Die Samenhändlerin / der erste Teil

Die Samenhändlerin / der erste Teil

Der Platz ist mit Gattern umstellt und mit Rindenmulch aufgefüllt. In der Mitte steht eine Zielscheibe, jemand hat mit Kreide einen Bullen darauf gezeichnet, der durch Ringe rennt und der rote Kreis in der Mitte, der trifft sein Herz.

Mit dem Blasrohr in der Hand steht Mary vor der Zielscheibe. Es ist ihr erster Arbeitstag als Bullenabsamerin und sie schießt mit dem Blasrohr leere Betäubungsspritzen aus allen Winkeln des Platzes Richtung Zielscheibe. Ihr Ausbilder lehnte kurz am Gatter und kommentierte ihre Treffsicherheit, sie übt das Zielen ja aber nicht für ihn, sondern für ihr eigenes Überleben und so ließ er sie wieder allein. Sie prüft Abstände, nimmt unterschiedliche Positionen ein, zielt, schießt und zieht Spritzen aus dem Kreidebullen, sie wird besser.

Das Blasrohr mit den Bestäubungsspritzen trägt sie auch am nächsten Tag bei sich, als Mikolaj den Zuchtbullen aus dem Futterstall lässt. Zuchtbulle kennt die Prozedur, weiß, wenn sich ihm das Tor öffnet, dann darf er im Fliesenraum sein weiches Inneres unterm Fell hervorholen und tief in eine der vorgewärmten Vaginalnachbildungen stecken. Er kennt seinen Weg, läuft ohne Zögern, ohne Strick. Der Anblick von Fliesen erfreut ihn, lässt ihn an Erleichterung denken, er wird in seiner ferner Zukunft einer von Wenigen sein, die frohen Mutes in die Fliesenkammern des Schlachthofes maschieren werden. Weiße Fliesen, um weichen Zuchtbullen, blankgeschrubbt immer wieder, nachdem Scheiße, Blut und Sperma auf sie traf. Erstmal steht für ihn ein anderer Bulle bereit.

(Als ich Mary beim Interview erstaunt fragte: „Wie, ein Bulle?“ da sagte sie, dass Bullen alles bespringen, das von hinten rund aussieht. Wir lachten.)

Und so bohrt Zuchtbulle seine Nase tief in den Arsch des bereitstehenden Bullen, den Mikolaj mit einem Strick am Nasenring hält. Zuchtbulle hebt seine Vorderbeine und steigt erregt eine Etage höher, umarmt Bulle mit den Vorderbeinen, legt ihm zuckend immer wieder den großen Kopf auf den Rücken, balanciert auf zwei Beinen den Boden, Bulle steht da, mit dem Strick in der Nase. Beim Entsamen denkt Mary dann an nichts anderes als an ihre eigene Sicherheit. Sie steht halb unter Zuchtbulle während er mit seinem ausgefahrenen Penis in die Vaginalatrappe ejakuliert, die sie ihm überschob und Mikolaj hält Bulle am Strick. Sie werden zu einem guten Entsamungsteam, Mary, Zuchtbulle, Bulle und Mikolaj, der kaum deutsch spricht. Zuchtbulle ist manchmal auch ein anderer Zuchtbulle. Das Blasrohr mit den Betäubungsspritzen, das musste sie in den zwei Monaten nie verwenden und nur einmal verläuft ein Arbeitstag ohne Erfolg. Zuchtbulle springt zu schnell auf Bulle auf und verliert sich in ihm, Mary steht mit der nutzlosgewordenen Vaginalatrappe daneben und beginnt zu lachen. Mikolaj, der sich aufs Festhalten von Bulle konzentriert, den Strick mit seinen Augen abfährt und vielleicht doch eher an etwas ganz anderes denkt, schreckt auf und blickt Mary fragend an. Als er die Situation zu verstehen beginnt, da sagt er trocken: „Jetzt ist ganze Arbeitstag im Arsch“.

Nach den zwei Monaten fliegt Mary für weitere zwei Monate auf einen Absamungsbetrieb für millionenschwere Zuchtbullen in Wisconsin. Bullen und Herden bis an den Horizont. Ihren ersten Arbeitstag verbringt sie auf staubigem Boden, der Platz ist mit Gattern umstellt. In der Mitte steht ein Bulle aus Leder und Holz. Mit dem Lasso in der Hand steht Mary auf dem Platz und übt ihre Hand- und Wurfbewegungen, während ein paar Männer am Gatter lehnen. Diesmal übt sie für alle. Bei der Arbeit wird sie manchmal von einem Pferd getragen und trägt dabei einen Lederhut. Die Bullen genießen abspritzen weltweit.

Zurück in Deutschland wird Mary Samenhändlerin. Eine der wenigen Samenhändlerinnen Deutschlands. Die Firma, die mit hochwertigem Bullensperma handelt, die bringt ein Händlerprospekt heraus, druckt dort die Samenhändler und die einzige Samenhändlerin mit Kontaktnummer ab, verteilt die Prospekte an Bauern Europaweit aus und das Telefon beginnt zu klingeln und Mary von Portugal bis Kasachstan die Bauern zu beraten. In einem Koffer trägt sie bestes Bullensperma bei sich, lässt es nach erfolgreicher Beratung gleich vor Ort und bald darauf tragen ganze Kuhherden Kinder unbekannter Väter in ihren Bäuchern über Wiesen und Spaltenböden spazieren. Manche der Kälber bleiben bei ihren Müttern, manche nicht. Gerade jetzt, heute an diesem Tag, da sind die meisten Kälber weniger wert als ein Kanarienvogel.

