte. Ein älterer Mann mit schneeweißem Haar ging zwischen den Wartenden entlang, legte orangerote Kegel in einem Abstand von einem Meter fünfzig aus. Immer wieder wies er die Wartenden an, auf die Abstände zu achten. Früher hätte auch ihr Mann in dieser Schlange gestanden.

Sie lebte nun seit fast zwei Jahren allein in ihrer Wohnung: Zwei Zimmer, ein zweckmäßiges Bad mit einer Astronautendusche, eine kleine Küche mit Kochnische und einem Esstisch. Auf diesen wenigen Quadratmetern hatte sie mit ihrem Mann und zwei Kindern gelebt. Und manchmal waren vier, fünf, sechs Gäste dazugekommen. Bei ihrem Mann wusste sie nie, wen er im Schlepptau haben würde. Ausländische Studenten, Geflüchtete oder Reisende wurden häufig zu Übernachtungsgästen. Dann wurden die Yorgans auf allen freien Flächen im Flur und in der Küche ausgerollt. Yorgans in leuchtend blauen und roten Stoffen, die sie als Aussteuer von ihrer Mutter bekommen hatte, die sie von Umzug zu Umzug ein Leben lang begleiteten. Trotz der vielen Gäste kam ihr ihr Heim nie zu eng vor. Eine Wohnung war so groß oder klein wie das Herz.

Von ihrer Parkbank aus konnte sie auf die beiden Fenster ihrer Wohnung blicken. Beide Fensterbänke waren voll mit Blumen; rote Blattkakteen, Begonien, Alpenveilchen, die früher auf so vielen Fensterbänken standen, heute als altbackene Oma-Pflanzen mild belächelt wurden. Statt in Blumentöpfen steckten die Pflanzen in großen YAYLA-Yoghurtbechern und rot-schwarzen Tomatenmarkdosen. Bis heute wurden viele Gegenstände, die sie vom Einkauf mit nach Hause brachte, mehrere Male umfunktioniert. Ihre Gewürze, ihre getrockneten Kräuter, ihr selbstgemachtes Tarhana-Pulver bewahrte sie in Marmeladengläsern auf. Jedes unflickbar gewordene Hemd lebte eine Zeitlang noch als Putzlappen weiter.

Ihr Mann hatte manchmal mit sanftem Unverständnis den Kopf  geschüttelt: Lass mich doch wenigstens meine Unterhosen wegwerfen! Aber insgeheim war er froh, dass sie war, wie sie war. Denn das Geld hatte zwar gereicht, aber lag nie locker. Er hatte das täglich Brot aus dem Fels gehauen. Fünf Tage in der Woche versank er im Bauch der Erde. Er sprach nicht viel über seine Arbeit und hatte er nur einmal erzählt, wie er während der stillen Fahrt im Förderkorb mit verschlossenen Augen die Sekunden zählte, das Anknipsen der Grubenlampen, das Rasseln des Gitters hörte, den steigenden Druck auf den Ohren fühlte. Mit etwa hundert Kollegen kam er gleichzeitig in der Grube an. Hier wurden sie umgeladen an kilometerweit entfernte Arbeitsplätze, vorbei an großen Wasserbehältern, die bei einer Explosion umfallen und einen Wasserschleier sprühen sollten. Am Ziel, da, wo die Kohle abgebaut wurde, war die Luft dünn, warm und feucht. Sein Arbeitsleben lang verbrachte er seine Tage ohne natürliches Licht. Nach seiner Schicht ging er erschöpft durch das Bergwerk zurück, seine Haut eingetaucht in schwarzem, schmierigem Kohlestaub. Sein Husten kündigte ihn bereits im Treppenhaus an. Während er seine Schuhe auszog, reichte sie ihm bereits ein Glas kaltes Wasser. Su gibi aziz ol, sagte er stets, sei geheiligt wie das Wasser. Er lächelte sie an und die Müdigkeit fiel von ihm ab. Ob ihm seine Arbeit Spaß gemacht hat? Spaß war nie der Maßstab gewesen. Den Kopf über Wasser halten, durchhalten, die Rente und dann zurück in das Dorf seiner Kindheit, das Elternhaus renovieren, Aprikosenbäume anpflanzen, vielleicht ein paar Hühner halten. Den Lebensabend in Frieden leben. Die Nacht brach vor dem Abend ein. Kurz vor der Rente die Diagnose, schneller Zerfall, stummer Abschied. Die Stille danach, die nicht mehr übertönen konnte, dass es keine Hoffnung gab, kein Warten auf ein Leben, das anders werden würde, dass der Traum vorbei war. Innā li-llāhi wa inna ilayhi rājiʿūn.

