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Veröffentlicht von am 08.04.2020 14:26 Schreibe einen Kommentar

Eine Einführung.

Am Freitag Ratschen sie wieder. So wie immer, wie jedes Jahr, in den symbollischen Stunden, die für die Gläubigen zwischen Tod und Auferstehung liegen. Dieses Jahr aber ist ein besonderes Jahr und die Messdiener müssen, Corona wegen, von zu Hause aus Ratschen. Damit die Menschen, für die das Ratschen bestimmt ist, die das laute und klappernde Rasseln an die Gebetszeiten erinnern sollen, die Messdiener mit ihren Ratschen trotzdem hören können, ratschen die Messdiener vom Balkon auf, im Garten oder auf der Straße. So ist es jedenfalls in diesem Jahr in Attendorn, damit die Menschen den Osterbrauch dort trotzdem erleben können.

In seinem Gedicht Osterspaziergang reflektiert Goethe über den Neubeginn, der diesem Frühlingsritus innewohnt. Dabei beobachtet er eine Zusammenkunft an Menschen, und reflektiert, dass sich in dieser sozialen Nähe auch das Menschsein an sich spiegelt.

Der Osterbrauch in der Hansestadt Attendorn ist weit über Südwestfalen hinaus bekannt und dort gibt es außer dem Ratschen auch das Turmblasen, mit dem an die Gebetszeiten während des Schweigens der Glocken erinnert wird.

Für dieses Brauchtum läuft derzeit ein offizieller Antrag, um es als immaterielles Kulturerbe in das Verzeichnis der UNESCO einzutragen.

Bräuche sind Riten, die zeitliche Zäsuren markieren von zwischen untereinander verketteten Tätigkeiten, sie synchronisieren die Anstrengung der Gemeinschaft, bestärken ihrem Glauben an die Wirksamkeit der Gebete und steigern damit die optimistische Stimmung, in der sich der Übergang von Phasen der Ruhe zu konzentrierter Leistung vollzieht, schreibt der Ethnologe Fritz W. Kramer. Und eine optimistische Stimmung, die können wir im Moment brauchen, ob wir nun Christen sind, die das Osterfest feiern oder nicht.

Bereits Wochen vor Ostern werden in Attendorn die Osterfeuer vorbereitet, die am Abend des Ostersonntags brennen und am Samstag steht die gesamte Gemeinde auf dem Kirchplatz, um den Semmelsegen zu empfangen. Der Semmelsegen am Karsamstag in Attendorn markiert das Ende der Fastenzeit, er ist seit dem 17. Jahrhundert dokumentiert und die Stadt hat sich ihre Tradition erhalten, so ganz für sich und ganz eigen, als hätte sie jenseits der von Newton eingeführten Zeitmessung, noch ihre ganz eigene Zeit, die für sich und in ihrem eigenen Rhythmus tickt. Dazu gehören auch die vier Osterfeuer und die Prozessionen nach dem Osterfeuer, für die es spezielle Laternen gibt, die „Lüttchen“ genannt werden. Attendorn erlaubt sich, seine eigene Zeit in der Geschichte des Osterbrauchtums zu schreiben.

Riten des Übergangs nennt der Ethnologe Victor Turner Rituale, die wie der Osterbrauch, einen (Jahreszeiten)-Wechsel markieren. In ihnen bildet sich eine liminale Gemeinschaft, eine Zusammenkunft des Übergangs. Eine Gemeinschaft, die sich vom Alltag abhebt und eben dazu dient, im Alltagsgeschehen für mehr Zusammenhalt zu sorgen.

Eigentlich hatte ich vor, den Osterbrauchtum der Hansestadt in diesem Jahr selbst zu erleben. Ich wäre nach Attendorn gefahren, hätte mir einen Semmel gekauft, um ihn segnen zu lassen, hätte zugesehen, wie die „Poskebrüder“ die Fichtenbäume für das Osterfeuer aufstellen. Für den Moment des Rituals wäre ich Teil dieser Gemeinschaft gewesen, hätte mich darüber gefreut, und darüber geschrieben. Aber in diesem Jahr ist Corona und wir alle bleiben zu Hause.

Die Gottesdienste und der Semmelsegen werden per Livestream übertragen, so kann die Gemeinschaft doch noch irgendwie zusammen sein. Denn Zusammensein ist wichtig, wenn auch nur virtuell, ohne das, existiert eine Gemeinschaft nicht. Sie ist dann nicht mehr als eine Gesellschaft, so hat es der Soziologe Ferdinand Tönnies beschrieben, nur jeder seinen eigenen, individuellen, Willen verfolgt.

Es gibt in diesem Jahr einen „Semmelsegen to go“ damit man sich sein Brot zu Hause selber segnen kann. Segen ist ja ein bisschen wie Magie, man kann ihn aussprechen und hoffen, dass doch noch irgendwann alles besser, alles gut wird. Und leichter ist es natürlich, in Gemeinschaft zu hoffen, auch wenn sie gerade nur virtuell sein kann.

Semmelsegen in Attendorn, hochgehaltene Brote

Osterfeuer

 

 

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