Mary wird später Bäuerin werden und den Hof des Vaters übernehmen, der ihr ihn mit Freuden und voll Vertrauen überlässt, nicht wie der Großvater, der zu schimpfen begann, sobald er davon hörte, dass Mary den Traktorführerschein macht. Mädchen, die gehören nicht auf Traktoren wird er sagen, solange er lebt und sobald er Mary neben dem Traktor stehen sieht. Auf Marys Hof werden alle Kühe Namen tragen und die Kälber bei ihren Müttern aufwachsen und die älteren Kühe nicht von den jüngeren getrennt werden und Mary wird mit Überraschung feststellen, dass das Zusammenleben einer Herde in der Generationenmischung am besten funktioniert. Soziale Strukturen werden entstehen und für Stabilität sorgen, die Kühe kennen ihre Namen auch, an der Häufung von ähnlichen Namen erkennt man deren Inspirationsquellen und Jahrgänge. Es gibt den Asterix und Obelix Jahrgang. Harry Potter und Draco Malfoy werden bald zusammen geschlachtet und direktvermarktet werden. Ihr Fleisch dann ununterscheidbar voneinander im Kühlregal liegen. Doppelnutzung das ist, wenn Rinder nicht nur für Fleisch gehalten werden, wenn Rinder nicht nur für Milch gehalten werden, sondern wenn sie mit beidem gut sind. Doppelnutzung, die gibt es auch bei Hühnern, bei Schweinen nicht.

Solange Mary aber noch Samenhändlerin ist, da wird sie erstmal Nachrichten von einem Bauern erhalten, eine unterdrückte Nummer.

Willst du mich nicht auch einmal Absamen? Schreibt er

Bei mir ist auch haufenweise Sperma zu holen. Schreibt er wieder und schreibt weiter und hört nicht auf. Er beginnt Bilder von der Lagerhalle seines Spermas zu schicken, fleischig, die Vorhaut angespannt, man will sich das keine Sekunde anschauen, doch dass will er nicht wahrhaben, seine Erregung erregt ihn, er schickt Bilder immer wieder, auf einem sind Teile seines Gesichts zu erkennen. Mary befragt die anderen Samenhändler, sie würde gerne auf einen Überraschungsbesuch des Massenmasturbierers verzichten.

Kennt ihr diesen Bauern?

Das ist einer von meinen Kunden, sagt einer der anderen Samenhändler. Der sitzt oben in Norddeutschland, der kommt dich erstmal nicht holen, ganz alleine mit 150 Mutterkühen. Wer soll sich da um die kümmern, wenn er jetzt losfährt?

Mary zeigt ihn an und hört nichts mehr von ihm.

Als ihr dann das Reisen zu viel wird, da spricht sie mit ihrem Vater, über den Hof und die Pläne. Spricht auch mit dem Bruder, der den Hof eigentlich mal übernehmen wollte, aber dem fehlt das Reisen, sie tauschen die Jobs. Der Bruder zieht mit dem Spermakoffer los, bewirbt bestes Bullensperma von Norwegen bis Bulgarien. Manchmal kommt er unangemeldet auf dem Hof vorbei. Stellt den Koffer vor dem Hundezwinger ab, die beiden Hunde vor Freude außer sich, springen an ihm hoch, werfen den Koffer um, ich bleibe zwei Wochen da, ruft der Bruder dann in die Ställe hinein. Mary und ihr Freund, der mit ihr auf den Hof zog, die packen dann ihre Koffer, fahren spontan drei Tage weg, gar nicht so weit, nur ein bisschen weg. Drei, vier, fünf Tage ohne Tiere, nur sie beide. Vielleicht zweimal im Jahr. Ihr reicht das aber, sie hat keinen Job vor dem sie fliehen muss, sondern einen der sie anzieht. 

 

Anmerkung: Ein Spermakoffer, den gibt es natürlich nicht so einfach. Es ist in Tiefkühlbehältern in flüssigem Stickstoff. Das trägt man nicht so einfach durch die Gegend. Die Autorin mag nur das Bild vom Sperma im Koffer, das einfach an einem Arm herumgeschlenkert werden kann, wie ein Kind beim „Engel, Engel, flieg“.

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Ein Männlein steht im Walde

Am Sorpesee ist es schön.

Wir haben einen Platz am See, da fahren wir jeden Tag hin, mit dem Fahrrad und dem Hund und schwimmen, bis das kalte Wasser Nadeln überm ganzen Körper verteilte und man vor Muskelschmerz fast untergeht. Ich schwimme 100 Züge bis in die Mitte des Sees und dann zurück. Als der Hund noch jünger war, da kam er auch mit. Jetzt nicht mehr. Am Samstag wird er neun. Dann trocknen wir in der Sonne, Touristen haben Müll überall verteilt, ich weiß nicht, in welchem Moment es unmöglich wird, die Dinge die man mitbringt, wieder mitzunehmen. Chipspackungen und Flaschen sind am Ende des Tages ja leichter als zu Beginn. Man geht gerne in die Natur, aber aufräumen kann sie jemand anderes. Idioten laden ganze Säcke Hausmüll auf den Wiesen ab.

