Fünf: Die Chronik
Veröffentlicht von am 05.05.2020 16:03 2 Kommentare

Wieder klopft es, diesmal bin ich schnell genug, eine Meise, aufgeregt flattert sie um den Türknauf, pickt dumpf mit ihrem Schnabel gegen die Scheibe, sie setzt sich, fliegt wieder auf, als sie mich bemerkt, ist sie fort. Später sehe ich sie am Fenster, neugierig blickt sie hinein, was will sie nur? Sobald ich mich nähere, flieht sie, ich trete hinaus, sehe ihr nach, von irgendwo tschilpt es, aus sicherer Entfernung.

Ich mache Fortschritte, habe die Eieruhr entdeckt, die im Bad über der Steckdose sitzt. Wenn ich sie aufziehe, gibt die Steckdose Strom, mit einem hohlen Klick springt die Elektroheizung an, Wärme für zehn tickende Minuten. Später gehe ich hinaus, laufe an der Brucht entlang in Richtung Brakel, dann rechts den Berg hinauf und zurück ins Dorf. Im Frischehandel Schäfer kaufe ich Brot und Käse, ein wenig Obst, Nudeln, eine Fertigsoße. Die Registrierkasse ist alt und mechanisch, fast traue ich mich nicht zu fragen, ob ich mit Karte zahlen kann. Na klar, sagt Frau Schäfer, reicht mir das EC-Terminal über die Theke.

Dann sitze ich wieder an der Chronik, blättere durch die Jahrhunderte. Krus fängt von vorne an, ganz von vorne, im siebten oder achten Jahrhundert, in dem das Dorf gegründet wurde, vermutlich von einem Mann namens Balder oder Baldhari. Der Winter 1072/73 ist mild, vier Jahre später fällt er dagegen streng aus. 1181 tragen die Bäume schon im Februar Früchte, einige Jahre darauf liegt bis Pfingsten Schnee. Der Kirchenzehnt geht an Kloster Corvey.

Der Tag, an dem die Haxthausens ins Spiel kommen, ist der 13. März 1465. Krus zitiert aus der Urkunde: „Wir Simon von Gottes Gnaden Bischof von Paderborn […] haben belehnet und belehnen in diesem Brieff unsern lieben getrewen Godtschalk von Haxthausen undt seine Erben mit der Apenborgh und mit allen ihren Zubehoerungen […]“. Das Gut Abbenburg liegt an der Landstraße nach Bellersen, die Haxthausens residieren dort noch heute. 1479 expandieren sie, erhalten weitere Lehen, diesmal aus Corvey, darunter Bökendorf, wo der Bökerhof liegt, das Anwesen also, in dem später Annette von Droste-Hülshoffs Großeltern wohnen, wo die Gebrüder Grimm ein und ausgehen, Brentano, aber auch der Jurastudent Heinrich Straube, ein Bürgerlicher, der die adlige Dichterin umwirbt, kurz darauf stößt August von Arnswaldt hinzu, auch er macht ihr den Hof, aber es ist eine Intrige, in die ihre Verwandtschaft verstrickt ist, sie wird bloßgestellt, reist ab, erschüttert. Fortan meidet sie den Bökerhof, überhaupt die Haxthausens, erst siebzehn Jahre später traut sie sich zurück, zieht es aber vor, in der Abbenburg zu nächtigen, der Bökerhof bleibt ihr suspekt. Bei Krus kein Wort zu Droste-Hülshoffs Jugendkatastrophe, für das Jahr 1820, in dem sich diese zugetragen hat, nur zwei Einträge. Bellersen und Bökendorf errichten gemeinsam ein Pfarrhaus. Ludwig Emil Grimm malt eine Karikatur. Eine Kaffeerunde beim Bellerser Pastor.

Ich blättere zurück, bleibe an der Paderborner Reformation hängen. Bischof Hermann ist von Luther offenbar sehr beeindruckt, 1545 will er die katholischen Zeremonien abschaffen, kurz darauf gibt er sein Amt auf. Sein Nachfolger ist erst 1578 gefunden, er ist verheiratet, will das Hochstift in ein weltliches Fürstentum überführen, aber er stirbt, bevor er das verwirklichen kann. Dann kommt Bischof Dietrich von Fürstenberg an die Macht, ein strammer Gegenreformator. „Das ist die grobe Skizze der Entwicklung, die auch in Bellersen ihren Neiederschlag findet“, kommentiert Krus. Man merkt, er hätte hier gerne ausführlicher berichtet.

