BARES FÜR RARES
Veröffentlicht von am 25.03.2020 18:52 Schreibe einen Kommentar

weil das ruhrgebiet nicht nur dortmund, die stadt ohne namen, ist geht’s heute abend zur ersten (und vermutlich vorerst letzten) exkursion. ziel ist die helge schneider stadt mülheim. im hauptbahnhof DO zieh ich mir schnell noch ein teures monatsticket und schon kommt künstlermusiker achim zepezauer (siehe WTF is DADADO? und wir springen auf den regionalzug richtung kölle. was ich nicht weiß: ticket2000 wertmarke ohne dazugehörige karte (+ weiteren lichtbildausweis) ist wie krone ohne könig oder eifeltum ohne paris. der resolute zugschaffner hätte mich glatt in der nächsten station rausgeschmissen. da achim eine weitere person mitnehmen darf, bleibt mir dieses schicksal, im gegensatz zu unserem ebenso ahnungslosen nachbarn, erpart. nun weiß ich was fräulein nina meinte mit: VRR ist die hölle! keiner kennt sich aus…

erstaunlicherweise kennt auch niemand dem ich in DO davon erzähle das  makroscope. laut definition der blick auf’s große und ganze und für mich ein highlite für experimentelle improvisierte musik jenseits von bräsigen jazzfestivals, donaueschinger musiktagen und neuer musik mit stock im arsch. viele meiner musikerfreunde und kollegen wie limpe fuchs, ronnie oliveras oder ruth maria adam haben hier schon fleißig klarinettiert, gefiedelt und gedengelt. ebenfalls im angebot: das hauseigene label ana ott, wo strickmanns peter seine wunderbare schnarchmusik (kein witz) auf vinyl veröffentlicht hat. weiterhin ist dort das lebendige museum für fotokopie mit einer sammlung zur geschichte der fotokopie und copy art, workshops und ausstellungen. 2019 hatte ich mit dem gründer des museums klaus urbons und weiteren künstler*innen, die den fotokopierer zum kunstmachen benutzen eine copy art ausstellung in buffalo NY. einer meiner ältesten künstlerischen kollaborateure, jürgen o. olbrich aus kassel, mit dem ich gerade eine handbearbeitete edition mit impfpässen für hunde & katzen erstellt habe, hat dort auch schon ausgestellt. das alles unter einem dach und an jedem wochenende ein interessantes event. die wochenenden im pott schienen gesichert…

an diesem abend aber war die corona panik noch nicht wirklich im ruhrgebiet deutschland angekommen und veranstalter dennis dix nimmt alle eintretenden erstmal herzlich in den arm. heute (19.03.) würde er für diese an sich harmlose und liebvolle geste vermutlich gelyncht werden. das publikum, inklusive dem zottelbärtigen barfußläufer und dem kind mit mickymaus gehörschutz, wirkt irgendwie handverlesen aber durchaus unhomogen authentisch. an der theke sitzt schon der aus florida stammende noise musiker sisto rossi auf einem barhocker und schlürft belgisches leffe bier. wir hatten uns nach einem phantom limbo konzert in der oettinger villa am bahnhof in darmstadt kennengerlernt und er ist dabei, einen auftritt für uns beide in einer essener galerie zu arrangieren. dann wiedersehen mit jan ehlen von den raumzeitpiraten, die ebenso wie ich letzen sommer bei der licht- und klangkunstnacht zum dreißigjährigen jubiläum im künstlerdorf schöppingen aufgetreten sind. ich erzähle von meinem stipendium als regionsschreiber und er ist feuer und flamme ein partizipatives fundzetteldepot im makroscope für das projekt asphaltbibliotheque ruhrgebiet asphaltbibliotheque ruhrgebiet  aufzustellen.

der erste act ludwig wittbrodt ist ein duo wie es viel gegensätzlicher nicht sein könnte. die eher zierliche emily wittbrodt am cello – ebenso wie achim assoziert bei dem 25-Piece sound collective the dorf  – und der kräftige riese edis ludwig am laptop und selbstgebauten noisegeneratoren. immer wenn die glassvitrine bei extremen bassfrequenzen mitscheppert schauen achim und ich uns grinsend an und ich kann mich kaum zurückhalten die vitrine zum mitspielen zu benutzen. brandstifter, alte rampensau: du bist neu hier, also sei schön brav, halt dich zurück, amüsier dich und guck lieber erstmal zu. deine zeit wird kommen 😉

viel zu hören und auch zu kucken gibt’s dann beim zweiten set. das phobos, dysfunctional robotic orchestra ist eine gruppe kleiner roboter und automatischer musikgeneratoren, die sich zu einem dysfunktionalen roboterorchester zusammenschließen, einem orchester seltsamer instrumente mit defekten und genetischen mutationen. die gruppe aus portugal hat mit ihren maschinen eine riesige tischlandschaft bestückt. überall blinkt es und geschehen interessante dinge, die den klanggarten von phobos zum blühen bringen.

da einer der beteiligten am noise vs poetry abend krank geworden ist kommt die anfrage, ob ich nicht am 21. merz auftreten möchte. als weiteres projekt ist igitt, ein non input mixer duo mit dennis & sisto am start. zufälligerweise war tilmann jakob, der ursprünglich an dem abend hätte auftreten sollen, gerade erst im februar in frankfurt gastgeber gewesen, als ich in der reihe xerox exotique im institut für neue medien mit meinem incredible labertierchens orchestra aufgetreten war. die welt ist klein in der szene, in der wir uns bewegen. das hatte ich schon in new york festgestellt. mal sehen was sich nun alles verändern wird. auf facebook wimmelt es von petitionen für grundeinkommen und krediten, die die regierung auch kulturschaffendenden in aussicht stellt. kredite paßt nicht: bares für rares, bitte! wir kreativen hungerleider sind ja findig und anpassungsfähig wie ein blatt im wind und wenn die anderen kleinunternehmer auch nix haben fällt vielleicht endlich mal auf was wir alles die ganze zeit leisten auch ohne an den großen tröpfen zu hängen.

zwei tage nach frankfurt war ich vor fastnacht zu einem gig mit meinen projekt ANTIBODIES nach berlin geflüchtet. wenn man bedenkt, was nur EIN coronainfizierter bei einer karnevalsgesellschaft im kreis heinsberg ausgelöst hatte, so ist in dem zusammenhang das wort flucht sicher nicht übertrieben…

es ist mittlerweile schon spät oder eher früh und um lange wartezeiten zu umgehen müssen wir dringend zum zug. achim braucht ein bißchen, um seine am tresen versackte nachbarin einzusammeln. die übliche abschiedszeremonie rollt ab. pipi gehen, ciao sagen, jacke anziehen. endlich rennen oder torkeln wir im trio gen bahnhof, wo wir gerade in allerletzter minute unseren zug erwischen. scheiß wodka! kaum dass wir sitzen wird unsere mitfahrerin ziemlich blass um die nase und verschwindet auf toilette. ab DO HBF fahre ich allein mit der 43 zur heinrichstraße weiter. quasi schwarz. noch ist mir nicht bewußt, dass es schon jetzt gravierendere gründe gibt den nahverkehr besser zu meiden und dass einrichtungen wie das makroscope bald um ihre existenz bangen werden, da schon nächste woche alle kommenden öffentlichen veranstaltungen auf eis liegen werden…

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