Die Samenhändlerin / der erste Teil
Veröffentlicht von am 21.06.2020 19:51 Schreibe einen Kommentar

Die Samenhändlerin / der erste Teil

Der Platz ist mit Gattern umstellt und mit Rindenmulch aufgefüllt. In der Mitte steht eine Zielscheibe, jemand hat mit Kreide einen Bullen darauf gezeichnet, der durch Ringe rennt und der rote Kreis in der Mitte, der trifft sein Herz.

Mit dem Blasrohr in der Hand steht Mary vor der Zielscheibe. Es ist ihr erster Arbeitstag als Bullenabsamerin und sie schießt mit dem Blasrohr leere Betäubungsspritzen aus allen Winkeln des Platzes Richtung Zielscheibe. Ihr Ausbilder lehnte kurz am Gatter und kommentierte ihre Treffsicherheit, sie übt das Zielen ja aber nicht für ihn, sondern für ihr eigenes Überleben und so ließ er sie wieder allein. Sie prüft Abstände, nimmt unterschiedliche Positionen ein, zielt, schießt und zieht Spritzen aus dem Kreidebullen, sie wird besser.

Das Blasrohr mit den Bestäubungsspritzen trägt sie auch am nächsten Tag bei sich, als Mikolaj den Zuchtbullen aus dem Futterstall lässt. Zuchtbulle kennt die Prozedur, weiß, wenn sich ihm das Tor öffnet, dann darf er im Fliesenraum sein weiches Inneres unterm Fell hervorholen und tief in eine der vorgewärmten Vaginalnachbildungen stecken. Er kennt seinen Weg, läuft ohne Zögern, ohne Strick. Der Anblick von Fliesen erfreut ihn, lässt ihn an Erleichterung denken, er wird in seiner ferner Zukunft einer von Wenigen sein, die frohen Mutes in die Fliesenkammern des Schlachthofes maschieren werden. Weiße Fliesen, um weichen Zuchtbullen, blankgeschrubbt immer wieder, nachdem Scheiße, Blut und Sperma auf sie traf. Erstmal steht für ihn ein anderer Bulle bereit.

(Als ich Mary beim Interview erstaunt fragte: „Wie, ein Bulle?“ da sagte sie, dass Bullen alles bespringen, das von hinten rund aussieht. Wir lachten.)

Und so bohrt Zuchtbulle seine Nase tief in den Arsch des bereitstehenden Bullen, den Mikolaj mit einem Strick am Nasenring hält. Zuchtbulle hebt seine Vorderbeine und steigt erregt eine Etage höher, umarmt Bulle mit den Vorderbeinen, legt ihm zuckend immer wieder den großen Kopf auf den Rücken, balanciert auf zwei Beinen den Boden, Bulle steht da, mit dem Strick in der Nase. Beim Entsamen denkt Mary dann an nichts anderes als an ihre eigene Sicherheit. Sie steht halb unter Zuchtbulle während er mit seinem ausgefahrenen Penis in die Vaginalatrappe ejakuliert, die sie ihm überschob und Mikolaj hält Bulle am Strick. Sie werden zu einem guten Entsamungsteam, Mary, Zuchtbulle, Bulle und Mikolaj, der kaum deutsch spricht. Zuchtbulle ist manchmal auch ein anderer Zuchtbulle. Das Blasrohr mit den Betäubungsspritzen, das musste sie in den zwei Monaten nie verwenden und nur einmal verläuft ein Arbeitstag ohne Erfolg. Zuchtbulle springt zu schnell auf Bulle auf und verliert sich in ihm, Mary steht mit der nutzlosgewordenen Vaginalatrappe daneben und beginnt zu lachen. Mikolaj, der sich aufs Festhalten von Bulle konzentriert, den Strick mit seinen Augen abfährt und vielleicht doch eher an etwas ganz anderes denkt, schreckt auf und blickt Mary fragend an. Als er die Situation zu verstehen beginnt, da sagt er trocken: „Jetzt ist ganze Arbeitstag im Arsch“.

Nach den zwei Monaten fliegt Mary für weitere zwei Monate auf einen Absamungsbetrieb für millionenschwere Zuchtbullen in Wisconsin. Bullen und Herden bis an den Horizont. Ihren ersten Arbeitstag verbringt sie auf staubigem Boden, der Platz ist mit Gattern umstellt. In der Mitte steht ein Bulle aus Leder und Holz. Mit dem Lasso in der Hand steht Mary auf dem Platz und übt ihre Hand- und Wurfbewegungen, während ein paar Männer am Gatter lehnen. Diesmal übt sie für alle. Bei der Arbeit wird sie manchmal von einem Pferd getragen und trägt dabei einen Lederhut. Die Bullen genießen abspritzen weltweit.

