Der Typ

Du, ich bin einfach nur froh, wenn ich heute hier rausgeh. Ich komm hier jeden Tag mit guter Laune. Sagen alle: Sonnenschein. Und so will ich auch wieder gehen.
Aber der Typ? Der Typ?!
Ich versteh ja alles erstmal. Vielleicht Drogen. Oder Familie. Sicher hat der es auch nicht leicht. Das ist aber noch kein Grund.
Nein, Doris, nein. Du machst dir keine Vorstellungen. Der vergrault mir die Leute. Das ist mal das erste. Und das zweite ist: Der riecht. Das hab ich denen auch gesagt. Ich so zum Ordnungsamt: Ich kann da gar nicht rangehen! Wobei, erstmal war ja immer noch Polizei.
Ich erstmal die Polizei angerufen, aber die Polizei kommt nicht raus. Die kommt einfach nicht raus, Doris, die kann nur Knollen eintreiben, sonst nichts! Aber Knollen eintreiben, das können die. Du, ich muss mal auf die Uhr gucken. Hab noch Pause, aber nicht mehr lang.
Jedenfalls, ich also dann Ordnungsamt angerufen. Und die sind auch gekommen, sechzehn Minuten später. Da hast du nur gehört: Mit dem kann man nicht umgehen, woll? Ja, vielen Dank, das hab ich auch schon gemerkt.
Die haben den dann weggeschickt. Eine Stunde, dann stand der wieder da. Wieder Krawall gemacht, wieder die Leute angeschrien. Unmöglich, Doris, unmöglich! Der macht da eine Riesenwelle. Ich sag ja, der tut mir auch leid.
Aber was das soll? Der steht mir direkt am Eingang! Ich so: Ist der von der Konkurrenz? Jetzt hab ich noch fünf Minuten. Dann muss ich wieder rein. Weiß nicht, was ich heute noch machen soll. Doris, mir ist ganz schwindlig!
Aber ja.
Aber ja.
Gibt immer zwei Seiten, woll?
Aber wenn vor deinem Laden einer ausrastet, über Stunden, da kriegst du es einfach mit der Angst.
Wir jedenfalls: Nochmal das Ordnungsamt. Und da geht keiner ran. Und wir: Wieder angerufen. Bescheid gesagt, Viertelstunde, kommt keiner. Und natürlich kommt auch sonst keiner mehr. Würd mich da auch nicht in die Nähe trauen.
Hab gedacht, nicht, dass der mir noch, ich weiß nicht, Doris, was ist mit den Leuten? Also wieder beim Ordnungsamt geklingelt. Kommt keiner, woll?
Nein.
Ich schwöre.
Ich. Schwöre. Es. Dir.
Doris! Die haben gesagt: keiner frei.
Wir schreiben jetzt einen Brief.
Wir schreiben einen Brief, der geht direkt an den Bürgermeister. Die Brigitte, die kennt sich da aus. Der geht ins Rathaus, bis ganz nach oben, und dann sehen wir mal. Hat die Brigitte gesagt. Und ich sag: Mir reichts für heute. Ich geh da nicht wieder rein. Doris, ich war gestern beim Arzt. Du weißt nie, wie lang das Leben noch geht. Schau dir die Jessica an. Der Jessica, der haben sie es letzte Woche einfach ins Gesicht gesagt. Was meinst du, wie sich ein Mensch da fühlt? Was meinst du, was da los war.
Ich hab morgen erstmal Friseur. Das ist auch nötig. Und dann sehen wir weiter. Da war nur noch ein Termin freu. Aber der geht ja in einer Stunde durch bei mir. Und wenn ich Montag wieder in den Laden komm, und wenn dann da immer noch der Typ ist, und wenn der dann immer noch schreit, dann weiß ich auch nicht, woll?
Ich mach jetzt Schluss.
Aber schnell, sonst guckt noch mein Chef.

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Die Kneipe

Ulli, pass auf, es ist so. 2019. Schon 2019 hab ich da manchmal mutterseelenallein am Tresen gesessen. Da kann ich mein Bier auch zuhause trinken. Setz ich mich vor den Spiegel, dann ist mehr los. Und billiger ist das auch.

