eigenblutbehandlung mit vögeln

nach dem aufwachen ins spochtdress und dauerläufig zur tremoniawiese getrabt. es ist frischer als die letzten tage, aber die sonne scheint schon schön. als ich am lidl vorbeilaufe sehe ich zum ersten mal eine schlange. sehen ein bißchen aus, wie teilnehmer eines staffellaufs – nur mit taschen statt stäben – wie sie da sicherheitsabständig rumstehen. auf der wiese immer mal wieder vereinzelt jogger, gassigeher oder radfahrer. man weicht sich unauffällig elegant aus, schaut sowieso weg oder demonstriert durch anlächeln sportgeist oder gelassenheit. als ich die wiese runterlaufe kommt mir an der gleichen stelle wie vorgestern die joggerin entgegen, die im laufschritt zwei kinder in einem sportbuggy den kleinen hügel hochschiebt. wir sagen hallo oder so. beim nächstenmal müssen wir uns virtuell einen ausgeben.

die schlange ist inzwischen doppelt so lang. aber die meisten haben wohl jetzt eh nicht so viel zu tun oder scheinens jedenfalls mit fassung zu tragen. könnten gut stille post spielen. erinnerungen an fernsehbilder von der DDR, westpropaganda. ich hatte das schon geahnt und mich frühzeitig fürs wochendene eingedeckt. nicht hamstern, aber vorratshaltung. meine eltern sind wie ruthchen kriegsgeneration und ich hab sowieso keinen bock täglich einzukaufen. da brauch ich keine krisenkanzlerin die mir das anempfiehlt.

zu hause
collage v.e.b. freie brandstiftung 2020

auf der kuithanstraße laufe ich an einem mehrfach gefalteten zettel vorbei. der war mir doch schon beim hinweg aufgefallen. als asphaltbibliothekar ist man ja immer im dienst. hatte mir das konzept 1998 ausgedacht, damit ich zum kunstmachen nicht extra arbeiten gehen muss, sondern es gleich nebenbei miterledigen kann. FLUXUS ist LUXUS. also laufe ich wieder zurück, verneige mich vor dem bürgersteig und stecke das objekt meiner begierde mit spitzen fingern tief in die känguruhtaschen meiner alten kapuzenjacke. eigentlich hebe ich jetzt nur noch mit der von mir verpönten greifkralle auf. ist schließlich große kunst und kein müll. aber: keine regel ohne ausnahme, und ich wasch mir eh gleich die flossen und sing dabei schön häppi börsdeh. um 8 dann heuchlerisches gutmenschenklatschen. ich geh lieber auf meine einsame miniterasse mit blick auf die mülltonnen im hinterhof und lass euch einen fliegen.

kurz bevor ich unter der s-bahnbrücke west ins unionsviertel einlaufe fliegt eine elster mit einem großen zweig im schnabel über die straße. auf ihrem baum in den schrebergärten ist schon ein beachtliches nest zu sehen. dem schwarzweißen rabenvogel ist die pandemie scheißegal. endlich mal ein bißchen ruhe vor uns quälgeistern in der heimischen baum-corona. und die egoistischen haustiere schicken herrchen und frauchen gnadenlos ins risikogebiet supermarkt. los, jetzt könnt ihr endlich eure liebe beweisen – ich will futter!

die elster gilt in europa als unglücksbote, in asien als glücksbringer und bei den native americans als ein mit den menschen befreundetes geistwesen. da es hier im kiez so viele asiatische migranten hat, entschließe ich mich sicherheitshalber ihrer lesart zu folgen.

die tage war eine an mich und thomas kapielski gerichtete vogelkundliche email von unserem gemeinsamen freund hans-joachim knust aus hannover eingetroffen: soeben den zilpzalp auf dem balkon gehört. noch etwas ungeübt und schüchtern, aber da. schönen frühling & ornithologische grüße, euer knusti.

