Die Kurve
Veröffentlicht von am 19.10.2021 18:38 Schreibe einen Kommentar

Das freut mich, dass Sie den Schnurrbart mögen. Denn das ist gar nicht so leicht. Der will ja nach unten wachsen, verstehen Sie? Aber ich lass ihn nicht. Den Gauner. 

Wir können uns gern ein wenig unterhalten. Aber Sie erklären das meiner Frau. Ein Gentleman lässt seine Dame nicht allein. Das gilt auch im Bus. Erst recht im Bus. 

Wir sind seit sechsunddreißig Jahren zusammen. Verheiratet sind wir noch lange nicht. Ich sage immer, dafür müssen es schon fünfzig Jahre werden. Aber im Vertrauen: Wahrscheinlich machen wir es dann auch nicht mehr. Mich hat das immer abgeschreckt. Die Kirche, das Brimborium. Natürlich, man hätte es kleiner haben können. Aber was soll es dann noch?

Hoppla! Diese Kurve. Die konnte ich früher besser ab. Da staunen Sie. Aber das ist nicht mein erster Tag mit dieser Linie. Wir fahren die Strecke beinahe täglich. Also, ich fahre Sie täglich, meine Frau kommt nur an den Wochenenden mit. Ich sage meine Frau, damit keiner Fragen stellt. Ein Gentleman beschützt seine Frau vor Fragen. 

Meine Frau schickt mich jeden Tag zum Busfahren. Sie hält es solange mit mir nicht aus. Das sagt sie natürlich nicht so. Aber sie weiß, ich brauche das auch. Früher, als wir gereist sind. Da bin ich in jeder Stadt mit der Drei gefahren. Die Linie drei, die gibt es fast überall. Nur in meiner Heimatstadt nicht. 

Ganz richtig. Ich komme gebürtig von hier. Da gab’s diesen Bus aber noch gar nicht. Da gab’s hier gar nicht mehr viel. Deshalb schaue ich mir das alles heute auch noch so gerne an. Sagen viele, das sei nicht die schönste Stadt. Aber ich kann Sie beruhigen: Das will sie auch gar nicht sein. 

Die Fahrer kenn ich natürlich längst alle. Oder besser gesagt: Die kennen mich. Man fällt ja auf, wenn man Stammkunde ist, nicht wahr? Womit wir wieder beim Schnurrbart wären. Ja, wer nicht auf sich achtet, der achtet meistens auf gar nichts mehr. Sieht man hier öfter, wenn ich mir die Einschätzung erlauben darf. Aber mir? Mir ist das Leben dafür zu schade. 

Jetzt müssen Sie Platz machen. Wenn es ihnen nichts ausmacht. Die nächste Haltestelle ist unsere, und meine Frau braucht für das Aufstehen etwas Zeit. Ja, so sind die Dinge nun einmal. Es hat mich allerdings sehr gefreut. 

Was ich tun würde, wenn es keine Busse mehr gebe? Sie stellen Fragen. Ich hoffe, das ist Theorie! Offen gesagt, ich weiß es nicht. Aber sicher nicht Bahnfahren. Da spürt man ja kaum eine Kurve! Ich habe eine künstliche Hüfte. Aber deshalb verzichte ich doch nicht auf jeden Spaß. 

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