Also komm mir nicht mit Corona. Corona haben alle gehabt. Aber da war schon vorher niemand, Ulli. Keine Sau. Und deshalb sag ich, der Lothar macht nicht mehr lang. Der macht nicht mehr lang, und das ist gut so. Der hat fertig, der Lothar. Weißt du, wie alt der ist? 60, 61, sowas. Und wenn die vergessen haben, dem in die Rentenkasse zu zahlen, was sie sehr wahrscheinlich vergessen haben: ein ganz armes Schwein. 

Naja, so ist das. Früher haben wir alle gedacht: Hallo, wir sind die Könige! Das ist halt vorbei. Aber Stammgäste nimmst du nicht aus, Ulli, dabei bleibt es. Die Stammgäste sind dein Kapital. Das hat der Lothar nie verstanden. Da hast du einmal dein Portemonnaie vergesssen, einmal schwach auf der Tasche, da ging der Hahn zu. Und deshalb ist da keiner mehr hin, mein Lieber. Corona, von wegen. 

Jetzt hat er es noch mit einer neuen Kellnerin versucht. Meint die, sie wär bildhübsch, hat sie selbst gesagt. Ich hab die ignoriert, mein Gott, es gibt schönere. Ist nicht meine Welle, sag ich zu meiner Frau. Ich sag: Zahl du bei der, und dann gehen wir. Und das haben wir gemacht. Und sind dann runter zu der neuen. Die gefällt mir ja nicht. Gar nicht gefällt die mir, schon das Interieur. Aber die nehmen für frisch Gezapftes einen Euro. Null vier! 

Klar, Ulli, klar. Das ist der Einstiegspreis. Aber so hab ich das auch bei der Gans erlebt, die waren ewig auf eins fuffzig. Die hatten da immer ein Dreißig-Liter-Fass. Und in zwei Stunden haben die locker zwölf Fässer durch. Dann hatten die mal die Brauerei gewechselt. Das ging auf eins siebzig, aber das hielt sich auch lange. Und jetzt sind sie auf zwei. Aber was krieg ich sonst für zwei? Nichts, Ulli, nichts! Ich will nur mein Bier trinken, in Remscheid. 

Und der Lothar, der versteht es einfach nicht. Der lässt ihn verkommen, den schönen Laden. Wirst sehen, am Ende steht der da, mit seiner Zicke von Kellnerin, und zählt aber die Penunze. Das wär früher nicht passiert. Als noch der eine die Kneipe gemacht hat, der eine mit dem Bart. Der, wo immer selbst noch die Leiter hoch ist. Weil oben der Fusel steht. 

Weißte doch selber, wie der heißt! Der ist jetzt in Günzburg. Günzburg, Ulli! So sind halt die Zeiten. Ich warte einfach darauf, dass der Lothar die Miete nicht mehr zusammenkriegt. Das ist bald soweit, und dann: Bing! Wechselt die Truppe. 

Der ist ja gar nicht Hauptpächter. Der Hauptpächter sitzt auf Malle. Ewig schon. Weiß aber keiner genaues. Ich war neulich auch da. Malle, mein ich. Geht ja jetzt wieder. Und was soll ich sagen! Weißt du selbst, Ulli, weißt du selbst. Die haben Kneipen. Schweden! Finnen! Deutsche! Iren! Holländer! Alle in einem Laden. Und was du sonst noch denken kannst. Pool. Billard. Dart. Wahnsinn. Nur essen kannst du da nicht. aber da musst du dich halt entscheiden. Ob du essen willst oder trinken, Ulli. Im Leben. 

Na. Wir wollen mal sehen, wie lange der Lothar es noch macht. Leid tut er mir schon, das geb ich zu. Aber ich hab’s ihm immer gesagt. Jetzt ist es zu spät. Jetzt kommt erstmal der Weihnachtsmarkt, mein Lieber. Und Weihnachtsmarkt, das ist ein Gemetzel, das weißt du. Da kommt keiner gut raus. 