Manchmal steckt ein feines Stück Metal oder Glas in meinem Fuß, der Freund macht es vorsichtig raus. Der Boden unter nackten Füßen ist schwer zu ertragen, wenn das Kind seinen Wald nicht aufräumt.

Die Zecken kriechen auch am See auf die Picknickdecke, dies ist mein schlimmster Zeckensommer, aber das Rezept für das weltbeste Zeckenspray für Mensch und Hund das geht so:

Wodka in 1 Sprühfalsche, dazu Tropfen von Eukalyptus-Lemon Öl, Pfefferminzöl, Rosmarienöl und Lavendelöl. Der Hund niest wenn er das Haus verlässt, wir niesen auch. Aber hatte er zuvor nur beim kleinsten Schnüffeln ins tiefere Gras ungelogen 10 Zecken auf dem Kopf, dann ist es jetzt nur noch eine am Auge, die sich kurz danach fallen lässt. Nun sind wir beinahe zeckenfrei. Die Picknickdecke dann auch, sobald wir das Insektenspray daraufsprühen.

Gestern, da dachte ich mir, dass man auch mal den Schwimmplatz wechseln, mit den Gewohnheiten spielen und ein bisschen tiefer im Wald schwimmen gehen könnte. Weiter hinten, da wo sich die Fichten noch nicht ganz so sehr im Borkenkäfer bräunen. Es war unser freier Tag, wir arbeiten am Wochenende und nehmen uns frei einen Tag unter der Woche, weil der See dann leerer ist und wir bleiben länger. Ein Trampelpfad führt auf Baumnadeln und Wurzeln nach unten, das Ufer ist steinig und schattig, es ist ein schöner neuer Ort. Wir schwammen und ließen Steine über den See springen, unsere Werftechniken unterscheiden sich stark und so auch die Gleitbahn der Steine. Trotzdem springen unser beider Steine durch die gewellte Oberfläche, meine 7mal und die des Freundes 13mal. . Wir sind ja nicht abergläubisch und trotzdem ging dann plötzlich ein alter Mann an uns vorbei, mit wirrem Blick und wirrem Haar. Immer wieder. Seine Hose war rot, seine Haare grau. Nach einer Weile waren nur seine Haare grau und er nackt und er ging zwischen den Bäumen an uns vorbei, langsam und mit einem Blick, der gleichzeitig ignoriert und spioniert. Der Hund irritiert und bellend. Man kennt ja den alten weißen Mann und ist daran gewöhnt, dass er nicht immer rational, sondern in einem Narzissmus handelt und sich deshalb für den Größten hält, und wir schoben sein Verhalten auf unsere Erfahrung. Ich lag mit Saša Stanišić in der Sonne und der Freund mit Flexen in Miami, als zwischen den Bäumen ein anderer Mann begann uns zu beobachten. Scheu wie ein Reh schob er mit einer Hand die Zweige auseinander, legte dabei die freie Hand auf sein freies Geschlecht und kam dabei immer näher. Ein weiterer Mann ging durch die Bäume, lautlos, eine nacktes Streifen durch den Wald, ein streifender Blick, ein Streifen Grusel in meinem Herz und meine Glieder versteiften sich, die Herkunft wurde schwer in meinen Händen vor der Sonne.

Die Frequenz mit der nackten alten Männer an uns vorbeigingen erhöhte sich,

sie suchten sich in uns,

wir waren sie nicht,

sie suchten sich gegenseitig,

sie suchten sich nackt,

sie fanden sich,

wir gingen.

Wenn seltsames Verhalten gehäuft auftritt, dann ist man vielleicht an einen Ort geraten, an dem man selbst die Seltsamkeit verkörpert, dann hat man vielleicht das Verständnis fürs neue Umfeld noch nicht gewonnen. Oben entdeckten wir den Aufdruck FKK auf dem Boden, der von der Straße zu unserem Badeplatz zeigte. Ein Mann hatte noch gefragt, ob wir gehen oder kommen.

Wir gehen

von fliegendem Wechsel

hat er dann gesprochen,

wir fliegen nach Hause in unserem Gefühl an einem Ort gewesen zu sein, der uns nicht gehört und wir lachten auf dem Weg nach Hause und keuchten vor Lachen auch noch als wir den Berg nach oben fuhren. Außer Atem auch vom Anstieg stockte uns der Atem als plötzlich die ersten Bienen über die Straße krochen. Wir umfuhren sie und mit uns flog plötzlich ein  Bienenschwarm, zwei Menschen in Imkerausrüstung am Rande des Blickfelds, in dem sich sonst nur Bienen befanden, Bienen umflogen die Köpfe der Imker und umflogen unsere, am Straßenrand zwei Bienenkästen und die Luft dick und schwer von Bienenschwärmen. Wir schlossen unsere Münder und fuhren durch die Bienen so schnell wie möglich.

Es ist schön am Sorpesee.

 

 

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mary how does your garden grow

Mary, Mary, quite contrary,
How does your garden grow?
With silver bells, and cockle shells,
And pretty maids all in a row.