Ihre Kinder teilten ihre Trauer, ahnten aber nichts von ihren Untiefen. Die Kinder hatten sie lange vor ihrem Mann verlassen, waren ausgezogen in ein Leben, in dem sie keine Tomatenmarkdosen bepflanzten, keine Marmeladengläser gründlich abwaschen und aufbewahren mussten. Gewürze gab es bei ihnen aus Edelstahlmühlen, die Pflanzentöpfe passten zu den Möbeln in ihren Wohnungen, die wie aus einer Katalogseite von Einrichtungshäusern aussahen. Wenn sie zu Besuch im Elternhaus waren, betrachteten sie ungläubig die Einrichtung. Es schwang der Unglaube mit, wie sie es von hier in ihre jetzigen Verhältnisse geschafft hatten.

Die Kinder hatten Deutschland mit Haut und Haar angenommen, aber hatte auch Deutschland sich ihrer mit Haut und Haar angenommen? Sie erinnerte sich, wie ihre Kinder zum ersten Mal eine Scham für die kleine Wohnung entwickelt hatten, eine Scham für die Pausenbrote in Alufolie und für die Frau, die diese Brote schmierte. Eine Frau, die stets unauffällige Kleider trug, keine Kosmetika nutzte, die einen Akzent hatte und vor allen Dingen ein Kopftuch trug, das sie als Mensch unsichtbar machte. Ihr Tuch hatte jahrzehntelang keine Bedeutung, bis ein Massenblatt entschied, dass es eine Bedeutung hatte – und alle zogen mit. Fremde Menschen schauten sie an, redeten in ihrer Hörweite über sie, als würde sie ihre Sprache nicht verstehen. Das war einmal, sie verstand alles. Schmerzlich alles.

Kaplumbağa kabuğundan çıkmış, kabuğunu beğenmemiş, pflegte ihr Mann zu sagen. Und doch war er stolz auf seine Kinder,die in den Metropolen Deutschlands arbeiteten und gelegentlich mit mannshohen Rücksäcken auf dem Buckel in fernen Ländern nach ihrem wahren Selbst suchten.

Wenn die Kinder zu Besuch kamen, kochte sie ihnen ihre früheren Leibgerichte, packte ihnen noch Essen für die nächsten Tage ein. Sie nahmen es mit.

Ob sie es auch aßen, wusste sie nicht.

Zwischen der Scham ihrer Kinder und dem täglichen Spaghettifresser, Kümmeltürke, Terrorist, Ausländer Raus! Graffitis an Kinderspielplätzen und an der Tür ihres Hauses hatte sich eine Blase aufgetan, in der sie und ihr Mann zerrieben wurden. Sie hatten ihre Angst, immer die Anderen zu sein, immer als der weiße Hase aus dem Zylinder gezogen zu werden, wenn etwas im Land schief ging, ihre Angst vor den Nachbarn, Kollegen, Vorgesetzten, ihre Angst nach Solingen und Mölln tief in der Magengrube eingeschlossen. Sie hoffte, dass ihre Kinder es besser haben würden, in Sicherheit und Würde, ungebrochen leben könnten. Wozu sonst wäre ein ganzes Leben in gurbet gut gewesen?

Sie schaute ihre faltigen Hände an, die roten Kreise aus Henna in den Handflächen. Sie erinnerte sich, dass sie oft weinen wollte, einfach so weinen, aber es nie gekonnt hatte. Wenigstens in kurzen Zügen hätte ich gern geweint, dachte sie. Es gibt niemanden, dem ich das sagen könnte, dass ich allein bin, allein gelassen wurde, aber es ist gut das zu wissen – für mich selbst. Einsame ältere Menschen, die sich weigerten in Seniorenheimen zu verschwinden, waren eine Belastung. Sie las es in den Gesichtern ihrer Kinder, das stille Ausschachern untereinander, wen wohl die Bürde erwischen würde. In eine weiße Stille gehüllt lag sie nach dem Tod ihres Mannes, ihres Weggefährten, wochenlang im Bett und starrte an die Decke. Eines Morgens schloss sie die Augen weit auf und fühlte, wie sie von einer Kraft wie ein Taucher aus der Meerestiefe nach oben getrieben wurde.