Zurück in Deutschland wird Mary Samenhändlerin. Eine der wenigen Samenhändlerinnen Deutschlands. Die Firma, die mit hochwertigem Bullensperma handelt, die bringt ein Händlerprospekt heraus, druckt dort die Samenhändler und die einzige Samenhändlerin mit Kontaktnummer ab, verteilt die Prospekte an Bauern Europaweit aus und das Telefon beginnt zu klingeln und Mary von Portugal bis Kasachstan die Bauern zu beraten. In einem Koffer trägt sie bestes Bullensperma bei sich, lässt es nach erfolgreicher Beratung gleich vor Ort und bald darauf tragen ganze Kuhherden Kinder unbekannter Väter in ihren Bäuchern über Wiesen und Spaltenböden spazieren. Manche der Kälber bleiben bei ihren Müttern, manche nicht. Gerade jetzt, heute an diesem Tag, da sind die meisten Kälber weniger wert als ein Kanarienvogel.

Mary wird später Bäuerin werden und den Hof des Vaters übernehmen, der ihr ihn mit Freuden und voll Vertrauen überlässt, nicht wie der Großvater, der zu schimpfen begann, sobald er davon hörte, dass Mary den Traktorführerschein macht. Mädchen, die gehören nicht auf Traktoren wird er sagen, solange er lebt und sobald er Mary neben dem Traktor stehen sieht. Auf Marys Hof werden alle Kühe Namen tragen und die Kälber bei ihren Müttern aufwachsen und die älteren Kühe nicht von den jüngeren getrennt werden und Mary wird mit Überraschung feststellen, dass das Zusammenleben einer Herde in der Generationenmischung am besten funktioniert. Soziale Strukturen werden entstehen und für Stabilität sorgen, die Kühe kennen ihre Namen auch, an der Häufung von ähnlichen Namen erkennt man deren Inspirationsquellen und Jahrgänge. Es gibt den Asterix und Obelix Jahrgang. Harry Potter und Draco Malfoy werden bald zusammen geschlachtet und direktvermarktet werden. Ihr Fleisch dann ununterscheidbar voneinander im Kühlregal liegen. Doppelnutzung das ist, wenn Rinder nicht nur für Fleisch gehalten werden, wenn Rinder nicht nur für Milch gehalten werden, sondern wenn sie mit beidem gut sind. Doppelnutzung, die gibt es auch bei Hühnern, bei Schweinen nicht.

Solange Mary aber noch Samenhändlerin ist, da wird sie erstmal Nachrichten von einem Bauern erhalten, eine unterdrückte Nummer.

Willst du mich nicht auch einmal Absamen? Schreibt er

Bei mir ist auch haufenweise Sperma zu holen. Schreibt er wieder und schreibt weiter und hört nicht auf. Er beginnt Bilder von der Lagerhalle seines Spermas zu schicken, fleischig, die Vorhaut angespannt, man will sich das keine Sekunde anschauen, doch dass will er nicht wahrhaben, seine Erregung erregt ihn, er schickt Bilder immer wieder, auf einem sind Teile seines Gesichts zu erkennen. Mary befragt die anderen Samenhändler, sie würde gerne auf einen Überraschungsbesuch des Massenmasturbierers verzichten.

Kennt ihr diesen Bauern?

Das ist einer von meinen Kunden, sagt einer der anderen Samenhändler. Der sitzt oben in Norddeutschland, der kommt dich erstmal nicht holen, ganz alleine mit 150 Mutterkühen. Wer soll sich da um die kümmern, wenn er jetzt losfährt?

Mary zeigt ihn an und hört nichts mehr von ihm.

Als ihr dann das Reisen zu viel wird, da spricht sie mit ihrem Vater, über den Hof und die Pläne. Spricht auch mit dem Bruder, der den Hof eigentlich mal übernehmen wollte, aber dem fehlt das Reisen, sie tauschen die Jobs. Der Bruder zieht mit dem Spermakoffer los, bewirbt bestes Bullensperma von Norwegen bis Bulgarien. Manchmal kommt er unangemeldet auf dem Hof vorbei. Stellt den Koffer vor dem Hundezwinger ab, die beiden Hunde vor Freude außer sich, springen an ihm hoch, werfen den Koffer um, ich bleibe zwei Wochen da, ruft der Bruder dann in die Ställe hinein. Mary und ihr Freund, der mit ihr auf den Hof zog, die packen dann ihre Koffer, fahren spontan drei Tage weg, gar nicht so weit, nur ein bisschen weg. Drei, vier, fünf Tage ohne Tiere, nur sie beide. Vielleicht zweimal im Jahr. Ihr reicht das aber, sie hat keinen Job vor dem sie fliehen muss, sondern einen der sie anzieht. 

 

Anmerkung: Ein Spermakoffer, den gibt es natürlich nicht so einfach. Es ist in Tiefkühlbehältern in flüssigem Stickstoff. Das trägt man nicht so einfach durch die Gegend. Die Autorin mag nur das Bild vom Sperma im Koffer, das einfach an einem Arm herumgeschlenkert werden kann, wie ein Kind beim „Engel, Engel, flieg“.

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