Die Tafeln finde ich schrecklich

Trotz Wind kannst du mich hören, ist das erste, was Thomas in mein Mikro spricht. Es ist selten, dass der erste gesprochene Satz auch der Satz ist, mit dem der Text beginnen wird. Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Wir sind hier übrigens im Deilbachtal, sagt Thomas. Er kennt das Deilbachtal sein Leben lang, weil seine Eltern hier als frisch Verliebte schon spazieren gegangen sind, eine dieser Geschichten, mit denen man als Kind aufwächst. Thomas stammt aus Ronsdorf, ich sage Ro:nsdorf, Rоnnsdorf heißt es, mit kurzem o, sagt Thomas, aber er sagte es nicht so patzig, wie der Satz vermuten lässt. Er sagt es so freundlich-sachlich, als würde er sich selbst verbessern. Heißt es eigentlich auch Remscheid-Honnsberg, frage ich, aber da, erklärt Thomas, sagt man komischerweise Ho:nsberg.

Wir laufen jetzt ins Ruhrgebiet, aber du wirst es nicht merken.

Hier war einmal die Deilbacher Mühle. Thomas deutet auf ein verfallenes Grundstück, das Reste eines Gebäudes erkennen lässt. Das hat dann ein Investor gekauft und schwupp, ist es abgebrannt. Es war wirklich ein sehr schönes Lokal und hier hinten, man sieht das heute nicht mehr, war ein kleiner Teich mit Bötchen drauf, da sind wir mit meinen Eltern öfter am Wochenende gewesen. Was der Käufer offenbar nicht wusste: dass das hier Landschaftsschutzgebiet ist. Was bedeutet, man darf zwar Bestehendes erhalten, darf aber nicht neu bauen. Seitdem steht Thomas‘ Kindheitserinnerung als trauriges Gerippe in der Landschaft.

Wir kommen am wunderbar gelegenen Hotel Pax vorbei, in dem vor allem Monteure untergebracht sind. Da könnte auch ein schönes Hotel stehen, aber wir sind uns einig, dass man sich auch für die Monteure freuen kann, dass die mal schön untergebracht sind, hier im idyllischen Deilbachtal. Jetzt wird es gleich ein bisschen unbequem, sagt Thomas, aber er meint nicht unser Gespräch, sondern dass wir einen zugewachsenen Trampelpfad entlang laufen müssen.

Wir sind jetzt in Westfalen und sprechen über den gesellschaftskritischen Aspekt der Sozialpädagogik. Thomas hat mir geschrieben, dass er bei einem kirchlichen Wohlfahrtsverband im Kreis Mettmann arbeitet, für Menschen in vielerlei Krisensituationen.

Nur Klempner sein reicht nicht, sagt er. Wir müssen schon auch an den Bedingungen etwas verändern, zugunsten unserer Leute. Die selbst keine laute Stimme haben. Die brauchen uns, damit sie gehört werden. Muss man nicht, frage ich, vielleicht auch dafür sorgen, dass sie. Mit ihrer eigenen Stimme gehört werden.

Wir sprechen etwas abgehakt, weil wir einen steil nach oben verlaufenden Pfad hochwandern. Die Gegend heißt nicht umsonst Elfringhausener Schweiz.

Oder das, sagt Thomas. Das ist. Die Königsklasse. Darum geht’s auch. Aber es gibt dennoch viele, die. Unsere Stimme als Unterstützung brauchen. Man muss, sagt Thomas, aber immer auch das eigene. Tun überprüfen, damit man. Nicht zu paternalistisch wird. Das ist die große Gefahr. Dass wir unserem Helfersyndrom erliegen. Ständiges Thema in unserer Arbeit: Machst du’s für dich oder. Machst du’s für die Leute? Ohne Reflexion kannst du diese Arbeit nicht machen.

Da oben das Haus, sagt Thomas und wir bleiben stehen, das ist ein legendäres WG-Haus, da gibt es viele Geschichten. Ein großer Hund läuft hin und her und bellt aufgeregt, als er uns sieht, als würde er alle Geschichten über dieses Haus auf einmal ausplaudern wollen.

