KLEINANZEIGEN 12. April 2046

12. April 2046, Warendorf, Kreis Warendorf
Gesucht: Hochzeitsaufnahmen von 1850 bis 2010

Für ein gemeinnütziges Projekt suchen wir: Bild- und Tonmaterial von alten Hochzeiten
Postkarten, Zeichnungen, Gemälde, Fotografien, Videos, Holos, Tonaufnahmen…

Ziel unseres Projektes ist es, ein interaktives Lernspiel als Unterrichtsmaterial für die dritte bis fünfte Klasse zu erstellen. Den Hauptinhalt dieses Spiels soll eine Sammlung virtueller Dorfhochzeiten bilden mit verschiedenen Heiratsbräuchen von überall auf der Welt.
Mehr über das Projekt erfahren Sie auf weddingworlds.com.
Dort können Sie uns auch finanziell unterstützen.

Kontakt hier.

12. April 2046, Telgte, Kreis Warendorf
Schüler-Demo!

Seit 2039 wird der Bildungsetat in Münster jedes Jahr weiter gekürzt. Auch in diesem Jahr hat die Bildungsministerin Sibylle Klein angekündigt, die Ausgaben für Schulen und Universitäten weiter zu verringern. Die Folge dieser andauernden Kürzungen: Veraltete Lehrmittel, marode Schulgebäude, zu kleine Räume, zu große Klassen, Personal-Kündigungen, unzureichend ausgebildete Lehrkräfte, sinkende Schulleistungen, sinkendes Bildungsniveau, steigende Abbrecherquote, usw.
Zudem können lernschwache Schüler aufgrund des Lehrermangels kaum angemessen unterstützt werden, wodurch sie oftmals weit hinter dem eh schon niedrigen Klassenniveau zurückbleiben. Besonders lernstarke Schüler hingegen werden gefördert, indem man sie aus der Klasse nimmt und in eine der NRW-Landschulen versetzt. Auf diese Weise wird die Kluft zwischen Stadt und Land, zwischen besser und schlechter ausgebildeten Schaulabgängern bzw. -abbrechern immer größer. Zugleich verhindert das Einzugsgebiets-Gesetz, dass Stadt-Schüler ohne Empfehlung eine der besser ausgestatteten Schulen auf dem Land besuchen.
Das alles sorgt natürlich für große Frustration unter den Schülern, vor allem, wenn ihnen durch den naheliegenden Vergleich mit den Landschulen immer wieder vor Augen geführt wird, wie es anders sein könnte.
Diese offensichtliche Ungerechtigkeit hat in der Vergangenheit immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Stadt- und Landschülern geführt.
Um den beiderseitig vorhandenen Ressentiments und Vorurteilen entgegenzuwirken, unsere Kräfte zu bündeln und so vereint gegen die unzumutbaren Zustände an den Stadtschulen vorzugehen, organisieren die Jungen Linken gemeinsam mit dem Solidarität für Münster e.v. und der ALM seit zwei Jahren regelmäßig gemeinsame Demonstrationen und Streiks.
Da vom 23. Bis 26 April die Etat-Verhandlungen in Münster stattfinden, wollen wir auch jetzt, am 15. April wieder gemeinsam demonstrieren: Gegen weitere Kürzungen, gegen das Einzugsgebiets-Gesetz, gegen die Benachteiligung der Stadt-Schüler und für einen offenen und gleichberechtigten Austausch!
Aus Solidarität mit unseren Mitschülern aus Münster, von denen viele kein Fahrzeug zur Verfügung haben, wollen wir diesmal keine Senkrecht-Demo starten, sondern uns zu Fuß treffen, und zwar am Prinzipalmarkt in Münster um 12 Uhr. Bringt Banner, T-Shirts, Screens, Holos mit – alles, womit ihr eurer Wut und eurem Wunsch nach Gerechtigkeit Ausdruck verleihen könnt.
Auf Musik wollen wir diesmal bewusst verzichten, um die Ernsthaftigkeit unseres Anliegens zu unterstreichen. Diese Demonstration ist keine Party, sondern ein politischer Akt!
Sagt allen Bescheid – auch Familienmitglieder, Freunde, Lehrer, Erzieher und andere Unterstützer sind willkommen!

