Heute hier, morgen dort
Veröffentlicht von am 13.10.2017 10:42 1 Kommentar

Ein verregneter Tag in der Samt und Seidenstadt Krefeld. Das macht garnichts denn ich bin im Second Hand Kaufhaus der Caritas um zu sehen was die Krefelder so aus ihren Kellern und Dachböden spenden, welche Dinge auf diesem Weg den Besitzer wechseln und so in immer anderen den Wohnungen und Häusern landet.

Der Laden ist hell und voll mit allem möglichen Zeug. Regale, Schränke, Stühle, Tische, Tischgruppen eine größere Menge Geschirr und Gläser mit teilweise kuriosen Aufdruck, Platten, Elektrotechnische Gerätschaften und Vasen und Dingen die aussehen wie Vasen aber vermutlich etwas anderes sind.

 

Ich bin verabredet mit Ralph Genschorek, dem Leiter des Hauses. Ein sehr freundlicher und aufmerksamer Mann, der schnell ist im Denken und im Sprechen und das Haus kennt wie seine Westentasche. Er empfängt mich in seinem Büro und bietet mir einen Cappuccino an. Ich nehme Platz. In dem kleinen Büroraum herrscht reger Betrieb, während der Milchschäumer säuselt schleppen Mitarbeiter neue Sachen rein oder klopfen an um Preise abzuklären.

Der große Verkaufsraum.

Genschorek weiss schnell welchen Preis er für was ansetzt, wenn nicht, dann recherchiert er kurz ein paar Vergleichspreise im Netz. Bevor er die Stelle bei der Caritas angenommen hat, war er im Antiquitäten und Designermöbel Handel tätig. Er kennt sich also bestens aus.

Ich will von ihm wissen ob es etwas Krefeld typisches gibt und frage ihn, was besonders oft gespendet oder abgeholt wird, was also in fast jeder Wohnung steht.

 

Ralph Genschorek, hier in einer gemütlichen Sitzgruppe, die im Fairkauf Secondhand Kaufhaus in Krefeld vielleicht noch zu erstehen ist. Schauen Sie mal nach…

 

Er schaut mich kurz an, dann steht er von seinem Schreibtisch auf und geht Richtung Verkaufsraum, als er in der Türschwelle ist, mache ich Anstalten aufzustehen und ihm hinterherzugehen, „Bleiben Sie sitzen, ich komm sofort wieder.“

Es dauert dann doch etwas: Er geht zu einem Regal auf dem Dekorations-Gegenstände, Vasen und andere Staubfänger stehen und schaut sich darauf um. Dann geht er zu einem anderen Regal, aber scheinbar findet er nicht was er sucht. Er schaut kurz wieder zur Bürotür herein und sagt:

Das wäre ja jetzt der absolute Wahnsinn, wenn wir gerade heute keines davon da hätten.“ Aber seine Mitarbeiter bestätigen: Keins da.

Was er suchte, ergoogelt er und zeigt er mir mangels echtem Exemplar schnell auf seinem Computerbildschirm: Es waren Weberschiffchen.

Ich kenne so ein Ding in klein, im Kindergarten hatten wir Webrahmen und mit diesen Holzteilen schifft man, den einen Faden quer durch die längs aufgespannten Faden und so entsteht dann ein Stoff, oder ein Teppich oder im Fall unseres Kindergartenweberei mangels Durchhaltevermögen ein kleiner unbrauchbarer Wollfetzen.

Als ob er mir die Kindergartenstory ansieht, sagt er kurz darauf: „Die sind aber aus der Zeit wo das schon mechanisiert war, da wurden diese Dinger schon automatisch da durchgeschossen“

Krefeld hatte im 18 und 19. Jahrhundert eine florierende Textilproduktion und wird daher auch immer noch die Samt und Seidenstadt genannt. Jede 4. Familie war hier in das Webereigeschäft…verstrickt.

Deswegen war ich ursprünglich auch hergekommen. Ich wollte sehen was in der ehemaligen sehr wohlhabenden Stadt, in der man wertvolles Tuch wie Samt und Seide herstellte, heute so in der Kleiderkammer landet.

