Neue Legenden für alte Karten: Stoff

Was haben die Symbole auf dieser alten Karte zu bedeuten? Und wieso blutet mein Zeigefinger? Eine Hörkartographie mit Fragmenten aus dem Text Aufstieg, Bestehen und Niedergang der Aachener Nadelindustrie von Wolfgang Müller.

Mehr von Pascal Bovée

1 Reise, 3 Tage, 60 Kilometer

Folge 6: Die Pilgerreise

Das Foto zeigt eine Frau auf einer WiesePassend zum Monatsmotto möchte ich mich zum Abschluss selbst auf eine Reise durch die Region machen. Deshalb werde ich in drei Tagen von Aachen bis nach Düren auf den alten Pfaden des Jakobswegs pilgern. Neben drei Videos habe ich auch noch ein paar Geschichten vom Wegesrand aufgeschrieben. Los geht’s mit:

Tag 1 – Düren bis Langerwehe

Düren. Die Sonne scheint als ich mit dem Zug von Aachen am Dürener Bahnhof ankomme. Knapp eine halbe Stunde bin ich gefahren. So weit wird es also schon nicht sein…dachte ich! Durch die Innenstadt geht es für mich zunächst in Richtung Annakirche. Und da ist heute einiges los, denn es ist Annentag! Schon seit über 500 Jahren feiert die Dürener Gemeinde jedes Jahr die Annaverehrung. Die heilige Anna gilt als eine Patronin der Ehe und als Trägerin der menschlichen Hoffnung und von eben dieser gelangte 1501 ihr Haupt nach Düren. Der Geschichte nach soll ein Steinmetz aus Kornelimünster die Reliquie bei Arbeiten an einer Mainzer Stiftskirche gestohlen und nach Düren gebracht haben. Die Mainzer wollten das Annahaupt natürlich wieder zurückhaben, aber durch einen päpstlichen Dekret wurde schließlich entschieden, dass die Reliquie in Düren verbleiben soll. Seitdem wird in Düren am 26. Juli der Annentag gefeiert. Kurzerhand hole ich mir meinen ersten Stempel im Pfarrbüro ab, dann geht es weiter. Zwar erst in die falsche Richtung, aber weiter; aus der Stadt hinaus, vorbei an Sanitärfachhandel, Heizungsdiensten, durch Wohngebiete, bis auf‘s Feld.

Derichsweiler. „Ich hätte gern einen Stempel“, bat ich einen Mann an der Kirche in Derichsweiler. „Pokemonstempel? Hab ich nicht!“, entgegnete der Kinderbetreuer und schaute mich skeptisch. Sind Sie nicht ein bisschen alt dafür, junge Frau, stand förmlich auf seinem Gesicht. Kein Wunder, dass dem Guten nur Pokemons im Kopf rumschwirrten, denn die Kinder um ihn hatten nichts anderes im Kopf. „Oh, ein wildes Taubos“, schrie ein Junge als ich auf den Vorhof einbog. Und tatsächlich liefen die meisten völlig euphorisch mit ihren Smartphones zwischen der alten und der neuen St. Martinskirche hin und her, um die virtuellen Tiere zu fangen. Übrigens ist die alte St. Martinskirche in Derichsweiler als erste Kirche im 2. Weltkrieg von einer Brandbombe getroffen worden. Die Ruine ist zwar modern restauriert worden, aber man kann den Zerstörungsgrad noch genau rekonstruieren. Schlussendlich habe ich dann doch den Stempel der Kirche in den Pass bekommen. Weiter geht’s.

Der Jakobsweg

Das Foto zeigt ein Blatt Papier mit verschiedenen Stempeln drauf
Seit 1987 setzt sich die Deutsche Sankt Jakobus Gesellschaft für Pilgerschaft nach Santiago de Compostela ein. Zu ihren Aufgaben zählen insbesondere die Beratungen für Pilger und die wissenschaftliche Erforschung des Jakobuskultes. Jedes Jahr stellen die ehrenamtlichen Helfer der Gesellschaft rund 10.000 Pilgerausweise aus. In Santiago angekommen, erhalten Pilger eine Pilgerurkunde. Voraussetzung ist, dass mindestens die letzten 100 Kilometer auf dem Jakobsweg – dem Camino – zu Fuß zurückgelegt worden sind. Um das zu beweisen müssen Pilger jeden Tag mindestens zwei Stempel mit Datum und Unterschrift in ihren Pilgerpass eintragen lassen.
Schlich. Es fängt an zu nieseln. Nicht viel, aber von vorne. Ich krame zum ersten Mal meine Regenjacke aus dem Rucksack. Doch der Regen hält nicht lange an. In Jüngersdorf hat sich das Wetter schon wieder gebessert und in Langerwehe scheint schließlich schon wieder die Sonne. Hier biege ich kurzer Hand vom eigentlichen Weg ab, um mir das Töpfereimuseum anzuschauen. Denn hier können Pilger ein ganz besonderes Souvenir erstehen: Die Aachhörner. Auf ihnen machten die Pilger bei der Ausstellung der Heiligtümer im Wallfahrtsort Aachen einen ohrenbetäubenden Lärm, um ihren Jubel zum Ausdruck zu bringen, erzählte mir Töpfermeister Matthias Kurtz. Zusammen mit seinem Sohn hat er alles, was im Museumsladen zu sehen ist, selbstgetöpfert.