Ihr Mann wollte bei seinen Kindern bleiben, auch im Tod. Er hatte wohl geahnt, dass sie ihn wohl kaum besuchen kommen würden, wenn er in sein Dorf überführt worden wäre. Er lag im Friedhof Hüls im muslimischen Bereich. Zu sagen, er ruhe in Frieden, fiel ihr schwer. Die muslimischen Gräber wurden immer wieder geschändet, so auch auf diesem Friedhof. Jedes Mal, wenn sie sein Grab besuchte, machte sie sich darauf gefasst, dass sein Grabstein mit Hass beschmiert sein konnte. Sie starrte auf die Mariensäule in der Mitte des Platzes. Meryem Ana, weißt du, was wollen sie noch von uns?

Niemand schien ihre Generation hier haben zu wollen. Sie, die alten Arbeiter mit ihren alten kopftuchtragenden Frauen waren Auslaufmodelle, passten nicht in das Selbstbild dieses Landes. Je nach Bundespräsidenten gehörten sie dazu, dann nicht und doch wieder oder so halb. Ihr Hiersein hing von Wahl zu Wahl von Regierungskoalitionen ab. Aber ein Grundton blieb. Sie sollten endlich verschwinden, Platz machen für die neuen Anderen, verdaulicher, aber dennoch Ausländerinnen. Sie rappelte sich hoch und massierte sich die Waden. Ihre Beine schliefen in letzter Zeit schnell ein. Sie lief die wenigen Meter zu ihrer Wohnung – zumindest einmal am Tag das Haus verlassen, frische Luft schnappen, das sei wichtig, hatten ihr die Kinder gesagt. An der Haustür lehnte sie sich einige Sekunden gegen den Türrahmen. Ihr Kopf war unerträglich schwer; ein Druck beschwerte den Rhythmus ihres Herzschlags. Ihr Blick fiel auf den handschriftlichen Namen auf ihrem Klingelschild. Sie dachte kurz dran, das kleine Blatt hinter der Folie rauszuziehen. Ganz unsichtbar zu werden. Du bist eine trübsinnige alte Frau geworden, sagte sie zu sich selbst.Sie schloss die Augen, holte tief Luft. Atmete ein und aus. Erinnerte sich an den Duft ihres Mannes, sein Rasierwasser, Eigenmarke eines Supermarkts, vermischt mit der Wärme seiner Haut. Wenn sie ihren Kopf an seiner Schulter barg, selbst in der Erinnerung, war die Welt wieder in Ordnung. Sie würde durchhalten, den Kopf über Wasser halten, so lange es ging.

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Believe or not

Mit dem Kopf im Nacken stand ich nun vor Burg Rode. Ich war nach Herzogenrath gekommen, um die Umgebung von Aachen zu erkundigen, und mein Finger war auf dieser Kleinstadt an der niederländischen Grenze hängengeblieben. Ich verließ die Wohnung, bevor die Bauarbeiter ihre Arbeit aufnahmen oder der Opernsänger, der vor einer Woche die Nachbarwohnung bezogen hatte, seine Stimmübungen begann. Figaro zum Beat der Presslufthammer ergab einen interessanten Soundtrack dieser Tage.

An meinem ersten Tag in der Wohnung hatte ich die Hoffnung, dass die Bauarbeiten direkt vor der Tür in den folgenden Wochen abgeschlossen sein könnten. Nach einem Small Talk mit einer jungen Studentin, die fast jeden Morgen mit mir an der Haltestelle Blücherplatz wartete, wurden sie zerschlagen. Sie war schon im zweiten Semester und kannte diese Straße nur als Baustelle.

Der Verkehr nach Herzogenrath wurde umgeleitet. Vor wenigen Tagen war ein Bus auf der Fahrbahn komplett ausgebrannt und dabei den Straßenbelag beschädigt. Meine Fahrt verlief reibungslos. Ich nutzte die Zeit, um Dopplungen von Fotos zu löschen.

Als ich dann vor der Burg stand, duckduckgote ich einige basic Informationen. Burg Rode wurde erstmals 1104 urkundlich als Besitz des Grafen von Saffenberg erwähnt und wechselte in den folgenden Jahrhunderten etliche Male den Besitzer. Die Burg blieb, ihre Besitzer vergingen. Mal sahibi, mülk sahibi. Nerde bunun ilk sahibi?