2018 hatte ich mit tanja für den mainzer kunstverein walpodenstraße 21 e.V. die fulminante gruppenausstellung DO THE BIRD konzipiert und in der walpodenkademie ausgerichtet. kunsti & seine frau sascha hatten unser großes schaufenster mit einer wunderbaren vogelinstallation bestückt und zur vernissage einen genialdilletantischen klugscheißer-vortrag mit super 8 filmen und musik zum thema gehalten. der oben erwähnte frühlingsbote zilpzalp oder weidenlaubsänger  klingt genau so wie er heißt. ganz im gegensatz zum ruf der großtrappe. diese hatte knusti nicht ohne grund als soundinstallation auf die galerietoilette verbannt. so mancher austellungsbesucher hatte auf dem weg zu unserem nun gar nicht mehr so stillen örtchen den rückzug im festen glauben daran angetreten, dass dieses bereits von einem unter heftigsten blähungen leidenden mitmenschen besetzt sei.

ebenfalls in der ausstellung vertreten: der landart-künstler krd HUNDEFAENGER, der ebenso wie ich ungefragt in bad kreuznach geboren wurde. ich hatte seine vogelkotbilder bereits 2016 in meinem artzine ANTIPODES veröffentlicht und gerade ist das empfehlenswerte radiofeature BIRDSHIT wegmarkierungen eines lebenskünstlers über den eingenwilligen künstler, der vogelfedern in bäume hängt, auf deutschland radio kultur gepackt worden.

shitart by birds
hommage an hundefaenger, v.e.b. freie brandstiftung 2020

zuhause angekommen kommt bald der magische moment. ich habe mir gerade meinen starken morgenkaffee mit drei kardamomkapseln gemahlen und aufgebrüht: jeden morgen in der früh, trink ich meine kaffeebrüh… endlich entfalte ich den gefunden zettel. wird er auch beschrieben sein? ich muß lachen als ich die schrift wiedererkenne. absolute premiere: der asphaltbibliothekar hat gerade zum ersten mal seinen eigenen einkaufszettel auf der straße gefunden!

mehr schräge vögel & ostereier in herne: https://youtu.be/i3fh-pa3B7g

 

Mehr von Brandstifter

social disdancing with myself

v _ e _ r _ r _ u _ e _ c _ k _ t _ e   zeiten

oder der distanz zwischen mir euch uns & corana

 

 

da schlag ich holderdipolter in einer anderen stadt auf

stolper in einen haufen wunderbarer menschen

die mich aufnehmen und einladen

und plötzlich ist da was zwischen u/n/s

was uns  t-r-e-n-n-t

 

 

man kann es nicht sehen

man kann es nicht hören

man kann es nicht riechen

man kann daran sterben

so sagt man

so hört man

so sieht man

sich nicht mehr

und wenn man nicht daran glaubt

oder wenn man zeigt dass man nicht daran glaubt

dann ist man

natürlich

unsolidarisch

mit den kranken alten und schwachen

ein egoist

so sagt man

so glaubt man

so tut man

nichts

 

 

 

wann werde ich endlich den stammgästen in der eckkneipe zuprosten?

wann werde ich endlich beim besten inder dieser stadt schmausen?

wann raus aus do in den pott?

nach duis

nach ess

nach reck

nach gels

nach hag

nach ob

doch ich

bin brav

und treff nur noch

kassierer*innen

security

polizeier

und halte abstand

social disdancing with myself

 

 

 

 

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WTF is DADADO?

an meinem ersten MERZmorgen in DO – corona schien noch weit… – stoße ich im internet auf eine ausstellungsankündigung: VIVA DADAˈ20. DADA – ja gibt’s das denn überhaupt noch? und warum in DO? der deutsche spießer ärgert sich doch schon lange nicht mehr… oder etwa doch? heute letzter tach: also nix wie hin ins künstlerhaus dortmund, da war ich doch mit meinem brandbeschleuniger gestern vorbeigedüst, und schon laufe ich dieter gawol, dem mastermind der internationalen DADAmesseDO, direkt in die arme…

DADADO im künstlerhaus

wir stellen uns einander vor und schnell eine gemeinsame schnittmenge über das zauberwort mit den vier buchstaben her: dein schaukelpferd sei mein schaukelpferd. schnell füllen sich die mit einer flut von von originellen bildern, dokumenten, objekten und installationen jenseits und diesseits der zeitgenössischen kunstszene bestückten räumlichkeiten mit ihren symphatischen schöpfer*innen, einem illustren POTTpourrie aus künstlerischen laien, dilettanten und profis, theaterleuten, filmemachern, musikern, autoren, einem juristen und sogar einer schreibenden pfarrerin, die mir vespricht ein gutes wort gegen das laute bimmeln um halb acht vor meinem schlafzimmer in der adlerstraße einzulegen.

