Alltags-Abschluss – Ausstellung, Austausch, Auslese

Im Weltkunstzimmer in Düsseldorf fand im Juni 2020 der offizielle Abschluss meines Alltags-Interviews-Schreibmaschinen-Projektes statt, mit einer Ausstellung der Interviews, einer Podiumsdiskussion mit Maren Jungclaus vom Literaturbüro NRW, drei Interviewpartnern und mir sowie einer Lesung meiner Fragmentlyrik; eines Gedichtes, welches aus Fragmenten aller 20 Interviews besteht.

  • Ausstellung aller 192 Interviewseiten.
  • Austausch nicht nur zwischen mir und den Gästen, sondern auch untereinander. Außerdem: In Begegnung, in Dialog treten mit den Interviews, die quer durch die Räume gespannt waren.
  • Auslese Aus jedem der 20 Interviews wurde ein Satz ausgewählt. Verbunden ergeben sie ein neues Ganzes.

Fotografien von Hartmut Bühler.

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Alltag – 10 Fragen an 20 Menschen

Von März bis Juni 2020 habe ich 20 Menschen interviewt, die Gespräche direkt auf der Schreibmaschine mitgetippt und nicht nachträglich verändert.

Die ersten in meiner Stadt.Land.Text-WG-Küche, zwischen uns vielleicht ein Meter Abstand – und die Apfelschale. Die nächsten digital per Videokonferenz, mehrere hundert Kilometer, einmal nicht nur Bundesland-, sondern zwei Staatengrenzen zwischen uns. Die letzten Menschen habe ich wieder persönlich interviewt, aber im Freien, 2 bis 3 Meter Abstand, so viel, dass man gerade noch versteht, was der andere sagt. Immer, zwischen uns die Schreibmaschine.

Es entstanden Gespräche zwischen 60 Minuten und 6 Stunden, zwischen 28 Zeilen und 21 Seiten. Gespräche über Kaffee, Kunst und Katzen. Über Korruption, Rassismus und Waffenschmuggel. Wäscheberge, Homeoffice und Heimatverlust.

Nachzulesen sind die Interviews in voller Länge in den vorangegangenen Blogeinträgen sowie in meinem Projektkatalog „Alltag“.

Bestellen könnt ihr ihn auf meiner Homepage: www.larissaschleher.com, oder per Mail unter: info@larissaschleher.com.

Die folgenden Bilder zeigen meinen Part des stadt.land.text-Lesebuchs, hier bekommt ihr einen kleinen Einblick in jedes Interview und einen Überblick über die Fragen. Das Lesebuch kann bei den Literaturbüros in NRW kostenfrei bestellt werden.

 

 

 

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Interview 19 – wo viel Licht is, is ja manchmal auch Schatten

C. läuft an mir vorbei, als ich gerade jemanden interviewe. Er ist sehr interessiert, selbst Künstler, und er wird mein letztes Interview, das 19.

„Süden oder Meer, Nordsee find ich auch schön. Zeichnen und Malen, am liebsten, Süden, Meer, Kunst.“ – C.’s drei Schlagworte für seinen idealen Alltag.

Er zeichnet und malt, unterrichtet aber auch Kunst an einer Schule. „Durch die regelmäßige Tätigkeit hat man einen Rhytmus.“ „Das ist auch etwas, was ich schätze. Diese Struktur und der Kontakt zu den Schülern, zu den Kollegen.“

Wie sein Alltag in ein paar Jahren aussieht, aussehen soll?

„Diese Verbindung von Kunst und Lehre und grafischer Arbeit und angenehmem Privatleben. Das würde ich schon gern alles weitermachen.“ Er lacht. „Das ist auch etwas, das ist mir auch in anderen Gesprächen schon widergespiegelt worden, das was ich mache, das mache ich noch gerne. Gerade bin ich meine Antworten nochmals durchgegagen, da gibt’s schon Wünsche, z.B. das Klinkenputzen ist etwas, was mir gar nicht gefällt, aber da gibt’s schon positive Entwicklungen, vielleicht wird’s besser. Wo viel Licht is, is ja manchmal auch Schatten.“ C. lacht.

