Der schnarchende Riese – Sylt vs Sauerland
Veröffentlicht von am 15.09.2017 12:49 1 Kommentar

Viele sieht man nicht und wenn, dann fast immer auf Autos mit HSK oder Olper Kennzeichen. Es scheint, nur sie fahren den SAUERLAND Aufkleber auf dem Kofferraum durch die Gegend. „Sauerland“ steht da,  links unten mit einem leichten Aufschwung nach rechts unten verlaufend, in handschriftlicher Anmutung und unterstrichen von zwei Zacken und einem sanftem Schwung bis zum „d“ am Ende.

Gestalterisch ist das 90er Jahre Diddl Maus mit – mir jedenfalls – allzu offensichtlichen Assoziationen: hier ist alles handgemacht und persönlich (die Schrift), wir haben Berggipfel, nicht zu schroff (die Zacken im Strich darunter) und wir fühlen uns unterschätzt. Graphologen meinen nämlich, wer seine Unterschrift noch unterstreicht, leide unter Minderwertigkeitskomplexen.

Mein Problem ist aber gar kein ästhetisches. Und auch die Behauptungen von Bedeutsamkeit kenne ich seit Jahrzehnten aus dem Regionalmarketing des Ruhrgebiets. Mein Problem ist gestörte Wahrnehmung: Ich sehe nämlich in dem zackig und geschwungenen Strich unter dem „Sauerland“ Schriftzug immer und jedes Mal das nörgelnde Strich-Männchen aus den Werbepausen der 70er und 80er Jahre, La Linea von Osvaldo Cavandoli. Der, und nicht ein angedeuteter Höhenzug, liegt mit dickem Bauch schnarchend unter dem Sauerlandschriftzug. Schauen Sie mal genau hin!

Beim ersten Mal hab ich gelacht und dem gewitzten Gestalter gratuliert. Wenn es nur mehr Leute sehen könnten! Denn das ist doch ein viel passenderes Bild für die Region, der schlafende Riese. In jedem Fall mit mehr Vision und Power als dem Schriftzug „Sauerland“ noch stilisierte Berge hinzuzufügen – als wenn irgendwer das nicht wüsste.

Aber was wollen diejenigen sagen, die sich den Aufkleber aufs Auto kleben, denen es offenbar gestalterische Gestrigkeit und allzu naheliegende Symbolik einerlei ist. Wofür genau steht „Sauerland“? Da es vor allem Sauerländer selbst herzeigen wohl für Heimatverbundenheit. Und das ist in Ordnung. Aber was müsste es bedeuten, damit sich Auswärtige den Sticker stolz als Statement aufs Auto kleben?

Als mir jemand neulich erzählte, dem Tourismus hier gehe es gut, es gäbe nämlich immer mehr Leute, die nicht mehr 600 km bis nach Sylt führen, sondern lieber ins Sauerland kämen, hielt ich das für durchaus möglich. Aber als ich dann wieder einen der Aufkleber sah, war mir nicht mehr so sicher. Sylt hat ja gleich zwei Aufkleber: Die allen bekannte Silhouette von Sylt und die zwei Schwerter der bekannten Sansibar auf der Insel.

Und jetzt sollen diese zeigefreundlichen, klassenbewussten Urlauber mit ihren Audis, BMWs und Benzen vermehrt ins Sauerland kommen? Möglich. Aber sicher ohne sich hernach einen so dezenten wie sichtbaren Aufkleber ihres Lieblingsortes aufs Auto kleben.

Diese Urlauber wollen vermutlich nicht kommunizieren: Wir mögen Naherholung, wir geh’n in den Wald, wir mögen mittelhohe Berge, mittelgroße Seen und mittelgroße Städte und die 90er.

Der Syltaufkleber kann nur zum Sauerlandaufkleber werden, wenn er sich mit dem diffusen Sylt-Gefühl auflädt: Wir sind oben – und das ist nicht für jeden. Bevor aber in Bad Fredeburg ein Barbour Laden statt des Birkenstock Outlet öffnet, bevor das Wildschweinsalmibrötchen zum neuen Krabbenbrötchen wird und das Mittelgebirgsskifahren, die elitär und ökologisch einzig richtige Entscheidung, bevor das passiert, ist es noch ein weiter Weg. Da haben es schrumpfende Inseln in der Nähe von Hamburg leichter.

Wann also erwacht der schlafende Riese, wischt mit zwei fuchtelnden Bewegungen den schiefen Schriftzug über sich weg, wie einen albernen Albtraum – und steht auf?

 

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