Mary bleibt gerne anonym, nicht weil sie etwas zu verbergen hat, sondern weil sie es schön findet, wenn es so klingt, als sei sie im Untergrund tätig.

„Denn wie man sieht, bin ich im Untergrund tätig“ sagt Mary, die in echt nicht Mary heißt, aber gerade in ihrem Garten gräbt, Samen sät und für mich Erde aus der Erde holt, um mir auf der flachen Hand den Untergrund zu zeigen, von dem sie spricht. Ich bilde mir ein, dass ihr Lachen blumig klingt, weil auf dem Kopftuch, das ihre weißen Haare zusammenhält auch Blumen aufgedruckt sind.

Im Sauerland wachsen Wiesen und Wälder manchmal wie Tapeten hinter den Menschen nach oben. Das liegt an den Hügeln, die sich immer wieder dem Horizont in den Weg stellen. Das Blickfeld ist dann bis zum Rapsfeld auf dem Hügel vorm Wald, vollgestellt mit blühenden Bäumen und man ist so reizüberflutet, dass man es vorzieht, sich auf eine einzelne Blüte zu fokussieren.

„Man müsste lernen, den Geruch einer Taubnessel vom Geruch der blühenden Akazie zu unterscheiden“ sagt Mary und wirft mir eine ganze Taubnessel mit Wurzeln und gelben Blüten über den Sicherheitsabstand hinweg zu.

Ich rieche daran und sie sagt

„Wenn du die Blüte rausnimmst und an ihrem Hinterteil saugst, dann schmeckst du ihre Süße, falls noch keine Hummel schneller war“

„Ja, ich weiß“ sage ich und sauge trotzdem alle Blüten leer. 8 volle und dreimal eine Hummel, die vor mir dran war.

Ich fuhr mit dem Hund und dem Fahrrad durch diese Landschaft und schimpfte manchmal auf die Hügel, die mich dazu brachten, vom Rad zu steigen und zu schieben. Mary in ihrem Garten hab ich dann zufällig getroffen. Vor ihr blühten Narzissen noch ein wenig gelb und Traubenhyazinthen blau, neben ihr ein Kirschbaum rosa und dann kam der Kuhstall und dahinter ein Rapsfeld und dann der Wald, der in unterschiedlichen Grüntönen austreibt und auch Blüten trägt.

Ich sagte Hallo und fragte ob ich ein paar Fragen fragen dürfte, zur Landwirtschaft und so weiter, weil ich Schriftstellerin bin und über Bäuerinnen schreiben möchte, und dass ich angehalten habe, weil hinter ihr die Kühe im Futterstall fressen.

Mary sagt, dass sie noch ein bisschen Zeit hätte, bevor sie zum Melken geht. Ihr Mann läuft vorbei und grüßt und fragt, ob Mary mir das mit den Blüten schon erzählt hat

Mary sagt

„Da ärgert er mich schon wieder, aber in diesem Jahr macht er sich auch Sorgen. Tut so, als hätte ich Unrecht, aber sieh dir mal die Blüten der Bäume an. Zuerst freut man sich und denkt, so viele in diesem Jahr, so viele Blüten, den Bäumen geht es gut“

Und das ist, was ich natürlich auch dachte, die Bäume blühen und die Bäume blühen viel, weil es ihnen gut geht, Blüten zur Freude, zum Feiern, wie wenn sich Menschen für Hochzeiten besonders in die Schale werfen.

„Das ist aber eine Panikblüte, einfach Panikblüte, den Bäumen gehts seit den letzten Dürresommern schlecht, Bäume kümmern sich nicht um sich selbst, sondern um ihre Art, sie gehen jetzt über ihre Kräfte hinaus, um in diesem Jahr besonders viel zu blühen. Für dieses Jahr planten die Bäume so viele Nachkommen wie möglich in die Welt zu setzen…“

während Mary spricht, wischt sie sich Erde ins Gesicht und wirft Unkraut auf einen Haufen anderes Unkraut.

„Unkraut gibts ja eigentlich nicht, man kann ja selbst entscheiden, was man nicht im Garten haben will. Wenn wir jetzt dürften, dann könnte ich uns einen Salat mit Taubnesseln machen, bisschen Kürbiskerne dazu und Öl, Pfeffer, Salz“

Und in meinem Kopf spielen sich dramatische Filmszenen ab, in denen Bäume wunderschön gekleidet um ihr Überleben kämpfen und am Ende zu Feuerholz zerfallen.

Ich frage Mary, als die Kühe im Stall sich schon bemerkbar machen, noch, weil es Teil meines Fragenkatalogs ist, ob ihre Kinder denn ebenfalls in der Landwirtschaft tätig sind.

Die Tochter, die wollte weg aus der Landwirtschaft, sagt Mary, „hat eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht, wollte nach Köln oder Hamburg und ist dann beim Schwimmen verunglückt, nicht hier, im Ausland und der Junge, der hat den Hof übernommen und bis vor kurzem war seine Verlobte noch da, mit der konnte man richtig was anfangen im Stall, aber die ist jetzt weggelaufen, vor ihm und seinen Fischen.“

mit der Hand deutet sie zu einer Scheune, wo neben der Schubkarre ein Motorboot steht.

