Here Comes The Sun
Veröffentlicht von am 09.12.2020 19:01 1 Kommentar

Der folgende Text mit dem schönen Titel „Here Comes The Sun“ ist von Sandra Scherer und entstand im Rahmen des virtuellen Literaturateliers Südwestfalen.

Aus einer Regionsschreiberin werden viele, schöner könnte der Abschied nicht sein!

An einem trüben Novembermorgen sitze ich mit einer Tasse Tee an meinem Schreibtisch im Corona-Homeoffice. Im Hintergrund streamed mein Bluetooth-Lautsprecher „Here Comes the Sun“ von den Beatles.

Meine Gedanken schweifen ab. Auf dem Kamin steht das Schwarzweiß-Foto einer jungen glücklichen Familie, das Anfang der 70er-Jahre aufgenommen wurde. „Diese Familie, das waren wir.“, sinniere ich, „Lange ist’s her…“

Ich denke zurück an meine frühe Kindheit in Buschhütten. Wir wohnten in einer kleinen Werkswohnung unter dem Dach, zu der auch ein weitläufiger Garten gehörte. Den ganzen Tag spielte ich mit einer Horde von Kindern aller Altersklassen und verschiedener Nationalitäten auf der Straße und hinter den Häusern. Die älteren Leute saßen draußen auf den Bänken, schauten uns beim Spielen zu und unterhielten sich oder schälten Kartoffeln.

Manchmal bauten wir kleine Flöße und ließen uns damit auf dem nahegelegenen Bachlauf treiben. Manchmal streunten wir aber auch nur so durch die Gärten und aßen die frischen Erbsen von den Sträuchern der Nachbarn. Im Winter fuhren wir Schlitten an einem Hang direkt an der Straße. Es war eine unbeschwerte Zeit für uns Kinder der 60er/70er-Jahre. Eine Zeit, in der von sogenannten „Helikoptereltern“ noch keine Rede war.

„Here Comes the Sun“, erklang es auch schon damals aus dem analogen Radio, während ich in einer Ecke der Küche spielte und meine Mutter singend mit dem Kochgeschirr hantierte.

Nein, vermögend waren wir damals nicht. Mein Vater, der aus der Pfalz stammte, war Former von Beruf. Er besuchte gerade die Technikerschule in Stuttgart, um für sich und seine Familie eine Existenz aufzubauen. In seiner Heimat, einer sehr schönen Kleinstadt namens Meisenheim mit freundlichen Menschen, gab es leider nur wenig Arbeit und so hat es ihn schließlich ins Siegerland verschlagen.

Meine Mutter war damals eine sehr attraktive junge Frau in den Zwanzigern, und sie hatte diese Art von Stärke, die man nur von Menschen kennt, die schon viel erlebt haben und schon sehr früh in ihrem Leben Verantwortung übernehmen mussten. Sie war eine Kämpfernatur, die sich immer für die Schwachen einsetzte, oder wie meine Mutter von sich selber sagte: „ein Gerechtigkeitsfanatiker“. Vielleicht hat sie diese Stärke ja in ihrer schweren Kindheit erworben. Denn: “Was uns nicht umbringt macht uns nur stärker“. So lautete einer ihrer Lieblingssprüche.

„Little darling, it’s been a long, cold, lonely winter“, singen die Beatles weiter. Ein langer, kalter, einsamer Winter… So hat es sich wohl angefühlt, als meine Oma damals das Haus ihrer gutbürgerlichen Familie im niederschlesischen Hirschberg fluchtartig verlassen musste, um zusammen mit ihren zwei kleinen Kindern und ein paar Habseligkeiten im Gepäck auf die große Reise zu gehen.

Ein eiskalter Winter war es auch, als die Rote Armee im Februar 1945 nach Niederschlesien vordrang. Die Familie meiner Oma besaß eine Baude im Riesengebirge, die Wiesengrundbaude. Als meine Oma von der Ankunft der Russen erfuhr, setzte sie ihre zwei kleinen Kinder in einen Hundeschlitten und schickte Leo, ihren treuen Schäferhund, alleine mit ihnen zur Baude, wo ihre Tante die Kinder in Empfang nehmen konnte. Dort waren sie erst einmal in Sicherheit. “Lauf Leo, lauf zur Baude“, rief meine Oma. Und Leo rannte, als ginge es um sein Leben. Der Hund kannte die Strecke im Schlaf und meine Oma vertraute dem Tier blind.

Glücklicherweise durften sie doch noch etwas länger in Schlesien bleiben. Die obere Etage ihres Hauses war inzwischen schon von Polen besetzt und bis zu ihrem Tode erzählte meine Oma immer wieder die Geschichte, dass die Polen ihr handgeschnitztes Treppenhaus verfeuert hätten.

Doch etwa im Jahr 1946/47 mussten sie ihre Heimat endgültig verlassen.

