So hell, so wunderbar hell

Die Straße, in der Siedlung, auf dem Hügel, ist abgedunkelt. Das ist sie meistens. Nur vereinzelt stehen Straßenlaternen an der Seite. Ab und zu löst ein Bewegungsmelder aus und ein Haustüreingang wird flutlichthell angestrahlt. Vielleicht huscht eine Katze vorbei und wechselt die Straßenseite. Dann erlischt das Licht und alles ist wieder dunkel. 

In dieser Straße, in einem Haus, in einem Zimmer, ausgestattet mit Bett, Schreibtisch und Kleiderschrank, wohnt ein Kind. Es ist ein gewöhnliches Kind, würden die meisten sagen. In der Schule ist es den größten Teil der Zeit nicht auffällig. In der Schule hebt es zwar nur selten den Arm, das Lehrpersonal nimmt das aber so hin. Das Kind hat leider einen extrem weiten Weg zur Schule, weshalb es manchmal, unter Umständen, vorkommen kann, dass es diesen Weg, an dem ein oder anderen Tag, nicht auf sich nimmt. Das ist verständlich. 

Das Kind sagt: „Heute ist nicht der für mich geeignetste Tag, um diesen höllischen Weg zu meistern.“ Stattdessen nimmt das Kind eine Whatsapp-Sprachnachricht an die Mutter auf, denn der Vater ist nämlich, wie so oft, schon weg.

Der Inhalt der Nachricht lautet: „Hallo Mama, ich kann heute nicht in die Schule. Mir geht es wirklich nicht so gut. Ich bleibe zu Hause im Bett. Mach dir keine Sorgen.“ Das Ende der Nachricht wird von starkem Husten begleitet, um die Situation des Kindes akustisch zu verdeutlichen. 

Das Kind, das in dieser Straße, in einem Haus, in einem Zimmer, ausgestattet mit ockerfarbenem Teppichboden, einem bequemen Stuhl und einem Computer wohnt, ist ein absolut tolles Kind, würde die Mutter sagen. Der Vater hingegen schweigt. Es ist kein Kind aus einem Bilderbuch, das nicht, aber es ist ein Kind, das seinesgleichen sucht. Sagen wir, das Kind ist vielleicht doch nicht so gewöhnlich, wie zunächst angenommen. Das Kind ist ein Zeitreisender. Das Kind kann nicht nur die Zeit verlassen, es kann ohne Probleme den Ort wechseln. Das Kind ist gut ausgerüstet. Es ist flink und flexibel. Es ist ansprechbar und bereit. Das Kind hat natürlich auch einen Namen, es nennt sich selbst aber nur: rox95.

Das Kind versinkt im bequemsten aller Stühle, es lässt sich fallen und gehen. Mittlerweile kennt es keine Uhrzeiten mehr. Es fällt dem Kind teilweise sogar schwer, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden, denn das Lieblingsfeature im Zimmer des Kindes sind die Rollladen. Keine billigen Vorhänge oder durchsichtige Rollos. Echte abdunkelnde Rollladen. Das Kind liebt die Rollladen. Natürlich nur dann, wenn sie unten sind. Nicht, dass das Kind damit einen Lärm von draußen unterbinden würde, denn in der Straße, in der Siedlung, auf dem Hügel, ist es tagsüber und auch nachts extrem still.

Früher war das Kind im Sportverein. Es mochte gerne Schwimmen. Irgendwann wurde die Schwimmhalle geschlossen und seitdem steht, in der Ecke des Zimmers, eine kleine Tasche mit Badehose, Handtuch und Schwimmbrille. Das Kind hat nicht versucht ein neues Wasserbecken zu finden, denn jedesmal, wenn es in den Überlandbus steigen muss, wird ihm übel. Deshalb hat das Kind beschlossen, von dem Moment an, mehr Zeit auf dem bequemen Stuhl zu verbringen. Es war sicher kein einfacher Entschluss und eher aus der Not heraus geboren als eine wirklich bewusste Entscheidung. Das Kind sitzt nun Tag und Nacht auf dem Stuhl und es ist wirklich froh, dass es das Zimmer von innen heraus verschließen kann. Das ist fast so gut wie die Rollladen. 

Die Mutter kocht gerne für das Kind. Hühnerfrikassee oder Kartoffelbrei. Beides mag das Kind wirklich gerne. Es isst nur unregelmäßig, mal sehr wenig und in der Nacht dann schleicht es sich zum Vorratsschrank und stibitzt zwei, drei Packungen Essbares. Es ist auf leisen Füßen unterwegs und mit der Beute am Schreibtisch angekommen, klemmt es sich wieder die Kopfhörer über die Ohren. Es freut sich wirklich ungemein in diesem Raum zu sitzen. 

Das Kind ist, Tag wie Nacht, unterwegs. Es läuft, springt, fliegt, fährt, hüpft, rennt, versteckt sich, geht in Deckung. Die Hände sind dem Kind heilig. Ohne sie wäre es nichts. Ohne sie könnte das Kind nichts. Ohne sie wäre alles für die Katz. Das Kind ist wirklich fixiert. Wenn die Mutter anklopft, sagt das Kind durch die geschlossene Zimmertür: „Nicht jetzt Mama. Stör mich nicht. Ich bin gerade beschäftigt. Lass uns später reden.“ Manchmal werden die Wörter kürzer und die Stimme lauter. Die Mutter hat dabei ein ungutes Gefühl den Nachbarn gegenüber, deshalb unterlässt sie weitere Versuche der Kontaktaufnahme. Zum Glück klopft der Vater niemals an die Zimmertür. 

Das Kind kennt viele Leute und es unterhält sich sehr gerne. Das Kind erzählt nicht von den Tagen in der Schule, denn dort wo das Kind ist, ist es viel schöner. Es hört auch zu und antwortet ins Mikrophon hinein. Manchmal spricht es auch nur vor sich hin und die anderen hören zu. Es ist ein Austausch auf Augenhöhe. Das Kind sagt, es kennt keine Langeweile, denn dort, wo das Kind ist, gibt es immer was zu entdecken.

Das Kind liebt seinen Bildschirm und alles, was damit zusammenhängt. Nur manchmal scheint es technische Probleme zu geben. Einen Wackelkontakt, ein defektes Kabel oder ein Fehler im System. Das passiert zum Glück nur selten, aber es kommt vor. Das Kind ist dann erstmal völlig irritiert und handlungsunfähig. Es muss atmen und versuchen sich zu beruhigen. Es ist eine vollkommen schreckliche Situation. 