WANN: 15. April 2048, 12 Uhr
WO: Prinzipalmarkt Münster
WIE: Zu Fuß! (Parkplätze gibt es in der Gartenstraße und am Niedersachsenring, am besten wäre es jedoch, wenn ihr mit den Öffentlichen kommt)

Abgesehen davon sammeln wir gerade Spenden für unser Mobile-School Projekt. Bis Ende 2048 wollen wir mit dem gespendeten Geld insgesamt 10 Hybrid-Busse und 5 kleinere Hybrid-Wagen für die Stadtschulen kaufen, sodass Klassen und Schülergruppen aus Münster sich mobil im Umland und in Europa bewegen können.

More by Charlotte Krafft

Welcome to Jülich

Diese Stadt, älter als Jesus, ärmer als eine Kirchenmaus, klüger als die Zukunft –

Meine neue Muse! Im Präsenz.

Angereist aus Düren, mit der Rurtal-Bahn. Alleine.

Mit einem Köfferchen in der Hand und einer roten Hängetasche.

Die Vorstellung, unsichtbar zu sein. In Jülich.

Schon nach drei Schritten werde ich am Bahnhof registriert.

Und herzlich begrüßt: „Welcome to Jülich, Madame!“

Verehrer

Er, Radfahrer, Ende 20, dunkler Teint, bedürftiges Deutsch,

bietet mir Hilfe an und das sofort: sein „friendship?“

Ich lächle verlegen, bedanke mich, schaue mich nach meinem Gastgeber um,

der jede Minute eintreffen sollte.

„Would you have a problem with my friendship, Madame?” will er wissen.

„No, no… „…just, no time!.. Sorry!“

„Thank you Madame, for ‚no problem with me’…“ sagt er.

Ja, er wisse, „in Germany no one have time… Only refugees, like him“

Er habe viel Zeit und suche Freunde, sagt er.

„My Name Ravi!“ stellt er sich vor…

„Es freut mich, Ravi“, sage ich und schaue in die Ferne auf der Suche nach meinem Gastgeber.

„Please give me your Phonenumber… if you like… “

„Excuse me?..“. Ich glaube, ich höre nicht richtig. Er will meine Telefonnummer?

Ich schüttele den Kopf. „I don´t understand you…“

„You and me… friendship, I call you…“ lässt er sich nicht verunsichern.

„Oh Gott!“ Ich fühle mich überrumpelt, belästigt, auch ein wenig geschmeichelt.

Ich schätze ihn zehn, fünfzehn Jahre jünger als mich.

„Nein! Es tut mir leid!“, drehe ich entschlossen den Kopf

Und bevor er seinen Mund aufmacht noch ein mal: „No! Sorry!“

Das scheint ihn aber überhaupt nicht zu beeindrucken. Er versucht es noch einmal:

„Please Madame… we can be friends… sometime…“ fleht sein zerknitterter Blick.

Ich werde nervös, sauer, lasse meinen Kopf aus dem Hals wachsen. Er steht vor mir und sieht mich erwartungsvoll an.

Ich könnte ihn anschreien, würde er mir nicht – so fremd, so verloren, so hoffnungslos nach Nähe, Wärme, Zuneigung auf dem anonymen deutschen Bahnhof bettelnd – leid tun.

„Wo kommen Sie her?“ frage ich ihn auf Deutsch; die Frage, die ich gar nicht mag, die mir aber in diesem Moment Hilfe und klare Distanz zwischen uns beiden bietet.

„Aus Pakistan…!“ meint er. Seit einem Jahr in Deutschland… einsam, keine Freunde… vor „Bum-Bum“ geflüchtet.

Bevor das Auto meines Gastgebers, das ich von weiten anfahren sehe, ankommt, höre ich mich im Befehlston sagen:

„Gehen Sie, bitte! Mein Mann kommt nun, mich abzuholen. Ich möchte nicht, dass Sie Probleme bekommen…!“

Dieses Argument versteht der einsame Flüchtling aus Pakistan sofort.

„Ok… Ok…“ sagt er, blickt angespannt auf die Straße, dreht seinen Fahrrad herum und verschwindet.

***

Ich werde ins Gästehaus des Forschungszentrum gebracht und bin schnell wieder auf der Straße:

„Panciera“

Unsichtbar sein beim Bummeln, beim Blicken, beim Beobachten… in Berlin, Köln, vielleicht auch in Aachen… nicht in Jülich!

In Jülich verhaken sich die Blicke der Neugierde sofort. Ohne Zögern. Ohne Versteckspiele.

