Lost in Navigation
Veröffentlicht von am 16.07.2017 18:10 1 Kommentar

Ort: Bauerschaft Schmedehausen, glaube ich | Datum: So, 09.07.2017 | Wetter: sonnig, 24°C

Blasse krumme Linien ziehen sich durch beige, hellgrüne und dunkelgrüne, unförmige Flecken. Berkenheide, Boltenmoor, Bockholter Berge. Mein Auto-Rad- und Wanderatlas Münsterland verzeichnet die Strecke hier farblos als „Sonstige Wege (nur bedingt befahrbar)“. Es ist Sonntagnachmittag. Schon auf dem Schiffahrter Damm wird der Verkehr weniger. Als ich ihn verlasse, verlasse ich auch mir bekanntes Terrain. Die folgenden Straßen sind zwar asphaltiert, aber gerade noch so bullibreit.

Vor jeder Kurve mit unübersichtlichem Baumbestand schalte ich runter in den dritten Gang. Daran erkennt man den Fremden hier. Irritierte Blicke von vorne. Sie schwenken von Bulli auf Kennzeichen, Fahrerin, wieder Kennzeichen. Vorbei. Ich habe das Gefühl, Eindringling zu sein. Ich höre Saloon-Türen zuschlagen, Stiefeltritte verklingen und Cowboys in den Staub der Straße spucken. Die Kühe zu meiner Rechten scheinen allerdings eher desinteressiert.

Zwei Radfahrer biegen um die Ecke und kommen mir selbstbewusst im Sattel sitzend entgegen. Nebeneinander nehmen sie die gesamte Breite der Straße ein. Ich schalte herunter in den zweiten Gang, bremse. Die beiden tragen Sonnenbrillen und Funktionskleidung. Zudem Fahrradtaschen. Revolver oder Stern am Revers kann ich nicht erkennen. Sie verzieht die Mundpartie und raunt ihm etwas zu. Nun fahren sie doch hintereinander an mir vorbei. Im Rückspiegel sehe ich die beiden ohne großes Treten beschleunigen.

Easy Biker…

Die Straße, der ich nun folge, hat nicht einmal mehr einen Namen. Die einzigen Verkehrsschilder hier sind gut faustgroß, quadratisch und weisen Rad-, Reit- und Wanderwege aus: die Friedensroute, den Jakobsweg, einen integrativen Reitweg. Detlev Buck hat sich mal zu der vielzitierten Aussage hinreißen lassen, Road Movies müssten in Deutschland immer am nächsten Verkehrsschild enden. Man kann sich gar nicht mehr verlieren – im positiven Sinne. Hier kann man es scheinbar doch, wenn auch anders.

Hinter der nächsten Maisfeldbiege blockiert ein Pkw das Fortfahren. Ihn überragt im Hintergrund ein großer Anhänger. Zur Linken sattgrüne Stängel, zur Rechten goldgelbe Stoppeln. Ein Mähdrescher zieht seine Bahnen. Gerste, wie ich später erfahre. Das Korn braucht noch ein paar Tage. Ich halte, steige aus. Der Herr hinterm Steuer des Pkw steigt ebenfalls aus. Die Sonne brennt von oben. Showdown. Ich höre das Tumbleweed auf dem Asphalt rascheln. „PRIVATWEG.“ Das Schild muss ich übersehen haben. Und mein Navigationssystem ignoriert es.

Mein Navi ist Kommunist, stelle ich fest.

Ich entschuldige mich, erkläre, dass ich verabredet bin. Gleich hier um die Ecke. Keine fünf Minuten mehr – sagt das Navi. Eine Tour durch die Bockholter Berge. Schweigen. Er runzelt die Stirn. Der Lüfter im Bulli schaltet sich mit einem letzten Brummen ab. Ich höre den Solar-Wackel-Flamingo auf dem Armaturenbrett: Klack – Klack – Klack. Dann winkt der Mann mich durch. Der Bulli und ich holpern über ein Stück Stoppelfeld. Dann folgen wir wieder dem Asphalt. Ein Waldstück und ein Stapel Stämme. Die mechanische Stimme lotst mich weiter, als wäre nichts gewesen.

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