DADO bin ich also gerade richtig und mein projekt asphaltbibliotheque ruhrgebiet wird prompt bei der intermezzi/after show – wer kommt, der kommt! gesinnungszwangsverpflichtet und für die nachwelt auf zelluloid gebannt.

dada einhorn guido schlösser

dann ist DADAmucke angesagt: vor hans-ulrich heusers lyrikpott 100 wörter huelsenbecks und dem wunderbar stoisch schifferklavierenden mitglied des hampelstern-terzetts guido schlösser schießt sein bandkollege das innere schaukelpferd bei mir ab:  erhitzt wasser, mahlt bohnen, brüht live on stage frischen kaffee und amalgamiert die dabei hervorgerufenen schrot&blubber- GERAUESCHE mit wasserdichten tonabnehmern und selbstgebauten tonerzeugern zu einer konkreten soundcollage. abschließend bläst er uns keck frischen kaffeeduft mit einem miniventilator, wie ich ihn auch gerne selbst live benutze, um die nase. hmmm! ich und die gesamte erste reihe bekommen einen pappbecher des etwas dünnen aber sehr originellen fluxiven performancerelikts von ihm kredenzt.

dada melitta mann achim zepezauer

ich selbst habe auf meinem künstlermusiklabel FLUX ON DEMAND eine CD mit geraeuschen von fiepsenden thermoskannen & röstgeraeuschen in handgemachten kaffeeringhüllen veröffentlicht und stelle gerade eine ausstellung mit kunst aus gebrauchten kaffeefiltern für den mainzer kunstverein walpodenstraße 21 e.v.  mainzer kunstverein walpodenstraße 21 e.v. zusammen. der melitta-mann aus DO, der kaffee zum hörgenuss macht, ist dafür vorgemerkt! wie ich am weltfrauentag erfahre, hat die berühmte kaffeefiltererfinderin melitta bentz ihr unternehmen ab 1929 im ostwestfälischen minden geführt.

in DO dagegen ist der berühmte DADAist, arzt, schriftsteller und mitbegünder des cabaret volataire richard huelsenbeck beigesetzt. er hat viele dortmunder freigeister, wie den autoren, schauspieler, pädagogen und DADADOguru jürgen KALLE wiersch inspiriert, der direkt neben dem grab huelsenbecks auf dem südwestfriedhof seine letzte ruhe finden sollte. geboren und aufgewachsen war huelsenbeck in der elterlichen apotheke im hessischen frankenau. weil aber die geizigen bauern ihre medizin nicht zahlen und die mutter in der einöde trübsinnig geworden sei, war die ganze familie kurzerhand nach dortmund und bochum gezogen und richard von dort aus erst als schriftsteller & DADAist, dann als arzt und psychoanalytiker in die große weite welt hinaus bis nach new york gezogen.

südwestfriedhof dortmund huelsenbeck grab

auf einladung von birgit & alex, dem sohn der gründerin des frankenauer huelsenbeck museums hildegard feidel-mertz, hatte ich ich 2014 in der alten apotheke übernachtet und fotos und fieldrecordings aufgenommen. mit einem gläsernen aschenbecher, auf dem angeblich die letzte zigarre huelsenbecks am comer see ausgeglüht war, hatte ich ambiente feedbackgeraeusche erzeugt und alles als WHEN HULBECK’S LAST CIGAR GENTLY WEEPS veröffentlicht.

when hulbeck's last cigar gently weeps

am 11. mai soll nun meine klangkompositon bei der veranstaltung DADA, punk und huelsenbecks letzte zigarre im rahmen von musikland hessen hr2-kultur, in der alten apotheke aufgeführt werden: eintritt nur einzeln auf rezept und doc feidels vortrag mit mundschutz?! die letzte zigarre soll man besser nicht herbeireden… time will tell!

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