Once Upon a Hill
Veröffentlicht von am 22.08.2017 18:33 Schreibe einen Kommentar

Ort: Stromberg | Datum: 15.08.2017 | Wetter: bewölkt, Regen, 26°C

Wind weht um den Stromberger Berg. Und trägt Düfte heran. Alte Obstbäume. Pflaume, Apfel. Spärlicher die Holunderbeeren. Kürzlich gemähtes Gras. Und etwas Malziges. Maische aus der naheliegenden Brennerei oder Brauerei? Silage? Leberwurstbrote? Leberwurstbrote in Tupperware. Apfelstücke. Trinkpäckchen. Den Strohhalm aus der Hülle friemeln. An einer Stelle ist die durchsichtige Hülle an den weißen Halm geschmolzen. Knibbeln mit dem Fingernagel. Durch die Silberfolie pieksen. NICHT RENNEN BEIM TRINKEN!

„Erwachsene erinnern sich nicht daran, wie es war, ein Kind zu sein.

Auch wenn sie es behaupten.

Sie wissen es nicht mehr. Glaub mir.“

Burg im Rücken, der Blick vom Stromberger Berg: überwiegend Äcker, Weiden und Dörfer OWLs. Wenn man sich auf die Zehenspitzen stellt, den Hals lang macht und an den Brombeerranken und Büschen vorbeischielt, kann man einen Blick in Richtung meiner Heimatstadt werfen. Und meiner Grundschule. Die App sagt, sie liegt etwa 20 Minuten entfernt.

Gepicknickt wurde auf der Wiese an der alten Kastanie. Es brauchte etwa die Hälfte meiner Klasse, um sie mit weit ausgestreckten Armen und Gesicht in der Borke zu umschließen. Der Stamm schon damals zu Teilen ausgehöhlt. Den Kopf weit in den Nacken gelegt, um nach den Früchten in der Krone zu sehen. Heute springt der Blick. Zoomt. Stellt scharf. Der Hügel, ja. Aber sie ist nicht mehr da. Etwa 130 Jahre ist sie alt geworden. Ich komme ein Jahr zu spät, erfahre ich am Abend.

„Manchmal reden die Erwachsenen davon, wie schön es war, ein Kind zu sein. Sie träumen sogar davon, wieder eins zu sein.“

Ich steige die verschiedenhohen und -breiten Stufen des Stromberger Bergs herunter. Das Gassbachtal. Stöcke von der Brücke werfen. Schiffchen fahren. Bis sie am nächsten Kiesel hängen bleiben. Oder – Attacke! – kentern. Und der Spielplatz mit der längsten Rutsche überhaupt. Noch immer rutschen die Turnschuhe auf nassen Halmen beim steilen Aufstieg. Ob mir beim Erklimmen die Puste ausgegangen ist? Heute kann ich den Gegner zumindest benennen: Beckumer Berge.

Musik fließt mir die Stufen herab durch den Wald entgegen. Ein erster Vorgeschmack auf den Abend. Das Herzstück eines jeden Stromberg-Ausflugs: das Kinderstück der Freilichtbühne. Damals waren es Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen blauen Meer. Auch heute Abend alte Bekannte. Und ein weit entfernter Ort. Eine geheimnisvolle Insel. Und wieder: Meer.

Bunte Gestalten bevölkern bereits jetzt den Vorplatz. Ein Weihnachtsmann, ein Mädchen mit Huhn, zwei Statuen. Dazwischen Kinder in Regencapes mit Stift und Zettel. Die Figuren führen bereits ein in die Welt der Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke. Ein Kinder-Funke-Fest. Ein paar glaube ich bereits in den Kostümen des heutigen Abends zu sehen. Die beiden Statuen zum Beispiel. Die Meerjungfrau. Die Nonne. Und die beiden alten Damen in schwarzen Kleidern.

„Aber wovon haben sie geträumt, als sie Kinder waren?

Weißt du es?

Ich glaube, sie träumten davon, endlich erwachsen zu sein.“

Der Herr der Diebe. Ein Kinderstück? Eher ein Familienstück. Wie auch die ihm zugrundeliegende Geschichte. Die Geschichte der Waisen Prosper und Bo, die es in die Stadt aus den Erzählungen ihrer Mutter verschlägt. Die magische Stadt. Die Stadt des Mondes. Venedig. Auf den Stufen vor der Heilig-Kreuz-Kirche. Den Burgplatz zu fluten habe man dann doch nicht in Angriff genommen. Auch wenn sich das Wetter kurz vor Beginn der Abendvorstellung nochmal alle Mühe gibt. Aber: Taubenschwarm, Touristen, Löwen und geschwungene Brücke. Und Musik.

Zu Melodiefragmenten aus der Unendlichen Geschichte und dem Herrn der Ringe entrollt sich das Abenteuer der beiden Brüder, die bei einer venezianischen Kinderbande Unterschlupf finden. Einer Bande um den Herrn der Diebe, hier die jüngste Meisterdiebin aller Zeiten. Die erwachsen sein will. Weil dann niemand mehr Vorschriften machen kann. Ihnen auf den Fersen der Detektiv Victor. Und über allem: eine Erzählung. Und Magie. Die schließlich auch am Rad der Zeit drehen kann.

„Was tun Erwachsene so den ganzen Tag, Victor?“, fragte er.

„Arbeiten“, antwortete Victor. „Essen, einkaufen, Rechnungen bezahlen, telefonieren, Zeitung lesen, Kaffee trinken, schlafen gehen.“

Ich habe den Bulli an der Grundschule am Hang geparkt. Es sind Sommerferien, die Parkplätze leer. Mittlerweile ist es dunkel. Asphalt und Blätter noch nass vom Regen. Erstes zögerliches Gezirpe. Vom Stromberger Berg schaue ich in die Ferne. Oben Wetterleuchten und Windradblinken. Unten wabernde Lichter. Die Musik noch im Ohr, die Geschichte im Kopf. Der Schemen einer Kirchturmspitze zwischen den Lichtpunkten. Vielleicht der Campanile di San Marco.


Venedig im Münsterland, könnte man das Programm der Burgbühne Stromberg diesen Sommer überschreiben. Der Herr der Diebe, für die Bühne bearbeitet von Wolfgang Adenberg, stand zuerst fest. Mit dem Wunsch, beide Stücke mögen am selben Ort spielen, wurde dann das Erwachsenenstück ausgesucht: Der Impresario aus Smyrna (Carlo Goldoni). Noch bis Anfang September erweckt das ca. 100-köpfige Ensemble auf und hinter der Bühne die Lagunenstadt unter der Regie von Hendrik Becker zum Leben. Dafür lohnt sich das Erklimmen des Burgbergs!

Die Zitate sind Cornelia Funkes Herr der Diebe (2000) entnommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.