Neue Orte „entwickeln“
Veröffentlicht von am 26.06.2020 10:16 Schreibe einen Kommentar

NRW Geldern,

Dr. Ingrid Misterek-Plagge ist Geschäftsführerin des Kulturraums Niederrhein e.V., der aktuell das Residenzprojekt stadt.land.text NRW 2020 koordiniert. Der vorliegende Text ist aus einem Gespräch zu Care-Arbeit und Kulturförderung entstanden.

Am Niederrhein wächst und verändert sich die Förderlandschaft für Kultur ständig. Als Geschäftsführerin eines ländlich- urbanen Kulturraums hat Dr. Ingrid Misterek-Plagge täglich mit neu sich entwickelnden Formaten von Ausschreibungen und Veranstaltungen zu tun. Das Thema Care-Arbeit und künstlerische Förderung wird dabei sehr bewusst angegangen.

Beispielsweise wird gerade an einem Stipendienprogramm für AutorInnen und KünstlerInnen, gearbeitet, das sich um künstlerische Regionalforschung dreht und Care-Arbeit als elementaren Baustein des Angebots einbezieht.

Dabei will sich die Förderung nicht nur und ausschließlich auf Frauen konzentrieren. Auch für Männer müssen Strukturen geschaffen werden, die ihnen erlauben, Präsenz in Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Angesprochen werden sollen auch KünstlerInnen, die vielleicht keine eigenen Kinder haben, sich aber um pflegebedürftige Angehörige kümmern. Diese müssen ebenso bedacht werden – genauso wie gleichgeschlechtliche Paare oder Menschen, die im Kontext einer Patchworkfamilie leben. Familie ist vielfältig und wandelbar. Als zentraler Teil der Gesellschaft hat diese auch eine wichtige Stellung im Leben von KünstlerInnen- und AutorInnen. Genau darüber, versichert die erfahrene Kulturförderin, Dr. Misterek-Plagge, denken Förderanbieter zunehmend nach.

In dem neuen cc-Ringenberg-Stipendium, das in diesem Jahr im Juni an den Start geht, wird beispielsweise die Residenzpflicht gelockert und durch eine Präsenzerwartung ersetzt.

Stipendiaten müssen nicht mehr als SchmuckerimitInnen ausharren, sondern können sich auch, sollte es notwendig sein, ins Homeoffice begeben und digital mit ihrem Aufenthaltsort in Kontakt bleiben. Eine Altersgrenze besteht nicht mehr, denn gerade die fällt oft in die Jahre der biologischen Reproduktion und bildet somit einen systematischen Widerspruch zur künstlerischen Reproduktion.

Kinder sind ein Bindeglied und Gewinn, besonders in einer ländlichen Region, und so kann auch die lokale Bevölkerung noch vom mitgebrachten familiären Anhang der Stipendiaten profitieren. Aber auch KünstlerInnen mit familiären Pflegeverpflichtungen werden in Zukunft mehr berücksichtigt. Ein finanzieller Sondertopf, der in Projekthaushalten eingeplant werden kann, sollte es KünstlerInnen und AutorInnen möglich machen, ihren Beruf in Zukunft besser mit Care-Arbeit zu vereinbaren. Zusätzliche Ausgaben in der Betreuungsarbeit können ebenso wie Fahrtkosten eingereicht und beglichen werden.

Ingrid Misterek-Plagge weiß, wovon sie spricht, auch sie hat Kinder und auch ihr hätte eine gerechtere Verteilung von Care-Arbeit in der Gesellschaft bei der Umsetzung ihrer beruflichen Karriere geholfen. Heute soll es kein beruflicher Nachteil mehr sein, Kinder zu bekommen, eine Familie zu haben, egal in welcher Sparte man arbeitet.

Im Bereich der Stipendienförderung gibt es eine große Vielfalt. Vielerorts werden Stipendien mit Aufenthalt angeboten, aber die Anbieter sind sich oft nicht bewusst, dass man es bei KünstlerInnen mit einer Berufsgruppe wie jede andere zu tun hat. Will heißen, Menschen mit Familie, die sich um Kinder kümmern oder Angehörige versorgen müssen. Hier sieht Dr. Misterek-Plagge einen wichtigen Einsatzbereich und Diskussionsbedarf. Sie ist als Geschäftsführerin einer erfolgreichen Kulturregion eingebettet in die europäische Kulturzusammenarbeit mit den benachbarten Niederlanden In grenzüberschreitenden Kunstprojekten lotet man gerade die Gelingensbedingungen erfolgreicher Stipendienangebote aus, um daraus einen Leitfaden für private oder kommunale Stipendienanbieter zu entwickeln.

Ein Sondertopf für den Care-Kontext bei Stipendiaten ist geplant. Und dafür ist es auch wichtig, so Dr. Misterek-Plagge, dass die Betroffenen ihre Bedürfnisse formulieren, dass auf Augenhöhe diskutiert wird, um endlich von dem Nimbus der „Genügsamkeit“ wegzukommen, der auf Seiten vieler Anbieter immer noch existiert. „Der Arme Poet“ von Carl Spitzweg steht hier als visuelle Metapher für den Schreiber, dem eine einfache Dachkammer ausreicht, um sein Werk zu realisieren. Dass dies nicht so ist und die Hartnäckigkeit des Mythos vor allem Frauen trifft, weiß Ingrid Misterek-Plagge ganz genau und so kann sich die Kunst- und Kulturszene glücklich schätzen, in ihr eine Verfechterin moderner Lebensansprüche für KünstlerInnen und AutorInnen zu haben.

 

 

Dr. Ingrid Misterek-Plagge

Die Bilder im Beitrag wurden von Dr. Misterek-Plagge zur Verfügung gestellt, Vielen Dank!

 

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