Dann Konflikte zwischen Dorf und Adel, 1644 beschwert sich der Pastor, die Haxthausens hätten dem Gesinde ketzerische Schriften vorgelesen. Ich rätsele über diesem Eintrag, kein Hinweis, welcher Art diese Schriften gewesen sein könnten. Kurz darauf gibt es Streit um Holz, die Bellerser klagen vor dem Reichskammergericht, sie haben ohne Genehmigung im Wald geschlagen, der Förster hat alles beschlagnahmt, was die Bellerser nicht akzeptieren, störrisch haben sie es dem Förster wieder abgenommen, sie wollen es als Baumaterial für das Haus des Küsters nutzen. Daraufhin fordern die Haxthausens 20 Taler von ihren Untertanen, die ihrerseits Klage gegen ihre Herren erheben, zuerst in Paderborn, dann in Speyer. Irgendwann geht es um einen Graben auf dem Schmandberg und um die Frage, ob der Graben das Waldstück markiert, in dem die Bellerser schlagen dürfen oder nicht, auch das Mastgeld ist von Bedeutung, das bezahlt werden muss, um Schweine darin zu treiben, ich komme nicht ganz mit.

1780 stirbt Pastor Böger. Krus notiert akribisch seinen Hausstand: „Im Pastorat werden vorgefunden: In der Stube eine Bettlade mit Gardinen mit einem Unterbett, zwei Kissen und zwei Pfühlen (Daunenbetten); ein Tisch; sechs neuwertige Stühle; drei alte Stühle; zwei kleine Tische; zwei Fensterläden, neun einfache Bilder; eine Flinte; sechs Karthienne“, hier macht Krus ein Fragezeichen, offenbar weiß er auch nicht, was das sein soll, ich google, finde vier Einträge, alle auf portugiesisch, außerdem Bilder, einmal eine freundliche Ärztin, die auf die stilisierte Darstellung einer Gebärmutter deutet, außerdem eine Frau mit Lupe vor dem Gesicht.

Ich lese und lese, 1788 schreibt Winkelhan, der mutmaßliche Mörder des Soistmann Berend, einen Brief aus Algier an den Fürstbischof in Paderborn, er bettelt, man möge ihn aus der Sklaverei freikaufen. Vergeblich, sein Gesuch wird zu den Akten gelegt, solche Bittschriften, notiert Krus trocken, gehörten zum Geschäftsmodell des damaligen Sklavenhandels.

Ich überblättere strenge Winter, Namensregister, statistische Erhebungen, auch einen Jungen, der tödlich vom Huf seines Pferdes getroffen wurde. 1936 halten Bellerser Schweine den Wagen von Adolf Hitler auf, der Hirt vertreibt die Tiere von der Fahrbahn, Hitler steigt aus, bedankt sich mit Handschlag. Am Ende bleibe ich bei einem Eintrag von 1956 hängen, ein Lehrer schickt seinen Schüler Terpentin holen, übergießt damit den Nachbarshund, ein Freund des Lehrers steckt ihn in Brand. Die Putzfrau hört das Jaulen und Winseln, findet und löscht das brennende Tier mit einem Eimer Wasser, es ist schwer verletzt, der Metzger tötet es mit einem Bolzenschuss. Vor Gericht behauptet der Lehrer, er habe dem Hund nur eine Lehre erteilen wollen, um ihn von seiner Hündin fernzuhalten. Der Freund gibt an, er habe das Tier keinesfalls anzünden, ihn mit der brennenden Lunte lediglich vertreiben wollen. Sechs Wochen Gefängnis ohne Bewährung. Sie gehen in Revision. Es bleibt bei vier.

Es wird spät, aber ich lese weiter, es geht um die Bundestagswahlen, um den Stand der örtlichen Viehhaltung, aber auch um Schützenfeste und den steigenden Wasserverbrauch, irgendwann schrecke ich auf, das Licht brennt noch, draußen dämmert es wieder, ich liege halb auf der Chronik, aufgeschlagen, ein bisschen ver­knickt. Herbst 1990. Die Kläranlage bekommt einen zweiten Block, außerdem einen Schönungsteich.

Schönungsteich, denke ich, als ich Zähne putze. Schönungsteich, als ich Kaffee koche. Ich gehe vor die Tür, laufe in die Bruchtauen, passiere die Anlage, den Tümpel, in der eine Ente sitzt. Schönungsteich, denke ich.

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