„Manchmal kann man das ihr auch nicht verübeln, ich bin ja auch hier hergekommen und das einzige was du dann bekommst, das sind Kinder, Urlaub hast dein ganzes Leben nicht. Das macht mir ja nichts, ich kannte das ja auch nicht anders, einmal waren wir dann in der Türkei, in so einem all inclusive Hotel, aber gefallen hat mir das nicht, mit so vielen Menschen da hab ich mich gleich selber wie im Stall gefüllt und den Stall daheim vermisst, das ist alles so richtig eng, wenn man das nicht gewöhnt ist, dass man da nur ein kleines Zimmer mit Schrank hat. Ich kann das auch nicht, den ganzen Tag nur rumliegen. Aber die jungen Leute, die brauchen das, dass die was von der Welt sehen. Einmal, da waren wir auch im Allgäu, das war dann Urlaub auf dem Bauernhof mit meiner Freundin, das war schon interessanter, zu sehen wie die anderen das so machen mit den Kühen, wenn die Landschaft ein bisschen anders ist. Vielleicht hätten wir sowas ähnliches auch besser in der Türkei gemacht, nicht die Sache mit dem Hotel. Aber damals hat man ja noch nicht so viel rausfinden können, mit dem Internet. Ich jedenfalls nicht, man weiß ja auch nicht genau, was einen interessiert, wen man sich zum ersten Mal interessiert, das ist auch ein Lernprozess und deshalb klingt das vielleicht auch wie ein Klischee, der Bauer, der sich nur auf dem Land wohl fühlt, was er nicht kennt, das frisst er nicht. Und mein Sohn, wie soll ich das sagen, der angelt so gerne und manchmal, da werd ich davon auch müde, wenn er ständig von seinen Fischen spricht und Fotos von sich und den Fischen aufhängt. Wir haben auch zwei Gefriertruhen im Keller stehen, die sind voll mit Fischen. Nicht nur zum Essen, sondern auch welche, die er gerne ausstopfen lassen möchte, um die an die Wand zu hängen. Das hat seine Verlobte immer verhindern können, konnte sich das nicht vorstellen, einmal die Woche 10 Fische an der Wand abzustauben, wie hält man denn Schuppen sauber, wenn da die Fliegen drauf scheißen? Ich weiß nicht, was da sonst noch vorgefallen ist, bestimmt noch mehr, aber das mit den Fischen, das versteh ich, das kann man nicht aushalten. Zum Sohn hab ich schon gesagt, er soll jetzt ne Anzeige schalten, Bauer sucht Bäuerin, da muss es ja jemanden geben, der das alles will, weil hässlich ist es hier ja nicht, hat auch noch die Haare auf dem Kopf, es ist nur viel Arbeit, aber wenn man abends weiß, was man den ganzen Tag gemacht hat, dann ist das doch was, ich jedenfalls wüsste nicht, was ich mehr will, die Kühe und der Garten, die machen mich jedenfalls glücklich und das alles kannst du gerne so schreiben, wenns nicht zu kitschig ist für dich, weiß eh nicht, wer das lesen will, ich bin jedenfalls froh, dass ich damals von Dortmund hier hergezogen bin, da verliebst dich und schon hast 100 Kühe am Hals, zu denen muss ich jetzt auch wieder, hat mich sehr gefreut, gibst mir halt nen anderen Namen und lass es mich vorher mal lesen“

„und das mit dem Sohn und den Fischen, das geht auch klar, wenn ich das schreibe?“

„Ich sags ihm eh ständig, vielleicht wenn er es mal schwarz auf weiß liest, vielleicht bringt das ja was und dass ich das sage, das kannst du auch schreiben. Vielleicht meldet sich ja auch eine Frau, die Fische und Kühe mag, das würde ja dann alle freuen“ sagt Mary noch und lacht ihr blumiges Lachen und wischt sich den Untergrund von der Hose.

Und ich hab Mary benannt nach dem Mädchen mit dem geheimen Garten.

Hier noch ein Foto aus Amecke.

 

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FSME-Status – Einzelerkrankungen gemeldet

Auszug aus dem Tagebuch, bevor ihr von Bäuerinnen lesen könnt:

Wir wohnen nah am Wald, die Zecken breiten sich tiefer ins Mutterland aus, sind nicht immer mehr nur im Süden gefährlich, Klimawandel tötet viel nur die Zecken nicht. Nach jedem Spaziergang werfen wir uns in andere Klamotten und ziehen dem Hund mit Bürstenstrichen das Fell aus den Wurzeln, manche Achtbeiner finden wir trotzdem nicht. Wir haben dem Hund Parasitenvernichtungsmittel ins Blut gespritzt, deshalb spüle ich tagtäglich drei Arten des gemeinen Holzbocks das Klo* runter:

  1. Der abgestoßene Holzbock, der sich vom Geruch des giftigen Bluts abgestoßen, vom Fell auf den Teppich fallen lässt und sich auf die Suche nach unvergifteter Beute macht. Wir spüren Mundwerkzeug dann manchmal kurz bevor sie neben unseren Bauchnabeln zubeißen. Manche kriechen über den Boden, den gesunden Blutsgerüchen hinterher, andere sterben sofort, die vertrockneten Leichen werfe ich auch ins Klo, die die noch leben zerquetsche ich vorher mit dem Fingernagel. Uns plagt tagtäglich das Phantomjucken, nachts am Schlimmsten.
  2. Der vergiftete Holzbock, der sich dem Hund ins Fell bohrte, sich vollsaugte und beim saugprozess verstarb, wie wenn jemandem beim Essen das Gesicht in den Suppenteller fällt und dabei ertrinkt, unerwartet. Wie die übriggebliebene Ballverkleidung einer Lichterkette, die während des Sommers für behagliche Nachtstimmung sorgte, vom Moos überwuchert, vergessen wurde und im Frühjahr vom Strom nicht mehr erreicht wird, hängt dann der halbvollgesogene Ektoparasit tot am Wirbeltier. Ich werfe auch diese Leichen ins Klo. Sie schwimmen nicht oben.

Während meiner letzten Periode kippte ich Menstruationsblut* aus der Menstruationstasse auf Nummer drei, den alles überlebenden Holzbock, der sich am Hund vollsaugte und zurück in den Wald kriegen wollte. Eine Weile stand ich am Schüsselrand und dachte über die Bedeutung der Dinge, die ich gerade getan hatte nach und googelte nach der Verpaarung von Zecken. Das Bild einer männlichen Zecke, die auf dem Bauch einer deutlich größeren weiblichen Zecke liegt tauchte in Wikipedia auf, ich wischte rüber zur Karte, mit den fsme-Risikogebieten, weil plötzlich eine kleine Zecke, die so klein war, dass man sie fast nicht sah, kleiner als ein Mückenschiss, in mein Bein gefressen hatte. Ich konnte sie leicht entfernen und noch heute juckt sie wie eine Große. Der Süden Deutschlands ist rot, wird gelb nach oben, manchmal farblos. Hochsauerlandkreis : Aus dieser Region wurden vom Robert-Koch-Institut autochthone (in dieser Region erworbene) FSME-Erkrankungen gemeldet. Ein Risiko, nach einem Zeckenstich an einer FSME zu erkranken, lässt sich in dieser Region nicht ausschließen. Diese Region bedarf einer besonders sorgfältigen Überwachung. 

Wir haben nicht drüber nachgedacht, nicht mehr in den Wald zu gehen, denn der Wald des Sauerlands ist schön und zur Zeit der einzige Freund, dem wir abstandslos um den Hals fallen dürfen.

*Das mit dem Klo, das ist einer der zwei Möglichkeiten der Entsorgung von Zeckenleichen, die mir meine Oma schon in meinen jüngsten Jahren, im borrelioseverseuchten Baden-Württemberg nahelegte:  Kind, sagte sie zu meinem Fünfjährigen Ich, dem die Zecke in der Kopfhaut steckte und die ich für ein, mir plötzlich neu gewachsenes Körperteil hielt, wie auch Zähne ausfallen und neuwachsen und Nägel sich verlängerten, da erschien mir die neue Kugel zwischen den Haaren nicht sonderlich fremd, auch wenn ich ständig daran herumspielte, weil auch das neuste Spielzeug immer das Interessanteste ist, das man erstmal auf Funktion und Struktur überprüfen will.  Kind, sagte sie also, wenn du ein Feuerzeug in der Nähe hast, dann hältst du die Flamme an den Zeck, bis nichts mehr da ist. Das kannst du mit den Vollen und den Leeren machen. Die Leeren kannst du auch einfach mit den Fingernägel zerdrücken. Wenn du kein Feuerzeug hast, und das Vieh im Haus entdeckst, dann wirf es ins Klo, das überleben die zwar, aber wenn dus wegspülst, dann ist es auch weg.

*Ich schreibe über Menstruationsblut, weil es den Männern so schwer fällt. Konnte schon jemand in Erfahrung bringen, ob Zecken sich an Menstrationsblut auch vollsaugen würden? Schreibts in die Kommentare, falls ihr mehr wisst. Ich bin so schnell mit runterspülen.

 

 

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die wenigen Ereignisse der ersten sechs Wochen – 1.Fassung mit Auslassungen

Man läuft ja nicht sofort los, um sich die Taschen mit dem Müll fremder Menschen zu füllen, deshalb begann ich auch erst vor wenigen Tagen damit. Ich dachte nicht, dass mir der Müll ja nicht wegliefe und ich tat auch nicht so, als sähe ich ihn nicht, ich wollte nur nicht die Neue im Dorf sein, die über die Felder rennt und den Müll mit nach Hause bringt. Die Mentalität eines Dorfes lässt sich ja nicht greifen, wenn man die Bewohner nur dabei sieht, wie einer wegen dem anderen, der Sicherheitsabstände wegen, den Gehweg wechselt.So ging ich also wochenlang am Müll vorbei, immer stärker die mahnende Stimme meiner Mutter im Kopf: „ja, wenn dann Gras drüber gewachsen ist, dann brauchst auch nicht mehr anfangen“ und das Gras begann nach einem letzten (und einzigen) Schneetag zu wachsen, wie auch die Knospen und Blüten, der Bart des Mannes, die Haare des Hundes, die Haare an unseren Körpern. Der Raps wurde gelb, die Waldbrandgefahr im Waldbrandgefahrenindex orange, das ist Stufe 3 von 5.