Was sind denn so die gängigen Motive, um Sozialarbeiter:in zu werden?
Ich will Menschen helfen, ich will, dass es den Menschen besser geht, altruistische Motive. Alles ehrenwert, um diesen Beruf anzufangen, und trotzdem muss man irgendwann überlegen, warum man etwas macht, und warum man etwas anderes nicht macht, und diese Motive immer wieder überprüfen.

Warum teilen wir unsere Gewinne nicht?

Beim Abhören der Aufnahmen kommt mir der Gedanke, wie seltsam es doch eigentlich ist, dass nur in den helfenden Berufen selbstreflexives Handeln gefragt ist. Wäre es nicht gut, wenn auch Menschen, die in der Wirtschaft, Politik oder Verwaltung arbeiten, zur Selbstreflexion angeleitet würden? Ich stelle mir vor, wie der Vorstand der Deutschen Bank, der Lufthansa oder von Amazon einmal im Monat ihre Motive überprüfen würden: Warum zahlen wir unseren Mitarbeitern so wenig, dafür unseren Aktionären so viel? Warum teilen wir unsere Gewinne nicht, fordern aber für unsere Verluste staatliche Unterstützung? Was ist in unserem Leben falsch gelaufen, dass wir uns nur für unseren eigenen Profit interessieren? Was macht es mit uns, wenn wir keine Steuern zahlen, aber von den Steuern anderer profitieren?

Aber natürlich hat Thomas Recht, wenn er sagt, dass es wichtig ist, die Hilfesuchenden in ihrer Autarkie zu unterstützen und mit ihnen zu erarbeiten, was sie selbst wollen. Helfen, um eigene Bedürfnisse zu befriedigen, könnte dem im Weg stehen.

Lebenserwartung Obdachloser ist 30 Jahre kürzer

Ich habe, sagt Thomas, großen Ärger bekommen, weil ich die Tafeln ganz schrecklich finde. Diese Almosengaben, das finde ich so entwürdigend. Und wenn sich die Pelzmäntelchen dahinstellen und abgelaufene Joghurts verteilen. Das bringt mich in Rage. Damit habe er sich im Kreis Mettmann nicht nur Freunde gemacht, meint Thomas. Glücklicherweise vertritt aber sein Spitzenverband dieselbe Auffassung. Die Grundsicherungssätze müssen so sein, dass man davon leben kann, und wenn das so wäre, bräuchte in Deutschland niemand Almosen. Ich finde, wir sind ein sozialer Rechtsstaat, und wenn wir das sind, müssen wir auch Butter bei die Fische tun, sagt Thomas und der Kies unter unseren Füßen knirscht, wir laufen jetzt auf einem breiten, flachen Weg.

Es wird Unterschiede immer geben, aber mit aktuell 150 Euro im Monat für Lebensmittel und nicht-alkoholische Getränke, und allein das ist schon ein Hammer – und man hört jetzt deutlich die Verärgerung in Thomas‘ freundlicher Stimme – da kannst du ja mal versuchen, klar zu kommen, insbesondere, wenn du Alleinlebender bist. Das ist deutlich teurer, als für eine Gruppe einzukaufen. Und wenn du dann nicht Haushalt gelernt hast und nicht kochen kannst und dir immer das Fertigzeuch kaufen musst, ne, muss ich glaub ich gar nicht ausführen. Ich finde es unwürdig, dass wir uns in dieser Sache auf die Tafeln verlassen.

Irgendwo knallt es

Die Lebenserwartung von Wohnungslosen, sagt Thomas, ist im Schnitt 30 Jahre kürzer. Viele sehen aus wie 75 und sind noch keine 50. Das liegt natürlich auch an den Begleiterscheinungen wie psychische Erkrankungen, Alkoholismus und all die schönen Dinge, die man bekommt, wenn man auf der Straße lebt. Und oft ist es natürlich auch andersrum, das ist ja auch zum Beispiel das bekannte Drama der Veteranen in den USA, wo Kriegstraumata nicht selten zu Obdachlosigkeit führen.

