MOMUMENT Teil XV
Veröffentlicht von am 02.06.2020 18:00 Schreibe einen Kommentar

FÜNFZEHN

Wenige Wochen später waren wir zurück nach Berlin gezogen.
Es hatte bestimmt ein Jahr gedauert, bis ich Xae endlich vergessen hatte, und ich wunderte mich nun, dass ich diese Zeit völlig verdrängt zu haben schien.
Sie war die erste gewesen, die mich verletzt hatte, das erste, was ich verloren hatte, jedenfalls soweit ich mich nun erinnern konnte. Wir meinen ja, als Kinder seien wir unbeschwert gewesen, weil es noch nichts gab oder nicht viel, das wir vermissen konnten, nichts, von dem wir glauben konnten, es verloren zu haben. Aber stimmt das überhaupt? Welche Verletzungen habe ich noch vergessen? War Xae wirklich die erste?

Ich stand vor dem verfallenden Schloss im Jahr 2000 und fragte mich, ob es diesen Punkt in der Vergangenheit, den ich anstrebte, diesen Zustand, nach dem ich mich sehnte, überhaupt jemals gegeben hatte. Ob es dieses Gefühl der Wahrhaftigkeit, dem ich seit Jahrzehnten schon verzweifelt  nahe zu kommen versuchte, überhaupt jemals gegeben haben konnte.

Der Erdboden, nach dessen Nähe ich mich so sehnte, war doch nichts weiter als die absolute letzte Wahrheit, eine sprachlich nicht zu fassende Wahrheit, durch nichts zu erschüttern – ein Kern, ein Ich, ein Unveränderliches – unerreichbar, und damit nur als Illusion existent.

Ich hatte mich nie für jemanden gehalten, der an eine solche Wahrheit glaubt oder glauben will. Aber insgeheim hatte ich wohl doch immer danach gesucht oder zumindest gehofft, dass, wenn ich nur zurück könnte zu diesem einen imaginären Punkt, wenn ich nur tief genug graben würde…

Aber es gibt keine Zustände, begriff ich nun, nur Prozesse, nur einen einzigen Prozess. Daher kann man auch keinem Zustand gedenken und keinen Zustand rekonstruieren. Alles verändert sich permanent und unvorhersehbar. Der Wind bewegt den Grashalm, eine Hummel fällt herunter, fliegt davon, die Welt ist nicht dieselbe wie eben noch, weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart. Ich griff nach meinem Armband und öffnete mit einem Knopfdruck die Schnalle. Sofort lag ich wieder in dem Bett in dem Zimmer in der Bibliothek in dem Land auf dem Planeten in der Zeit, die ich zu kennen glaubte und in der ich doch nie gewesen war. Plötzlich war ich mir nicht mehr sicher, ob Urras wirklich nur eine Zwischenstation war oder nicht schon mein Zuhause.

ENDE

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