mittelerde
Veröffentlicht von am 19.04.2020 17:22 Schreibe einen Kommentar

mit fortschreitender zeit wird immer klarer wie schwierig es ist, eine region zu erfassen; herauszufinden, was das dorfleben ist, wenn – wie überall – kein leben herrscht. mangels sozialer situationen also, die aufschluss über letzteres geben könnten –  schützenfest, kneipe, café oder friseurbesuch – konzentriere ich mich gezwungenermaßen weiterhin auf aspekte der landschaft, die, auch das muss ich feststellen, zwar immer grüner, bunter und aufgebauschter wird, darüber hinaus aber wenig angriffsfläche für neue, mehr oder weniger ausdrucksstarke adjektive bietet. den humor der niederrheiner*innen beispielsweise erahne ich nur durch spaßige beschilderungen, ich lese namen wie „königin susanne allee“, „queen angelika place“ oder „mittelerde“, es scheint hier ein ding zu sein. umso mehr freue ich mich über eine e-mail eines mannes aus der region hünxe, der mir in eben dieser eine reihe von dingen empfiehlt, die ich mir doch mal ansehen könnte:

. das Otto-Pankok-Museum in Drevenack,
. das Haus Schwarzenstein in Drevenack,
. die alte Dorfstraße in Krudenburg
. das Schloss Gartrop in Gartrop-Bühl
. die unendlichen Weiten des Hünxer Waldes
. die Teufelssteine im Hünxer Wald
. die alte Bergschule in Hünxe
. das Witte Hus und die Mühle in Bruckhausen

ein paar tage später lese ich in einer tageszeitung (der lokaljournalismus entpuppt sich wenig überraschend als entscheidende quelle, um sich regional zu informieren) von der niederrhein-wölfin „gloria“, die dort, in hünxe, am osterwochenende zusammen mit einem anderen wolf einen rothirschen angegriffen habe. die region erscheint mir jetzt noch attraktiver als sowieso schon, die unendlichen weiten des hünxer waldes, irgendwo in ihm gloria, es klingt gefährlich und märchenhaft, ich fahre also los.

die strecke umfasst 20 kilometer und ist so wie das wetter außergewöhnlich schön, trotzdem reicht mir das meditative pedaltrampeln und der blick in die sich ähnelnde landschaft nicht mehr; der weg ist nicht mehr vollständig zweckentkoppelt. es ist deshalb umso besser und irgendwie beruhigend, dass all die glatten, asphaltierten und beschilderten pfade zwischen feldern, weiden und koppeln nicht ins leere, sondern tatsächlich immer irgendwohin führen.

die alte bergschule in hünxe ist ein heimatmuseum, das ich eine zeitlang ohne nennenswerte empfindungen betrachte, es ist wie vieles in der region in dunkelrotem klinker gehalten. mehr über diese heimat verrät mir heute (sonntag) eine vergilbte reklame, die an einer straßenlaterne für einen second-hand mode markt am 19. januar in wesel geworben hat, „frauen-kram“ gab es da. ich fahre weiter, kaufe im eiscafé am marktplatz eine kugel nuss-eis, der eisverkäufer muss sie einpacken, täte ihm leid, es sei außerdem vorschrift sie in mindestens 50 meter entfernung vom laden essen. es schmeckt dem ersten eis des jahres entsprechend trotz allem sehr gut.

danach fahre ich nach krudenburg; am ortseingang befindet sich eine eselfarm, ich (esel sind mein sweetspot) bin also an dieser stelle schon überzeugt und voreingenommen. der ort an sich ist historisch und etwas, was man als touristische attraktion bezeichnen würde. selbst an einem coronoa -sonntag sind hier viele fahrradfahrer*innen, deutsche paare und familien in funktionskleidung, von denen wetterbedingt die langen ärmel oder beine gezippt wurden. sie fotographieren im akkord die mir empfohlene „alte dorfstraße“, die mit pflasterstein und ebenfalls dunkelrotem backstein punktet. das alles wirkt ein bisschen zu kulissenhaft, außerdem drängt sich die autobahn akustisch in die atmosphäre des anheimelnden ortes.

 

 

auf dem rückweg, der mich kurz durch ein waldstück führt, denke ich an gloria aber auch an die esel, das kalb, dessen ersten gehversuchen ich gestern beim joggen zuschauen konnte, die kühe und die zwei pandas in einem zoo in hongkong, die sich – von natur aus sexmuffel – endlich wieder paaren, seitdem es keine besucher*innen mehr gibt, an biber in berlin und daran, dass es schon eine pandemie auf dem land brauchte, damit ich mich ehrlich für das tun und lassen von tieren interessiere.

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