Mettmann liegt im Auge des Betrachters
Veröffentlicht von am 10.09.2017 12:48 Schreibe einen Kommentar

Viernheim hat rund 34.000 Einwohner, Mettmann 38.000. 1:0 Mettmann. Viernheim 48km², Mettmann 42km². 1:1 unentschieden. Bürgermeister Viernheim: Matthias Baaß (SPD), Bürgermeister Mettmann: Thomas Dinkelmann (Parteilos). 2:1 für Mettmann.
Da es ungefähr gleich viele Kirchen gibt und das Vereinswesen sich die Höhe hält, bleibt Mettmann in Führung.
All das weiß ich natürlich aus dem Internet, doch eigentlich weiß ich kaum etwas über Mettmann. Ich wohne erst zwei Monate hier und habe nur noch zwei Monate vor mir, bin also zeitlich umzingelt, und darüber hinaus nicht nur für Mettmann sondern für das ganze Bergische zuständig. Heute jedoch, heute gehöre ich nur dir Mettmann. Da ich den Pendlerstau auf der Düsseldorfer Straße, der urbanen Goldader, nur zu gut kenne, wird Mettmann heute zu Fuß erkundet.

Ich komme an einem säuberlich gepflasterte Parkplatz vorbei, dort sitzt ein junger Mann in seinem Kombi und starrt auf sein Mobilfunktelefon. Eine Klassiker unter den Körperhaltungen des 21. Jahrhunderts. Hinter ihm hängt ein sauberes Hemd vor der Scheibe. Er trägt exakt das gleiche am Körper.
Der Parkplatz ist Eigentum des Discounter-Riesen und seiner Freundin der Supermarktkette, gemeinschaftlich teilt man sich hier die Parkgelegenheiten.
Das ist meine Welt. Ich komme nicht aus der Zeit, in der man seine Lebensmittel im Tante Emma Laden um die Ecke kauft. Meine Mutter schleppte mich in die kalten Discounter-Hallen am Stadtrand und ich durfte mir trotzdem nur eine Süßigkeit aussuchen.
Einmal in der Woche steht auf diesem Parkplatz ein Hähnchenmann. Auch in Viernheim stand er vor dem Supermarkt und spießte die sieben Euro Hühner durch den Anus auf, der Geruch von angeknusperter Tierhaut legte sich über die Nord-Stadt, er verdichtet auch hier die Luft.
Im Discounter quatscht eine Frau, Mitte vierzig im Trenchcoat, eine älteres Ehepaar zu, irgendwie ulkig den Spieß einmal umgedreht zu sehen. «Es gibt doch gar keine Demokratie», höre ich sie sagen, dann nuschelt sie unter vorgehaltener Hand etwas von Nordkorea und Trump.
Ich möchte mir ein Suppengrün kaufen, doch in der Gemüseinsel klafft genau dort eine leere Stelle. Der Herbst kommt, man braucht eben Suppengrün. Unverrichteter Dinge schleiche ich also an der Kasse vorbei, an der die selbe Frau gerade einen Apfel aus Chile einpackt, kurz darauf geht sie zum Hähnchentruck und holt sich ein Halbes. Sie fährt mit der Beute im Geländewagen davon. Wohin fährt sie?

Vielleicht in eine Sackgasse? Die gab es in Viernheim auch. Unweit meines Wohnhauses lagen diese Spielstraßen- und Sackgassen-Viertel, die sich in ihre eigene kleine Idylle einmauerten. Hier wie dort: Am Ende liegt ein Feld, dort führen die Menschen ihre Hunde an der langen Leine. Links und rechts stehen die Häuser Spalier, die Autos fahren im Menschentempo hindurch. Am Eingang der Bürgeroase sprechen die Straßenschilder eine unmissverständliche Sprache: Anlieger frei, Spielstraße, Sackgasse. Bleiben Sie draußen, wir sind zufrieden.
Doch hinter so mancher Hausfassade klingt die Zufriedenheit anders. Laut aufgedrehte Musik, welche die Scheiben vibrieren lässt. Die Rollläden sind halb geschlossen, ich stehe davor und ahne einen Verbündeten dahinter.

Schon als Kind konnte ich mit diesem Spielstraßen-Leben nichts anfangen.
Wer hat Blau und Schlau gelöst, wer hat Blau und Schlau gelöst?! Die Mattscheibe, mit der weiß ich was anzufangen! Noch bevor meine Mutter wusste, wie man den Teletext bedient, habe ich meine Lieblingssender auf die vorderen Plätze programmiert. Meine Mutter schaltet den Fernseher ein:
Gummibären, hüpfen hier dort und dort und überall, sie sind für dich da wenn du sie brauchst, das sind die Gummibären!

