Die Wurst
Veröffentlicht von am 09.07.2020 19:36 1 Kommentar

Ich seh hier noch ganz andere Dinge, dat kannste mal glauben. Aber da halt ich ja nicht drauf. Weil, dat is nicht meine Arbeit. Wat is meine Arbeit? Den Laden am Laufen halten, so einfach. Wenn ich eins, zwei fuffzig sind dat, eins gelernt hab, Servietten da vorne, also wenn ich eins, aber gerne, dann is dat: Von selber läuft der nicht.

Ach, ich mach dat schon ne Weile. Lass es mal fünf Jahre sein. Aber verändert? Wat glaubste. Da ist dat nicht die Brangsche für. Corona, na klar! Da hatt ich auch zu gehabt. Aber ist ja vorbei. Kannste mal gucken. Wie die sich benehmen. Na, alle: Kein Mundschutz, kein Abstand, nix! Wie sagt man? Der Mensch ist vom Menschen der Wolf.

Stammgäste? Klar, gibbet. Aber warum kommen die? Weil du hier deine Ruhe hast. Is dat mitten in der Stadt? Na sicher. Is dat New York hier? Nee. Aber trotzdem wat los. Glaub mir mal. Und deshalb machen wir drinnen entspannt. Heiß und fettig, aber lässig. Sag ich jetzt so.

Mich kannste zitieren. Zwei siebzig sind dat! Aber lass mir die Leute in Ruh. Ich habe zu danken! Weil, die kommen ja, damit denen hier keiner. Ich sag mal: auf den Keks. Ob die mal wat erzählen? Sicher doch. Wenn du weg bist. Da bin ich auch mal Therapeut. Psychologe. Ich steh hier zwar am Grill. Aber oft näher dran als die Ehefrau.

Obwohl die eh nicht mehr dran ist. Dat is ja dat Problem. Bei den meisten. Wenn du verstehst. Tuste aber nicht. Biste noch zu jung für. Willste eine? Wieso? Und die? Jetzt sag nicht, du bist Vegetarier.

Jedenfalls. Wenn du wat wissen willst? Dat geht nicht so aus dem Stehgreif. Musst dich schon mit mir hinstellen, nen Tag oder zwei. Dann kannste dein Buch schreiben. Allein schon, wat hier alles ankommt! Lokalpolitik. Promis auch. Der Bürgermeister war da. Und die jungen Leute. Außer die Moslems. Obwohl, die auch. Aber nur nachts. War neulich einer da. Sagt der: Ich darfs niemand erzählen! Und so mit der Faust. Und ich: Junge, wem soll ich dat denn? Den Krakauern hier oder wat?

Geöffnet täglich von elf bis um zehn. Zwei Lange mit Senf, kommt sofort. Sonntags bis fünf. Und glaub mal, dat hier in der Früh schon Leute stehen. Der eine will Bierchen zischen. Der andere schon mal Pommes Schranke. Dauert aber ein Momentchen, bis dat Friteuse läuft. Hatte auch mal einen da, dem war es zu langsam. Der wollte Currywurst. Und ich: Ketchup geholt, aus dem Lager. Wenn ich wiederkomm, zählt der mir Scheine aufn Tisch. Zack, zack, zack. Wieviel willste. Ich kauf den Laden. Ich räum den auf. Sag ich, kannste knicken, ich sag: Zahl deine Wurst und dann Abmarsch. Weil, dat geht ja nicht. Weil, bin ja auch nur zur Miete.

Wat, Frauen? Dat nun nich. Oder wenig. Hin und wieder mal. Senf steht da vorne! Wurst ist Männersache. Aber du. Da kannste mit dem Kollegen sprechen, der hat die Bude beim Dings. Beim Industriegebiet. Und da ist auch. Ich sag mal: Gewerbe. Aber musste wissen. Der verkauft keine müde Thüringer, weil sowat können die Damen nicht mehr sehen. Der macht seinen Umsatz mit Schnappes. Sagt er.

Dat ist dat wahre Leben. Da weißte aber nix von. Vielleicht haste Glück. Dann kommt Omma nachher noch vorbei. Nicht meine Omma. Die heißt nur so. Die hat wat zu erzählen. Jeden Tag um eins dreißig steht die da. Bockwurst mit Brot.

Bis die irgendwann mal nicht mehr da war. Da hab ich gedacht: Jetzt ist sie hinüber. Und dann seh ich die ne Woche später da vorn den Gehweg runterwackeln. Ich sag, Omma, sag ich, Omma, wat is? Keine Bockwurst heute? Sagt die: Nee, dat schmeckt mir nicht mehr. Aber auf so ne Art. So ne Art, dat ich schon gemerkt hab.

Jetzt kriegt sie die Bockwurst umsonst. Und steht wieder da. Eins dreißig. Jeden Tag.

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