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Interview 18 – nur eben keine Messen gebaut, sondern Menschen getötet

Meine Finger hämmern über Stunden auf die Schreibmaschine, meine Fingergelenke schmerzen danach für mehrere Tage, obwohl ich nicht einmal alles mitschreiben konnte, was J. erzählt hat. 21 Seiten Interviewmaterial. Und wenn J. nicht irgendwann hätte los müssen, zu seinem Team, die für den Abend eine Live-Aufnahme vorbereiten mussten, hätten wir vermutlich noch viel länger miteinander gesprochen. Es ging um Lobbyismus, um Achtsamkeit, um Krieg, ums Töten, ums Sterben, um Korruption, um Politik, um Träume, um Projekte, Ideen, Visionen, um Familie, darum, wie es ist, wenn der Kontakt zu den Kindern abbricht, wie es ist, wenn man Geschäftsmann ist, in den großen thinks tanks unterwegs, über 1,3 Millionen im Jahr verdient und dann plötzlich alles verliert, wie man wieder auf die Beine kommt und warum das alles vielleicht eine große Chance ist.

Ich zitiere im folgenden drei Ausschnitte, aber am besten lest ihr das Interview einfach im Ganzen. Es lohnt sich!

TW: Gewalt / Krieg

J. erzählt von seinem humanitären Hilfseinsatz in Syrien:

„Die Syrer haben Bettlaken über die Straße gespannt, um den Scharfschützen die Sicht zu versperren. Aber wenn die Sonne falsch steht, sieht man die Schatten. Und plötzlich hören wir einen Knall. Und dann sinkt ein komplett weiß gekleideter Mann in das Laken. Blut läuft heraus. Und beim Tatort wird das immer so verniedlicht dargestellt, dabei läuft da alles aus einem heraus. Über den Randstein. Weil der ist ja zerschossen worden. Wenn ich mir das vorstell…ich bin ja auch Vater..ich hab den vor 30 Jahren schon Tarek genannt.“ Er lächelt. „Aber ich hab ihn seit 26 Jahren nicht mehr gesehen und er verachtet mich auch, aber ich schreib ihm immer noch Briefe, handgeschrieben, versuch meine Gedanken mit ihm zu teilen. Und hoffe, dass was auf ihn übergeht. Ich weiß nicht, was er mit den Briefen macht.“

Wir kommen auch auf J.s berufliche Vergangenheit zu sprechen:

„Mit 30 war ich ja schon senior consultant und Partner und von 89 bis 90 hab ich quasi die DDR im Alleingang auseinandergepflückt. Wir haben da die ganzen Beamten herausgeschmissen. Wurde damals von Brigit Breuel geleitet. Die wurde bestochen, persönlich Geld gegeben, ist jetzt auch dokumentiert. Das war n Machtspiel. N’Lobbyistenspiel der damaligen Beratungslobby. Bin mehrmals in Moskau gewesen. Hab dafür gesorgt, dass die ihre Aufträge zurückziehen und die Firmen für nothing bekommen. Die berühmten 5 Mark waren das damals. Wir haben da damals alle Maschinen raus. Überteuert wieder zurückgekauft. Die Marge war riesig. Und von diesem Geld wurden in China Flughäfen gekauft. Jeder dachte ja, jeder tut was gutes. Bescheid wusste da nur die oberste Etage. Man traf sich in Think Tanks zu nem guten Glas Cognac und ner Zigarre und überlegte, wie man Probleme zu lösen hatte. Das gibts im Kleinen und im Großen. Und der große Plan, der dahinter hing, war ja eigentlich der Sowjetunion zu schaden, da waren oft so lukrative Aufträge dabei, dass das Unternehmen überlebt hätte. Aber wir haben dann die Preise neu gemacht. Und sie mussten ihren Autrag zurückziehen. Wir haben da wirklich sehr viele Menschen unglücklich gemacht.“

Heute macht J. viele Menschen glücklich. Plant mit seiner Energie Projekte für andere Menschen; ein Künstlerhaus in Portugal oder eine Plattform in Düsseldorf, die Künstler fördert und unterstützt. Seine 200 Anzüge hat er alle verschenkt, an Geflüchtete. Einer hat neulich darin geheiratet.

