FUTURE FRESKO
Veröffentlicht von am 31.03.2020 18:21 1 Kommentar

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Schweigsam und katholisch seien die Münsterländer, wurde mir gesagt. Schweigsam, katholisch und stinkreich! Irgendjemand sprach auch von Schüchternheit und Stursinn. Überrumpelnde Direktheit und ein dröger Humor werden ihnen nachgesagt, aber damit kokettieren ja irgendwie alle Deutschen oberhalb des Mains, oder? Die Berliner und Pommerschen auf jeden Fall. Gutmütig sollen sie außerdem sein, das hab ich bei der Droste gelernt, von der, so viel meine ich doch schon mitbekommen zu haben, die meisten sich hier gerne vertreten wissen. Gutmütig und herzlich jedenfalls, womit sie wettmachen, was ihnen an „Geistesschärfe“ fehlen mag – ihre Worte, nicht meine! Ja, und schüchtern, ein wenig leicht zu verschrecken sind sie wohl, träumerisch, religiös tatsächlich – extrem religiös, das betont sie mehrmals, brave Leute eben, aber trotzdem fürchterlich abergläubisch, allerdings auf die harmlose Art und Weise – so wie alles am Münsterländer eigentlich harmlos sei. Wohlhabend ja das stimmt, obwohl nicht zum Spekulieren veranlagt, großzügig mit ihrem Reichtum – dem finanziellen und dem Herzensreichtum, bescheiden außerdem. Was sich hier allzu sehr zu schmücken müssen glaubt, gilt als „windbeutelig“. Ok. Außerdem lächeln alle immerzu, steht da, und jeder dritte Mann heißt Henrichjännchen oder Jannberndchen. So ist das also im Münsterland.

Bestätigen kann ich davon bisher kaum etwas, widerlegen auch sehr wenig. Eine Woche hatte ich Zeit, um die Region kennenzulernen, eine Woche, als deren Höhepunkt ich eine Location-Tour über fünf Burgen und Schlösser erlebte, mit abschließendem Gelage im Pinkus, wo man den Wacholder Schnaps, mir neu, in tiefen Löffeln reicht.
Sieben Tage also, bevor ich mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus kam. Hier konnte ich mich nun tatsächlich einer der oben genannten Eigenschaften überzeugen: dem scheinbar immer noch sehr stark ausgeprägten Katholizismus (dauernd war vom „Lieben Gott“ die Rede), wohingegen die Schweigsamkeit und Schüchternheit des Münsterländers eine Behauptung bleiben, für die ich dank meiner sehr sym- und empathischen Zimmernachbarin immerhin ein starkes Gegenbeispiel habe. Im Krankenhaus verbrachte ich eine weitere Woche. Und seit dann am Tag meiner Entlassung die Nachricht kam, dass das Künstlerdorf in Schöppingen, wo ich untergebracht war, aufgrund der Corona Krise schließen würde, bin ich nun wieder in Berlin bei meiner Familie und warte darauf, dass die Ausgangsbeschränkungen aufgehoben werden und ich meine Residenz wieder antreten kann.

Bis dahin bleibt mir, die Region auf alternativen Wegen zu erkunden, auf literarischen eben und auf digitalen vor allem!
Ein Freund von einem Bekannten hat mal gesagt: Um einen Ort wirklich kennenzulernen, müsse man sich die lokalen Kleinanzeigen ansehen. Das habe ich getan und werde ich auch weiterhin tun. Bisher erfahren habe ich so zum Beispiel und immerhin, dass irgendjemand in Schöppingen 27 Badvorleger zu viel hat. Auffällig ist außerdem, dass es in Schöppingen momentan nur fünf zu-verschenken-Anzeigen gibt, wohingegen in allen kleineren Nachbarorten durchschnittlich 15 bis 30 oder sogar mehr Gegenstände verschenkt werden… Was sagt uns das? Wer weiß. Für Rückschlüsse ist es zu früh.