Es geht der Reihe nach alle möglichen Fehlerquellen durch. Es kriecht sogar auf dem Boden herum, um an die versteckten Kabel zu kommen. Es gibt sich größte Mühe die Funktionsfähigkeit wiederherzustellen. Das Kind ist drauf und dran das Problem zu beheben. Zwischendurch stößt es ein paar Schreie hervor. Es ist fast beängstigend, wie laut das Kind dabei ist. Mit Schweißperlen an Kopf und Hand übersät, gibt das Kind auf. Zwei, drei feste Schläge gegen den Bildschirmen und im Zimmer wird es mucksmäuschenstill.

Das Kind zieht entrüstet die Schuhe an und knallt die Wohnungstür hinter sich zu. Es stapft wortlos durch die Straße. Die Mutter ist noch nicht wieder da und der Vater natürlich auch nicht. So kann das Kind unbeobachtet die Straße verlassen. Das Kind streift durch die Siedlung. Es weiß nicht, was es machen soll. Hier und da wehen ein paar Vorhänge in den Fenstern. Es läuft vorbei an dem Sportplatz, der nur noch in ungeraden Kalenderwochen montags und donnerstags von 17.30 Uhr bis 19.45 Uhr geöffnet hat, vorbei an dem Spielplatz mit dem eingezäunten Klettergerüst, vorbei an dem Friedhof mit den offenen Grabstellen. Das Kind dreht seine Runde in der Siedlung. 

„Diese Stadt ist als Map eine Katastrophe“, sagt das Kind und verlässt die Siedlung. Runter vom Hügel und rauf auf den nächsten. Dem Kind schmerzt es schon ein wenig in den Beinen, so lange hat es sich nicht mehr richtig bewegt. Aber dem Kind ist das egal. Es muss weiter und es muss fort. Das Kind ist ab jetzt auf einer Quest. Es schnappt sich einen Stock vom Wegesrand und unterstützt damit seinen Gang.

Die Luft ist anders an diesem Tag. Vom Hügel herab kann das Kind auf die Stadt schauen, auf die drei, vier, fünf oder sechs brachliegenden Industrieanlagen, auf die Bundesstraße und den Fluss. Das Kind hat mit dieser Stadt rein gar nichts am Hut. Es dreht sich um, verlässt den Weg und klettert eine Böschung hinauf. Dort ist es sicher, von dort kann es weitergehen. 

Das Kind kraxelt durchs Unterholz. Endlich kann es alle antrainierten Skills anwenden. Die Tagesmission ist klar: bloß niemandem begegnen, bloß keine falschen Fährten legen, unerkannt bleiben. Nach etlichen Steigungen kommt das Kind zu einer Wanderhütte. Es setzt sich für einen Moment hin. Luft holen, Ruhe bewahren. Neben dem Mülleimer findet das Kind ein Feuerzeug. Drei, vier Mal muss es am Rädchen drehen, bis ein Funke entspringt. „So“, denkt sich das Kind. 

Es schließt die Hand fest um das Feuerzeug. Ein Item, das noch gefehlt hat. 

Der Wald ist trocken, obwohl noch nicht einmal Hochsommer ist. Der Wald ist fast das Schönste hier. Der Wald stirbt, denkt auch das Kind. Der Wald ist eigentlich schon tot. Was soll schon passieren. Das Kind dreht und dreht weiter am Rädchen. Es dreht und dreht. Es dreht mit aller Kraft, die es hat. Es dreht immer weiter und weiter und wartet bis zur Dämmerung. Das Kind will eigentlich nichts böses, aber das Kind will auch nichts zurücklassen. Das Kind will, dass es einmal in der Nacht richtig hell ist. 

Mehr von Tobias Siebert

Traum von einem leeren Objekt

Mitten in der Stadt, die seit Jahren schrumpft, steht ein Center. Zwischen leergeräumten Kneipen und geschlossen Geschäften. Das Center steht einfach dort und verwaist. Es ist massiv und trägt den Namen Stapel-Center. Ich denke: „Wir sind doch nicht in LA.“ 

Die Konturen des abgekratzten toom-Schriftzugs sind noch zu erkennen. Ich drücke meine Nase gegen die Schiebetür. Das Gebäude scheint verwinkelt zu sein. Um die Dachkante sehen zu können, muss ich meinen Kopf ganz in den Nacken werfen. Ich laufe um das Center herum. Es gibt einen Seiteneingang mit Blick auf die Rolltreppe und einen großen Hintereingang mit Ladefläche und Parkplatz.

Das Center hat seit 2018 einen neuen Investor, der Leben in die Sache bringen will. Vier Jahre sind genug Zeit das auszuprobieren, deshalb versuche ich mit meinen Händen die Schiebetür aufzudrücken. Nichts. Ich setze nochmal an. Keine Chance. 

Aber: nehmen wir mal an, es wäre unser Einkaufscenter. Wir würden uns natürlich zunächst erst einmal Gedanken über einen neuen Namen machen. Wir würden die elektronischen Überwachungssysteme am Eingang abschaffen. Wir würden sagen: „Entschuldigen Sie, aber hier wird es nichts zu kaufen geben.“ Wir würden bunte Fähnchen in den Wind hängen, auf denen geschrieben stände: „WIEDERERÖFFNUNG JETZT BALD!“

Die Türen wären natürlich schon in der Umbauphase offen. Wir würden im Erdgeschoss beginnen. Es gäbe große Räume und viele Sitzmöglichkeiten, eine offene Küche und einen Kühlschrank mit Getränken. Wir würden uns erstmal eine kalte Limonade aufmachen, uns zusammensetzen und unsere Vorstellungen in den Raum werfen. Wir müssten erstmal reden. Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Wir würden die Pros und Cons abwägen und uns zwischendurch lautstark unterhalten. Wir wären kurz davor, die Liste zusammenzuknüllen und einfach drauf los zu starten, weil wir denken würden: „Was soll schon passieren?“

Wir würden außerdem einen Brief an die Investorenfirma schreiben:

Sehr geehrte Geschäftsleitung,

vielen Dank, dass Sie sich die Mühe gemacht haben das ehemalige Stapel-Center (neuer Name folgt noch) zu kaufen und mit in Ihren Businessplan aufzunehmen. Wahrscheinlich haben Sie seit 2018 noch andere Dinge auf Ihrer Liste, weshalb Sie sicherlich noch nicht dazu gekommen sind sichtbare Maßnahmen umzusetzen. Das ist schade. Aber machen Sie sich keinen Kopf. Wir übernehmen ab hier.

Liebe Grüße und besten Dank!