Wir kamen vor ca. 6 Wochen ins Sauerland. Von Köln aus mit dem Zug, mein Zimmer dort untervermietet, bei mir das Gepäck für vier Monate und der Mann, der die Taschen tragen half. Beim längeren Zwischenhalt aßen wir in einem Imbiss die letzten für uns fremdgekochten Nudeln. Plötzlich bekam ich Angst davor, 4 Monate alleine im Sauerland verbringen zu müssen. Der Mann sagte, er würde mich bestimmt oft besuchen kommen, aber ich traute der fast vierstündigen Zugfahrt nicht, wer würde die schon für mich auf sich nehmen, oft? In Arnsberg stiegen wir in einen Bus, Schulkinder stapelten sich auf den Sitzen und hingen Hand an Hand in den Schlaufen des Flurs. Wir, Fremdkörper wie Frösche in Schichtsalat, umgeben von, bei Beschleunigungen schwankenden Stimmbrüchigen, die sich zuriefen, dass die Lehrer sagten, dass die Schulen sowieso auch bald dicht machen würden. Damals hat man das aber eh noch nicht geglaubt und wir alle wurden Zeugen vom Lachen der Ungläubigen, unserem. Wir fuhren in Kurven 45min durch Waldgebiet, am Wegrand standen Bushaltestellenschilder, hin und wieder ein Dorf und wieder Wald, eine Anzeigentafel der Haltestellen im Bus gab es nicht. Ich hämmerte meinen Finger auf den roten Stoppknopf, als die Uhrzeit mit der Ankunftszeit übereinstimmte. Wagen hält. Der Wagen hielt im Wald, die Haltestelle offensichtlich die Falsche. Plötzlich ein Bus der Stille. Das fragende Gesicht des Busfahrers im Rückspiegel suchte nach jemandem, der aussteigt oder sich für den Fehldruck mit einem kurzen Pieps entschuldigt. Ich sagte nichts, obwohl ich wusste, dass jeder wusste, dass entweder der Mann derjenige ist, der nicht weiß, wo genau die Reise zu Ende ist, oder dass ich diejenige bin. Man entfernt sich selbst in den einfachsten der unbekannten Umgebungen sehr schnell von einem sicheren Selbst. Wir stiegen an der nächsten Haltestelle aus und mit uns alle anderen. Wir waren richtig und wurden zu Kaffee und Kuchen abgeholt und in meine Residenzwohnung gebracht.

Der Mann und ich hatten die Wochen davor mit einem Filmdreh verbracht und uns ein 15qm WG-Zimmer geteilt, im Zimmer nebenan der Kameramann, die Arri Alexa auf dem Küchentisch. Deshalb waren wir an Enge gewöhnt und plötzlich lagen da die Zimmer der Residenzwohnung vor uns wie jene viel zu große Hose eines entfernten Cousins ausgebreitet, die man als Kind mit den Worten, dass man da schon bald reinwachsen würde, überreicht bekommt. Wir saßen zusammen auf einer Bank der Küchengarnitur, auf der eigentlich nur einer sitzt, mit Blick zur Tür wurden wir immer kleiner zu Mäusen in der Turnhalle. In jedem Zimmer (zwei Zimmer, Küche, Bad, Balkon) hing eine tickende Uhr. Es gab Zeiten, da las man die Zeit nicht vom Smartphone ab. Es gibt Zeiten, da zeigt nicht nur das Smartphone die Zeit an. Der Mann entfernte mit der Zeit nach und nach die Batterien der Uhren, weil ihn das Ticken vom Denken abhielt. Mich ließ das Ticken an Pferde denken, die Reiter, die immer näher zu kommen scheinen und nicht näher kommen, wie die auf dem Pferdehof, dem Klofenster gegenüber. Ich hängte den ersten verbrannten Pfannkuchen an die Wand. Abends kippte ich das Fenster im Schlafzimmer, etwas lag aber draußen in der Luft, das ebenfalls verbrannte. Die Eltern brachten erst noch den Hund, dann kam der Shutdown und die Luft im Schlafzimmer roch nach Scheiße. Große Güllefässer tauschten sich am Berg die Ladung aus, fuhren sie in den üblichen Streifen über die Felder, ich roch es bald nicht mehr, der Mann, dessen Job im Kulturbereich den Bescheid ruhendes Arbeitsverhältnis erhielt, der blieb und litt an den Gerüchen. Wir gingen in den Wald, liefen tagtäglich alle Wege aus, manchmal war das Summen einer Hummel im Busch nebenan nicht zu unterscheiden von den Motorsägen in der Ferne. Ich begann auf Jägerständen zu schreiben. Vier windgeschützte Fenster hin zu Baumkronen, ein bequemer Stuhl, die Beine vorm Fenster, das Heft darauf.