Die SZ empfiehlt bei Reiselust und gegen Fernweh „digitale Reisen“ per Livecam – zum Adlerhorst in Kalifornien etwa, zur Nkorho Bush Lodge im Kruger-Nationalpark, wo man Antilopen beim Kämpfen beobachten kann, oder an die Eiger-Nordwand. Aufregend! Auch ins Münsterland kann man solche digitalen Reisen unternehmen. Meine besten Screenshots vom Rathausplatz Senden, einer Baustelle in Emsdetten oder dem Marktplatz Warendorf bekommen Sie in den nächsten Tagen hier zu sehen.

Sollten das die Anfänge zukünftiger Arten des Reisens sein, so passt mir das umso besser, denn die Zukunft der Region ist mein Thema.
Future Fresko lautet der Titel meines Projektes und beschreibt ungefähr, was ich vorhabe: Die italienische Freskenmalerei ist eine Art der Wandbemalung, bei der die Farbe direkt auf den frischen Kalkputz aufgetragen wird. Ich verstehe diese Technik als Analogie zu meinem Vorhaben, die ländliche Region als „unbeschriebenen“ bzw. „unbemalten“ Raum zu nutzen, um darin verschiedene literarische Zukunftsvisionen zu entwickeln, also im übertragenen Sinne: diesen „Raum“ zu „bemalen“. Dabei will ich die Stadt und mit ihr das alte Versprechen der Moderne und die aus dem Bruch mit diesem Versprechen sich ableitenden Dystopien und pessimistischen Ausblicke sofern möglich hinter mir lassen, um stattdessen, dem ursprünglich Wortsinn von „Fresko“, abgeleitet von al fresco, zu Deutsch: „ins Frische“, entsprechend „ins Frische“ zu gehen, heißt „frische Ideen“ aufzufinden und zu entwickeln.

Entstanden ist diese Idee aus einer Frage, die sich mir als passionierte Science-Fiction-Leserin irgendwann aufdrängte: Warum beziehen und bezogen sich fast alle Zukunftsvisionen – ob utopisch, dystopisch oder ambivalent – immer auf urbane Ballungszentren, und warum spielt die Entwicklung von Orten und Landschaften mit Denkmalwert kaum je eine Rolle darin? Steht dahinter nur die Extrapolation der aktuellen Entwicklung von Bevölkerungsstrukturen, oder gibt es andere, interessantere Gründe, die es zu erforschen lohnt?

Kleinstädte, Dörfer und Landschaften werden in der spekulativen oder futuristischen Literatur immer nur dann zum Handlungsort, wenn alle gesellschaftlichen Systeme gescheitert und zusammengebrochen sind, kurz: in der Postapokalypse, die ja ihrem Wesen nach vor allem vom Bruch mit dem großen Versprechen der Moderne erzählt: dem ewigen Fortschritt. Vielleicht, könnte man mutmaßen, muss die Stadt nur in der Zeit nach der Katastrophe und damit nach dem Ende des Fortschritts nicht mehr Zentrum des Geschehens sein, weil sie ihre Bedeutung als Symbol für dieses Versprechen dort bzw. dann eingebüßt hat. Vielleicht existiert nach der Vorstellung der Autoren aber auch gar kein Zentrum mehr, und die „Bespielung“ des ländlichen Raums in der Postapokalypse verdeutlicht auch die Zersplitterung einer Gesellschaft in kleinste Einheiten angesichts der ständigen existentiellen Bedrohung.
Aber, frage ich: Könnte der ländliche Raum, das Dorf, die Kleinstadt nicht gerade wegen seiner Vernachlässigung in der spekulativen Literatur auch als unbeschriebener Raum für neue Ideen dienen? Wie sähe ein Gegenentwurf zu den fast ausschließlich düsteren Visionen der Zukunft abseits urbaner Zentren aus?
Wenn die literarischen Visionen zukünftiger Großstädte nur noch vom vorhersehbaren Verfall oder der unabwendbaren Zerstörung erzählen, wenn all diese Visionen einander ähneln und den Verfall/die Zerstörung darum umso unausweichlicher wirken lassen, wenn die Zukunft der Großstadt also besiegelt scheint: Vielleicht ist es dann im Gegensatz dazu der ländliche Raum, indem das Unerwartete, das Überraschende, der Erhalt des Erhaltenswerten, das Gedenken des Gedenkenswerten und die neue Hoffnung ihren Platz finden.

