Südwestfalen, mon amour
Veröffentlicht von am 07.08.2020 12:50 Schreibe einen Kommentar

Im Sommer riechen Felder nach Stroh, nach trockener Erde und Gülle. Für Menschen aus der Stadt ist das bei einer Autofahrt manchmal unangenehm.

Mach das Fenster zu! Ruft mein Beifahrer, der auch mein Mann ist, er ist aus Paris gekommen, um uns nach Hause zu holen. Er hat keine Zeit gehabt, sich an den Geruch auf dem Land zu gewöhnen. Dabei will ich es gerade jetzt auflassen, um genau diesen Geruch zu riechen, der eine ganz eigene Art von Sommer transportiert, meinen Sommer, so wie ich ihn schon immer kenne, voller kleiner grüner Frösche und Kaulquappen, die ich schon beobachte, seit sie schwarze Punkte waren im Laich. Irgendwann war der Sommer vorbei und auf der Kellertreppe fand ich dann meist noch einen kleinen, vertrockneten Frosch. Ich trug ihn hinaus, legte ihn in den Bach und versprach ihm, dass er im nächsten Frühjahr wiederkommen dürfte, als kleiner schwarzer Punkt und dann sollte er nur aufpassen, und nicht wieder den Weg hinunter in die Kellertreppe nehmen. Das weißt du ja jetzt, sagte ich und sah zu, wie der kleine, leblose Körper zwischen den Steinen hin und hergetrieben wurde.

Das mit den Fröschesammeln war vorbei, als ich auf eine Schule in die Stadt kam. Amphibien waren albern und der Geruch von Feldern nur Gestank, Gucci-Brillen waren wichtig und Levis Jeans oder Schuhe von Converse. Ich kannte das alles nicht. Ich trug pinke Radlerhosen und neongelbe T-Shirts, hatte Fönfrisur. Noch heute erröte ich, wenn ich alte Fotoalben durchblätter. Ich war das Mädchen aus dem Hinterland. Warum auch hätte ich was anderes tragen sollen, bei uns zu Haus liefen alle so rum. Es gab keine Läden, in denen Levis, Gucci, Hilfiger verkauft wurde. Es gab auch kein Amazon. Anzüge gabe es von der Stange, oder gleich vom Schneider, ein Sommerkleid von Esprit, das war das höchste der Gefühle. Die Leute im Dorf fuhren nach der Arbeit im Betrieb mit dem Traktor hinaus aufs Feld. Sie holten die Kühe rein oder scherten die Schafe. Daran kann ich mich so gut erinnern, an die Felder, ihren Geruch, die Frösche, überhaupt die Tiere. Ich habe auch nicht vergessen, wie in den ersten Wochen über mich gelacht wurde, wie eine Mitschülerin mit in den Hintern trat, mitten auf den Schulhof und einfach nur so. Weil ich blöd war.

Ich war nicht blöd, ich war anders.

Aber das wussten sie nicht und ich habe es bis heute nicht vergessen. Ich habe auch nicht die Jungs vergessen, die mir hinterherliefen, wie man so sagt, und über die ich so froh war, weil, wenigstens die interessieren sich für mich. Dass ich nur gerade gut genug war, um mir mal an die Brust zu fassen, mit mir rumzuknutschen, ignorierte ich anfangs. Ich dachte, sie fänden mich hübsch, ich glaubte, sie würden mich mögen, wenn sie vorbeikamen, um mich auf ihren schicken Maschinen eine Runde durch die Stadt zu fahren. Alles war da in dieser Stadt. Kleiderläden und Schuhläden, nicht nur ein Kino, sondern viele, Discos und Cafés, mit Wänden, die nur aus Spiegeln waren, in denen man saß und Café au lait trank, keinen Milchkaffee, wie bei uns auf dem Dorf.

Und weil dieser Café au lait in der Großstadt so lecker war, dachte ich sehr lange, Frankreich wäre das beste Land, um Milchkaffee zu trinken. Ich glaubte, in Frankreich müsste der Café au lait genauso schmecken wie in der Großstadt, wo er cremig war, mit viel aufgeschäumter Milch. Aber das stimmt gar nicht und wer in Frankreich einen Café au lait bestellt und denkt, er würde jetzt einen Milchkaffee bekommen, der wird bitter enttäuscht werden, so wie ich damals mit den Jungs. Die ließen mich nämlich schneller wieder fallen als das töte Fröschlein im Bach davon schwamm, wenn ich sagte, sie sollten mich unten rum nicht anfassen.