Wir würden den Brief bei der Post nebenan abgeben und sagen: „Porto zahlt der Empfänger.“

Zurück im Gebäude würden wir uns entschließen, eine unvollständige Liste mit wichtigen Utensilien anzufertigen. Wir beginnen natürlich mit dem spaßigen Teil:

  1.  Fette Anlage
  2.  Cooles Licht
  3.  Nebelmaschine

Wir würden aber schnell feststellen, dass das nicht alles ist. Wir würden sagen: „Es gibt so unglaublich viel Platz hier.“ Also würden wir eine Liste mit Räumen anfertigen, die entstehen sollen:

  1. Raum für expressive Selbsterfahrung
  2. Raum fürs Schweigen
  3. Der Raum als Werkstatt
  4. Raum zum morgendlichen Wutentladung

Wir würden die Liste fortlaufend ergänzen und natürlich würden wir uns dagegen wehren, dass das Objekt zu einem feuchten Hippietraum verkommt, denn dafür sind wir nicht angetreten. Aber selbst für sie wäre Platz da. Und wenn jemand einwerfen würde, dass es sicherlich Probleme mit der Bauaufsichtsbehörde geben würde, wäre uns das egal, denn wir glauben nicht an Baugenehmigungen. Wir würden sagen: „Das sind nur Paragrafen. Das wird schon gehen so.“ 

Natürlich müssten wir uns zu einem gewissen Zeitpunkt darüber Gedanken machen, wer für die Anschaffungen aufkommen soll. Wir würden damit argumentieren, dass wir natürlich mit der Idee eine extreme Aufwertung für die gesamte Umgebung darstellen, dass wir im Gegensatz zu dem Investor wirklich Leben in die Bude bringen. Jemand würde dann sagen: „Das besprechen wir morgen. Jetzt gibt’s erstmal Bier.“

Und so würde es dann auch kommen. Es würde Bier getrunken werden, es würde Musik über eine viel zu kleine Bluetooth-Box mitten in dem ehemaligen Supermarkt laufen. Zum Beispiel dieser Song hier: Walking on A Dream – Empire of the Sun

Im Morgengrauen würde sich die Gruppe dann trennen. Es würde noch ein bisschen auf den leeren Straßen herumgeschrien werden und am nächsten Morgen würde jemand in die Gruppe schreiben: „Wann denn heute? Bin ganz schön platt.“ 

Mehr von Tobias Siebert

Das Haus und seine drei MMM

Der folgende Text „Das Haus und seine drei MMM“ ist von Lene B. und im Rahmen des Literaturateliers Südwestfalen entstanden.

Aus einer Regionsschreiberin werden viele, und dazu noch Geheimnisse über Häuser und ihre Bewohner verraten!

Häuser sind wie Lebewesen, nur aus Stein, von Menschen erschaffen: Die Fenster sind Augen, die alles beobachten, die Türen sind Münder, die verschlingen und wieder ausspucken und dass Wände Ohren haben, ist hinlänglich bekannt. Außerdem haben Häuser ein Gedächtnis, das sich entweder im Keller, auf dem Dachboden oder im Schuppen befindet. Leider spucken die Münder keine Worte aus und das Gedächtnis ist oftmals von den Bewohnern geplündert, was aber bleibt, das ist die Aura. Ich bin überzeugt davon, dass Häuser ein Karma haben, ein gutes oder ein schlechtes, je nachdem, was sie so gesehen, gehört und gefressen haben. Und eine Aura, je älter das Haus ist, desto geheimnisvoller. Standardisierte glatte, saubere Neubauten, eher ein paradoxes Zeugnis unseres zeitgenössischen Individualismus, müssen sich ihre Aura erst noch erarbeiten. Wir wohnen in einer etwas älteren Villa. Villen und schöne Häuser aus der Zeit der Jahrhundertwende gibt es viele in dieser Stadt – der Zweite Weltkrieg hat sie unversehrt gelassen und mit Ausnahme von Häusern, die durch Modernisierungswahn oder Zerfall zerstört oder entstellt wurden, ist der alte Baubestand fast durchgehend vertreten. Es gibt prachtvolle Unternehmervillen und hübsche Jugendstil-Bürgerhäuser. Aber dieses Haus ist weder das eine noch das andere, es ist definitiv anders und wir haben tatsächlich schon viele Villen und alte Häuser jedweder Sorte von innen und außen gesehen. Der Stil ist eine Mischung zwischen dem damals modernen Heimatschutzstil, traditioneller Villenarchitektur, außen und innen sichtbare Anklänge an die Idee der Reformpädagogik und die Schlichtheit des Bauhauses.

Außerdem steht das Haus nicht, es residiert, wie es sich für ein Haus mit einer äußerst ehrwürdigen Anschrift, gehört. Damals, zur Zeit seiner Erbauung war es bezogen auf die Straße tatsächlich das allererste Haus am Platz. Errichtet auf einer der höchsten Erhebungen des damaligen Stadtgebiets, etwas außerhalb an einer frisch gekürten Lindenallee, die zu einem kurz vorher errichteten Denkmal führte. Dadurch hatte das Haus einen nahezu unverstellten Blick auf die Innenstadt, wäre dies heute noch der Fall, so könnte das Haus mit beinah allen Türmen des Ortes Blickkontakt halten. Heute müsste sich das Haus etwas verbiegen oder einen Schritt beiseitetreten, was es aber nicht kann, da sein Fundament fest in der Erde verankert ist. Hoffentlich. Umgekehrt ist das Türmchen mit dem kupfernen Turmhelm, das sich an das Haus schmiegt, von etlichen unbebauten und unbewaldeten Punkten der Stadt aus sichtbar, vor allem wenn die Sonne scheint und die Zinnhaube, die roten Dachziegeln und die frisch gestrichene, in einem hellen Muskatton gehaltene Hauswand leuchten lässt. Und das Haus lässt sich gerne und lange von der Sonne bescheinen: Morgens wärmt die aufgehende Sonne das Portal und die vordere Fassade, um einmal um das Haus zu tanzen, die andere Hälfte den ganzen Mittag und Nachmittag lang von Süden und Westen aus zu bestrahlen und dann gegen Abend die Rückseite mit dem Garten in ein rotes Licht zu tauchen. Man könnte das Haus als eines der wenigen Nutznießer der Klimaerwärmung bezeichnen, vor 150 Jahren waren auch in  hier die Sonnentage weniger und dafür die Regentage mehr. Offensichtlich leiden die Alleebäume heute wesentlich mehr unter den veränderten klimatischen Bedingungen der letzten Jahre.