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Zwischenruf: Schnipsel IV

Als Regionenschreiber ist man ja oft auf der Jagd. Nach DEM Satz, der wirklich etwas von der Umgebung erzählt, DEM Moment, in dem Menschen etwas offenbaren. Die Jagd macht müde. Deshalb setzt man sich. Und wenn man dann sitzt, ereignen sich Satz oder Moment manchmal völlig unvermittelt. Viel öfter noch ereignet sich gar nichts. Und am häufigsten ein Weder-Noch, das erstaunlich dringend aufgeschrieben sein will. Verstreute Notizen.
(Anm.: Auch eine liebgewonnene Gewohnheit vom letzten Mal; Schnipsel I & Schnipsel II, Schnipsel III)

Remscheid, Alleestraße. Die Dame, die sich vom Stuhl hievt, den Tisch umkurvt, ihren Rollator stehenlässt, die rüstig zum Eingang des Backshops wackelt und durch die Tür ruft: „Hallo! Chef! Eine Bestellung!“
„Selbstbedienung!“, kommt es von drinnen.
Die Dame prustet: „Nö, dafür bin ich zu alt.“

Remscheid, Theodor-Heuss-Platz. „Spielt ihr hier richtig Basketball oder nur just for fun?“ Der Mann quatscht die zwei Jungs an, die auf den Korb am Remscheider Löwen werfen. Das heißt, sie haben geworfen – bis die noch winzige Tochter des Mannes im pinken Anorak den Ball geschnappt hat und hinweggewetzt ist. Sie spielten schon richtig, sagen die Jungs unwohl und blicken ihrem Ball hinterher, den das Mädchen nun Richtung Allee-Center trägt. Ihre Mutter läuft ihr hinterher und versucht die Kleine sanft zu überreden, das fremde Spielgerät wieder herzugeben. „Welche Position?“, fragt der Mann die Jungs fachmännisch, „Ah, Point Guard, verstehe“, sagt er, „Ist gut, wie ihr das spielt“, sagt er, „sehr, sehr gut.“ Die Jungs nicken zunehmend unwohl, der eine dreht sich zum wiederholten Mal nach ihrem Ball um, als ein Schrei ertönt, gleich darauf die Tochter auf dem Arm der Mutter zurückkommt, die Mutter ruft: „Jetzt ist Alarm!“ Die Jungs wollen wissen, wo ihr Ball geblieben ist. „Na, vielleicht macht ihr mal Schluss für heute“, sagt der Mann, räuspert sich und geht im Stechschritt davon.

Remscheid, Peterstraße. Eine junge Frau versucht, einen Pekinesen zu bändigen. Das Tier springt an ihr hoch, schüttelt den Pelz, schnappt übermütig nach Frauchens Händen. Zwei Passanten bleiben stehen und finden den Hund putzig und süß. Die Frau fährt entnervt herum: „Mich können‘se auch mal anfeuern, danke!“

Remscheid, Carl-Friedrich-Straße. Zwei Schüler grinsen über das ganze Gesicht und zeigen dabei hervorragend justierte Zahnspangen. Der eine hält ihnen ein Handy vor die Gesichter, sie hören einer Stimme zu, ihr Grinsen wird immer breiter dabei. Das silberne Blitzen des eingespeichelten Metalls, bis der andere, er hat einen kiffenden Teddybär auf dem Pullover, die Handystimme schließlich auflachend unterbricht: „Klar, wahrscheinlich. Dann bin ich jetzt plötzlich so einer, der mit einer Zwei nicht mehr zufrieden ist?“

Remscheid, Gewerbeschulstraße. Zwei Schülerinnen, dick geschminkt, noch dicker angezogen, schlurfen der überraschend prallen Sonne entgegen. Der einen verläuft der Mascara: „Sind wir in zehn Minuten am Rathaus oder was meinst du?“ Die andere zieht an ihrem Seidenschal: „Keine Ahnung, in dem Tempo bleiben wir hier.“

Remscheid, Hindenburgstraße. Der glatzköpfige Mann mit verkniffenen Augen, der an der Bushaltestelle lehnt. Er lässt Bus um Bus um Bus vorbeiziehen, ohne sich auch nur umzudrehen. Das weiße Shirt platzt ihm fast über dem Bauch, er hat es trotzdem in die Hose gesteckt, Tätowierungen quellen aus den Ärmeln und dem Halsausschnitt. Sein Gesicht ist rot, und als die Kellnerin des nahen Cafés aus der Tür kommt, durchzuckt es ihn plötzlich: „Ey, ey, ey!“ Er brüllt, er zeigt auf die Teller, er zeigt auf die Kinder, die die Teller bekommen, alle starren ihn an, er sagt leiser: „Lecker Waffeln.“

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Der Glaube

Wenn ich‘s doch sage. Fang du nicht auch noch an. Das geht so schnell heutzutage. Dass du in der Ecke stehst. Mit Twitter und allem. Das heißt gleich: Querdenker. Dabei hab ich mit denen nichts, gar nichts mit denen am Hut. 