Das Münsterland bietet sich insbesondere aus zwei Gründen für die Beschäftigung mit solchen Fragen/Themen an: erstens wegen seiner zahlreichen Schlösser, Burgen und historischen Stadtkerne – Orten also, in denen sich Denkmalwert und Nutzwert treffen. Damit meine ich: Eine Burg hat eben nicht nur einen Denkmalwert, wie z.B. eine Statue, sondern auch einen Nutzwert. Damit können Schlösser, Burgen, historische Stadtkerne – architektonische Denkmäler im Allgemeinen immer auch etwas über die Integration der Gedenkkultur in das alltägliche Leben erzählen. Dasselbe gilt im Grunde auch für Punkt zwei: Die stark kulturell geprägte sogenannte „Parklandschaft“ des Münsterlandes. Auch sie vereint Denkmal- und Nutzwert, und sogar noch einen dritten: den Wert des „Natürlichen“, wodurch sie außerdem zur Betrachtung des Verhältnisses zwischen Kultur und Natur, zwischen Denkmalpflege und Umweltschutz anregt.

Kurz gesagt: Ich möchte darüber nachdenken, inwiefern Vorhandenes und Vergangenes erhalten, gepflegt, geschützt, wiederhergestellt oder dem gedacht werden könnte; wie sich Traditionen und Orte des Gedenkens entwickeln; und was unerwartetes Neues hier entstehen könnte.
Dabei will ich mich nicht allein auf meine Fantasie, eigene Eindrücke und Recherchen verlassen, zumal die Möglichkeiten, Eindrücke zu sammeln, zu recherchieren und sich inspirieren zu lassen aufgrund der aktuellen Situationen stark eingeschränkt sind. Insbesondere fehlen mir die zufälligen Entdeckungen und Begegnungen, welche für das Kennenlernen einer Region doch so wichtig sind. Einen Ersatz dafür gibt es wahrscheinlich (noch) nicht, aber vielleicht eine Alternative. Und jetzt komme ich endlich zu meinem Aufruf.
*Und zwar: Rufe ich Sie auf, mit mir zu teilen, was mir beim Kennenlernen des Münsterlandes und der Münsterländer helfen könnte.
Damit gemeint sind zum einen: interessante Ideen, Befürchtungen, Visionen und Hoffnungen bezüglich der Zukunft des Münsterlandes – insbesondere seiner Traditionen, Bräuche, Kultur- und Naturdenkmäler.
Und zum anderen: Alles, was mir einen Einblick verschafft, den ich mir nicht selbst verschaffen könnte.
Sie haben eine Drohne und würden mir damit eine Kamerarundfahrt durch Ihren Ort/Ihre Schweinefarm/Ihre Lieblingswandergegend genehmigen?
Sie sind Hobby-Hacker und haben Zugriff auf sämtliche Überwachungskameras der Region?
Sie glauben, die Apokalypse naht und würden mir gerne Ihren Bunker zeigen?
Oder möchten Sie einfach mal Ihre persönliche Vorstellung von der Zukunft loswerden?
Dann schreiben Sie mir an: schreiberin@muensterland.com
(Fast) alles ist erzählenswert, (fast) alles interessiert mich. Für (fast) alles bin ich dankbar.
Die literarischen Erträge meiner Überlegungen und Ihrer Mithilfe werden Sie hier in den nächsten Monaten lesen können.
Vielen Dank.
Bleiben Sie gesund!
Halten Sie Abstand!

Charlotte M. Krafft

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