Tag 1 geht langsam zu Ende. 17 Kilometer bin ich heute gewandert und brauche jetzt erst einmal eine Pause. Morgen geht es weiter – dann von Langerwehe bis nach Kornelimünster.

Die Jakobsmuschel
Das Foto zeigt eine Stange mit einem Aufkleber mit der Aufschrift PilgerwegDie Jakobsmuschel hefteten sich Pilger als Beweis dafür, dass sie in Santiago waren, an ihre Tasche oder Kleidung. Sie konnte damals in der Kathedrale am Zielort erstanden werden. Heutzutage kann man der Muschel vielerorts als sonnengleiches Wegweiser -Zeichen folgen. Der Europarat hat 1987 eine Deklaration zur Wiederbelebung der alten Pfade erlassen. Im Kontext dieser Arbeit entstand auch das Zeichen. In Anlehnung an die zwölf Sterne der Europaflagge – zwölf gilt übrigens als Zahl der Perfektion – laufen auch beim Zeichen der Pilgermuschel elf Strahlen auf einen zwölften Punkt spitz zu. Dieser Punkt stellt Santiago de Compostela dar.

Tag 2 – Langerwehe bis Kornelimünster

Das Foto zeigt eine weite Wiesenlandschaft

Die Sonne scheint, der Himmel ist blau – großartiges Wetter, um zu wandern. Der Weg von Langerwehe bis zum Kloster Wenau verläuft an einer Landstraße entlang, aber dafür beginnt hinter dem Kloster direkt eine schöne Strecke durch einen Wald, der bis Schevenhütte reicht. Zwischen Schevenhütte („von der Hütten“) und Langerwehe trieb der Wehebach im 16. Jahrhundert mehr als ein Duzend Hammermühlen an, die das Messing der Stolberger Hütten verarbeiteten. An der Kirche in Schevenhütte darf ich trotz Bauarbeiten eine kleine Pause am Pilgerkasten einlegen.

Das Foto zeigt Menschen an einem Tisch

Von dort aus geht es schließlich weiter über Mausbach bis nach Vicht. Durstig und auf der Suche nach dem Pilgerstempel lief ich kurzerhand in das Gemeindehaus und stolperte so zufällig direkt in ein Treffen der Interessengemeinschaft Schönes Vicht (IGSV) und der Städteregion Aachen hinein. Die Gemeinschaft hatte Andrea Drossard und Ruth Roelen aus dem Amt für Regionalentwicklung der Städteregion eingeladen, um sich über die Zukunft von Vicht zu beraten. Günther Scheepers, der 1. Vorsitzende der Gemeinschaft, hofft, dass im Dialog mit der Städteregion Ideen entstehen können, wie junge Leute dazu motiviert werden können, sich im für ein schönes Vicht zu engagieren. „Wir brauchen diese Hilfe jetzt“, sagt er und meint damit nicht nur Ideen, sondern auch finanzielle Unterstützung durch die Städteregion. Dass Schautafeln nicht der einzige und ideale Weg sind, darüber sind sich beide Seiten bewusst: „Wir müssen einfach mehr mit den umliegenden Dörfern wie Mausbach und Breinig ins Gespräch kommen“, findet Hildegrad Lüttecke, 2. Vorsitzende der IGSV. Drossard und Roelen führen die Idee weiter und schlagen einen gemeinsamen Veranstaltungskalender aller umliegenden Vereine vor. Und auch zum Thema Jugendnachwuchs haben die beiden eine Idee. „Wie wäre es denn, wenn die IGSV die Jugenddisco als Plattform nutzen würde?“, fragt Drossard. Dort könne man spielerisch herausfinden, was sich die Jugendlichen in ihrem Vicht wünschen. Und vielleicht finden sich sogar ein paar technikaffine Jugendliche, die die IGSV beim Auftritt im Social Web unterstützen möchten.