Was hier für das ungeübte Esoterikerauge aussieht wie ein Räucherstäbchenhalter ist eigentlich ein Weberschiffchen. Ein Original. Gefunden im „Haus der Seidenkultur“ die haben dort einige davon. Der Einbaum mit dem Joseph Beuys über den Rhein geschippert ist, sah auch so aus. Ob er das bedachte hatte? Und würde Schamane Beuys eher auf die Assoziation Textilindusrie referieren oder auf die des Räucherstäbchenhalters? Immerhin kam er aus Krefeld. Man weiss es nicht.

 

 

Ich habe aber noch was“ sagt Genschorek und verschwindet wieder durch die Tür in den Verkaufsraum, diesmal deutet er mir nur durch ein Handwinken dass ich immer noch eingeladen bin bequem sitzen zu bleiben.

Er kommt kurz darauf zurück mit etwas, das auf den ersten Blick aussieht wie zwei Kerzenständer. Bei genauerer Betrachtung fällt die Verwendung als Kerzenständer aber aus, denn man müsste dann die Kerze fast komplett in dem Ständer versenken um das Teil zu benutzen. Das Hauptteil besteht aus einem größeren Stück silbernen Rohr um das etwas dekorativ herumgedrechselt wurde und es hat einen Boden, sodass man es gut auftstellen kann. Es könnte auch eine sehr schmale Vase sein in die man nur eine Rose reinstellt. Es ist ein merkwürdiger aber auch robuster Gegenstand denn er ist aus Metall. Ralph Genschorek sieht mir meine Verwunderung an und setzt noch einen drauf:

Edelstahl“ sagt er und lacht.

Warum?“ fage ich. „WTF?“ denke ich. (WTF – Warum zum TeuFel?)

 

Krefeld 1981

Andreas steht im Parfümladen und ist nervös. Es ist Donnerstag abend und am Wochenende steht ein Familienfest an. Seine Mutter hatte ihm gesagt er solle doch diesmal endlich ein Geschenk für Tante Erna ranschaffen, immerhin hatte die ihm ja die letzten 200 hundert Mark geschenkt, damit er sich da sein Mofa hatte kaufen können mit dem er jeden Morgen viel schneller bei seiner neuen Ausbildungsstelle bei den Deutschen Edelstahlwerken ist.

Geschenk, ja was was könnte man da machen?“ denkt Andreas. Parfüm hat er mal gehört, das macht Eindruck. : „Zeitlose Eleganz, die Generationen überdauert.“ steht auf einem Werbeschild neben dem Parfümregal.Chanel Nr 5, ein Klassiker.

Das passt, denkt er, Eleganz das würde seiner Tante schmeicheln. Aber es ist viel zu teuer, da kann er ja der Tante Erna auch gleich die 200 mark wieder zurückgeben und das ist ja auch nicht Sinn der Sache von einem Geschenk, dass sich das aufrechnet, oder?

Engel links, Teufel rechts, er drückt sich jetzt seit 1 Stunde in dem Laden herum, schafft es aber nicht das Parfüm zu klauen. Gerade als er dann doch zupacken will, erschrickt er: „Wir schließen jetzt!“ ruft die Verkäuferin. Andreas verlässt das Geschäft ohne Parfüm.

Doch am nächsten Morgen klagt er sein Leid seinem Kumpel Micha und bekommt von diesem den entscheidenden Tipp: „Schenk doch das Kerzendings aus der ersten Dreher-Prüfung. Kommt sicher gut. Selbstgemacht und was aus Edelstahl das geht auch nicht kaputt wenn es hinfällt, wie dieser Porzellanscheiß, außerdem: hat auch nicht jeder sowas. Schreibste halt dann einfach noch irgendwas nettes auf die Karte und schon ists gebongt. Hab ich auch so gemacht, voll tafte, das.“ Andreas ist gerettet!