Es war ein langer Weg, und er führte sie durch einige Lager in der Ostzone, die unter der Aufsicht russischer Soldaten standen. Sie wurden sehr schlecht behandelt und schlimme Dinge ereigneten sich dort – auch vor den Augen der Kinder. Später sprach man darüber nicht mehr.

Bei Oschersleben, wo sie eine vorübergehende Bleibe im Haus einer Lehrerin gefunden hatten, gab es einen wasserführenden Kanal, den sogenannten „großen Graben“. Ihn zu durchqueren, das war der Weg in die Freiheit, der Weg in den Westen. Doch die Durchquerung des Grabens war lebensgefährlich, denn er wurde von bewaffneten Soldaten bewacht.

Es gab viele, die noch aus dem Osten nach drüben fliehen wollten; und meine Oma musste sich und zwei Kinder ernähren. So kam es also, dass meine Mutter im Alter von 5 Jahren in ihrem besten Kleid und schon damals ihrer Wirkung auf andere bewusst, einen russischen Soldaten becircte: „Du hast aber ein schönes Pferd… Darf ich das mal reiten?“, fragte sie, während sie innerlich vor Angst zitterte. Verzückt von dem süßen Mädel ließ der Soldat meine Mutter aufsitzen und führte das Pferd am Zügel entlang des Kanals. Er unterhielt sich mit ihr und erzählte ihr, dass er auch eine kleine Tochter habe und zeigte ihr Bilder von seiner Frau und seinen Kindern, die weit weg im fernen Russland lebten und die er sehr vermisste.

Unterdessen schlich meine Oma unbemerkt im Halbdunkel mit einem Gefolge von Flüchtlingen im Schlepptau durch den Graben. Sie mussten vorsichtig sein und durften sich nur langsam bewegen, um keine Geräusche im Wasser zu verursachen. Als meine Oma sicher von ihrer Mission zurückgekehrt war, sagte meine Mutter unvermittelt: „Tschüss, ich muss jetzt gehen“, sprang vom Pferd und lief in Richtung eines erleuchteten Bauernhofes, wo sie behauptet hatte zu wohnen. Auf halbem Weg drehte sie sich noch einmal um: „Morgen komme ich wieder!“ Der Soldat winkte ihr nach.

Die lange Reise, auf der meine Mutter ihre Kindheit verloren hatte, verschlug sie schließlich in das Siegerland. Der Empfang hätte kälter nicht sein können. Siegen war ausgebombt. Es gab schon für die Einheimischen zu wenige Wohnungen und das letzte was man jetzt noch gebrauchen konnte, waren Flüchtlinge.

Aber all dies gehörte zu der Zeit, als ich in Buschhütten das Licht der Welt erblickte, längst der Vergangenheit an. Man stürzte sich in das Wirtschaftswunder und nutzte die Chancen, die sich boten. Davon, dass in Deutschland noch 20 bis 25 Jahre zuvor ein Weltkrieg getobt hatte, war zu dieser Zeit nichts mehr zu spüren. Und vielleicht war das auch der Grund, weshalb wir Kinder, eine so unbeschwerte Zeit genießen durften. Es war die Zeit der 68er, der Befreiung und der Abkehr vom Spießertum der 50er-Jahre.

Manchmal erzählten einem alte Opas von ihren Kriegserlebnissen, doch es hörte sich eher nach einem riesigen Abenteuertrip an. Mein Pfälzer Opa berichtete von einem langen Marsch bei minus 50 Grad durch Russland bis in den Ural. „Dawei, dawei“…. weiter, weiter sagten die Russischen Soldaten immer wieder, denn wer hinfiel, der stand nicht wieder auf. Der Weg war gepflastert von Leichen.

Mein schlesischer Opa, der sich von meiner Oma getrennt hatte, weil er im Lazarett eine Krankenschwester kennengelernt hatte, erzählte, dass auch er in russische Gefangenschaft geraten war. Glücklicherweise sei er aber ein guter Schachspieler gewesen, und die Soldaten hätten immer mit ihm spielen wollen. So hat er sich schachspielend durchgeschlagen, für ein Butterbrot und Wodka.

Inzwischen sind schon 50 Jahre vergangen, in denen ich gefühlte 100 Mal umgezogen bin, in verschiedene Wohnungen und in verschiedene Städte wie Bonn, Berlin oder auch Baku.

Aber irgendwann zog es mich dann doch wieder zurück in meine Siegerländer Heimat, wo ich jetzt rein zufällig in derselben Buschhüttener Firma arbeite, in deren Werkswohnung mein Leben dereinst begann.

Die Sonne scheint nun in mein Corona-Homeoffice und aus der Bluetooth-Box tönt „Here comes the sun, and I say: It’s all right“. Alles ist gut – eines Tages – bestimmt…, denke ich. „Alles wird gut“, sagte meine Mutter immer.

„Sun, sun, sun, here it comes“.

Ich muss jetzt den Tisch decken. Meine Tochter kommt gleich aus der Schule. Meine Sonne.

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