Da, wo das Windrad ist, da gehen wir hin, sagt Thomas. Wir schauen in die Landschaft und finden sie schön. Irgendwo knallt es. Weil jetzt der Knall gerade ist, mein Vater ist 93, sagt Thomas, ab und zu hole ich ihn ab, dann fahren wir schon mal hierher und erzählen uns immer die gleichen alten Geschichten und eine Geschichte geht so: In den letzten Kriegstagen lagen da die Amerikaner und da die Deutschen oder andersrum und haben sich hier nochmal bekriegt. Da sind so einige Höfe in die Luft gegangen, weil die Dummies vom Dach aus die Amerikaner beschossen haben und die haben einfach den Panzer draufgehalten haben und dann war der Hof weg.

Das kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man eine so friedliche Gegend sieht, dass hier mal ein Krieg getobt hat.

Wir gehen hier um die Ecke, sagt Thomas, weil da vorne kommen wir gleich wieder runter und ich finde es immer doof, einen Weg zweimal zu gehen. Geht mir genauso, sage ich. Wir keuchen wieder ganz schön, offenbar geht es wieder bergauf. Ich bin studierter Sozialpädagoge, sagt Thomas, bin aber schon seit vielen Jahren äh also, ich bin Funktionär. Er lacht, und tatsächlich klingt er ein bisschen verschämt. So ein Begriff, vor dem ich mich früher geekelt hätte, fügt er zur Erklärung hinzu. Aber ich bin schon seit 25 Jahren in der Geschäftsleitung des Kreiscaritasverbandes, das heißt, ich bin nicht der Geschäftsführer, der ist noch eins drüber, aber eben in einem Gremium, das heißt Geschäftsleitung. Mein Bereich ist Integration und Rehabilitation; Integration, das sind alle Dienste, die mit Zuwanderern zu tun haben oder mit Flüchtlingen, zum Beispiel geht es da um Integrationshilfe und -beratung, wenn man bürokratische Probleme hat; und Integrationsagentur bedeutet, dass wir Anti-Rassismus-Projekte machen, Demokratieförderprojekte, im weitesten Sinne Bildungsarbeit.

Unten saßen die Junkies, und oben saßen wir

Und Rehabilitation, also Wiedereingliederung, da komme ich eigentlich her, weil ich Leiter der Suchtberatungsstelle war, damals ein 2-Mann-Betrieb, und einer davon war ich. Als ich da anfing, war das Büro im zweiten Stock direkt am Jubiläumsplatz und es passierte den ganzen Tag: nichts. Ganze 40 Kontakte im Monat, und das bei zwei Sozialarbeiter-Stellen. Unten saßen die Junkies, und oben saßen wir und schauten aus dem Fenster. Wir sind Caritas, was ist das denn für eine Haltung?, dachte er sich. Das war gar nicht so unüblich zu dieser Zeit, dass eine Beratungsstelle so hochschwellig auf Termin arbeitet. War halt so. Ich habe dann mit den Leuten Kontakt aufgenommen, mich um Streetwork gekümmert und das Angebot nach und nach ausgebaut, Suchtprävention in den Schulen, Elternabende, einen alten Postbulli für den Streetworker gekauft, da konnten die Leute, wenns regnet, reingehen, Mittwochs gabs Suppe, und nach und nach ist da ein lebendiger Ort draus geworden.

Mein erster Arbeitstag war, als ich da ankam und nichts zu tun hatte, und das hatte mit Arbeit ja gar nichts zu tun.

Noch keinen einzigen Bollerwagen gesehen, komisch, ist doch Vatertag heute, meint Thomas. Vielleicht schaffen die es nicht bis hier hoch, glaube ich. Wir machen eine kleine Pause, Thomas hat nichts zu trinken mit, er hat sich voll auf den Berger Hof verlassen. Aber heute ist es ziemlich heiß und wir haben noch eine halbe Stunde dorthin und so teilen wir das Wasser solidarisch.

Mögen die Leute Supervision?

