Flecken
Veröffentlicht von am 02.07.2020 8:43 Schreibe einen Kommentar

 

Wir waren  im Flecken. So heißt ein Stadtteil in Freudenberg, in dem nur alte Häuser stehen. Als wir dort rumliefen, räumte ein Mann vor seinem Haus ein paar Sachen zusammen und da er mich mit den Kindern Französisch sprechen hörte, wollte er wissen ob es uns hier gefallen würde und woher wir aus Frankreich kamen. Ich musste daran denken, dass vor mehr als zweihundert Jahren französische Truppen unter Napoleon in Freudenberg waren, wo sie plünderten, und im Siegerland selbst um ihre Kriegskasse beraubt wurden. Kein Mensch hat das noch erlebt, aber die Häuser im Flecken  schon. Ob sie damals auch so schweigend in ihren Reihen standen wie heute? Im Gespräch sagte ich zu dem Mann, dass mir sein Haus wirklich sehr gefallen würde und er meinte ja, früher, da hätten sie hier ein Geschäft gehabt, aber nun nicht mehr, seit seine Frau tot sei, fünf Jahre schon. Da stand dann plötzlich eine gewisse Traurigkeit mit uns auf der Straße und er meinte, er wäre ja nun schon alt, aber das Geschäft wollte er doch irgendwann wieder aufmachen, nur ginge das gerade nicht wegen Corona.

Ich habe gefragt, was sie denn verkauft hätten und er meinte Glas und solche Sachen und machte eine ausladende Handbewegung auf die Fensterfront. Hinter den putzigen Scheiben mit ihren gestickten Gardinen waren die Schatten von Figuren und Objekten zu sehen, es war Glas, aber auch Zinn, oder Stein, vielleicht sogar Eisen. Ich nickte, ließ meinen Blick über die Hauswand schweifen und meinte, es wäre sicher schön in so einem Haus zu leben.

Er machte eine zustimmende Bewegung, diesmal mit seinem ganzen Körper, und sagte schon, aber schön sei es doch überall auf der Welt, auch in Frankreich. Er wäre öfter mal das gewesen, früher, mit seiner Frau.

Stimmt, gab ich zu und wollte wissen wo.

An einem Ort im Süden, an der Küste, er nannte auch den Namen, aber wir sprachen nicht weiter darüber, denn die Kinder waren schon weiter gelaufen, standen mit schlackernden Armen auf mich wartend am Ende der Straße, doch sie waren es nicht, die mich weiter trieben, es war diese große Traurigkeit die unausgesprochen zwischen unseren Worten auf den Pflastersteinen stand und dort verharrte, wie die Erinnerung an all das, was war und niemals wieder sein würde und der Mann verabschiedete sich von uns, drehte sich, um wieder zurück in sein Haus zu gehen, und mir war, als ginge er gebückter als vorher, als wäre da eine Last, die er mit auf seinen Schultern zurück ins Innere seiner Wohnstätte nahm.

 

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