MOMUMENT Teil IV
Veröffentlicht von am 23.05.2020 18:00 Schreibe einen Kommentar

VIER
Das Münsterland hatte sich als erste Region in Deutschland für die Teilnahme am Projekt beworben und war direkt angenommen worden. Mit seinen Schlössern und Burgen vor allem aber wegen der über die Jahrhunderte geformten und immer wieder umgeformten Parklandschaft galt es als Prozess-Denkmal europäischer Natureculture. Daher existierten hier für einige Teilregionen Prozessaufnahmen von fast sechzig Jahren und landschaftliche Rekonstruktionen, die das gesamte 20. Jahrhundert umfassten. Ich zoomte auf dem momument Designer an Deutschland heran, dann an Nordrheinwestfalen und wählte schließlich den hellgrau markierten Bereich zwischen Dülmen und Senden aus. Ich war zwar in Berlin geboren, hatte jedoch einen Großteil meiner Kindheit bei meiner Tante Mia verbracht, die mit ihrem Mann westlich von Hiddingsel einen Gnadenhof für Pferde betrieb und ihr Geld als Grafikdesignerin verdiente.

Meinen Startpunkt setzte ich beim West-Tor zum Wildpark, 2026, das Jahr, indem ich gemeinsam mit meiner Adoptivmam zum ersten Mal dort gewesen war. Als Fahrzeug wählte ich einen Dachroller mit Solar- und Pedalantrieb. Vom West-Tor aus wollte ich damit durch den Park bis nach Hiddingsel und ein Stück am Kanal entlangfahren. Gegen Aufpreis hätte ich sogar in einem V-Hotel in Senden oder Lüdinghausen übernachten können, aber der Gedanke, meinen Körper die gesamte Nacht über gemeinsam mit irgendwelchen Unbekannten in einem der Bibliotheks-Zimmer liegen zu lassen, war mir unheimlich. Ich tippte auf Start. Eine kleine Schublade öffnete sich, in der ein flacher Armreif lag. „Bitte folgen Sie den grünen Pfeilen“, sagte eine Stimme in meinem Kopf.

Die grünen Pfeile vor mir auf dem Boden führten mich quer durch die geflieste Halle zu einem der Fahrstühle. Eine ältere Frau steig mit mir ein, ich mied ihren Blick, setzte mich auf einen Stuhl in der Ecke, dann schlossen sich die Türen und der Aufzug setzte sich lautlos in Bewegung. Durch die transparenten Türen konnte man die Stockwerke hinauffliegen sehen. Im sechsten Untergeschoss fragte mich die Frau, welche Landschaft ich mir ansehen würde. Ich lächelte sie kurz an. „Münsterland“, sagte ich im achten. „Ach!“, sagte sie im neunten. „Deutschland?“
„Ja. Und Sie?“, im zehnten.
„Zingaro, Sizilien“, antwortete sie. „Da war ich früher oft als Jugendliche mit meinen Schwestern.“ Ich nickte im zwölften. Offenbar ging es vielen wie mir. Der virtuelle Erd-Tourismus war nicht mehr wie früher von Abenteuerlust, Neugier, Langeweile oder Wissendurst angetrieben, sondern von Heimweh. Im fünfzehnten Untergeschoss stieg ich aus.

In meinem Zimmer standen insgesamt vier Betten, von denen zwei bereits belegt waren. Ich wählte das hinterste, setzte mich darauf und betrachtete die anderen zwei Reisenden. Eine Frau mit bleicher Haut und goldenen Tätowierungen im Gesicht lag direkt neben mir. Weiter vorne ein haariger Mann, er hatte sich auf den Bauch gelegt, sein Gesicht war zur Wand gedreht. Manchmal lachte er leise im Schlaf. Auf Anweisung meines Guides schloss ich meine Tasche in dem Schrank neben dem Bett ein, trank einen Schluck Wasser und legte mich dann hin. Eine feingliedrige Hand schob das Haar über dem R-Con unter meinem Ohr zur Seite, zog den Con heraus und schloss mich an die Bibliothek an. Vor meinen Augen wurde es schwarz.

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