Ich hab auch keinen Hut, das ist die andere Sache. Aber ich hab Augen im Kopf. Und ich sag dir jetzt: Das Virus. Das ist sowas von real! Ich brauch da auch keine Experten mehr für. Bin zweimal geimpft, und warte jetzt auf die dritte. 

Und deshalb glaub mir mal, dass ich viel bin. Aber keiner von den Spinnern. Weil, das denken die jetzt bei der Stadt. Weil, ist auch bequemer. Ist klar. Weil, wenn die mir glauben würden? Die müssten das ganze Ufer zusperren. 

Das mach jetzt ich. Also, wenn ich Zeit hab. Das geht jetzt aber nicht so schnell. Ist erst mal anderes zu tun. Wir müssen die Leute alarmieren, verstehst du? In der Wupper schwimmt ein Krokodil. 

Was weiß denn ich, wo das herkommt! Gibt doch Verrückte genug. Ich sag ja, das ist aus dem Zoo entwischt. Irgendwann bei dem Hochwasser vielleicht. Und jetzt wills keiner gewesen sein. Aber vielleicht ist es auch privat. 

Also, dass das von privat kommt. Weil es jemand gehalten hat. In der Badewanne, keine Ahnung. Und dann entkommt so ein Tier. Und dann sagst du ja auch nicht, verzeihung, haben sie mein Krokodil gesehen?

Aber ich hab‘s gesehen, na hör mal. Bin ich blind, oder was! Acht Tage ist das jetzt her. Seit acht Tagen dreht das Viech hier frei. Oder länger. Ich hab‘s untersucht. Siehst du das Häufchen? Da vorne?

Das ist kein gewöhnliches, glaub mir. Hund oder Katze sieht anders aus. Und daran kannst du‘s natürlich bemessen. Ich sag dir lieber nicht genau, wie. Hat was mit der Konsistenz zu tun. Bei Kuhfladen weißte ja auch: Sind sie ganz trocken, ist die Herde schon etwas länger vorbei. Und dieser staubtrockene Klumpen? Das ist Krokokot. 

Jetzt schau nicht so. Der ist nicht gefährlich. Gefährlich ist nur das Tier selbst! Da brauchst du Glück, das hab ich dem Wanni auch gesagt. Ich sag: Wanni, was hatten wir ein Schwein! Aber der Wanni wieder, weißte? Wir waren doch besoffen, und so. Ich sag, klar, sag ich, nicht mehr ganz nüchtern, und dunkel war es auch! Ist halt so, in der Nacht. Das heißt aber ja nicht, dass da kein Krokodil war! Ich glaub, der Wanni hat immer noch Angst. 

Wir nämlich: Da hinten, da hinten am Ufer gesessen. Und gib ihm, natürlich, aber moderat. Und dann hören wir so Fische. Das ist ja schon selten, dass man hier Fische hört. Eigentlich gibt‘s das gar nicht, aber so kleine Fische, so bisschen plitsch, plitsch, plitsch, platsch. Und dann auf einmal, flapp! Ein richtiger Schlag. Sind wir ganz nass geworden von. Dabei saßen wir gar nicht so nah. 

Da muss was richtig großes einmal raus sein und dann wieder rein. In die Wupper. Ich sag: Wanni, pass auf! Und dann seh ich die Zähne, ich seh den Schwanz und diese schuppige Haut. Und kleine Augen, so an den Seiten. Die blitzen! Ich bild mir das ja nicht ein. 

Acht Tage, wie gesagt. Und ich jetzt der einzige, der aufpasst. Ich hab den Fluss im Auge, aber das Vieh ist nicht noch einmal hochgeschwommen. Das ist natürlich clever. Das weiß jetzt Bescheid. Das sind ja Jäger, da, wo die herkommen. Im Nil und so. 

Aber ich bin auch clever. Ich halt die Leute vom Ufer fern. Ja, wer denn sonst? Nur bei den Kindern ist es schwierig. Da mach ich dann oft einen auf, du weißt schon. Bisschen Stulle, bisschen ballaballa. Und renn so auf die zu. Dann sind die Eltern gleich da, kannste mal sehen, zack zack. Da muss man sich nämlich eigentlich gar keine Sorgen machen. 

