Soziologie der Mahlzeit in Südwestfalen
Veröffentlicht von am 27.03.2020 13:55 Schreibe einen Kommentar

Eine Einführung

 

Schlausmen, sagt man im lokaken Platt zu Mahlzeit, oder Festmahl. Es gehörte zu der Geheimsprache der Sauerländer, die Handel mit der Grafschaft Mark trieben. Sie waren es, die Holz- und Eisenwaren vertrieben. Das lese ich in Grimmes Erzählung zur Eröffnung der Eisenbahn in Südwestfalen von 1871.

Bei der Eisenbahn, da ist die ganze Region  aus dem Häuschen!

Endlich ist die Region über Eisen, was ja bei ihnen gewonnen und hergestellt wird, mit der Welt, mit Berlin und Paris verbunden.

Zu dieser Gelegenheit gibt es einen Schlausmen, aber dazu keinen Reibekuchen, Grünkohl oder Mettwurst, sondern Austern und Schnecken, genau wie in Paris. Und gegessen wird natürlich auch nicht zu Mittag, wie es sich gehört in der Region, sondern um vier Uhr am Nachmittag, wie das die Franzosen machen. Alle sind glücklich und halten lange Reden, bis auf ein altes Mütterchen, dem das Pfeifen der Lokomotive nicht geheuer ist. Wenn Menschen jetzt den Wind machen, wo kommen wir da hin? Am nächsten Morgen rückt sie mit einem Topf selbstgekochter Mettwurst und Sauerkraut beim Stationsvorsteher an, um die Mahlzeit nach Frankreich zu schicken, wo ihr Sohn Soldat ist. Ihr Hans soll mal wieder was Richtiges zwischen die Rippen kriegen.

Der Bahnvorsteher schickt die Frau weg, die Bahn transportiert doch nur Bestellungen und Briefe und kein gekochtes Essen.

Das Mütterchen entrüstet sich: Was nutzt die ganze Angeberei mit der Eisenbahn, wenn die ihrem Hänschen nicht mal was Ordentliches in den Magen schickt, besser er kommt schnell nach Hause!

 

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Kochen, schreibt der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss in seinem Aufsatz „Das kulinarische Dreieck“ („Le triangle culinaire“, 1965), ist eine universelle menschliche Handlung. Das Dreieck ist die Transformation des Rohen in das Gekochte bis hin zum Verfaulten, angesiedelt zwischen Natur und Kultur, befindet sich Nahrung und ihre Zubereitung in einer ständigen Wandlung. Die Zubereitung der Nahrung ist Kultur und transportiert sich im Geschmack und im Genuss, manifestiert sich im kulturellen Gedächtnis jeder Region als lokaler Eigensinn. So auch in Südwestfalen. Fortsetzung folgt!

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Zeichnungen in dem Beitrag von Lou Peveling, Herzlichen Dank!

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