Jakobus

Jakobus der Ältere war ein Fischer, lebte am See Genezareth und wurde der Bibel nach zu einem der ersten Jünger von Jesus. Jakobus soll zur Missionierung nach Spanien entsandt worden sein, kehrte aber ohne Erfolge nach Jerusalem zurück. Hier soll er im Jahr 44 als erster Apostel den Märtyrertod durch das Schwert erlitten haben. Der Legende nach soll sein Leichnam auf ein Schiff gebracht worden sein, dass ihn an die spanische Westküste brachte. Von dort sei der Leichnam in den Himmel aufgestiegen und nach Santiago gebracht worden, wo ihn heutzutage noch zahlreiche Pilger verehren.

Von Vicht geht es steil bergauf ins Naturschutzgebiet. Merklich ändert sich die Landschaft. Der Pinienwald geht über in eine hügelige Wiesenlandschaft. Was man beim ersten Hinsehen nicht vermutet: Dies ist eine besondere Ökonische. Denn durch die zinkhaltigen Galmeiböden können hier nur wenige Pflanzen gedeihen. Allein schwermetalltolerante Gewächste können die toxischen Böden besiedeln. Einige wenige wachsen sogar nur hier; wie das gelbe Galmeiveilchen oder die Galmeigrasnelke.

Das Foto zeigt einen Waldweg

Aus dem Naturschutzgebiet führt der Weg mich in Richtung Breinig. Dort ist der Pilgerstempel in einem kleinen Holzkästchen im Sockel eines Jesuskreuzes versteckt. Während ich den Stempel in meinen Pass drücke, komme ich mit Uschi und Susanne ins Gespräch. Die beiden drehen jeden Tag ihre Runde um Alt Breinig herum und fahren zusammen auch gerne in den Wanderurlaub. Breinig selbst kennen sie selbstverständlich wie ihre linke Jackentasche und zeigen mir auf unserer gemeinsamen Wegstrecke ein Haus, das als Filmkulisse für die Edelsteintrilogie genutzt wurde.

Das Foto zeigt Steinstufen und Wiese

Kurz vorm Ziel, also oberhalb von Kornelimünster komme ich an quaderförmigen Ausgrabungen vorbei: der gallorömische Tempelbezirk Varnenum. Die Anlage wurde nach der Eroberung durch Caesar hier erbaut. Heute sind zwar nur noch die Grundmauern zu erkennen, aber es ist wahrscheinlich, dass hier auch Götter verehrt wurden. Hungrig schleppe ich mich den letzten Abstieg nach Kornelimünster hinab. 25 Kilometer bin ich gelaufen – mein Tagesrekord. Morgen steht die letzte Etappe bis nach Aachen an.

Tag 3 – Kornelimünster bis Aachen

Es ist nass, es ist warm – gruselige Kombi, aber ich muss da raus. Die letzte Etappe steht an. Zu Beginn darf ich dann aber noch einmal ins Trockene, da ich mich mit dem Abt Friedhelm im Benediktinerkloster Kornelimünster treffe. Breite Gänge, schwere Eichentüren und Stille begrüßen mich hier. Durch die ockerfarbenen Vorhänge schaue ich nach draußen ins Regenwetter; warte auf den Abt. Friedhelm ist seit über 40 Jahren Mönch. In Kornelimünster lebt er mit acht Mönchen zusammen. Das Kloster in Kornelimünster findet er so schön, „weil es nicht von dicken Klostermauern umgeben ist, sondern viele Menschen hier ein und aus gehen“. Mal zum öffentlichen Gottesdienst, mal zum Sprachkurs, der zweimal wöchentlich im Kloster für Geflüchtete stattfindet, mal um eine Nacht als Pilger, in einem der 20 Gästezimmer zu nächtigen.

Das Foto zeigt einen Abt neben der Statue eines HeiligenIm Gespräch mit Abt Friedhelm fällt mir auf, dass er einen Ring trägt. Auf diesem ist ein Labyrinth geprägt. „In einem Irrgarten kann man sich verlaufen, in einem Labyrinth nicht“, erklärt der Abt und lächelt. „Geht man jedoch einmal in eine Richtung, so muss man dem Weg auch folgen; Abkürzungen, die gibt es nicht.“ Irgendwie finde ich, dass dieser Satz auch ganz gut auf meine Reise passt. Des Öfteren bin ich falsch abgebogen und musste kleine Umwege in Kauf nehmen. Wirklich schlimm fand ich das nicht. Doch auf’s Ankommen freue ich mich auch. Also: Hinein in die Regenjacke und auf in Richtung Aachen.