 

Doch auch, wenn es so hoheitlich tut, das Haus ist ein Scheinriese: Von der Hauptstraße aus betrachtet zeigt es ein schlichtes, hochgewachsenes Antlitz mit einem Balkonerker und einem kastenförmigen Anbau. Geht man die Allee entlang, von wo aus der Eingang erreichbar ist, schrumpft das Haus in sich zusammen, dafür rückt sich der Turmerker ins Blickfeld. Ein typisches Element der Villenarchitektur jener Zeit und an dieser Stelle deshalb so auffällig, weil der Betrachter dadurch ein völlig neues Bild vom Haus bekommt. Neben dem Turm tut sich das Eingangsportal auf, von schlichten runden Säulen getragen, der Blick wird direkt auf die bunten, Art Deco-artigen Bleiglasfenster gelenkt, die den inneren Treppenaufgang zu den oberen Gemächern markieren. Das Portal wirkt gerade nicht beeindruckend-abschreckend, sondern warm und einladend. Breit ist das Haus von der Eingangsseite nicht, vom Portal aus sind es nur fünf Schritte bis zur Rückseite des Hauses mit Zugang zum großen Garten. Von dort aus wirkt das Haus klein: tief heruntergezogenes Dach, schlicht, von der Küche ist der Zugang zum Garten ebenerdig. Ebenso schlicht wie erhaben wirken die inneren Räumlichkeiten: keine besonders großen, aber viele Räume, natürlich mit hohen Decken, jedoch ohne Stuck. Dafür alles schön verwinkelt, viele runde Ecken. Der Erbauer des Hauses hatte wohl einen sehr eigenen, aber durchaus guten und modernen Geschmack.

 

Mit der Zeit hat das Haus ein Eigenleben entwickelt und bisweilen etwas sonderbare Anwandlungen – wie ein älterer Herr, der so seine schrulligen Eigenarten entwickelt. Bei starkem Regen bildet sich im Keller ein kleines Rinnsal, das irgendwo auftaucht, irgendwo abfließt und so schnell verschwindet wie es aufgetaucht ist, ohne dass Schaden entsteht. Schief ist es außerdem, jedoch nicht sichtbar, fast unmerklich. Die Schrägen fallen nur dann auf, wenn man versucht, Möbel gerade auszurichten, was selbst nach stundenlangem Messen und dem Einsatz der Wasserwaage nicht wirklich gelingt. Schief ist eben schief, bleibt schief und zwingt anderes dazu, auch schief zu sein. Immerhin hat sich dieses Haus um dieses Privileg, schief und schräg sein zu dürfen, durch 150 Jahre langes Ausharren verdient gemacht. Der hölzerne Treppenaufgang schwingt beim Hoch- und Heruntergehen auch schon sehr verdächtigt mit, zeigt Risse und gewisse Neigungen. Kein Wunder, es ist ja kaum abzuschätzen, wie viele Beine dort schon hoch- und heruntergestapft sind. Bei uns sind es die Knie, die irgendwann schlapp machen, bei den Häusern die Treppenstiegen. Eine Eigenart, die bei uns allerdings auf wenig bzw. gar keine Gegenliebe stößt ist, dass sich das Haus regelmäßig zu schütteln scheint, um damit den Staub der Jahrhunderte aufzuwirbeln. Noch nie habe ich in einem so staubigen Haus gewohnt. Trotz unserer intensiven und hand- sowie nervenaufreibenden Grundrenovierung vor dem Einzug hat sich der Staub irgendwohin zurückgezogen, um dann in voller Pracht wieder hervorzutreten. Egal wie sehr man hinter den Wollmäusen herjagt, für jede gefangene kommen einen Tag später drei neue aus unsichtbaren Löchern hervor.

 

Neben dem Staubaufwirbeln, Wasserlassen und seiner Schräglage scheint das Haus zudem eine weitere Vorliebe zu haben, nämlich die für Besitzer, deren Nachnamen mit M beginnen.

Herr Müller, der jetzige Hausbesitzer und Bewohner der unteren, der „Belle Etage“, hat das Haus vor über zehn Jahren einem Fabrikanten abgekauft, dessen Fabrik in Sichtweite ca. 800 m weiter die Straße abwärts stand und vor ein paar Jahren abgerissen wurde. Mittlerweile steht dort ein Baumarkt. Nur noch ein paar Meter alte Gleise eines alten Bahnanschlusses zeugen davon, dass hier mal ein produzierendes Unternehmen seine Ware verladen hat. Der damalige Hausbesitzer und Unternehmer, Walther Mayer, gehörte ganz offensichtlich nicht zu der Hautevolee der Industriellen der Stadt, taucht dementsprechend in den Abhandlungen zur Wirtschaftsgeschichte nicht auf. Ebenso führt das Haus ein von der Lüdenscheider Architekturgeschichtsschreibung als auch von der Denkmalpflege unentdecktes Dasein, als ob es auch die Fähigkeit besitzen würde, sich tarnen zu können – oder hat es doch was zu verbergen?

 

Dafür ist jedoch die mündliche Überlieferung sehr rege, gefühlt ist jeder „Ur-Einwohner“ dieser Stadt hier schon einmal durchs Wohnzimmer gelaufen. „Ah, das Haus von Mayers, da wohnt ihr jetzt drin“. Die „Mayers“ schienen eine sehr soziale Unternehmerfamilie gewesen zu sein: viele Kinder vor allem in den Kriegs- und Nachkriegszeiten wurden von „den Mayers“ durchgefüttert und mit Süßigkeiten versorgt. Jetzt ist es ein Müller-Haus und unsere Vermieter pflegen ein herzliches Verhältnis zu ihren Mitmenschen.

Wir sind denn also in ein sonderbares, aber zugleich offenes Haus eingezogenen, das mittlerweile ziemlich viele Bewohner beherbergt. Unten wohnen die beiden stolzen Hausbesitzer, die dritte und vierte Etage haben wir mit zwei Erwachsenen und zwei pubertierenden Mädels in Beschlag. Dazu vier mongolische Wüstenrennmäuse, verteilt auf drei nicht gerade kleine Nagarien in drei Zimmern, das Ergebnis eines missglückten Vergesellschaftungsversuchs und raumgreifender Zeuge dessen, dass Mäuse nicht anders als Menschen sind: man kann miteinander oder halt nicht. Mittlerweile haben aber alle Mäusedamen ihr Begegnungstrauma überwunden und ihre persönlichen Nischen gefunden: Die zur Fülligkeit neigende Esther wohnt im Jugendzimmer, die zur pingeligen Reinlichkeit neigende „Maus“ durfte sich im Büro niederlassen und Team Corona und Influenza genießen ihre Zweisamkeit in der Wohndiele mit allem Wohl und Weh. Im Garten sind mit Linda, Rosa und Bianca letztes Jahr drei gefiederte Marketingexpertinnen eingezogen: jedes gelegte Ei wird mit lautstarkem Gegacker kommentiert. Und wenn es mit dem Legen mal nicht klappt, wird trotzig darüber hinweggeschwiegen.