Nach ein paar obligatorischen Selfies, die nicht ganz so sehr nach Selfies aussehen sollten, lief ich ziellos durch die schmalen Straßen. Als ich die Speisekarte eines indischen Restaurants studierte, wehte der Wind mir ein etwas geschundenes Poster vor die Füße. Bekehre uns, vergib die Sünde, schenke Herr uns dein Erbarmen, stand in schwarzen Lettern auf pink-violettem Grund. Die Farbwahl lenkte etwas vom Inhalt ab. Aus dem Text auf der Rückseite wurde klar, dass es von der St. Josef Gemeinde stammte; eine Erinnerung an den Aschermittwoch – Beginn der Fastenzeit. Ich lächelte. Zeitversetzt hatte auch für mich die Fastenzeit begonnen. Ich las den Text und lernte, dass der Begriff Aschermittwoch aus einer Tradition aus dem 11. Jahrhundert rührte, nach der den christlichen Gläubigen ein Kreuz aus der Asche von Palmzweigen auf die Stirn gemalt wurde. Asche als ein Zeichen von Vergänglichkeit. Im Text wurde mit bedauerndem Unterton erwähnt, dass viele nach den Gottesdiensten das Kreuz schnell wieder abwuschen und die Verfasser riefen dazu auf, dies nicht zu tun, sondern Stolz darauf zu sein, gut sichtbar mit Gott in Verbindung gebracht zu werden.

Gut sichtbar mit Gott in Verbindung gebracht zu werden, hatte einschneidende Konsequenzen, je nachdem welcher Religion man angehörte. Eine Kippa, ein Kopftuch war, je nachdem, wo man sich bewegte, eine Sicherheitsfrage, kam Berufsverboten nahe, stigmatisierte, trennte oder ging mit einem Opferstatus einher, wodurch sich viele nicht mehr die Mühe machten, den konkreten Menschen mit der Kippa oder dem Kopftuch kennenzulernen.

Als Jugendlicher hatte ich nicht-religiöse Menschen beneidet, weil ich annahm, dass sie sich bestimmten Sinnfragen nicht stellten: Wer sind wir? Woher kommen wir? Warum genau bin ich hier und in dieser Zeit auf der Welt? Diese Fragen referierten auf keine höhere Bestimmung, waren gegenstandslos, wenn man annahm, dass Materie sich eigenständig zu unserer Welt entwickelt hatte. Bei dieser Betrachtungsweise klangen Schöpfungsgeschichten wie Popanz und das Gegenteil von Intelligenz. Die dogmatische Verabsolutisierung der Vernunft hatte die Abwertung von Glauben zur Folge. Spirituelle Empfindungen fanden ein neues Zuhause irgendwo zwischen Bibel- und Astro-TV.

Nicht-religiöse Menschen mieden nicht selten Religion wie die Teufel*in das Weihwasser und/oder ließen religiöse Menschen in ihrer Umgebung spüren, dass sie Religion als eine überholte, unvernünftige Haltung empfanden. Andererseits sahen einige religiöse Menschen ihr nicht-religiöses Gegenüber stets als missionarisches Arbeitsfeld. Arroganz ist also keine Einbahnstraße. Manchmal waren die entgegengesetzten Haltungen aber auch ganz nützlich. Ich hatte schon mal unangenehme Dates damit beendet, in dem ich fragte: Möchtest du mit mir über Gott reden? Es hatte die gleiche Wirkung wie, lass uns heiraten.

Dabei fanden gerade in der heutigen krisengeschüttelten Zeit viele Menschen Halt, Trost und Sinn in ihrem Glauben.  Viktor Frankl, der das Konzentrationslager Ausschwitz überlebte, hatte als Psychologe die Annahme geprägt, dass die Sinnsuche Motivationskraft und Energiequelle bedeutet.