Und das geht ausgesprochen schnell. Vorbei an den heißen Quellen am Burtscheider Markt. Dann der letzte große Anstieg und schließlich über die Brücke, durchs Marschiertor bis zum Dom. Hier bekomme ich den letzten Stempel der Reise. Ich bin angekommen. Ein schönes Gefühl. Doch das Schönste sind die Erinnerungen. Ich habe zahlreiche hilfsbereite und interessierte Menschen kennengelernt, bin durch Wiesen und Wälder, durch Städte und über Felder gewandert: 60 Kilometer, drei Tage, meine Reise durch die Region.

Mehr von Marie Ludwig

Im Untergrund, da brodelt es!

Folge 4: Die Erholungsreise

Aachen eine Stadt, die Wasser hat, aber wenig davon zeigt.

Das Bild zeigt eine Nahaufnahme des Bodens eines alten Wasserhahns

In den Tiefen unter Aachen schlummern sie im Verborgenen: die heißen Quellen. Zahlreiche Kurgäste kurieren ihre Gelenk- und Knochenbeschwerden in den heißen Bädern der Kureinrichtungen aus. Dennoch bleibt das Wasser Aufreger Nummer eins unter den Öchern und Zugezogenen der Stadt. Warum hat dieses wunderschöne und historische Fleckchen nur das eine nicht: ein fließendes oberirdisches Gewässer?

 

 

Die heißen Quellen

Die über 30 Aachener Thermalquellen zählen zu den ergiebigsten Deutschlands. Verborgen unter unscheinbaren Kanaldeckeln und in Hinterhöfen, machen sie sich allenfalls bemerkbar durch penetranten Geruch oder durch Dampf, der im Winter aus Kanaldeckeln herauszieht. Und doch zählen sie zu den berühmtesten und heißesten Quellen Mitteleuropas. Rund 3,5 Millionen Liter Wasser sprudeln am Tag aus den Quellen – ohne Abpumpen könnte halb Aachen geflutet werden.

Christa Kratzer ist 70. „Ich hatte vor Kurzem noch solche Schmerzen“, sagt sie. Gehen, Sportmachen, das alles war nicht möglich. Deswegen hat Kratzer eine neue Hüfte bekommen. Jetzt steht die Heilung an. Und diese soll in der Rehaklinik Rosenquelle in Aachen passieren. „Ich bin erst ganz frisch hier“, sagt Kratzer und kramt in ihrer Tasche nach dem Trainingsplan. „Heute Morgen war ich bei der Lymphdrainage, dann bei der Bewegungstherapie, dann Krankengymnastik, oh, und heute Nachmittag, da geht es zum Schwimmen.“

Das Foto zeigt einen Mann in einem weißen Kittel mit zwei Schaumstoffgewichten in den Händen vor einem Wasserbad

Rund 5000 Kurgäste empfängt die Rehaklinik Rosenquelle in Aachen jedes Jahr. „Wir nehmen vor allem Gäste im Umkreis von 300 Kilometern auf“, erklärt Chefarzt Erik Skobel. Er leitet die Rosenquelle seit 2014 und stammt gebürtig aus Düren. Für die Rehabilitationsmedizin hat er sich entschlossen, „weil es eine der wenigen Disziplinen in der Medizin ist, in der man noch viel Zeit für den Patienten hat“, sagt Skobel. In den drei bis vier wöchigen Aufenthalten der Patienten könne hier so einiges bewegt werden – auch durch die Thermaltherapie.

Skobel schreitet in seinem weißen Kittel den Gang entlang. Durch die Eingangshalle vorbei an dem alten Trinkbrunnen. „Früher haben die Kurgäste das Wasser auch getrunken“, erzählt er. Der hohe Mineralien- und Schwefelgehalt des Wassers sei zwar in Maßen für die innere Anwendung nicht bedenklich, aber man solle es auch nicht zu viel konsumieren. Zur Sicherheit ist der Brunnen jetzt stillgelegt. Skobel biegt um eine Ecke und die Luft wird merklich feuchter und wärmer: „Da ist es das Bewegungsbad.“ Bunte Schaumgummirollen liegen am Beckenrad. Hier werden täglich mehrere Einheiten Wassergymnastik erteilt. „Mit der Thermaltherapie haben wir gute Erfolge“, erzählt Skobel. „In das Bewegungsbad kommen vor allem Patienten, die Bewegungseinschränkungen durch eine OP oder einen Bruch haben.“ Für Patienten mit Lungenerkrankungen oder Herzproblemen, sei die warme Luft in vielen Fällen oft zu belastend. Bei bestimmten Hauterkrankungen könne das Quellwasser jedoch wiederum sehr gut helfen: „Das möchten wir auch in Zukunft mehr ausbauen.“