 

„Liebe Erna, zu deinem 56. Geburttag schenke ich dir diesen Kerzenständer. Ich habe ihn extra für dich gemacht, er ist aus reinstem Edelstahl, ein Klassiker. Edelstahl ist einer der besten und modernsten Werkstoffe die wir haben. In seiner Robustheit und der zeitlosen Eleganz wird er uns beide überdauern. Dein Andreas“

 

Genschorek muss etwas besprechen und wir unterbrechen unser Gespräch. Ich streunere ein Wenig durch den Laden und frage eine Mitarbeiterin die gerade ein paar Kleinmöbel verrückt, was denn hier besonders viel verkauft wird. Die Antwort kommt ohne langes Zögern:

Tischdecken. Selbstbestickte Tischdecken. Die gehen immer sofort weg.“

Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet. Ich dachte es wäre hochwertiger Technikkram oder so etwas in der Art. Der Marantz-Verstärker der unzerstörbar wie er ist, immer Jahrzehnte lang seinen Dienst tut und solche Sachen. Liebhaberstücke die sofort weggekauft werden.

Nee, die sind immer sofort weg, die Tischdeckchen. Die Selbstbestickten als erstes.“ Aha! Ist es also vielleicht so, dass die Damen und Herren, die sich als der Stickerei zugetan geben, nur so tun als würden sie so viel Sticken? Und eigentlich gibt es nur eine begrenzte Anzahl an handbestickten Tischdecken, die über die Jahre nur immer den Besitzer wechseln? Und dann wird wieder stolz der Familie und Freunden berichtet: „Hab ich wieder mal viel bestickt! Da müsst ihr aufpassen, dass ich nicht euch nicht noch im Gehen die Hemdkragen verziere! Ich Stickjunkie mal wieder! Ich kanns aber auch nicht lassen!“ Dabei waren sie eigentlich nur hier und haben Hamsterkäufe an Tischdeckchen gemacht. Dieser Fall wird noch aufzuklären sein…

Ich bummle weiter und sehe tolle Sachen:

 

Ralph Genschorek kommt wieder um die Ecke geschossen.

Sie wollten doch die Kleiderkammer sehen?“

Stimmt deswegen war ich gekommen.“

Ja dann kommen sie mal mit.“

Wir gehen durch irgendwelche hinteren Türen und noch welchen Türen, sicherlich ist es ein ganz konventionell aufgebautes Gebäude aber ich habe nur noch Türen um Türen und Flure in Erinnerung. Dann eine letzte Tür, dann ein Vorhang und plötzlich stehen wir in einem Raum der voll ist mit Kleidung und mit Leuten.

Hier ist aber was los.“ Sage ich

Ach nein. Jetzt ist es ruhig. Normalerweise ist es noch voller.“ sagt Genschorek.

Aha.“ sag ich und kann es kaum glauben.

Na dann viel Spaß!“ sagt er und geht.

 

Man hört dieses „Ssssscchhhhhtt“ und „Klick“ Geräusch das es macht wenn man Kleiderbügel auf einer Stange zur Seite schiebt. Alles hängt ordentlich aufgebügelt an Kleiderständern oder eingefaltet in einem Regal. Ein Mann sitzt neben dem Regal und faltet ca. 1 mal pro Minute alles wieder neu ein, was die Kunden durchwühlt haben. Es herrscht eine sehr geschäftige Atmosphäre. Der Laden boomt. Ein Kunde mit tiefer Basstimme versucht einer Frau, die scheinbar seine Mutter ist recht aggressiv eine bunte Jacke aufzuschwatzen. Aber sie will nicht.

Das ist doch super. Dazu ne gelbe Hose. Das sieht doch toll aus. Geh doch mal in Spiegel gucken!“

Wo ist denn der Spiegel?“

Ja kannst ja mal rufen: Spiegel wo bist du? Vielleicht ruft er zurück.“

Sie möchte die Jacke nicht, aber er lässt nicht locker. Es wird noch eine Stunde dauern und zum Schluss wird sie die Jacke dann doch nehmen. Warum der Mann sie nicht selber tragen wollte weiß ich nicht. Ich hätte sie auch nicht tragen wollen. Den restlichen Nachmittag hatte ich ein schlechtes Gewissen dass ich ihr nicht modisch und und aus allgemeiner Frauen-Solidarität beigestanden habe und dem Mann gesagt habe er solle seine bunte Jacke selber anziehen und nicht den halben laden zusammenbrüllen.