Und wegen dem Kroko auch nicht. Ich hab da nämlich einen Plan. Weil, wenn sonst keiner was tut? Dann muss ich Fakten schaffen. Ich sag dir, was ich mache, siehst du die Brücke, da? Da häng ich ein Hühnchen runter. Einfach so, an der Schnur. Keinen Broiler, noch roh. So eins aus dem Supermarkt. Weil, wenn das Krokodil Fisch mag? Dann kann das dem Hühnchen nicht widerstehen. 

Und dann schnappt es zu. 

Und dann sehen das alle. 

Und wenn nicht, muss ich es nachts wieder abhängen, klar.

Aber ich weiß schon, was du jetzt denkst. Nämlich, das ist ja ein schlauer Plan. Und jetzt will der Typ sicher gleich Geld von mir, für das Hühnchen. Aber nee, nee, nee, glaub mir mal. Das Geld für das Hühnchen hab ich schon. Hab ich schon längst. 

Ich brauch Geld für Kippen. Haste was?

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Das Gespräch

„Okay, okay, pass auf. Als wir raus sind. Was glaubst du, was die wollten?“

„Ne. Ne! Ich will‘s nicht wissen, oder?“

„Die Küche.“ 

„Hä?“

„Die wollten die Küche.“ 

„Was haben die die Küche zu wollen?“

„Na, zahlen sollten wir die. Das haben sie gesagt. Die haben gesagt, wenn wir keine neue Küche einbauen …“

„Dann?“

„Dann nix mit Kaution. Und verklagen auch noch. Und Gedöns.“

„Gedöns!“

„Und dass da immer mit Küche ist. Das ist ja nicht umsonst so. Weil, weißte Bescheid. Ich sag nur: Mietpreisbremse. Da sind das Füchse! Wenn du mal den Klempner brauchst? Du wartest Monate. Aber bei solchen Sachen, da sind sie fix!“

„Ist ein Skandal. Und was habt ihr gemacht?“

„Hör mal. Du kennst unsere Küchen.“ 

„Ich wollt grad sagen: Ist doch im ganzen Haus dasselbe Ding.“

„Eben, ich muss dir nichts erzählen. Einbauküche. Billigstes Zeug. Sechziger Jahre. Fiel praktisch schon auseinander, als wir eingezogen sind. Und wir haben da immerhin zwölf Jahre gewohnt.“

„Wir sind erst elf drin.“

„Seht zu, dass ihr rauskommt. Weil, eins kann ich dir sagen: Wir haben unsere gepflegt. Was glaubst du! Jede Schranktür in dem Teil hab ich einmal neu verschraubt. Und zwar mindestens. Und vor dem Auszug sind wir nochmal drüber mit der Politur. Blitz und blank war das. Der ganze Laden. Besser in Schuss, als wir den gekriegt haben.“

„Da wird dir anders.“

„Das kann ich dir flüstern, mein Lieber. Ich mein, ich fang ja gar nicht erst von den Rohren an. Die Rohre, das hattet ihr doch auch?“

„Das will ich auch nicht wissen, oder?“

„Die sind uralt! Ich hab nen Kumpel von nem Kumpel. Der kennt sich aus, der hat sich das mal angeschaut. Und halt dich fest: So alte Rohre, das ist sogar illegal.“

„Ne. Ne!“

„Wenn ich‘s dir sage. Da kannste ne Bleivergiftung kriegen von. Hilft nur eins, Wand aufmachen und raus damit. Im ganzen Gebäude. Und dann gib ihm, Sanierung und alles. Das hab ich auch sofort gemeldet. Aber glaubst du, da ist jemals irgendwas passiert?“

„Hör ich zum ersten Mal.“

„Sag ich ja. Das sind Verbrecher. Was hab ich mich bucklig geschleppt mit den Wasserkästen. Ich mein, das trinken ja sonst meine Kinder, das Zeug. Das war der Anfang vom Ende.“

„Glaub ich gern. Glaub ich gern.“ 

„Nicht glauben sollst du, machen! Macht euch weg da, sofort. Das ist doch alles nur vom Eisberg die Spitze. Und jedes Jahr haben die noch ihre Erhöhung durchgepeitscht!“

