Dein leeres Herz aus Pappe
Veröffentlicht von am 31.03.2020 19:55 2 Kommentare

Die Reise geht jetzt nach innen. Ist ja klar, denn mit Außen ist’s erstmal Essig – und wenn schon keine spannenden Projekt-Begegnungen mit anderen Menschen, keine interessanten Ortsbegehungen, keine aufwühlenden Gespräche, dann vielleicht doch endlich die markerschütternde Begegnung mit dem eigenen Ich. Dachte: ich.
Was das Haus dachte, ist nicht überliefert, es muss aber etwas ähnliches gewesen sein. Gemeint ist das Haus, in dem ich zur stadt.land.text-Zeit wohne. Es ist alt und schön und groß, da möchte man schon mal wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Oder wenigstens, was das bei einem selbst tut. Interessanterweise hat die Antwort wie bei der Reise nach außen mit Klopapier zu tun. Aber von vorn.
Vor einigen Tagen reiste ich ganz besonders beflissen nach innen und wurde umso heftiger aufgeschreckt durch den Klang italienischer Opernarien. Ich glaube, es war Puccini. Ich weiß es aber nicht genau, denn ich bin kein Fan von Opern. „Ich bin kein Fan von Opern!“, wollte ich denn auch aus dem Fenster brüllen, besann mich aber, als ich sah: Da wird gearbeitet.
Es arbeitete da ein Nachbar, zweifellos vom wissbegierigen Haus geschickt. Er räumte nämlich die ebenfalls zum Haus gehörigen Schuppen aus und Puccini half allem Anschein nach dabei. Was auch nötig war, denn dort drin schien es Gerümpel zu geben, Staub, Metall-Lawinen und allerlei Anlass für Flüche. Deshalb wohl schickte das Haus bald auch weitere Bewohner hinzu. Darunter die Eigentümer:innen, die sich bereits fahrlässig ewige Regionsschreiber-Zuneigung eingefangen haben durch zwei geheime Tugenden (na gut: Liebenswürdigkeit & starkes Essen).
Anlass genug, das Fenster nun doch zu öffnen. Fast hätte ich auch doch noch „Ich bin kein Fan von Opern!“ gebrüllt. Kam rechtzeitig zu Verstand. Fragte stattdessen, ob ich helfen könne. Konnte ich nicht, weil verschnupft, und seine Keime behält man in diesen Tagen besser für sich. Bekam stattdessen die Highlights der Entrümpelung zur Ansicht aufs Fensterbrett gestellt.
Nun ist’s mit Reisen nach außen wie nach innen ja die gleiche Crux: Es wird nicht immer schöner. So war ich gerade erst zu der Erkenntnis gelangt, dass ich einem Virus, das Menschen zum Zuhausebleiben zwingt (und so Tempo und Lautstärke herunterregelt und am Ende noch an der dusseligen Konsumlogik kratzt) eigentlich nichts als Sympathie entgegenbrächte – brächte es nicht auch Leute um die Ecke. Und so stand nun unter anderem auch eine Flasche vor mir, deren Inhalt aussah wie der Urin eines Pharaos.
Ganz so alt und unerquicklich war sie dann doch nicht, die Flüssigkeit. Ob sie indes zum Spülen von Motoren oder zur spontanen Alkoholvergiftung nützlich sein sollte, bekamen wir nicht heraus (womöglich zu beidem, und ganz sicher taugt sie auch jetzt noch zur Desinfektion). Dafür landeten zu schnell neue aufregende Gegenstände auf dem Fensterbrett:
Eine rostige Stichsäge.
Eine verwunschene Glühbirne.
Ein Heft mit Shakespeare-Stücken.
Und schließlich eben: Uraltes Klopapier.
Nun ist in diesen Tagen so viel über Klopapier nachgedacht und geschrieben worden wie nie. Jüngst erst mutmaßte man im Neanderthal Museum (das dem alten, schönen, großen Haus direkt gegenüberliegt), dass unser Urahn womöglich schon Blätter und Moos zu vergleichbaren Zwecken gehortet hatte. Seltsam also, dass ausgerechnet dieser ebenfalls historische Fund noch einmal eine neue Perspektive auf den Komplex ermöglicht. Doch er tut’s – weil die Aufschrift („1A – 400 Blatt“! „Feinstes Toilettenpapier“!) eine absurde Verwurzelung im deutschen Denken & Leben unterstreicht. Weil die Staubflusen auf dem Hygieneartikel erzählen von dem Versuch, einem natürlich-rohen Vorgang etwas zivilisatorische Zartheit zu verleihen. Und weil eben auch etwas Anrührendes liegt in der Umarmung von Lagen um Lagen inzwischen pergamentartigen Papiers um ein kleines, leeres Herz aus Pappe.
Vielleicht sind nicht alle hierzulande hamsternde Horste (obwohl, einige sind’s mit Sicherheit).
Vielleicht sehnt sich manche:r in kruden Zeiten auch nur danach, einmal ebenso umarmt zu werden.
Von 1A-400 Blatt.

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