Grünschnabel
Veröffentlicht von am 05.07.2017 22:16 1 Kommentar

Erste Eindrücke aus Altena, Südwestfalen

 

Hinter mir in der Kassenschlange telefoniert eine Frau mittleren Alters mit einer Freundin: „Da passte einmal nicht auf und dann liegt deine Mutter da und hat sich die Hüfte gebrochen. Sowas geht heutzutage ja schnell.“ Ging sowas früher langsamer? Ich stelle mir vor wie eine alte Frau in Slowmotion fällt, im Fall Biiiiittteeeee niiiicchhtt diiieee Hüüüfffteeee denkt und so langsam aufkommt, dass ihr eigener Körper ihr als Kissen dient. All die Jahre Rumpralinen zahlen sich aus, der Hüftknochen landet sanft auf Hüftgold. Der Tag ist gerettet.

Ich grüße Menschen – das macht man so auf dem Lande, oder? – und sehe die Skepsis in ihren Augen. Wenige Grüßen zurück, einige lächeln irritiert. Vielleicht hätte ich auf den langen Mantel mit Leopardenaufdruck verzichten sollen? Vielleicht ist der Turban zu viel? Ich mache eine mentale Notiz, in Zukunft einen dezenteren Auftritt hinzulegen und laufe weiter.

Nie habe ich so viel Grün gesehen wie in den letzen drei Tagen. Wäre ich farbenblind, wäre das hier der graueste Ort der Welt. Grün in jede Richtung, hinter jedem Haus, überall grüne Wände. Die Stadt Altena liegt in einem grünen Kessel, sieht aus als wäre sie in eine moosige Tasse gefallen. Ich blicke um mich auf die grünen Wände und fühle mich im besten Sinne, im katholischen Sinne erniedrigt, ins Verhältnis gesetzt.

In der Kassenschlange vor mir sagt ein Mann: „Boah Mama. Jetzt leg datt doch ma auf datt Band da.“ Der Sohn, ein schmächtiger Typ mit „Hardcore“-Bauchtasche hat die Daumen lässig in die Hosentaschen gesteckt. Er streckt seinen Kopf stolz nach oben wie nur kleine Männer es können und hilft nicht. Die Mutter gehorcht. Abgesehen von Mr. Hardcore hat niemand Stress in Altena. Diese Stadt hat genug Raum für alle Egos. Kein Autofahrer rollt am Zebrastreifen mit den Augen, niemand ist der Wichtigste, hier wird nicht gedrängelt.

                                   wo alte Türken Tee trinken, fühle ich mich zu Hause ©lka

Altena hat abgenommen. 1970 noch 32.000, heute 17.000 Einwohner. Leere Ladenfronten, leere Wohnungen, leergefegte Straßen. Überall überschüssige Haut, die nicht zurückgeschnellt ist. Ich rufe meinen Vater in Leipzig an, berichte von ostdeutschen Verhältnissen mitten in Nordrhein-Westfalen.

Frauen mit Kopftuch sitzen auf Plastikstühlen im Kreis und kichern. Sie erinnern mich an zu Hause, an den Essener Norden. Um sie herum tummeln kleine Kinder. Zwei Häuser weiter dröhnt Techno aus einem offenen Fenster. Happy Hardcore. Die Mamas scheint es nicht zu stören.

Mein Laptop kennt das Wort Altena nicht. Er verbessert zu Altona oder zu Alten. Ich bringe es ihm bei: Altena. Werden die ergänzten Worte irgendwo gesammelt und wenn oft genug ergänzt wurde, wird das Wort allen Wörterbüchern hinzugefügt? Helfe ich, Altena ins kollektive Gedächtnis zu schreiben?

Vor Südwestfalen dachte ich, ich bräuchte Stille zum Schreiben. Anscheinend brauche ich Stille mit Hintergrund, die Stille der Einflugschneise zum Düsseldorfer Flughafen. Stille mit Maßstab.

Ich versuche meine erste Kurzgeschichte für diesen Blog in meiner Wohnung zu schreiben, nur der Kühlschrank summt im Hintergrund. Ich versuche es auf einer Bank trotz Niesel. Ich versuche es in einem Café. Es ist sehr schön hier. Es ist sehr still hier.

Hier ein Satz, der Weltpremiere hat: Ich will unbedingt nach Hagen. Ich ziehe meine eigens für Südwestfalen gekauften Wanderschuhe an, suche eine Route von Altena in die Hagener Innenstadt. Beyoncé singt mir Mut zu „only way to go is up“ (wortwörtlich) und ich wandere los Richtung Großstadt.

 

                                                                        ich bin dabei! ©lka

 

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