 

Genau genommen, hat sich das Haus zu einem ganzjährigen Biotop mit einer erstaunlichen Artenvielfalt entwickelt: Im Frühjahr brüten die Vögel um und an dem Haus. Bis Sommer letzten Jahres haben wir eine Meisenfamilie unter meinem Bürofenster, das zur Dachterrasse hin gelegen ist, geherbergt. Die Meisen haben sich allerdings als Untermieter nicht besonders gut betragen. Papa Meise hat uns, wenn wir auf der Terrasse saßen, immer aufs Übelste beschimpft. Außerdem haben die Vögelchen in ihrem Nest offensichtlich so randaliert, dass hinter der Schieferwand der Inhalt des alten Fachwerks abgebröselt ist. Somit musste unser Vermieter die Meisenwohnung verschließen. Ich vermisse Papa Meise trotzdem. Vermutlich hat die Meisenfamilie wie die zig anderen Vogelarten in einer der vielen umliegenden Vogelhäuser, Bäume oder Hecken ihren Platz gefunden. Die Miete wird in Gezwitscher und Geträller abgegolten.

Im Sommer machen sich dann die Wespen breit. Jedes Jahr bauen sie ihr Nest an einer anderen Stelle am Haus, Nischen gibt es ja schließlich genug. Warum sollten sie auch wegziehen, schließlich werden sie von uns am Frühstückstisch immer mitversorgt. Gierig sind sie, diese schlanken zierlichen Kampfflieger, ganz flau wird einem schon, wenn man beobachtet, mit welchem zähen Eifer Riesenstücke aus dem Schinken geschnitten und dann zwischen den Beinen abtransportiert werden. Ist auch kein Problem, wir haben genug. Als Dank dafür erwarte ich nur, nicht gestochen zu werden, was nicht immer so verstanden wird. Als jedoch ihre Majestät sich diesen Herbst in unserer Wohnung eine Bleibe suchen wollte, da haben wir sie rausgeschmissen. Genug ist genug und die Befürchtungen, den hohen Ansprüchen einer Wespenkönigin nicht gerecht werden zu können, war dann doch zu groß.

In den Ritzen des Hauses, zwischen den  Schieferplatten, in den Mauern, in dem Gartenboden und in dem sich über die halbe Schuppenwand ziehenden Insektenhotel nisten die kleinen Erd- und Mauerhummeln und die dicken Mauerhummeln, die sich wie die Wild- und Honigbienen ihre Bollen und Leiber an unseren Blumenbuffet auf der Terrasse vollladen. Die Entlohnung für den Vermieter: Allerlei Gesumme und Gebrumme und possierliche Eskapaden, die dicke, allzu beladene Hummeln vollbringen. Neben verschiedenen Arten von Schmetterlingen gehört sogar ein Taubenschwärmer zu unseren Blumenkübel-Tafelgästen. Eigentlich sind Taubenschwärmer in wärmeren südlichen Gefilden beheimatet, haben aber infolge der Klimaerwärmung ihren Lebensraum etwas ausgedehnt. Zweitausend Kilometer fliegen diese kleinen, einem Kolibri ähnlichen Geschöpfe jedes Jahr in den Süden hin und zu uns wieder zurück. Unglaublich. Die Zikaden haben ebenfalls aus südlicheren Gefilden Einzug gehalten, allerdings in Scharen. Sie sitzen in den Rhododendren, und ihr um Aufmerksamkeit heischendes Gezirpe in lauen Sommernächten grenzt an Lärmbelästigung. Zum Glück sind sie für uns weit genug weg und haben sich noch nicht auf unsere Dachterrasse vorgewagt. Im Gegensatz zu ihrem Artverwandten, das Heupferdchen, das abends plötzlich auf dem Nachttisch neben meinem Bett saß und mich dreist anstarrte. In dem Moment fühlte ich mich doch etwas wie die Prinzessin im Märchen „Der Froschkönig“. Ich tat es ihr auch gleich, nur dass ich das Heupferdchen raus- und nicht gegen die Wand schmiss. Die Besuche reißen auch im Herbst nicht ab: dicke fette Hausmutterraupen in der Petersilie auf dem Küchenboard, Marienkäfer, die in den Falten unserer Vorhänge ihr Winterrefugium suchen. Im Winter beherbergen wir verschiedene frierende Spinnen in den unzähligen Zimmerecken. Die Decken sind hoch und wir haben keine Lust, uns ständig nach derselbigen zu strecken, so haben die kleinen Krabbler ihre Ruhe vor uns. Die Stubenfliegen erwähne ich nur kurz, die nerven einfach nur. Die einzigen Viecher, die wirklich meinen Unwillen erregen, sind die Lebensmittelmotten, die, ich weiß nicht wie, klammheimlich unseren Lebensmittelschrank bevölkern, um sich im Mehl-, Nudel- und Reisvorrat bequem zu machen. Dass die Tiere sich ihren Lebensraum wieder zurückerobern, kann ich verstehen, aber warum haben sie sich dieses Haus dafür ausgesucht?

 

Letztes Jahr hat unser Vermieter mit Verschönerungsarbeiten begonnen: Abgesehen davon, dass das Haus jetzt in einem hellen Muskat erstrahlt, wurden im Eingangsportal neue, helle Sandsteinplatten verlegt. Beim Ausschachten des Eingangsbereiches wurde ein alter Herrenschuh geborgen, der trotz des Verrottungszustands noch erkennen ließ, dass es sich hier um einen eleganten, zu dieser Zeit modernen Herrenschuh handelte. Ich schloss auf Abwehrzauber – ein in dieser Gegend eigentlich sehr unübliches Ritual, beim Hausbau Schuhe vor der Türschwelle mit der Spitze nach vorne Richtung Ausgang zu vergraben, um das Böse abzuwehren. Kein Wunder, dass das Haus unter solch einem guten Stern steht – dachten wir alle zumindest. Natürlich haben die glücklichen Hausbesitzer vor diesem Hintergrund den Schuh tunlichst wieder an seinen angestammten Platz  „in situ“ vergraben lassen, natürlich mit der Spitze nach vorn, damit das Unglück weiß, wohin es gehört. Herr Mayer muss wohl sehr abergläubig gewesen sein, ungewöhnlich für einen pragmatischen  Unternehmer, urteilte ich etwas vorschnell. Kurz nach der feierlichen Schuhbestattung vertraute mir unser Vermieter zu Forschungszwecken seinen Ordner „Hauskauf – Ordner 2: Baugeschichte“ an, denn Herr Mayer war gar nicht der Häuslebauer. Beim ersten Sichten der Kopien aus dem Archiv des Bauamtes tauchte ein weiteres M in der Geschichte des Hauses auf.