Heiß-kalt-süß

Auch bei „Emanuele Panciera“, in der italienischen Eisdiele gegenüber der Zitadelle unter Sonnenschirmen, wird das fremde Gesicht sofort ins Visier genommen. Meine Tischnachbarin, ältere Dame mit Rollator, ein ausgetrunkenes Glas Tee vor sich, hat den Blick von der Zitadelle auf mich gelenkt.

„Kalt-heiß-süß… wie das Leben selbst“ , kommentiert sie meine Kreation, Crêpes & Eis, die ich genüsslich verschlinge.

„Ihr Zucker“ mache so was leider nicht mehr mit.

Ich schenke der Dame mein Ohr, sie mir ihre Geschichte: ein Stück Bundesrepublik.

Waltraud heißt sie, „wie der Wald, der sich traut“, kommentiert sie den Namen mit dem sie sich seit 81 Jahren alles traut.

Neugierig und nachdenklich wie das Ostberliner Pflegekind, das sie einst war, von den eigenen Eltern verlassen, scheint sie ihrer Mutter, die nach Düsseldorf zu Arbeit geflüchtet war, und dem Vater, der von dem Kind nichts wissen wollte, längst vergeben zu haben.

Auch wenn in den kleinen Pausen, die sie einlegt, um einem tiefen Seufzer Luft zu geben, der kleine Rest des Schmerzes des verlassenen Kindes nicht zu überhören ist.

Das „Gute an der DDR“ sei, sagt Waldtraud, die Bildungs -und Geschlechtergleichheit gewesen. Sogar sie, als Mädchen ohne Eltern, durfte lernen, was sie wollte. Sie habe Elektromechanik gewählt, einen Beruf, mit dem sie später in der Bundesrepublik als Frau nichts anfangen konnte. Ende „der 50er“ sei sie nach Westberlin gegangen, es wurde gemunkelt, dass man „auf der anderen Seite besser lebt“. Ganz alleine sei sie gegangen, meint sie. Die amerikanischen Soldaten haben mit ihr kurz geredet und sie gehen lassen.

Ihr seidiges, adrett gekämmtes Haar, die hohen Wangen, spitzbübisches Lächeln… vor  60 Jahren musste sie die Jungs ganz verrückt gemacht haben.

Geheiratet hat sie einen gut aussehenden Mechaniker aus Siegburg, mit dem sie zwei gesunde schöne Kinder, Tochter und Sohn, auf die Welt brachte, ihr ganzes Glück.

In Jülich habe ihr Mann in der Kernforschung im Forschungszentrum einen gut bezahlten Job bekommen. Als Mechaniker habe er praktisch umgesetzt, was die Wissenschaftler theoretisch erforscht haben.

Sie dagegen habe mit ihrem Beruf die Beamten beim Arbeitsamt völlig überfordert. Damals haben in Jülich die männlichen Beamten nur die Männer beraten und die weiblichen nur die Frauen, schüttelt Waltraud den Kopf.

Mit ihr, einer Frau mit einem „Typisch-Mann-Beruf“, konnten sie nichts anfangen. So musste sie sich „in die Bundesrepublik integrieren“, einen „Frauenberuf“ lernen. Sie wurde Krankenpflegerin und habe dreißig Jahre lang die alten, kranken Menschen bis zum Tod begleitet.

„Den Tod habe ich satt!“

Ihr Mann sei vor 13 Jahren verstorben. An Krebs… „Vielleicht zu viel Kernforschung…“

Sie habe einen Gehirnschlag überlebt.

Jetzt wolle sie leben.

„Punkt“.

Sie komme täglich in diese Eisdiele mit dem Blick auf die Zitadelle, trinke ihrem Tee und lasse ihr Leben vor sich vorbeilaufen „wie auf der Leinwand im Kino“.

Sie wäre gerne wieder so jung wie ihre Enkelin, Doktorandin an der Aachen Universität. Sie sei ganz die Oma. Liebe Technik. Ihre Tochter arbeite auch als Mechanikerin im Forschungszentrum.

„Männerdomäne. Jetzt in Frauenhand. Endlich“.

„Auf das Leben!“ stößt Waldtraud mit einem neuen Glas Tee an.

„Auf die Zukunft… in Jülich!“

Jülich sei ihr Glück, so klein es auch sei, da kenne jeder jeden, sagt Waltraud.

„Vielleicht deswegen…“sage ich.

„Vielleicht…“, antwortet sie.

More by Slavica Vlahovic