Interview 9 – Struktur und Chaos

Ich interviewe L. auf dem Spielplatz. Es ist warm, an diesem vorletzten Tag im Mai, aber eigentlich zu kalt zum Baden. L.s 4-jährige Tochter will trotzdem ins Wasser. Als sie herauskommt, bibert sie. Mama zieht ihr schnell die letzten trockenen Klamotten an. Wie das so ist, wenn man mit Eltern unterwegs ist, haben wir alles dabei, Klamotten für zwei oder drei Mal umziehen. Ich bin beeindruckt. Ich selbst habe nur meine Schreibmaschine dabei. Mit der haben wir zum Glück die letzte Parkbank ergattert. Die Maschine vor mir auf dem stabigen Holz, mich irgendwie schräg dahintergequetsch, stelle ich L. Fragen zu ihrem Alltag. Ab und zu halten wir Ausschau nach Mann und Tochter. Der Spielplatz ist knallvoll, trotz Corona, die Kinder toben wild durcheinander.

L. beschreibt ihren Alltag mit Struktur und Chaos, „wie das halt mit Kind so ist. Gibt immer was zu tun“. Sie wünscht sich „Bisschen weniger arbeiten, bisschen mehr Freizeit, aber nicht nur weniger arbeiten, sondern auch Zeit für mich, was mit Kind halt oft zu kurz kommt“.

Irgendwann kommt Felia angesprungen. Die letzten 5 Buchstaben des Interviews tippt sie selbst. Das Wichtigste kommt eben immer zum Schluss.

 

 

 

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Interview 8 – ich bin wie ein Chamäleon

L. treffe ich bei strahlendem Sonnenschein. Das passt zu ihr. Wir lachen viel. Und sie erzählt, dass der Ort ihres Alltags ihr Balkon ist, weil so schön die Morgensonne darauf fällt, wenn sie ihren Tag mit einem Kaffee beginnt.

Doch nicht alles ist sonnig. Ich frage sie, wie sie ihren Alltag beschreiben würde und sie sagt: „Heute bin ich aufgewacht und dachte so: Ich stecke fest.“ Als Kind und Jugendliche war sie introviertiert, hat ihren Alltag in der Bücherei verbracht. Als sie nach dem Abitur ins Ausland ging, neue Freunde und Kulturen kennenlernte, fand sie das, was sie in ihrer Heimatstadt nicht hatte. Lernte, sich wohlzufühlen, „auch wenn man zwischen seinen zwei Kulturen steckt“.

L. sagt: „Ich habe so viele unterschiedliche Projekte gemacht, ich hab das Gefühl, ich bin wie ein Chamäleon, das sich verwandelt. Mir ist es wichtig, dass ich immer wieder über meine Grenzen, über meine Schatten springe. Ich selbst bin. Und niemand anders. Das ist für mich dann meine Kunst. Ich habe versucht, mich zu verstellen und das geht nicht.“

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Interview 7 – meine Muttersprache ist Körpersprache

Das Interview mit V. fand an diesem Tisch statt. Sonst sitzt V. selten. Er würde seinen Alltag mit bewegen, umsehen, schlafen beschreiben. V. ist Tänzer – und arbeitet permanent an sich selbst, sein Alltag sei nicht nur die Bewegung, sondern auch die Planung, also: wie ich mich am effektivsten und effizientesten fortbilde, vorankomme. Er sei ehrgeizig und pingelig. Er lacht. Trotz der ganzen Anstrengung, der Energie, der Gedanken, die ins Tanzen fließen, kann er als einer der wenigen sagen: „also mein idealer Traumalltag ist eigentlich gar nicht so weit entfernt von meinem jetzigen.

 

 

 

 

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Interview 6 – in Germany I think it would not happen to me

Y. hat zwar einen Totenkopf auf seinem Oberarm, der aber trägt eine Blume im Mund. Genau wie Y. Alles, was er sagt, ist ruhig, reflektiert, wertschätzend. Y. lebt seit zwei Jahren in Deutschland. Seine Mutter kam vor sechs, aus Brasilien. Er lebt bei ihr, aber langfristig möchte er eigenständig sein. Unabhängig. An Deutschland schätzt er, dass sich niemand über ihn, seine Sexualität oder seine Kleidung lustig macht. Wobei, da war mal etwas, am Bahnhof…

 

 

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Interview 5 – das sind die Phasen wo ich am glücklichsten bin

Auch N. interviewe ich in der WG-Küche. Er ist auf Besuch. Wieder einmal ein Mitbewohner auf Zeit. Trotzdem schaffen wir es, uns kurz vor seiner Abreise noch einmal mit der Schreibmaschine hinzusetzen und uns zu unterhalten – über den Gegensatz zwischen Reproduktion und einer Erschaffung aus dem Nichts, über Leistungsdruck, Opportunismus und Höflichkeit, über den Wert von freier Zeit und darüber, wann N. am glücklichsten ist.

 

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Interview 4 – man darf den Masterplan nicht aus den Augen verlieren

Mit A. spreche ich in der WG-Küche. Er ist für 3 Tage mein Mitbewohner auf Zeit. A. sagt, wie ich finde, ziemlich kluge Sachen über Schaffenskrisen, Schreibblockaden, Dorfhochzeiten und den Masterplan. Wem das zu anstrengend ist: Es geht auch um Essen und Katzen.

 

 

 

 

A. kommt aus der gleichen Gegend wie ich und wünscht mir zum Abschied eine schöne Kirschblütenzeit am Bodensee. Fast immer, wenn ich danach an blühenden Kirchblüten vorbei gekommen, musste ich an seine Worte denken.

 

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