 

 

 

 

 

 

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Interview 17 – like the hamster in the wheel

B. trägt Armreifen, die aus alten Bombenteilen gefertig wurden. B. lacht viel und herzlich und gestikuliert mit den Händen und Armen, wenn sie spricht. Sie erzählt mir, dass sie seit der Pandemie arbeitslos ist, dass sie aktuell lebt wie eine „retired woman“. Dann lacht sie. Davor hatte sie als Fotografin für ein Reiseunternehmen gearbeitet, ein ganz normaler 40-Stunden-Job sei es gewesen. Jetzt hat sie Zeit. „And it like it. I can live like i want. I go a lot into the nature. In the park. With the Bike. And trying to figure out what I want for my next chapter.“ Vor dem Lockdown habe sie sich ein bisschen wie der Hamster im Rad gefühlt. Dabei sei ihr Freiheit sehr wichtig. Deshalb müsse sie nachdenken, wie sie Freiheit und Arbeit kombinieren könne. Während ihrer Berufstätigkeit sei ihr das nicht gut gelungen. Sie sei ein sozialer Mensch, habe viele Freunde, viele Hobbys. Und der Tag zu wenig Stunden. Sie sagt: „I structured my hobby time not very well…so I was always lack in doing what I want.“ Ständig werde einem gesagt, dass man dies und jenes tun soll, einfach nur 10 Minuten jeden Tag, aber wenn man all das zusammen nehmen würde, hätte man wieder keine Zeit. Selbst jetzt, ohne Job, ginge es ihr so. Sie sagt: „I write down the things I have to do. To not lose them in my mind. I have no timetable now. But I write them down. For example playing music, writing, or I learn Indonesia on my own or write about my trips.“

Nach Deutschland kam sie wegen der Liebe. Geblieben ist sie für die Freiheit. Sie erzählt: „In 2005 I got an erasmus scholarship and that changed my life. Because I experienced a lot of cultural interchange and met a lot of germans. And actual I had a german boyfriend. And then I went to Hamburg because of him. And then…it failed…of course…this relationship.“ Sie lacht. „And then I went back to spain for 3 years. Work in my field. But it was very difficult. Then I found a job in Düsseldorf. And I left. Not because of the job, also because of the experience of living abroad. But…at that age I thought, the germans live very freely. We in Spain live with our parents, because we have no money. And the germans live on their own since their 18. For me that was freedom.“

 

 

 

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Interview 16 – Wäscheberge, Regenbogen, Schutzmasken

Der Lockdown hat zwar manches schwieriger gemacht, aber uns auch gezeigt, dass sich Entfernungen überwinden lassen. Zumindest virtuell. Ich sitze in Düsseldorf an meinem Schreibtisch, B. in Paris. Vor mir steht mein Laptop und die Schreibmaschine, vor B. liegt ihr Hund. Uns trennen rund 500 Kilometer, zwei Landesgrenzen und der Lockdown, der in Frankreich viel strenger ist als bei uns und B. nicht einmal erlaubt, ohne Gründe das Haus zu verlassen. Im Hintergrund kann man die Sirenen hören.

Wäscheberge, Regenbogen, Schutzmasken – das seien die drei Begriffe, die B. spontan zu ihrem derzeitigen Alltag einfallen würden.

Ihren Alltag würde B. als Phasen beschreiben: „Phasen, wo ich nur Hausfrau und Mutter bin. Phasen, wo ich nur Autorin bin. Ich kann mich nie auf eine ganz konzentrieren, das ist eben schwierig als Familie.“ Sie sagt: „Ich hab mir gerade ein Buch gekauft, the slow moon rises, das kannst du zitieren, so stelle ich mir meinen Alltag vor.“

Wir reden über die Menopause, B. erklärt mir, dass es das nur bei Menschen gibt und das diese Phase kulturell sehr unterschiedlich geprägt ist. In Deutschland werde es dramatisch gesehen, mit Hitzewallungen usw., in anderen Kulturen sei es eher ein Neustart. Und sie freue sich eigentlich darauf. Auf einen Neustart, wenn die Kinder groß sind. Einfach nur Schreiben. Weil im Moment „das einfach so n Kampf ist, sich das freizuschaufeln.“ Sie wünscht sich: „Einfach die Zeit haben. Den Kopf frei haben.“

 

 

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