Amecke hat 1786 Einwohner, von denen an Ostern einige in Solidarität zuerst Freude schöner Götterfunke und dann Oh when the saints auf einem ihnen erlernten Instrument spielten. Das war um 17:50. Um 17:45 versammelten sich einige wenige mit Sicherheitsabstand und mit Tränen in den Augen bei der Kirche, wo auch wir saßen. Die regenfreien Tage, die nun den dritten Dürresommer in Folge einleiten sorgten auch zu diesem Zeitpunkt für Motorradverkehr, der stets alle anderen Geräusche überfährt. Abends roch das Schlafzimmer nach Feuer und morgens weckten uns die Vögel, die lieblichen mit Gezwitscher und der gemeine Hahn mit einem ständigen Kikeriki.  Das ist schön, man trifft ja selten auf so viele Vögel gleichzeitig im Ohr. Jeden Tag springt ein Kind in einem Trampolin am Hang auf und ab. Ein älterer Herr stiehlt Pflastersteine bei der Firma gegenüber, fünf Stück verstaut er sonntags in seinen Satteltaschen.

Mit den BauerInnen begann ich mich hin- und wieder über die Wiesen hinweg zu unterhalten, der Wind, der hier nicht wegzudenken ist, der auch den Müll an die Wegränder und in die Wiesen bringt, trug uns Wörter und Pusteblumen zu. Ich werde bald berichten.

Weil das Haus auf dem Hügel steht, sehen wir Vögelflügel von oben und wenn die Blüten der Bäume nach unten fallen, dann versuche ich mich zu fragen, ob fallende Blütenblätter denn aussähen wie Schnee, wenn ich drunter, nicht drüber stünde und kann die Auswirkungen der aussterbenden Wildtiere auf mich nicht einschätzen, die Wildtiere werden nämlich früher aussterben als erwartet, die alten Hektiker, las ich plötzlich und verfiel in Schockzustand, der anhielt, als Deutschland verkündete, nun doch fast keine unbegleiteten Flüchtlingskinder nach Deutschland zu bringen. Mit einem ‚Enemenemuh und nach Deutschland kommst du‘ werden mehr Erntehelfer als Minderjährige ins Land geholt, bei Netto gibts zum Kilo Spargel ein Kilo Kartoffeln umsonst dazu. Der weibliche Spargeltarzan wird Bohnenstange genannt. Es fällt schwer sich auf eine Region zu konzentrieren, wenn man die Rentiere und Panther nicht vergessen kann.

Die Tage vergingen und Abends roch das Schlafzimmer nach Feuer und dann lag da beim Gassigehen doch die blaue Plastiktüte, unbefleckt, stabil, reißfest, groß. Sie lag einfach so, auf der Wiese vorm Wald, sollte ich die Wiese später nochmal erwähnen müssen, so nenne ich sie ab jetzt obere Tütenwiese. Auf der oberen Tütenwiese begann ich die blaue Tüte mit dem Müll des Heimwegs zu füllen und trug sie, so als trüge ich halt ständig blaue Säcke bei mir, in die gelbe Tonne. Unterm Schlafzimmerfenster standen Europaletten in Flammen, der Nachbar trat immer wieder an sie heran, legte Plastiksäcke nach. Ich schrieb ihm einen Zettel für die Gartentür ‚Wenn Sie bis Ende Juni auf das Verbrennen von Plastikmüll unter meinem Schlafzimmerfenster verzichten könnten, dann wäre ich Ihnen sehr dankbar.‘ Es begann zu regnen, auf den Hügeln blühende Bäume.

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Wiesenwaldtage

gestern spielte ich Tennis, auf der Wiese zwischen Wald und Wald
mit dem Hund und einem Rotmilan, ohne Regeln und Schläger

Der Rotmilan am Himmel und ein einzelnes Flugzeug.

Inlandflüge sind für niemanden mehr sicher
die Flieger sind leer, die Vogelgrippe ist zurück in Deutschland.

Den Tennisball fanden wir morgens im Wasser am Damm,

wir sind über verbotene Absperrungen geklettert um ihn von den Wellen zu nehmen,
der Rotmilan nahm ihn später aus dem Spiel und ließ ihn über einem Jägerstand fallen.

Er prallte noch einmal, mit dem Geräusch der Tennisplätze aller Länder der Welt ,

von der obersten Leitersprosse ab und verschwand in einem Mauseloch.

Der Hund suchte noch eine Weile nach dem Ball, aber nicht lange.

heute kletterte ich im Wald auf einen Baum.

Mein Kapuzenpulli leuchtete bunt und versteckte die meisten Teile meines Gesichts,
nur die Nase nicht.

Ein Mann in einem Auto,

das irgendwas am Auspuff hat,
kam über die Wiesen gefahren,
über Stock und über Stein,
es gibt ja keinen Weg

Ich hörte das ganze natürlich schon von Weitem kommen,

Landautos haben immer Auspuffprobleme,
wären selbst gern Traktoren,
werden ja eh wie welche behandelt.

Das Auto brauste auf meinen Baum zu,

schnurgerade auf mich und meinen Baum zu
in Zeitlupe trotz Höchstgeschwindigkeit,
so als befände sich ein Maßband zwischen uns
an dessen Anfang ich auf den Einzugknopf drücke und an dessen Ende das Auto klebt,
und mit einem Ruck unter meinem Baum zu stehen kommt.

Dass ich doch bitte woanders spielen soll sagte der Mann zu mir

Ich sagte nicht,
dass ich kein Kind,
sondern die großartige Schriftstellerin in Residenz bin und mir alle Bäume der Welt gehören.

 

 

 

 

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