Einmal im Monat wird das Wasser auf Bakterien überprüft. Das geschieht direkt am Quellfluss im Keller der Rosenquelle. Schwefeliger Geruch wabert einem schon von weitem entgegen. Rund 2500 Liter strömen in der Stunde durch die Leitung. Umgerechnet könnte man damit am Tag knapp 500 Badewannen füllen. „Wir können das Wasser gar nicht komplett nutzen“, sagt Skobel. Deshalb dampft es auch im Winter oder am frühen Morgen öfter einmal aus den Gullys der benachbarten Bachstraße. Denn das Wasser ist heiß: bis zu 70 Grad hat es, wenn es aus der Quelle sprudelt. „Für unser Becken müssen wir es natürlich auf rund 35 Grad runterkühlen.“

Das Foto zeigt eine lachende Frau neben einem Busch

„Früher als ich klein war, da haben meine Eltern mit mir oft Ausflüge zu den heißen Quellen gemacht“, erzählt Gisela Warmke. Sie ist Gründungsmitglied der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen und betreut dort das Projekt Thermalwasserroute.

„2007 sind ein paar Geologen zu uns gekommen, um die Welt der heißen Quellen in Aachen wiederzubeleben“, erzählt Warmke. Sie fand das Projekt von Anfang an unterstützungswert. Um die Erinnerung an die Quellen zu erhalten, haben die Geologen zusammen mit der Stiftung eine Thermalwasserroute ins Leben gerufen. „Wir möchten im nächsten Schritt ein Straßenmuseum entwickeln, das den Namen aachen72°celsius trägt“, erzählt Warmke. Mit einer passenden App sollen so bald Bürger und Touristen die Möglichkeit haben, an den Quellorten mehr über die Quellen im Untergrund zu erfahren.

Sagenumwobene Quellen

Zahlreiche Legenden ranken sich um Aachens heiße Quellen. Demnach soll das Pferd von Karl dem Großen bei einem Ausritt Reißaus genommen haben und so seinen Herren einst zu den heißen Quellen geführt haben. Auch das berühmte Fabelwesen, das „Bahkauv“ oder auch Bachkalb genannt wird, soll in den Abwasserkanälen der Thermalbecken gehaust haben. Nachts kam er dann aus dem Untergrund hervor, um zechende und fremdgehende Männer zu erschrecken. Bahkauv ist am Büchel ein Denkmal gesetzt.
Inzwischen darf Aachen nur durch den Erhalt des Schwertbads und der Rosenquelle weiter den Titel „Bad“ tragen. „Vor hunderten Jahren da war Aachen eine Stadt in der es zahlreiche Sümpfe und offenliegende heiße Flüsse gab“, sagt Warmke. Die Thermalquellen seien einfach schleichend aus dem Stadtbild und auch aus dem Bewusstsein der Aachener verschwunden. Und das obwohl das heiße Wasser einer der wichtigsten Gründe war, weshalb sich Römer und später auch Karl der Große hier angesiedelt haben. Warum die Quellen deshalb nicht touristisch mehr genutzt werden, ist auch für Warmke ein Rätsel. Aachen hat es also doch: das Wasser, das die meisten hier so sehr vermissen. „Das Ganze hat so viel Potential, dass das nicht genutzt wird, ist einfach schade.“

Besonders durch die Zertifizierung als „Heilwasser“ und der Forderung des Gesundheitsamtes, dass das Wasser nur nach Absprache mit dem behandelnden Arzt eingenommen werden solle, seien die Quellen noch mehr in den Untergrund verbannt worden. Tatsächlich sind im Aachener Quellwasser auch Stoffe wie Arsen und Flourid enthalten. Die Werte der Trinkwasserverordnung können so nicht eingehalten werden. Deshalb ist das Quellwasser weitestgehend unter Verschluss. Christa Kratzer will das Wasser auch nicht trinken. Aber auf das Bewegungsbad freut sie sich schon. „Ich will hier ohne Krücken raus“, sagt Kratzer und hebt eine ihrer blauen Gehhilfen. Auf die Heilkraft der Quelle hofft sie daher umso mehr.

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