Bald waren die Sendungen nicht mehr animiert und erzählten mir von allerhand Abendteuern und fernen, mir fremden Welten. Ich begann Dokumentationen zu schauen und konkretisierte die Bilder, welche bereits Karl May vor über 100 Jahren in die Köpfe der Menschen zauberte. Doch ich sah die echten Winnetous und konnte mir ein genaues Bild vom Rio de la Plata machen. All das war real, kein fiktiver Abenteuerroman. Und während ich Dokumentationen schaute fuhren die mir bekannten Autos in und aus der Spielstraße. Die Menschen gingen nicht nach Argentinien sondern arbeiten. Noch langweiliger als Werbeunterbrechung. Und es kam noch heftiger, ich hatte ja keine Ahnung. Kaum meldete sich die Pubertät kam auch der erste Internetanschluss in unser Haus, ich weiß nicht wie meine Mutter das überstanden hat.
Mit der Suchfunktion des Chatprogrammes ICQ konnte man damals nach Ländern sortieren und fremde Menschen finden. Man stelle sich das vor, diese Menschen konnte man nun nicht nur durch das Fernsehen beobachten, sondern ihnen Nachrichten schreiben. Die Zeit und der Raum waren besiegt, meine Nachrichten und ich, wir waren frei.
Eine Weile hab ich mit einem Mädchen aus Nebraska geschrieben. In Nebraska leben derzeit nur rund 9 Menschen auf einem Quadratkilometer, das bedeutet in Mettmann würden bei diesem Verhältnis 378 Menschen leben. Man stelle sich das vor, dort sitzt einer allein auf weiter Flur und auf einmal schreibt Dimitri from Germany. *BING*
Das ist mehr als 14 Jahre her und als ich das unendliche Internet heute erneut nach meiner Kurznachrichtenfreundin gefragt habe, stand dort, sie sei nun ein „Part Time Stripper“.
Ich laufe tiefer in Mettmanner Stadtviertel, stehe plötzlich vor einer Bude. Stehcafé und Kiosk. Da stehen die Leute früh schon und trinken meist keinen Kaffee sondern Bier. Auch daran erinnere ich mich, das war spannend als Kind: Meine Mutter schickte mich Zigaretten holen und schon als ich um die Ecke bog, sah ich die Leute vor dem Kiosk lungern. Das Bier lag fest und schwungvoll in der Hand, zumindest in meiner Erinnerung sehe ich es nie abgestellt. Die Männer, neugierig, erspähten mit den müden Augen das frische Kind. Mir war schon immer klar, dass diese Männer Visionäre sind. Wenn sie nur nicht so traurig ausgesehen hätten, mal ein Lachen, mal einen kecken Spruch. Doch das Leben war längst aus ihnen gespült worden, und nur wo einmal Leben war kann diese Leere stehen und stumme Blicke werfen.
Die Erinnerung reisst mich mit, ich gehe zum Kioskbetreiber und bestelle eine Schachtel HB, dabei bin ich Nichtraucher.
In diesen Kiosken wurde ich als Kind ständig beschissen. Ob es die Bausätze waren, die niemals ein Ende fanden oder die Pornohefte, die ich nicht kaufen konnte. Ein Kind muss sich damit zufriedengeben, enttäuscht zu werden.

Das halbfertige Motorboot liegt längst irgendwo auf einer Müllhalde, wahrscheinlich in Afrika. Da ist unser Müll ja scheinbar besser aufgehoben. Irgendwann war ich dann auf einmal mit der Pubertät fertig und natürlich enttäuschter denn je. Das Fernsehen und das Internet versprachen mir so einiges, bekommen hab ich nur Schulnoten und Klassenbucheinträge. «Dimitri hat alle Aufgaben ohne Probleme gemeistert, widmet jedoch zu viel Aufmerksamkeit seinen Klassenkameraden.» Originalzitat aus dem Zeugnis der ersten Klasse. Warum Leistung bringen und auf die Mitschüler achten ein Manko in der Sozialnote war, hab ich bis heute nicht verstanden.
Ich war also fertig mit der alten Welt und deshalb hieß es raus in die Neue. Endlich mal schauen, ob ARTE und Youtube. nicht zu viel versprochen haben.
Wenn man möglichst weit weg möchte landet man fast unvermeidlich in Australien, nur ein paar Schritte weiter und ich wäre Viernheim wieder näher gekommen.
Mir war’s dann bald doch zu unkomfortabel, dieses Reisen. Wenn man auf der Couch sitzt, ist die Ferne viel gemütlicher. Doch wieder zurück in den Alltag, der an mir vorbeigelebt wird? Das war keine Option, also bin ich nach Wien.
Jetzt bin ich 26 Jahre alt und habe drei Wohnsitze.

Der aktuellste ist eben Mettmann. Und obwohl ich all diesem analogen Alltagsleben fremd bin, ist es kein Zufall, dass es mich wieder in eine Stadt wie Viernheim zog. Die Frage ist jedoch: Warum?

 

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