 

Das dritte M, der Hausbauer Heinrich Matzke, müsste eigentlich von der chronologischen Abfolge her als erstes M gezählt werden, in unserer Wahrnehmung trat er aber als Letzter auf den Plan und erweckte mit seiner offensichtlich verhaltenen Existenz meine Neugier. Wer war er, dass er so ein „anderes“ Haus erbauen ließ, warum der vergrabene Schuh und warum hinterließ er  in der kollektiven Erinnerung der Hausgeschichte keine Spuren? Irgendetwas triggerte mein wissenschaftliches Jagdfieber, Herr Matzkes Schuh wurde wieder angemessen begraben, aber ich heftete mich dennoch an seine Versen. Wie nötig der gute Mann den Abwehrzauber hatte, konnte ich da noch nicht ahnen, auch nicht, dass ihn dieser Schutz schnell verließ, als er das Haus bereits nach 10 Jahren verkaufte. Auch nicht, warum ihn die  Geschichtsschreibung der Stadt ebenso vergessen hatte dieses Haus, das eigentlich alles andere als unsichtbar und unauffällig ist – ebenso wenig unauffällig wie der Bauherr und sein Schicksal, das sich mir peu á peu entblätterte wie sich der  Putz alter Häuser löst bis das nackte Mauerwerk hervortritt.

Mehr von Barbara Peveling

Here Comes The Sun

Der folgende Text mit dem schönen Titel „Here Comes The Sun“ ist von Sandra Scherer und entstand im Rahmen des virtuellen Literaturateliers Südwestfalen.

Aus einer Regionsschreiberin werden viele, schöner könnte der Abschied nicht sein!

An einem trüben Novembermorgen sitze ich mit einer Tasse Tee an meinem Schreibtisch im Corona-Homeoffice. Im Hintergrund streamed mein Bluetooth-Lautsprecher „Here Comes the Sun“ von den Beatles.

Meine Gedanken schweifen ab. Auf dem Kamin steht das Schwarzweiß-Foto einer jungen glücklichen Familie, das Anfang der 70er-Jahre aufgenommen wurde. „Diese Familie, das waren wir.“, sinniere ich, „Lange ist’s her…“

Ich denke zurück an meine frühe Kindheit in Buschhütten. Wir wohnten in einer kleinen Werkswohnung unter dem Dach, zu der auch ein weitläufiger Garten gehörte. Den ganzen Tag spielte ich mit einer Horde von Kindern aller Altersklassen und verschiedener Nationalitäten auf der Straße und hinter den Häusern. Die älteren Leute saßen draußen auf den Bänken, schauten uns beim Spielen zu und unterhielten sich oder schälten Kartoffeln.

Manchmal bauten wir kleine Flöße und ließen uns damit auf dem nahegelegenen Bachlauf treiben. Manchmal streunten wir aber auch nur so durch die Gärten und aßen die frischen Erbsen von den Sträuchern der Nachbarn. Im Winter fuhren wir Schlitten an einem Hang direkt an der Straße. Es war eine unbeschwerte Zeit für uns Kinder der 60er/70er-Jahre. Eine Zeit, in der von sogenannten „Helikoptereltern“ noch keine Rede war.

„Here Comes the Sun“, erklang es auch schon damals aus dem analogen Radio, während ich in einer Ecke der Küche spielte und meine Mutter singend mit dem Kochgeschirr hantierte.

Nein, vermögend waren wir damals nicht. Mein Vater, der aus der Pfalz stammte, war Former von Beruf. Er besuchte gerade die Technikerschule in Stuttgart, um für sich und seine Familie eine Existenz aufzubauen. In seiner Heimat, einer sehr schönen Kleinstadt namens Meisenheim mit freundlichen Menschen, gab es leider nur wenig Arbeit und so hat es ihn schließlich ins Siegerland verschlagen.

Meine Mutter war damals eine sehr attraktive junge Frau in den Zwanzigern, und sie hatte diese Art von Stärke, die man nur von Menschen kennt, die schon viel erlebt haben und schon sehr früh in ihrem Leben Verantwortung übernehmen mussten. Sie war eine Kämpfernatur, die sich immer für die Schwachen einsetzte, oder wie meine Mutter von sich selber sagte: „ein Gerechtigkeitsfanatiker“. Vielleicht hat sie diese Stärke ja in ihrer schweren Kindheit erworben. Denn: “Was uns nicht umbringt macht uns nur stärker“. So lautete einer ihrer Lieblingssprüche.

„Little darling, it’s been a long, cold, lonely winter“, singen die Beatles weiter. Ein langer, kalter, einsamer Winter… So hat es sich wohl angefühlt, als meine Oma damals das Haus ihrer gutbürgerlichen Familie im niederschlesischen Hirschberg fluchtartig verlassen musste, um zusammen mit ihren zwei kleinen Kindern und ein paar Habseligkeiten im Gepäck auf die große Reise zu gehen.

Ein eiskalter Winter war es auch, als die Rote Armee im Februar 1945 nach Niederschlesien vordrang. Die Familie meiner Oma besaß eine Baude im Riesengebirge, die Wiesengrundbaude. Als meine Oma von der Ankunft der Russen erfuhr, setzte sie ihre zwei kleinen Kinder in einen Hundeschlitten und schickte Leo, ihren treuen Schäferhund, alleine mit ihnen zur Baude, wo ihre Tante die Kinder in Empfang nehmen konnte. Dort waren sie erst einmal in Sicherheit. “Lauf Leo, lauf zur Baude“, rief meine Oma. Und Leo rannte, als ginge es um sein Leben. Der Hund kannte die Strecke im Schlaf und meine Oma vertraute dem Tier blind.

Glücklicherweise durften sie doch noch etwas länger in Schlesien bleiben. Die obere Etage ihres Hauses war inzwischen schon von Polen besetzt und bis zu ihrem Tode erzählte meine Oma immer wieder die Geschichte, dass die Polen ihr handgeschnitztes Treppenhaus verfeuert hätten.

Doch etwa im Jahr 1946/47 mussten sie ihre Heimat endgültig verlassen.

Es war ein langer Weg, und er führte sie durch einige Lager in der Ostzone, die unter der Aufsicht russischer Soldaten standen. Sie wurden sehr schlecht behandelt und schlimme Dinge ereigneten sich dort – auch vor den Augen der Kinder. Später sprach man darüber nicht mehr.

Bei Oschersleben, wo sie eine vorübergehende Bleibe im Haus einer Lehrerin gefunden hatten, gab es einen wasserführenden Kanal, den sogenannten „großen Graben“. Ihn zu durchqueren, das war der Weg in die Freiheit, der Weg in den Westen. Doch die Durchquerung des Grabens war lebensgefährlich, denn er wurde von bewaffneten Soldaten bewacht.

Es gab viele, die noch aus dem Osten nach drüben fliehen wollten; und meine Oma musste sich und zwei Kinder ernähren. So kam es also, dass meine Mutter im Alter von 5 Jahren in ihrem besten Kleid und schon damals ihrer Wirkung auf andere bewusst, einen russischen Soldaten becircte: „Du hast aber ein schönes Pferd… Darf ich das mal reiten?“, fragte sie, während sie innerlich vor Angst zitterte. Verzückt von dem süßen Mädel ließ der Soldat meine Mutter aufsitzen und führte das Pferd am Zügel entlang des Kanals. Er unterhielt sich mit ihr und erzählte ihr, dass er auch eine kleine Tochter habe und zeigte ihr Bilder von seiner Frau und seinen Kindern, die weit weg im fernen Russland lebten und die er sehr vermisste.

