die wenigen Ereignisse der ersten sechs Wochen – 1.Fassung mit Auslassungen
Veröffentlicht von am 22.04.2020 23:47 Schreibe einen Kommentar

Man läuft ja nicht sofort los, um sich die Taschen mit dem Müll fremder Menschen zu füllen, deshalb begann ich auch erst vor wenigen Tagen damit. Ich dachte nicht, dass mir der Müll ja nicht wegliefe und ich tat auch nicht so, als sähe ich ihn nicht, ich wollte nur nicht die Neue im Dorf sein, die über die Felder rennt und den Müll mit nach Hause bringt. Die Mentalität eines Dorfes lässt sich ja nicht greifen, wenn man die Bewohner nur dabei sieht, wie einer wegen dem anderen, der Sicherheitsabstände wegen, den Gehweg wechselt.So ging ich also wochenlang am Müll vorbei, immer stärker die mahnende Stimme meiner Mutter im Kopf: „ja, wenn dann Gras drüber gewachsen ist, dann brauchst auch nicht mehr anfangen“ und das Gras begann nach einem letzten (und einzigen) Schneetag zu wachsen, wie auch die Knospen und Blüten, der Bart des Mannes, die Haare des Hundes, die Haare an unseren Körpern. Der Raps wurde gelb, die Waldbrandgefahr im Waldbrandgefahrenindex orange, das ist Stufe 3 von 5.

Wir kamen vor ca. 6 Wochen ins Sauerland. Von Köln aus mit dem Zug, mein Zimmer dort untervermietet, bei mir das Gepäck für vier Monate und der Mann, der die Taschen tragen half. Beim längeren Zwischenhalt aßen wir in einem Imbiss die letzten für uns fremdgekochten Nudeln. Plötzlich bekam ich Angst davor, 4 Monate alleine im Sauerland verbringen zu müssen. Der Mann sagte, er würde mich bestimmt oft besuchen kommen, aber ich traute der fast vierstündigen Zugfahrt nicht, wer würde die schon für mich auf sich nehmen, oft? In Arnsberg stiegen wir in einen Bus, Schulkinder stapelten sich auf den Sitzen und hingen Hand an Hand in den Schlaufen des Flurs. Wir, Fremdkörper wie Frösche in Schichtsalat, umgeben von, bei Beschleunigungen schwankenden Stimmbrüchigen, die sich zuriefen, dass die Lehrer sagten, dass die Schulen sowieso auch bald dicht machen würden. Damals hat man das aber eh noch nicht geglaubt und wir alle wurden Zeugen vom Lachen der Ungläubigen, unserem. Wir fuhren in Kurven 45min durch Waldgebiet, am Wegrand standen Bushaltestellenschilder, hin und wieder ein Dorf und wieder Wald, eine Anzeigentafel der Haltestellen im Bus gab es nicht. Ich hämmerte meinen Finger auf den roten Stoppknopf, als die Uhrzeit mit der Ankunftszeit übereinstimmte. Wagen hält. Der Wagen hielt im Wald, die Haltestelle offensichtlich die Falsche. Plötzlich ein Bus der Stille. Das fragende Gesicht des Busfahrers im Rückspiegel suchte nach jemandem, der aussteigt oder sich für den Fehldruck mit einem kurzen Pieps entschuldigt. Ich sagte nichts, obwohl ich wusste, dass jeder wusste, dass entweder der Mann derjenige ist, der nicht weiß, wo genau die Reise zu Ende ist, oder dass ich diejenige bin. Man entfernt sich selbst in den einfachsten der unbekannten Umgebungen sehr schnell von einem sicheren Selbst. Wir stiegen an der nächsten Haltestelle aus und mit uns alle anderen. Wir waren richtig und wurden zu Kaffee und Kuchen abgeholt und in meine Residenzwohnung gebracht.

