Der Tod I
Veröffentlicht von am 02.06.2020 20:24 2 Kommentare

Verstorbene blieben im Bergischen früher in der guten Stube. Die war eigentlich nur für Weihnachten da. Oder wenn Gäste kamen. Sonst wurde die gar nicht geheizt.
Aber wenn die Großmutter gestorben war, dann lag sie dort mehrere Tage. Dann konnte ich hingehen und begreifen, dass da nichts Schlimmes geschah. Dass die nicht am Schlafen ist, ich also keine Angst vor dem Schlafengehen zu haben brauche. Ich konnte fühlen, wie ihre Hand kalt wurde. Aber auch, dass die Person ganz entspannt ist. Das liegt in der Natur der Sache.
Und das Haus war voll mit Menschen. Nicht so wie heute, wo das Haus plötzlich leer ist und still, und alle Angst haben, etwas falsch zu machen. Damals ist man aufeinander zugegangen, wenn jemand gestorben war. Das ist ein urchristlicher oder abrahemitischer Gedanke, das sieht man heute noch im Islam, im Judentum. Da kommen die Nachbarn, die Familie, man bringt was zu essen mit.
So war das auch hier. Und deshalb verstehen wir uns auch als Archäologen der Bestattungskultur.

Kinder sind perfekte Trauerbegleiter

Wir beerdigen, wo und wie jemand das möchte. Vor Kurzem sind wir mit einem Verstorbenen im Brauhaus gewesen zur Trauerfeier. Bei einer anderen haben die Kinder die komplette Modelleisenbahn des Vaters im Keller wieder aufgebaut.
Die Kinder vom Tod fernhalten? Halt ich wenig von. Kinder sind wie Unkraut, die wachsen und sind nicht kaputt zu kriegen, ne? Das hat meine Großmutter immer gesagt. Gut, die hat auch gesagt: Früher haben wir die Kinder auf dem Feld bekommen und dann ging die Ernte weiter.
Aber ich finde wirklich: Kinder sind perfekte Trauerbegleiter. Und sie kriegen ja sowieso alles mit. Die merken, da ist etwas geschehen. Und wenn sie nicht mitdürfen, zur Trauerfeier, dann fangen die an zu fantasieren. Was ist da passiert? Hab ich was falsch gemacht?
Ich kenne so viele Berichte von Menschen, die als Kind nicht mit der Materie in Berührung gekommen sind. Und als sie dann doch mal auf einen Friedhof kamen, mussten die lachen. Und die ganze Gemeinde guckt die dann böse an, ne? Dabei haben sie sich nur vorgestellt, was der Opa von dem Trara gehalten hätte.

Element auf dem Bestattungsgelände. Foto: (c) promo

Ich habe vier Kinder. Als mein Vater gestorben ist, haben wir ihn nochmal nachhause geholt. Und mein Zweitältester, der war damals noch klein, wäre ihm am liebsten auf die Schenkel geklettert, wie er das immer gemacht hat. Allein in den Sarg gelassen haben wir ihn nicht. Doch er hat alles da drin untersucht, ne? Irgendwann wollte er dann wieder spielen oder etwas Süßes oder was Kinder so wollen. Und später kam er auf einmal mit einem dieser Plastikpferdchen wieder, die er so gern mochte. Und hat das dem Opa dazugelegt.
Das war natürlich nicht sein eigenes, sondern das seiner älteren Schwester. Doch es war das, was er am tollsten fand. Das hat er dem Opa mitgegeben. Und meine Älteste konnte das gut zulassen. Die ging zugleich selbst sehr pragmatisch mit alldem um, das war nicht so ihr Thema. Ein Jahr später, an Karneval, sind wir mit den Kindern auf einem Wagen mitgefahren. Da hat mein Sohn alle unterhalten, mit Geschichten vom Großvater, dies und das und jenes, er hat unglaublich viel erzählt. Und meine Tochter hat weiter Kamelle geworfen. Ich will sagen: Kinder können sehr gut selbst entscheiden, wie sie mit dem Tod umgehen. Die wissen auch, wie viel sie wissen wollen. Im Zweifel fragen sie einfach nicht mehr.
Und wenn sie fragen? Antworten, und zwar nicht abstrakt, sondern direkt. Kinder sind unglaublich pragmatisch. Das gilt im Tod wie in der Liebe. Ich weiß noch, wie meine Tochter in der Schule das erste Mal etwas für einen Jungen empfunden hat. Die kam ganz stolz mit einem selbstgeschriebenen Heiratsantrag nachhause. Und dann berichteten auf einmal alle davon, selbst die Zweijährige erzählte, dass sie ein anderes Kind aus der Tagespflege heiraten wollte. Ein Mädchen übrigens.

Umgang mit Tod sollte lebendig sein

Liebe. Tod. Vielleicht noch Macht. Das sind doch im Grunde schon die großen Themen der Kunst, oder? Sehen Sie das hier an der Wand, die Bilderserie? Die hat eine Dame gemalt, während sie vier Tage am offenen Sarg Abschied genommen hat von ihrer Mutter. Und wo man am Anfang natürlich das Chaos sieht. Aber sehen Sie hier? Da kommt dann langsam die Ordnung und Struktur hinein, das ist das Begreifen. Und am Schluss ist das Porträt ein ganz anderes. Vielleicht habe ich durch den Tod ja auch nochmal einen neuen Ansatz, um zu verstehen.
Wir sind hier natürlich nicht primär Kulturschaffende, aber wir machen auch Projekte. Sie kennen vielleicht diesen Koffer für die letzte Reise? Da haben wir über 100 Menschen gefragt, was sie hineinpacken würden. Was auch immer das sein mag, die letzte Reise. Und die haben dann diesen Koffer für uns gepackt. Drei oder vier haben gesagt: Ohne etwas bin ich auf die Welt gekommen, ohne etwas gehe ich zurück. Der frühere Pressesprecher des Bistums, der hat seinen Weihekranz mit reingesetzt. Manche haben was zu essen mitgenommen, manche Bücher, einer hat die ungeöffnete Post von drei Monaten gepackt, bis hin zu Zustellungsurkunden mit Zahlungsaufforderungen, ne?
Wir glauben eben, dass der Umgang mit dem Thema Tod ein lebendiger sein sollte. Das scheint für manche widersinnig. Aber wir sind auch schon häufig von Kindern angesprochen worden, ob sie hier ihren nächsten Geburtstag feiern könnten. Was wir als großen Zuspruch empfinden, für ein Bestattungshaus.

Aus der Kunstausstellung des Bestattungshauses. Foto: (c) promo

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