Das Verhältnis zu Religion, Religiosität und Spiritualität war also seit jeher ein stark verbindendes und trennendes Element zugleich gewesen.  Bei einem Wochenendausflug nach Monschau entdeckte ich eine Tafel mit der Info, dass dort die nicht-katholischen Christ*innen erst 1787 die Erlaubnis auf freie Religionsausübung erhielten. Immerhin haben heute die innerchristlichen Konfessionssticheleien über eine stärkere ökumenische Ausrichtung an Bedeutung verloren. Unser Grundgesetz sowie das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz schufen einen Rahmen, in dem nicht-religiöse Menschen sowie Christ*innen, Jüd*innen, Muslim*innen und Angehörige anderer Religionsgemeinschaften zumindest in gesetzlich definierten Bereichen gleichgestellt und vor Diskriminierung geschützt werden. In der Komplexität unserer Gesellschaft konnte aber weder das Grundgesetz noch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz die gläsernen Wände in der Gesellschaft durchbrechen. Insbesondere Jüd*innen und Muslim*innen leiden unter einer religionsbasierten Diskriminierung. Ob die Gesellschaft sich in ein „die“ und „wir“ aufteilt oder als eine plurale, demokratische Gesellschaft zusammenwächst, hängt stark von der politischen Haltung in der Region ab.  Bei den letzten Kommunalwahlen hat sich die Anzahl rechter Mandatsträger*innen vervielfacht. In Eschweiler geriet die AfD in die Schlagzeilen, weil sie in ihrem Programm die Abschaffung und Auflösung von „Mischehen“ gefordert hatte.  Gerade bei Jüd*innen und Muslim*innen löst diese Entwicklung große Sorgen aus. „Nie wieder Faschismus“ braucht nicht nur Präventionsarbeit gegen Rechtsextremismus, sondern auch eine plurale Erzählung, in der Menschen aller Glaubensrichtungen selbstverständlich ein Teil des „wir“ sind.

Ich steckte das Poster ein und lief entlang der Wurm in wenigen Minuten über die Landesgrenze in die Niederlande. Als ich den schmalen Fluss und die Grünflächen herum betrachtete, fiel es schwer mir vorzustellen, dass bis vor wenigen Jahren die Wurm ein lebloses Gewässer war. In der Natur steckte die Kraft zur Heilung, wenn man sie nur in Ruhe ließ. Ich setzte mich im Schneidesitz ans Ufer, holte mein Handy raus und wollte ein Foto schießen. Aus einem Impuls heraus steckte ich das Handy wieder ein. Hiersein, aus welchen Gründen auch immer, war schön und brauchte nichts weiter.

Poster der St. Josef Gemeinde in Herzogenrath

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Do they know it’s Ramadan

Do they know it’s Ramadan

There’s no need to be afraid

You can still eat your lunch

It’s not about glutenfree, low carb or sugarfree recipes

Dear, it’s not a diet

No water, no Iced Latte or Mate

Please, no worries, I’m fine

Sharing this zero calorie conversation

In our world of living diversity

We can spread a smile of joy

At Ramadan time.

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unzivilisiert

Ich laufe seit einer Woche ohne genaues Ziel durch die Straßen Aachens, entdecke uralte Bäume, Brunnen, Monumente, Häuser, liebevolle Details an diesen Häusern, kunstvolle Türen und Türgriffe. Ich hänge meinen Gedanken nach und doch werde ich immer wieder durch Gesprächsfetzen der Passant*innen in das Hier und Jetzt geholt.

„Der Russe hat seinen Stolz“, ruft einer in sein Handy und schüttelt sich eine Zigarette aus der Schachtel. Ich bleibe stehen und möchte ungehörigerweise auch den nächsten Satz hören. „Wir Deutschen machen diesen Krieg zu unserem!“, ruft er. Ich gehe weiter. Den dritten Satz möchte ich nicht hören.

Zum Glück spricht er nicht im Namen aller Aachener*innen, ich sehe überall die ukrainische Flagge in den Fenstern von Privatwohnungen und Institutionen. Solidarität ist das Gebot der Stunde. Aber dieser Krieg ist anders. Es geht um mehr als Solidarität mit einem Land, das ohne UN-Mandat von einer Supermacht überfallen wird, dessen Bewohner*innen sich mit Regenwasser Suppe kochen müssen, wie in dem völlig zerstörten und von Strom und Wasserversorgung gekapptem Mariupol.

Die Stimmung ist heute anders als bei Afghanistan, ein Land, das bereits in den 70er-Jahren zum Spielball zwischen der damaligen Sowjetunion und der USA wurde. Damals im Kalten Krieg und dann wieder, als 9/11 zum Anlass genommen wurde, erneut Krieg und Elend über ein ohnehin geschundenes Volk zu bringen, und das obwohl keine einzige Person, die an dem Anschlag beteiligt war, ein Afghane war.