Unterdessen schlich meine Oma unbemerkt im Halbdunkel mit einem Gefolge von Flüchtlingen im Schlepptau durch den Graben. Sie mussten vorsichtig sein und durften sich nur langsam bewegen, um keine Geräusche im Wasser zu verursachen. Als meine Oma sicher von ihrer Mission zurückgekehrt war, sagte meine Mutter unvermittelt: „Tschüss, ich muss jetzt gehen“, sprang vom Pferd und lief in Richtung eines erleuchteten Bauernhofes, wo sie behauptet hatte zu wohnen. Auf halbem Weg drehte sie sich noch einmal um: „Morgen komme ich wieder!“ Der Soldat winkte ihr nach.

Die lange Reise, auf der meine Mutter ihre Kindheit verloren hatte, verschlug sie schließlich in das Siegerland. Der Empfang hätte kälter nicht sein können. Siegen war ausgebombt. Es gab schon für die Einheimischen zu wenige Wohnungen und das letzte was man jetzt noch gebrauchen konnte, waren Flüchtlinge.

Aber all dies gehörte zu der Zeit, als ich in Buschhütten das Licht der Welt erblickte, längst der Vergangenheit an. Man stürzte sich in das Wirtschaftswunder und nutzte die Chancen, die sich boten. Davon, dass in Deutschland noch 20 bis 25 Jahre zuvor ein Weltkrieg getobt hatte, war zu dieser Zeit nichts mehr zu spüren. Und vielleicht war das auch der Grund, weshalb wir Kinder, eine so unbeschwerte Zeit genießen durften. Es war die Zeit der 68er, der Befreiung und der Abkehr vom Spießertum der 50er-Jahre.

Manchmal erzählten einem alte Opas von ihren Kriegserlebnissen, doch es hörte sich eher nach einem riesigen Abenteuertrip an. Mein Pfälzer Opa berichtete von einem langen Marsch bei minus 50 Grad durch Russland bis in den Ural. „Dawei, dawei“…. weiter, weiter sagten die Russischen Soldaten immer wieder, denn wer hinfiel, der stand nicht wieder auf. Der Weg war gepflastert von Leichen.

Mein schlesischer Opa, der sich von meiner Oma getrennt hatte, weil er im Lazarett eine Krankenschwester kennengelernt hatte, erzählte, dass auch er in russische Gefangenschaft geraten war. Glücklicherweise sei er aber ein guter Schachspieler gewesen, und die Soldaten hätten immer mit ihm spielen wollen. So hat er sich schachspielend durchgeschlagen, für ein Butterbrot und Wodka.

Inzwischen sind schon 50 Jahre vergangen, in denen ich gefühlte 100 Mal umgezogen bin, in verschiedene Wohnungen und in verschiedene Städte wie Bonn, Berlin oder auch Baku.

Aber irgendwann zog es mich dann doch wieder zurück in meine Siegerländer Heimat, wo ich jetzt rein zufällig in derselben Buschhüttener Firma arbeite, in deren Werkswohnung mein Leben dereinst begann.

Die Sonne scheint nun in mein Corona-Homeoffice und aus der Bluetooth-Box tönt „Here comes the sun, and I say: It’s all right“. Alles ist gut – eines Tages – bestimmt…, denke ich. „Alles wird gut“, sagte meine Mutter immer.

„Sun, sun, sun, here it comes“.

Ich muss jetzt den Tisch decken. Meine Tochter kommt gleich aus der Schule. Meine Sonne.

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Häuschen im Grünen

Wer träumt nicht von einem Häuschen im Grünen? Ein Ort jenseits der Stadt, fern vom Lärm, unberührt von der täglichen Unruhe, frei vom Stress. Ein Zufluchtsort auf dem Land, umgeben von Wiesen und Wäldern, ist schon seit der Industrialisierung Traum vieler Städter.

Nicht wenige der Pariser Banlieue sind so entstanden: Vor der Stadt flüchtende Wochenendpendler aus dem 19. Jahrhundert haben das Dorf zur Stadt gemacht.

Ein Wochenendhaus  auf dem Land zu haben, ist ein großes Abenteuer und kostet Zeit, denn auch das Haus will Aufmerksamkeit und muss gepflegt werden. Davon erzählt Sarah Khan amüsant in ihrem Roman, der bei dem Verlag mikrotext 2019 erschienen ist.

Aber man kann es auch viel leichter haben und einfach auf dem neu eröffneten KulturFlecken-Weg zu dem Häuschen im Grünen wandern. Die Installation des Siegener Autors Crauss lädt zum Verweilen ein, und gibt dem Vorübergehenden sogar Textfutter mit auf dem Weg. Dabei ist es eine völlig nachhaltige Einrichtung. Ein Häuschen im Grünen für ALLE!

       (c) Crauss                  (c) Sebastian Richter

Das Beitragsbild ist von Crauss, vielen Dank dafür!

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Südwestfalen, mon amour

Im Sommer riechen Felder nach Stroh, nach trockener Erde und Gülle. Für Menschen aus der Stadt ist das bei einer Autofahrt manchmal unangenehm.

Mach das Fenster zu! Ruft mein Beifahrer, der auch mein Mann ist, er ist aus Paris gekommen, um uns nach Hause zu holen. Er hat keine Zeit gehabt, sich an den Geruch auf dem Land zu gewöhnen. Dabei will ich es gerade jetzt auflassen, um genau diesen Geruch zu riechen, der eine ganz eigene Art von Sommer transportiert, meinen Sommer, so wie ich ihn schon immer kenne, voller kleiner grüner Frösche und Kaulquappen, die ich schon beobachte, seit sie schwarze Punkte waren im Laich. Irgendwann war der Sommer vorbei und auf der Kellertreppe fand ich dann meist noch einen kleinen, vertrockneten Frosch. Ich trug ihn hinaus, legte ihn in den Bach und versprach ihm, dass er im nächsten Frühjahr wiederkommen dürfte, als kleiner schwarzer Punkt und dann sollte er nur aufpassen, und nicht wieder den Weg hinunter in die Kellertreppe nehmen. Das weißt du ja jetzt, sagte ich und sah zu, wie der kleine, leblose Körper zwischen den Steinen hin und hergetrieben wurde.