Der Mann und ich hatten die Wochen davor mit einem Filmdreh verbracht und uns ein 15qm WG-Zimmer geteilt, im Zimmer nebenan der Kameramann, die Arri Alexa auf dem Küchentisch. Deshalb waren wir an Enge gewöhnt und plötzlich lagen da die Zimmer der Residenzwohnung vor uns wie jene viel zu große Hose eines entfernten Cousins ausgebreitet, die man als Kind mit den Worten, dass man da schon bald reinwachsen würde, überreicht bekommt. Wir saßen zusammen auf einer Bank der Küchengarnitur, auf der eigentlich nur einer sitzt, mit Blick zur Tür wurden wir immer kleiner zu Mäusen in der Turnhalle. In jedem Zimmer (zwei Zimmer, Küche, Bad, Balkon) hing eine tickende Uhr. Es gab Zeiten, da las man die Zeit nicht vom Smartphone ab. Es gibt Zeiten, da zeigt nicht nur das Smartphone die Zeit an. Der Mann entfernte mit der Zeit nach und nach die Batterien der Uhren, weil ihn das Ticken vom Denken abhielt. Mich ließ das Ticken an Pferde denken, die Reiter, die immer näher zu kommen scheinen und nicht näher kommen, wie die auf dem Pferdehof, dem Klofenster gegenüber. Ich hängte den ersten verbrannten Pfannkuchen an die Wand. Abends kippte ich das Fenster im Schlafzimmer, etwas lag aber draußen in der Luft, das ebenfalls verbrannte. Die Eltern brachten erst noch den Hund, dann kam der Shutdown und die Luft im Schlafzimmer roch nach Scheiße. Große Güllefässer tauschten sich am Berg die Ladung aus, fuhren sie in den üblichen Streifen über die Felder, ich roch es bald nicht mehr, der Mann, dessen Job im Kulturbereich den Bescheid ruhendes Arbeitsverhältnis erhielt, der blieb und litt an den Gerüchen. Wir gingen in den Wald, liefen tagtäglich alle Wege aus, manchmal war das Summen einer Hummel im Busch nebenan nicht zu unterscheiden von den Motorsägen in der Ferne. Ich begann auf Jägerständen zu schreiben. Vier windgeschützte Fenster hin zu Baumkronen, ein bequemer Stuhl, die Beine vorm Fenster, das Heft darauf.

Amecke hat 1786 Einwohner, von denen an Ostern einige in Solidarität zuerst Freude schöner Götterfunke und dann Oh when the saints auf einem ihnen erlernten Instrument spielten. Das war um 17:50. Um 17:45 versammelten sich einige wenige mit Sicherheitsabstand und mit Tränen in den Augen bei der Kirche, wo auch wir saßen. Die regenfreien Tage, die nun den dritten Dürresommer in Folge einleiten sorgten auch zu diesem Zeitpunkt für Motorradverkehr, der stets alle anderen Geräusche überfährt. Abends roch das Schlafzimmer nach Feuer und morgens weckten uns die Vögel, die lieblichen mit Gezwitscher und der gemeine Hahn mit einem ständigen Kikeriki.  Das ist schön, man trifft ja selten auf so viele Vögel gleichzeitig im Ohr. Jeden Tag springt ein Kind in einem Trampolin am Hang auf und ab. Ein älterer Herr stiehlt Pflastersteine bei der Firma gegenüber, fünf Stück verstaut er sonntags in seinen Satteltaschen.

Mit den BauerInnen begann ich mich hin- und wieder über die Wiesen hinweg zu unterhalten, der Wind, der hier nicht wegzudenken ist, der auch den Müll an die Wegränder und in die Wiesen bringt, trug uns Wörter und Pusteblumen zu. Ich werde bald berichten.

Weil das Haus auf dem Hügel steht, sehen wir Vögelflügel von oben und wenn die Blüten der Bäume nach unten fallen, dann versuche ich mich zu fragen, ob fallende Blütenblätter denn aussähen wie Schnee, wenn ich drunter, nicht drüber stünde und kann die Auswirkungen der aussterbenden Wildtiere auf mich nicht einschätzen, die Wildtiere werden nämlich früher aussterben als erwartet, die alten Hektiker, las ich plötzlich und verfiel in Schockzustand, der anhielt, als Deutschland verkündete, nun doch fast keine unbegleiteten Flüchtlingskinder nach Deutschland zu bringen. Mit einem ‚Enemenemuh und nach Deutschland kommst du‘ werden mehr Erntehelfer als Minderjährige ins Land geholt, bei Netto gibts zum Kilo Spargel ein Kilo Kartoffeln umsonst dazu. Der weibliche Spargeltarzan wird Bohnenstange genannt. Es fällt schwer sich auf eine Region zu konzentrieren, wenn man die Rentiere und Panther nicht vergessen kann.

Die Tage vergingen und Abends roch das Schlafzimmer nach Feuer und dann lag da beim Gassigehen doch die blaue Plastiktüte, unbefleckt, stabil, reißfest, groß. Sie lag einfach so, auf der Wiese vorm Wald, sollte ich die Wiese später nochmal erwähnen müssen, so nenne ich sie ab jetzt obere Tütenwiese. Auf der oberen Tütenwiese begann ich die blaue Tüte mit dem Müll des Heimwegs zu füllen und trug sie, so als trüge ich halt ständig blaue Säcke bei mir, in die gelbe Tonne. Unterm Schlafzimmerfenster standen Europaletten in Flammen, der Nachbar trat immer wieder an sie heran, legte Plastiksäcke nach. Ich schrieb ihm einen Zettel für die Gartentür ‚Wenn Sie bis Ende Juni auf das Verbrennen von Plastikmüll unter meinem Schlafzimmerfenster verzichten könnten, dann wäre ich Ihnen sehr dankbar.‘ Es begann zu regnen, auf den Hügeln blühende Bäume.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.