Heute weiß ich, das Café au lait kein Milchkaffee ist, denn wer einen deutschen Milchkaffee will, muss in Frankreich einen Café Crème, bien blanc bestellen. Aber die Jungs von damals, die wissen es wahrscheinlich immer noch nicht, wenn sie mit ihren schicken Schlitten durch die Straßen fahren, in denen sie Frauen herum kutschieren, denen sie nicht mehr nur an die Brüste fassen, sondern von denen sie sich auch Kinder gebären und großziehen lassen.

Was mich damals gerettet hat, war das dicke Buch über Surrealisten, dass mir meine Mutter geschenkt hatte. Sie schenkte es mir, anstelle der Calvin Klein Sonnenbrille um die ich gebeten hatte. Eigentlich hatte ich mich hinter einer Sonnenbrille in den Pausen verstecken wollen, aber meine Mutter fand, ich sollte mich eben in dem Kunstbuch verstecken, so hell, sei die Sonne doch nicht in der Stadt bei den vielen Häusern. Das Surrealisten-Buch war sehr schwer, umfangreich sagen gebildete Menschen. Mit dem Buch fühlte ich mich geschützt. Ich konnte damit meinen Hintern gegen Tritte schützen, es den Jungs auf den Kopf hauen, wenn sie mir wieder an den Busen griffen, konnte darin lesen. Ich hatte viel Zeit, um in den Pausen auf dem Schulhof zu sitzen und darin zu lesen. So fiel es niemanden auf, dass ich für mich allein war. Es gab einen Grund über mich zu lachen, denn wer liest, ist eben allein mit den Wörtern. Ich war nicht mehr blöd, sondern komisch. Es war sehr schön, komisch zu sein.

Besonders mochte ich die Geschichte von Salvador Dali, wie er mit Melonen in einen Baum klettert, den Frauen auf einem Feld in Spanien zusieht, seinen Körper gegen die Melonen presst, bis sie platzen, nur um sich vorzustellen, die Melonen seien die Brüste der Frauen. Ich mochte die Stelle, wegen der Felder, und auch wegen der Brüste, die aus der Ferne betrachtet wurden.

Jedenfalls hatte ich nun meine Ruhe und damit konnte ich leben. Also las ich und wenn ich ins Kino ging, dann nur um mir Literaturfilme anzusehen, so wie Homo Faber. Die Literatur und Kunst wurden eine Zuflucht, ein wenig, wie es auch Marcel Reich-Ranicki beschreibt, Worte waren Türen, die mich in fremde Welten zogen.

Ich lache nie über Menschen. Ich lache nicht, wenn mir Kleidung oder Verhalten fremd sind. Ich weiß nicht, aus welchem Kontext sie kommen, ich kenne nicht ihre Wirklichkeit, sie steht für sich, nur weil sie mir unbekannt ist, habe ich kein Recht darüber zu urteilen. Educate yourself.  Indem wir Grenzen ziehen, zwischen uns und den anderen, schieben wir die anderen nicht nur fort von uns, sondern werfen sie auch zurück auf das, was sie haben oder sind, wir zwingen sie, sich an dem festzuhalten, was ihnen bleibt, und wenn es nur ein Frosch ist.

Heute weiß ich, dass ich nicht gebildet bin, nur weil ich mir einen Café au lait, statt einem Milchkaffee bestelle, ich muss den Kontext kennen. Und die abschätzigen Blicke der Anderen erreichen mich nicht mehr, ich habe Worte, die mich schützen, und selbst wenn sie mal austrocknen, meine Worte, dann muss ich sie nur aufheben, wie den kleinen Frosch auf der Treppe, seinen leblosen Körper zum Wasser tragen, hineinlegen und ihm zusehen, wie er zwischen den großen Kieselsteinen noch einmal aufsprudelt. Ich rufe ihm hinterher: Bald sehen wir uns wieder!

Au revoir, Südwestfalen!

Bild von Dirk Vogel

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