Das mit den Fröschesammeln war vorbei, als ich auf eine Schule in die Stadt kam. Amphibien waren albern und der Geruch von Feldern nur Gestank, Gucci-Brillen waren wichtig und Levis Jeans oder Schuhe von Converse. Ich kannte das alles nicht. Ich trug pinke Radlerhosen und neongelbe T-Shirts, hatte Fönfrisur. Noch heute erröte ich, wenn ich alte Fotoalben durchblätter. Ich war das Mädchen aus dem Hinterland. Warum auch hätte ich was anderes tragen sollen, bei uns zu Haus liefen alle so rum. Es gab keine Läden, in denen Levis, Gucci, Hilfiger verkauft wurde. Es gab auch kein Amazon. Anzüge gabe es von der Stange, oder gleich vom Schneider, ein Sommerkleid von Esprit, das war das höchste der Gefühle. Die Leute im Dorf fuhren nach der Arbeit im Betrieb mit dem Traktor hinaus aufs Feld. Sie holten die Kühe rein oder scherten die Schafe. Daran kann ich mich so gut erinnern, an die Felder, ihren Geruch, die Frösche, überhaupt die Tiere. Ich habe auch nicht vergessen, wie in den ersten Wochen über mich gelacht wurde, wie eine Mitschülerin mit in den Hintern trat, mitten auf den Schulhof und einfach nur so. Weil ich blöd war.

Ich war nicht blöd, ich war anders.

Aber das wussten sie nicht und ich habe es bis heute nicht vergessen. Ich habe auch nicht die Jungs vergessen, die mir hinterherliefen, wie man so sagt, und über die ich so froh war, weil, wenigstens die interessieren sich für mich. Dass ich nur gerade gut genug war, um mir mal an die Brust zu fassen, mit mir rumzuknutschen, ignorierte ich anfangs. Ich dachte, sie fänden mich hübsch, ich glaubte, sie würden mich mögen, wenn sie vorbeikamen, um mich auf ihren schicken Maschinen eine Runde durch die Stadt zu fahren. Alles war da in dieser Stadt. Kleiderläden und Schuhläden, nicht nur ein Kino, sondern viele, Discos und Cafés, mit Wänden, die nur aus Spiegeln waren, in denen man saß und Café au lait trank, keinen Milchkaffee, wie bei uns auf dem Dorf.

Und weil dieser Café au lait in der Großstadt so lecker war, dachte ich sehr lange, Frankreich wäre das beste Land, um Milchkaffee zu trinken. Ich glaubte, in Frankreich müsste der Café au lait genauso schmecken wie in der Großstadt, wo er cremig war, mit viel aufgeschäumter Milch. Aber das stimmt gar nicht und wer in Frankreich einen Café au lait bestellt und denkt, er würde jetzt einen Milchkaffee bekommen, der wird bitter enttäuscht werden, so wie ich damals mit den Jungs. Die ließen mich nämlich schneller wieder fallen als das töte Fröschlein im Bach davon schwamm, wenn ich sagte, sie sollten mich unten rum nicht anfassen.

Heute weiß ich, das Café au lait kein Milchkaffee ist, denn wer einen deutschen Milchkaffee will, muss in Frankreich einen Café Crème, bien blanc bestellen. Aber die Jungs von damals, die wissen es wahrscheinlich immer noch nicht, wenn sie mit ihren schicken Schlitten durch die Straßen fahren, in denen sie Frauen herum kutschieren, denen sie nicht mehr nur an die Brüste fassen, sondern von denen sie sich auch Kinder gebären und großziehen lassen.

Was mich damals gerettet hat, war das dicke Buch über Surrealisten, dass mir meine Mutter geschenkt hatte. Sie schenkte es mir, anstelle der Calvin Klein Sonnenbrille um die ich gebeten hatte. Eigentlich hatte ich mich hinter einer Sonnenbrille in den Pausen verstecken wollen, aber meine Mutter fand, ich sollte mich eben in dem Kunstbuch verstecken, so hell, sei die Sonne doch nicht in der Stadt bei den vielen Häusern. Das Surrealisten-Buch war sehr schwer, umfangreich sagen gebildete Menschen. Mit dem Buch fühlte ich mich geschützt. Ich konnte damit meinen Hintern gegen Tritte schützen, es den Jungs auf den Kopf hauen, wenn sie mir wieder an den Busen griffen, konnte darin lesen. Ich hatte viel Zeit, um in den Pausen auf dem Schulhof zu sitzen und darin zu lesen. So fiel es niemanden auf, dass ich für mich allein war. Es gab einen Grund über mich zu lachen, denn wer liest, ist eben allein mit den Wörtern. Ich war nicht mehr blöd, sondern komisch. Es war sehr schön, komisch zu sein.

Besonders mochte ich die Geschichte von Salvador Dali, wie er mit Melonen in einen Baum klettert, den Frauen auf einem Feld in Spanien zusieht, seinen Körper gegen die Melonen presst, bis sie platzen, nur um sich vorzustellen, die Melonen seien die Brüste der Frauen. Ich mochte die Stelle, wegen der Felder, und auch wegen der Brüste, die aus der Ferne betrachtet wurden.

Jedenfalls hatte ich nun meine Ruhe und damit konnte ich leben. Also las ich und wenn ich ins Kino ging, dann nur um mir Literaturfilme anzusehen, so wie Homo Faber. Die Literatur und Kunst wurden eine Zuflucht, ein wenig, wie es auch Marcel Reich-Ranicki beschreibt, Worte waren Türen, die mich in fremde Welten zogen.

Ich lache nie über Menschen. Ich lache nicht, wenn mir Kleidung oder Verhalten fremd sind. Ich weiß nicht, aus welchem Kontext sie kommen, ich kenne nicht ihre Wirklichkeit, sie steht für sich, nur weil sie mir unbekannt ist, habe ich kein Recht darüber zu urteilen. Educate yourself.  Indem wir Grenzen ziehen, zwischen uns und den anderen, schieben wir die anderen nicht nur fort von uns, sondern werfen sie auch zurück auf das, was sie haben oder sind, wir zwingen sie, sich an dem festzuhalten, was ihnen bleibt, und wenn es nur ein Frosch ist.

Heute weiß ich, dass ich nicht gebildet bin, nur weil ich mir einen Café au lait, statt einem Milchkaffee bestelle, ich muss den Kontext kennen. Und die abschätzigen Blicke der Anderen erreichen mich nicht mehr, ich habe Worte, die mich schützen, und selbst wenn sie mal austrocknen, meine Worte, dann muss ich sie nur aufheben, wie den kleinen Frosch auf der Treppe, seinen leblosen Körper zum Wasser tragen, hineinlegen und ihm zusehen, wie er zwischen den großen Kieselsteinen noch einmal aufsprudelt. Ich rufe ihm hinterher: Bald sehen wir uns wieder!

Au revoir, Südwestfalen!

Bild von Dirk Vogel

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