Meine Stimmung ist gedämpft, ich gehe nach Hause. Nach Hause heißt in diesem Fall ein Hotelzimmer, in dem ich seit einigen Tagen wohne, bis meine Künstlerwohnung frei wird. Nur wenige Tage in dem Zimmer und doch ist es erstmal ein kleines Zuhause, wo ich mich zurückziehen, ausziehen, ausruhen, mit neuem Mut wappnen und in die Welt hinaustreten kann.

Im Bad überlege ich, ob ich meinen Bart stutzen soll. Während ich dastehe und mein Spiegelbild stumm anschaue, bricht vielleicht jemandem in Nebenzimmer das Herz, ein Zimmer weiter kommt der langersehnte Heiratsantrag oder der Moment, an dem man seinen Job nicht länger aushält und alles hinschmeißt. Es kommt mir so profan und falsch vor, mich jetzt um meinen Bart zu kümmern und genauso falsch fühlt es sich an, es nicht zu tun.

Ich erinnere mich, wie zum ersten Mal wieder in Europa Krieg geführt wurde, nicht erst seit zwei Wochen, sondern schon in den 90er-Jahren. Damals rüttelte ein feministisches Fernsehmagazin, ML Mona Lisa, zum ersten Mal die deutsche Öffentlichkeit richtig auf und wies auf das ungeheure Leid der Bosniak*innen in den serbischen Konzentrationslagern hin. So nah dran, aber irgendwie auch fern genug, dass bis dahin niemand auf den seit 1945 ersten Krieg im Herzen Europas hinschauen wollte. Ich erinnere mich an die Zeit, die ich vor einigen Jahren in Sarajevo verbracht hatte. Die Einschlusslöcher in den Häusern erweckten den Eindruck, als wären eben erst Soldat*innen durch die Straßen gestürmt. Ich erinnere mich auch an die Geschichte einer Theatergruppe, die in der zweijährigen Belagerungszeit der Stadt, die langsam ausgehungert wurde, ein Theaterstück aufführte, Warten auf Godot. Und die Leute gingen hin und erfreuten sich an dem Stück, vergaßen für wenige Stunden, dass sie jeder Zeit von den Mörsergranaten der vielen Schützen getroffen werden konnten. Warten auf Godot hieß auch: Warten auf Hilfe. Und nicht die Art von Hilfe, wie sie die internationale Luftbrücke unter der Führung der USA über der Stadt abwarf, Konservendosen mit vergammelten Restbeständen aus dem Koreakrieg, Schweinefleisch für die vorwiegend muslimischen Bewohner*innen der Stadt. Jene Hilfe, die sich die Menschen, in einem Krieg im Herzen von Europa gewünscht hatten, kam nicht.

Mein Herz ist mit den Menschen in Ukraine, die auf der Flucht sind. Und ich bin froh, dass scheinbar die EU aus den Verbrechen an den Bosnier*innen gelernt hat. Jetzt schnell und solidarisch reagiert. Das Leben der Ukrainer*innen stand innerhalb weniger Tage auf dem Kopf und sie fanden sich auf den Bildschirmen der Welt wieder. Es ist selten etwas Gutes, wenn weltweit über eine Sache berichtet wird.

Mein Herz ist auch mit jenen, denen das Recht auf Flucht, das Recht unversehrt zu leben, verwehrt wird, an der ukrainisch-polnischen Grenze, jene Menschen, die scheinbar die falsche Hautfarbe haben oder die falsche Religion. Europäische Werte, die in den letzten Wochen so häufig heraufbeschworen wurden, werden zur Parodie, wenn universelle Menschenrechte an die Hautfarbe weiß oder an die Religionszugehörigkeit christlich gekoppelt werden. Prominente Politiker*innen aus etlichen europäischen Ländern betonten in den letzten Tagen: sie sehen aus wie wir, das sind Christen, sie sind zivilisiert, es sind blonde Kinder, die weinen. Es sind blonde Kinder, die weinen. Das darf nicht geschehen. Und das Weinen und das Sterben von braunen oder schwarzen Kindern?