Ich frage auch hier die Frau an der Kasse, was sich denn hier gut verkauft.

Bettwäsche geht schnell weg. Es sind viele neue Leute nach Deutschland gekommen“ sagt sie und nickt mir zu, „die brauchen alle Bettwäsche.“ Dann überlegt sie kurz und sagt: „Kinderschuhe auch, die verkaufen wir auch sehr schnell.“

Sonst hängt das vom Wetter ab: „Wenn es regnet kommen die Leute und kaufen eine neue Jacke. Wenn es kalt wird kommen sie und kaufen einen Mantel. Ganz normal.“

Während sie mit mir spricht wickelt sie ca 3 Verkäufe ab.

NY – steht hier am Niederrhein vermutlich für „Neukirchen-vluYn“

 

Plötzlich rauscht ein Mann mit langem grauen Bart herein. Er ist ungewöhnlich gut gekleidet. Ganz in schwarz doch als Highlight oder so genanntes Key Piece trägt er eine neon-gelbe Warnweste.

Er hat einen olivgrünen Mantel in der Hand und hält der Kassiererin einen Fünfer hin.

Was haste gestern gesagt? 4 oder?“

Ja, vier ist okay“

Er gibt ihr den Fünfer, sie gibt ihm raus.

Er wirft sich den Mantel über, der ihm wirklich gut steht und rauscht zur Tür hinaus nur um Kurz danach nochmal wiederzukommen, zum ordentlichen Einfalt-Regal geht und unten in eine Kiste greift: „Fast vergessen. Brauche ja noch Socken“ Er nimmt sich ein Paar heraus zieht sie an und rauscht schon wieder ab. Ich gehe hinterher.

Er hat sich auf einen Hocker gesetzt der vor dem Laden steht. Und macht eine kurze Pause. „Schöner Mantel“ Sag ich. Dabei finde ich die Weste eigentlich noch geiler.

-Ja ders gut.“

-Darf ich dich fotografieren?“ frage ich vorsichtig.

„Kennste mich?“

Äh nee. Sorry.“

Ich stecke das Handy wieder ein.

Nee mach ruhig dein Foto“ hustet er mir zu. „Haste Internet da drauf?“

Ja, meistens.“

„Hier dann guck dir das mal an“

Er gibt mir einen Flyer.

Ich bin nämlich der Pennerbubu und ich will in den Bububundestag.“

Ich starre auf den Flyer.

So schau das mal an das ist gut. Machst du Pennerbubu bei Youtube. Dann kennste mich. Ich geh dann mal wieder. Tschüss. Hast du noch nen Euro?“

Ich gebe ihm einen und er haut ab.

 

 

Ich gehe wieder in den Laden und kaufe kurz vor Ladenschluss auch etwas, einen schwarzen Pullover. Immernoch neidisch auf die gelbe Weste und den grünen Mantel fahre ich wieder nach Hause.

Zu Hause stelle ich fest: Pennerbubu hat einige Fans im Internet, vielleicht kann er die zu einer Wählergemeinschaft ausbauen. Auf seinem Youtube-Kanal hat er verschiedene selbst gedichtete Lieder hochgeladen. Seit Smash-Hit ist der Song „Keine Zeit“ in dem er die hektische Leistungsgesellschaft kritisiert. Dabei benutzt er die Melodie des Liedes „Heute hier morgen dort“ ein Volksliedes von Hannes Wader aus den 1970er Jahren, in dem wiederum es um einen rastlosen Vagabunden oder Wandervogel geht. Alles ist in Bewegung. Da schließen sich einige Kreise.

 

 

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