Sehen, Wissen und Staunen
Veröffentlicht von am 10.08.2017 19:23 Schreibe einen Kommentar

Zwei Männer im Wald

Sehende:     Hörst du das? Da fließt ein Bach. Wie leise er fließt und doch irgendwie stark!

Wissende:   Das müsste der Diepensiepener Bach sein, sicher bin ich aber nicht. Es gibt hier einige Bäche: Den Stinder,                      den Hassel- und natürlich den Mettmanner Bach, den Schwarz- und den Angerbach, den Laubecker …

Beständig fließt der Bach. Dabei trällert er sein Lied, mutig und klar. Und während er so flüstert, da schwebt er vorbei an Erlen, an Pappeln, Brombeersträuchern und an Geschöpfen, die ihn zu verehren wissen. Der Bach schmilzt immer fort dahin und ist doch immer gleich, voller Zuversicht. Er verwandelt sich, zaubert und brennt; und ist immer gleich. Kein Hindernis ist ihm bekannt, der Bach bleibt er selbst. Kurvig tanzt er durch Tal und Land, nimmt kleine und große Steine mit, lässt andere liegen, bahnt sich den Weg, der ihm bestimmt. Die Leute versuchen ihn zu überholen oder ihn zu überbrücken, doch darüber kann der Bach nur spotten. Hörst du es auch? Jeder tropfen lächelt dich an, jeder Tropfen weiß alles.

Da gleitet ein Wasserläufer über den Bach, für ihn ist er ein reißender Strom, ein breiter Fluss aus zähflüssigem Blei; und der Wasserläufer hat recht. Der Bach ist stärker als du und ich, er hat keinen Anfang und kein Ende. Der Bach ist eins.

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Sehende:     Wie das duftet, ich liebe den Geruch von Gras. Irgendwie beruhigend, findest du nicht auch?

Wissende:   Da wird wohl einer gemäht haben.

Es wird vom Wind gestreichelt, das Gras. Wie gute Freunde strecken sich die Halme und wiegen sich gemeinsam in den Tag hinein und in die Feuchtigkeit. Ein Meer aus grün und glitzernden Spitzen, dicht an dicht, einander ähnelnd und doch alle verschieden. Und der Wind, der nimmt sie mit, er trägt sie auf seinen Schultern in die Welt hinaus. Das Gras und sein Duft, sie reiten auf dem Wind. Der Duft ist des Grases Sprache, hörst du es nicht auch? Es spricht vom Leben, vom süße, starken Leben, erzählt dir von seiner Mutter, der Erde, die ihn gebar und die ihm alles gibt, was es braucht. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen sagt es dir, wie sehr es seinen Vater liebt, die Sonne. Seinen Vater, der es stets umarmt und ihm Kraft gibt. Und es streckt dir, während es davon berichtet, die Hand entgegen und gibt auch dir diese Wärme, die Liebe und das Vertrauen, das ihm stets zuteil wurde. Ruhe liegt in der Stimme des Grases, Ruhe und Gleichklang. Jedes Wort, das ihm über die Lippen schleicht, das sich um dich legt, sagt Erde und Wärme, sagt Leben.

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Sehende:     Wollen wir uns kurz hinsetzen, ich bin schon so müde. Vielleicht dort in den Schatten.

Wissende:   Willst du erschlagen werden, das ist eine Stieleiche. So eine Eichel auf den Kopf,                                                                      muss nun wirklich nicht sein!

Einmal hat sich ein Liebespaar unter meinen Armen geküsst. Das war schön! Danach waren die Zwei jedoch drauf und dran ihre Namen in mich zu ritzen, als würde das die Liebe offizieller machen. Der Bub hatte sein Taschenmesser vergessen, Glück gehabt. Wie lang das wohl her ist? 30 Jahre vielleicht? Was ich nicht schon alles erlebt habe in meinen 80 Jahren: Ganz klein war ich mal und hatte ja noch keine Ahnung von der Welt. Da habe ich noch so viel ausprobiert und meine Arme in alle Richtungen gestreckt, stets auf der Suche nach dem sonnigsten Plätzchen. Ein paar haben sie mir dann abgeschnitten, komisch diese Menschen. Jahr um Jahr bin ich gewachsen und irgendwann war es mir dann wichtiger die schon vorhandenen Arme zu stärken und auszubilden. Was habe ich da nicht für tolle Verzweigungen genommen und in manchem Jahr ein Blattwerk gehabt, dass der olle Farn von nebenan nur doof geschaut hat. Hin und wieder brüteten sogar Vögel in meiner Krone, so prächtig ist die. Nur schade, dass niemand meine Wurzeln sehen kann, denn eben so prächtig, wie ich mich gen Himmel strecke, wachse ich auch in den Boden. Puh da bekomme ich doch gleich wieder Durst.

Ich habe außerdem noch einiges vor mir! Ein Verwandter von mir wurde kürzlich erst 700 Jahre alt! Wer weiß, wie lange ich es mache?

Den Bub mit seiner Frau im Arm und dem vergessenem Taschenmesser, den gibt es dann jedenfalls nicht mehr.


Dieser Text entstand anlässlich der Lesung im Museum «Haus Dahl» im Oberbergischen Kreis. Thematisch ging es an diesem Tag um Einkehr und die Natur. Das Staunen wurde bereits in der Antike als Unterbrechung der Erwartung beschrieben und war für Platon der Beginn aller Philosophie. Die Romantiker des 18. und 19. Jahrhunderts würden das Staunen vielleicht als die Fähigkeit beschreiben, das Ganze und die Einheit hinter der Dinglichkeit der Natur zu sehen. Ihr Ziel war es, der Natur wieder näher zu kommen, gar mit ihr zu verschmelzen. Eben so wie die Romantiker das «Eins-Sein» anstrebten, lehnten sie die Trennung von Kunst und (Wissen)schaft ab und wollten die Gesellschaft durch diese Verbindung poetisch machen. Schlegel und Novalis nannten die Romantik deshalb eine «progressive Universalpoesie». In diesem Sinne:
Reicht es dem Menschen beim sonntäglichen Spaziergang den einen oder anderen Baum zu kennen?
In welcher Beziehung stehen wir heute zur Natur? 
Können wir sie noch bestaunen?

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