City upon the hill – Philosophenbänkchen (Schmallenberg Teil 2)
Veröffentlicht von am 12.07.2017 12:24 1 Kommentar

Das mit Schmallenberg als der größten Stadt NRWs (siehe Blogeintrag von Gestern) wird natürlich ironisch erzählt. Ironie schmückt das lässige Selbstbewusstsein der Leute hier im Sauerland. Denn wohl kein „Buiterling“ wie ich und auch kein Ur-Sauerländer würde Schmallenberg ein „urbanes Zentrum“ nennen. Eher ein Suburbia ohne Urbia, eine ewige Vorstadt ohne Bezug zu einem Zentrum. Stadt im engen Sinn? Braucht hier keiner, hat kaum einer Sehnsucht nach. Außer mir, der schon immer von einer Großstadt mitten in der Natur, mit Bergen und Meer in Nähe träumt. Gefunden hab ich sie bisher nur in Vancouver und Seattle. Zu weit von hier. Im Sauerland fehlt das Meer – aber das Leben ist voller Kompromisse. Na gut, die Stadt müssten sie auch erst noch bauen.

Schmallenberg mit seinen 82 eingemeindeten Orten hat rund 25.000 Einwohner (Kernstadt Schmallenberg knapp 6.000, und damit knapp über der Definitionsgrenze „Kleinstadt“). Sie ist größer als die Örtchen drumherum, sieht beim Reinfahren auch aus wie eine Stadt – Kreisverkehre mit Kunst drauf, Discounter-Märkte und Möbelhäuser und Werkshallen am Stadtrand, Ampeln.
Aber sie fühlt sich nicht nach Stadt an, wenn man aussteigt. Das Städtchen (passender? Ich bin sprachlich noch auf der Suche) ist im preußischen Klassizismus mit Fachwerk vor rund 200 Jahren nach einem Brand wiederaufgebaut worden. Es gibt viele kleine Läden, einen Uhrmacher, einen Optiker, einige Restaurants (toll: der „hauseingelegte Sauerbraten“ bei Stoffels!), dazu Hotels, Bäckereien, eine Buchhandlung und nur wenige der öden und üblichen Ketten von Kik bis Tedi. Schmallenberg ist old-school: Inhabergeführter Einzelhandel, viel Mittelstand (Falke Gruppe), einen schönen Platz mit Cafés drumrum. Sie verstrahlt wegen der nur schlendernd sich fortbewegenden Touristen eine fast karibische (ja!) Langsamkeit. Dazu breite Straßen (na gut, zwei breite Straßen, als Brandschutz), sogar ein Theater, das mal Kino war und nun irgendwie beides ist.

Ich als geborenes Großstadtkind mit einem Hang zu riesigen, räudigen Städten, zu unüberschaubaren, überbevölkerten, dauerbewegten, brodelnden, kreischenden und anstrengenden Orten wie Kairo, Neapel oder New York in den 80er Jahren dachte, obwohl ich ja in Dortmund wohne, das manche zurecht das größte Dorf im Sauerland nennen, ich dachte: Ist toll hier. Aber Stadt ist es nicht. Vor allem wegen der Bänkchen. Denn die Sitzbänkchen, die in Schmallenberg auf den Treppenabsätzen sehr vieler Häuser stehen oder fest am Geländer angebracht sind, sie sind nach einem Tag Schlendern, Essen und Trinken mein Beleg, dass der Ort nicht Stadt ist, es auch nicht sein will und nicht zu sein braucht. Diese kleinen, meist metallenen Bänkchen bieten maximal zwei Leuten Platz, sind direkt am Geländer oben nach zwei oder drei Stufen am Treppenabsatz der alten Häuser angebracht. Sie sind die Straßen hinunter blickend ausgerichtet und wirken immer einladend, gehören zum Haus.

Als ich das erste Bänkchen sah und im weitern  Verlauf der Ortsbegehung erkannte, dass viele Häuser solche Ausblicke haben, war ich sofort ergriffen. Ich stellte mir vor, dass die Bewohner Schmallenbergs an guten Tagen und an fast allen Abenden da sitzen, mit anderen karibisch Daherschlendernden quatschen, rauchen, Kaffee, Aperol oder Selbstgebrautes trinken und übers Leben sinnen. Wie in einer utopischen Philosophenstadt der Antike, da oben auf einem Hügel, nur ohne Tempel und Säulen und Sklaven, dafür mit Schieferfassade, Fachwerk, groben Schuhen und wetterfester Kleidung.

Diese Bänkchen vor der Tür machen den Unterschied zum Guten! Weg von dem, was ganz diffus und undefiniert für mich „Stadt“ ist: Nämlich ein manchmal fieser Ort. Wer solche Bänkchen baut, ist nicht fies. Ja, Stadt braucht dunkle und schlecht beleumundete Ecken. Wer solche Bänkchen vor der Tür hat, kennt die nicht.  Städte fördern Anonymität und Unsichtbarkeit. Wer auf solchen Bänkchen sitzt, möchte das nicht. Wer solche Bänkchen baut, schätzt einen klaren und sichtbaren und zugewandten Lebensstil, der mir plötzlich sehr attraktiv vorkommt.

So setzte ich mich nieder, frage mich, ob die Schmallenberger eher Stoiker oder Sokratiker wären auf ihren Philosophenbänkchen. Gefühle kontrollieren und im richtigen Moment zulassen und ansonsten egal, was dir passiert, du bist immer noch glücklich? Oder pocht bei ihnen wie bei Sokrates ein stetiges, bohrendes Bemühen, den Dingen auf den Grund zu gehen?
So oder so, ich stelle mir die Schmallenberger da sitzend jedenfalls als glückliche Menschen vor. Menschen, die in sich selbst genug Stadt finden und sich deshalb nicht den Kopf zerbrechen müssen, ob sie in einer leben.

#stadtlandtext

Fotos: Textfotos: Caravante, Titelfoto: cc Lizenz flickr Michael Krämer

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