Mein Herz ist bei allen, die in Polen, Tschechien, Ungarn ihre Arme und Herzen weit öffnen und die ukrainischen Geflüchteten aufnehmen, ihnen Sicherheit bieten und vielleicht, vorübergehend oder für länger ein neues Zuhause anbieten. Dennoch dürfen wir nicht vergessen, dass es eben diese Länder sind, die eine europäische, solidarische Asylpolitik seit Jahren verhindern.

Ich musste diese Tage oft an das Wort haymatlos denken. Einer der deutschen Wörter, die Eingang in das Türkische gefunden haben. Die von Nazi-Deutschland ausgebürgerten Jüd*innen oder politisch ungewollte Menschen erhielten einen Stempel in ihrem Pass mit dem Aufdruck „heimatlos“. Mit so einem Pass wurde die Flucht, die an sich alle Kräfte zehrt, zu einem besonderen Spießrutenlauf.

Der damalige König von Marokko, Sultan Mohammed Yusuf, nahm trotz der Drohungen des französischen Vichy-Regimes tausende von diesen haymatlos gemachten Jüd*innen auf.  Er widersetzte sich auch dem Druck der spanischen Faschisten und hielt sein Land weiterhin offen für Geflüchtete. Der türkische Generalkonsul auf Rhodos verhalf mehreren hunderten Jüd*innen zur Flucht in die damals relativ neu gegründete Türkei. Der türkische Generalkonsul in Marseille, stellte fast 19.000 verfolgten Jud*innen einen türkischen Pass aus. Diese Menschen wurden für ihre Verdienste von Israel mit dem Titel Gerechter unter den Völkern geehrt.

Vor der Türkei war auch das Osmanische Reich ein Migrationsziel für Verfolgte, insbesondere von Jud*innen, die etwa vor den Zwangspredigten der katholischen Kirche in Italien, der Reconquista in Spanien oder den Pogromen in Osteuropa auf osmanisches Gebiet flohen. Die jüdischen Gemeinden in Sarajevo errichteten ihre Tempel, die sonst in Richtung Jerusalem ausgerichtet werden, in Richtung Mekka, um ihre Anerkennung gegenüber den Osmanen auszudrücken. Warum jetzt diese langweilige Geschichtsstunde? Weil in etlichen Unterrichtsstunden zum Zweiten Weltkrieg nie die Solidarität und die Unterstützung des Globalen Südens für die Vertriebenen dieses Krieges erwähnt wird.

Ganz abgesehen vom Thema Flucht tauchte das komplette Osmanische Reich in meinen Geschichtsbüchern nicht auf, ebenso wie das Kontinent Afrika, mal abgesehen von einer Randnotiz zum alten Ägypten. Nord- und Südamerika, Indien, China, sie wurden nur dann interessant, wenn sie im Zusammenhang mit den europäischen Kolonialbestrebungen standen. Als hätten diese Weltregionen zuvor nicht existiert. Für einige ist das sicher eine Kleinigkeit, aber aus solchen kleinen Bauklötzen entsteht unser Urteil über unsere Mitwelt. In der Schule wird nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch ein rassistisches Muster angelegt, welche Fakten es wert sind, gelernt zu werden. So entstehen ein gläserner, faktenreicher Westen und ein dunkler Osten und Süden. Hier sind dann in Folge die Zivilisierten und dort die Unzivilisierten.

Gerade jetzt erfrieren weiterhin Menschen an den EU-Außengrenzen, werden auf Booten ins offene Meer getrieben. Das Mittelmeer ist der größte Friedhof der EU. Aber diese Menschen sehen nicht so aus wie wir, sind nicht zivilisiert, ihre Kinder, die weinen, sind vielleicht nicht blond. Haben wir wirklich ein universelles Verständnis von Menschenrechten und dem Recht auf Flucht oder folgt unsere Empathie letztendlich nur einem rassistischen Muster?

Und ich, hätte ich gerade in der Ukraine studiert oder gearbeitet: Ich hätte zu jenen gehört, die aus Bussen und Zügen rausgezerrt, von Grenzbeamten abgewiesen worden wären. Ein brauner Mann, ein queerer Mann. Nicht wie wir, unzivilisiert.

Friedensaufruf „Niemand will Krieg“ auf dem Schaufenster eines Einzelhandels in der Aachener Innenstadt

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C. de Mondego

Heerlen, Nobelstraat 54. Auf Street View hast du schon einmal vor diesem Antiquariat gestanden. Als am selben Abend dein Smartphone ins Spülwasser geglitten ist (für die Warn-App war es zwei Jahre zu alt), hat es 3 Minuten und 41 Sekunden gedauert, bis die Straßenansicht verschwunden war.