„Mit der Miete?“

„Ja, aber hallo, mit der Miete! Das Maximum raus, gnadenlos. Wahrscheinlich hättest du die in Grund und Boden klagen können, aber ne, ich tu mir das nicht an. Ich bin einfach nur froh, dass wir weg sind.“

„Krass.“

„Bei euch nicht?“

„Was?“

„Na, Mieterhöhung?“

„Das? Nicht so direkt.“

„Nicht direkt? Was redest du!“

„Ich zahle noch den Einzugspreis.“

„Jetzt komm. Hast du auf Harzer gemacht, bei denen?“

„Ne. Ich hab mir mal einen geschnappt.“

„Du siehst mich sprachlos.“

„Und dann war Ruhe.“

„Was hast du denn mit dem gemacht?“

„Naja, du kennst mich.“

„Ich glaube nicht!“

„Wir hatten ein Gespräch gehabt.“

„Mein lieber Mann.“

„Nur ein kleines. Aber wo ich das jetzt mit den Rohren höre?“

„Vielleicht habt ihr ja bald noch eins.“

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Die Charly

Komm, wir gehen weiter. Na komm, wir gehen weiter. Was? Nee. Die ist schon elf. Und so neugierig ist die sonst gar nicht. Im Gegenteil. An der ist eine Katze verloren gegangen. Die wanzt sich in einen Kratzbaum und rührt sich nicht mehr. Macht die stundenlang. Wir haben noch einen, weil meine Mutter eine Katze hatte. Und ich kann ja nichts wegschmeißen. Mein Mann sagt immer, was soll das denn. Aber der schmeißt doch auch nichts weg. 

Die Charly, jedenfalls. Ich bin ja froh, dass ich die überhaupt noch aus dem Haus krieg. Da brauchst du gar nicht so tun, Charlymaus! Am liebsten liegt die sonst. Auf ihrem Stinkekissen nämlich. Das darf man nicht waschen. Nicht mal anfassen darf man das. Ja, stimmt’s? Ja, stimmt’s vielleicht nicht?

Hundedemenz. Und grauen Star. Und Brustkrebs hat sie auch noch. Aber der Arzt sagt, da stirbt sie uns vorher schon weg. Also, ehe es an dem Krebs liegt. Ja, ist einfach wahr. Ach, Charlymaus. Jetzt tut sie wieder so. Als wär sie noch ein junger Hüpfer. Das macht die nur für die Aufmerksamkeit. Also, Ihre. Meine hat sie ja. 

Wir haben schon was mitgemacht, mit ihr. Letztes Jahr der Darm. Und das bei der Rasse. Da war was los. Aber ich will nicht meckern. Waren geile elf Jahre. Nicht schöne, geile! Komm, Charly, wir müssen jetzt los. 

So eine gibt’s nicht nochmal, wissen Sie? Das ist die Sache. Gibt einfach keine mehr wie sie. Und da sag ich noch zu meinem Mann. Ich sag: Wenn die Charly geht, da könnt ich gleich mitkommen. Und mein Mann sagt: Red keinen Quatsch. Und ich sag: Wozu bleib ich denn noch. Und mein Mann sagt: Was ist mit mir. Und ich sag: Wozu bleibst du denn noch. Und dann sagt mein Mann auch nichts mehr. 

Aber das machen wir natürlich nicht, Charlymaus. Oder? Oder? Das machen wir nicht. Wir lassen den Mann jetzt mal in Ruhe. Der hat sicher noch was zu tun. Na, komm! Jetzt komm aber mal! Also ehrlich. Das macht sie sonst nie. 

Ich mein, schon klar, ich bin auch nicht mehr die jüngste. Aber Sie kennen das ja? Hundejahre nimmt man mal sieben. Dann bist du bald achtundachtzig jetzt! Da kann man schon mal ein bisschen hinken. Ich hab mich da nie drum gekümmert, nie. Hab immer geraucht, immer gefeiert. Das Leben ist doch zum Leben da. Nur rauchen geht jetzt nicht mehr, hat der Arzt gesagt. Aber leben, leben geht trotzdem noch. 

Deshalb darfst du mich nicht alleinlassen, hörst du? Jetzt aber, Charlymaus. Oder willst du nicht? Willst du nicht weiter? Ich will doch auch nicht, weißt du doch? Na komm. Wir drehen jetzt einfach um. 

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