Heute, in der Fensterspiegelung des Antiquariats treten deine Füße auf eine alte Karte. Ganz unten in der Auslage liegt der „Atlas Maior“ von Joan Bleau aus dem Jahr 1665. Ein Buch wie eine Marmorplatte: „L‘atlas le plus grand et le plus admirable jamais publie.“ Auf seinem Deckel brandet hellblaue See, darin eine Windrose. Ein Segelschiff kreuzt. Es fährt in Richtung C. de Mondego. Steht das C. für Ciudad? Für Cap? Ist es Spanisch? Portugiesisch? Fragen könntest du das den Antiquar, wäre hier sonntags geöffnet. Auch dein Handy würde es wissen. Du betrachtest das Meer von Bleau und denkst an das Spülwasser. Gut, dass du noch selbst spekulieren kannst, wenigstens über ein „C“. Du stellst dir einen Dialog vor. Mit Humboldt.

„Bestimmt weißt du, wofür das ‚C.‘ in ‚C. de Mondego‘ steht.“

Er nickt. Na klar.

„Und sagst du es mir?“

Der Forschungsreisende zieht eine Augenbraue hoch. Dann lächelt er. Abschätzig wirkt das. Du hattest befürchtet, dass er so jemand ist. Wenn er jetzt noch sagt, dass das Allgemeinbildung ist… Da fällt dir was anderes ein.

„Alexander, was hältst du eigentlich von Alexa?“

Der Wissenschaftler lässt sich Zeit mit seiner Antwort.

„Sie gefällt mir.“

„Auf Facebook?“

Das würdest du entgegenen, wärest du wirklich so schlagfertig wie in ausgedachten Dialogen. Diesmal käme deine Augenbraue zum Einsatz. Aber einen von Humboldt lässt sowas kalt.

„Es kann nicht jeder auf Expedition gehen. Aber alle haben Fragen. Nice Stimme außerdem.“

Hat er das jetzt wirklich gesagt? Gemeint? Doch Humboldt macht nur eine Geste, die dir deutlich mitteilt: Keine Zeit mehr für diese Spielereien. Sorry, da warten noch Kontinente. Da wartet ein Berg voller Arbeit in Amazonien.

Humboldts am Fuß seines Berges am Amazonas, deiner auf der Spiegelung eines Atlas im Schaufenster in Heerlen. Du schwitzt. Das sind die Tropen, das Klima, der Wandel. An der Tür des Antiquariats hängt ein Schild. Haben Sie Fieber? „Dan vragen wij u om niet binnen te komen.“

Von den anderen Büchern im Schaufenster handelt eines von Tango, eines von Art Deco. Es gibt prächtige Kunstbände mit großformatigen Gemäldedrucken, Matisse, van Gogh, Yves Klein. Aber kein Band so groß und so blau wie der von Bleau. Das Papier riecht sicher nach Abenteuer. Entdeckung. Amazonien. So, wie du dir vorstellst, dass es dort riecht. Und dass stellst du dir ebenfalls vor: Der Atlas Maior kommt mit amazon prime zu dir nach Hause. Ein junger Mann muss ihn in der Affenhitze zu dir hinauftragen und du tust, als seist du nicht da, weil dir das peinlich ist. Dann reißt du den Karton auf, schlägst das Kartenbuch auf und verlierst dich. In fernen Welten. Wofür steht jetzt das ‚C.‘? Fragt man Alexander oder Alexa? Manchmal dürfen Fragen einfach Fragen bleiben.

Das Schaufenster zeigt hinter dir zwei Gestalten. Auf der anderen Straßenseite, auf einem schmalen Gehsteig bewegen sie sich unbeirrt aufeinander zu. Als folgten sie Routen in ihren Köpfen. Nein, Routen auf Maps. Bildschirme beleuchten ihre Gesichter.

Twee vrouwen lopen
te appen, botsen
achter je met hun hoofden

tegen niets. Terugkijken.
De etalageruit liegt.

//

Zwei Frauen senken
den Blick aufs Smartphone.
Mit den Köpfen stoßen sie

gegen Luft. Zurückschauen.
Sieh, wie das Schaufenster lügt.

Mehr von Pascal Bovée