Wir sprechen über Supervision, die in der Regel einmal im Monat stattfindet oder bei schlimmen Ereignissen, da erhöht man schon mal die Frequenz. Mögen die Leute Supervision?, frage ich. Die meisten schon, sagt Thomas. Sie empfinden das als Entlastung. Aber es gibt auch immer welche, die das ablehnen, die den Eindruck haben, man will ihnen zu persönlich aufs Fell rücken, weil, sagt Thomas, das hat schon etwas mit der Persönlichkeit zu tun, da zeigt man schon was von sich. Und dann gibt es die, die sich regelrecht entblößen, das ist dann auch anstrengend für die anderen.

Gibt es in der Pflege auch Supervision? Nein, sagt Thomas. Warum eigentlich nicht?, frage ich, pflegen stelle ich mir auch als sehr belastend vor. Es gäbe auf jeden Fall gute Gründe, das zu machen, meint Thomas. Aber warum es das nicht gibt oder ob es das nicht vielleicht doch in bestimmten Situationen gibt, kann ich dir gar nicht genau sagen. In meinem ersten Beruf war ich selbst Pfleger, in der Psychiatrie, und da gab es Supervision tatsächlich. Es war allerdings die bestgehasste Stunde. Da kam so ein Supervisor, ein renommierter Analytiker, den hatte der Chefarzt besorgt, und der setzte sich hin, sagte kein Wort, eineinhalb Stunden lang war Dampf in der Hütte, keiner wusste, was das sollte. Wir hatten immer das Gefühl, der sollte uns aushorchen.

Thomas zeigt auf die andere Seite, das da drüben ist übrigens Gelsenkirchen, die Schalke-Arena. Ich bin erstaunt, so nah an der Zivilisation sind wir hier, oder was man darunter versteht. Denn auf unserer Seite weiden Pferde und Schafe und sogar Esel, die ich sehr liebe, und zu meiner Belustigung höre ich mich selbst in den Aufnahmen wiehern, als wir an den Tieren vorbeigehen, und Thomas lacht höflich.

Ach, mein jüngstes Baby, das muss ich dir noch erzählen, sagt Thomas. Ich habe nämlich meine Diplomarbeit über Vergewaltiger geschrieben, also nicht über die Opfer, sondern über die Täter. Seit einigen Jahren machen wir nun Täterarbeit, mit rasant steigenden Zahlen. Ein Angebot für Täter von häuslicher Gewalt, das sind in der Regel Männer, aber auch 10-15 Prozent Frauen, Leute also, die sich nicht im Griff haben und ihre Partner:innen verprügeln. Zu uns kommen eher die leichteren Fälle, wobei mir schon schlecht wird, wenn ich höre, was die gemacht haben, das möchten wir alle nicht erleben.

Täterarbeit ist der beste Opferschutz

Was ich so spannend an dieser Arbeit finde, ist, dass wir so viele Selbstmelder haben. 30 bis 40 Prozent melden sich selbst, es gibt da zwar sicher auch einen extrinsischen Druck, zum Beispiel, dass das Jugendamt sagt, du darfst deine Kinder nicht mehr sehen. Aber immerhin: Sie kommen freiwillig zu uns. Es ist ja nicht einfach, darüber zu sprechen, was man gemacht hat, sich dem Schrecken zu stellen. Die sind ja nicht als Monster auf die Welt gekommen, aber haben sich wie Monster verhalten, das muss man schon so sagen. Wir haben mehr Nachfrage, als wir bewältigen können.

Viele sagen, ich bin mir selbst nicht geheuer, die sagen zum Beispiel, ich liebe meine Frau, ich liebe sie wirklich, sie soll bloß nicht mehr so oder so sein. Thomas lacht ein Lachen, in dem tönt das ganze Wissen über die Absurdität der menschlichen Gefühle. Also, wenns gut läuft, stellen die Leute sich dieser Auseinandersetzung, aber, sagt Thomas, das muss man auch sagen, es gibt immer auch welche, die abbrechen und sagen, das habe ich mir aber ganz anders vorgestellt. Die Leute kommen übrigens aus allen Schichten, wir haben Polizisten gehabt, Rechtsanwälte, auch einen Chefarzt. Die sitzen dann alle in einer Gruppe. Wir machen nur Gruppenarbeit; wenn du in so einer Runde sitzt, dann hast du zehn Spiegel. Die sagen dann, jaja, das kenn ich auch, das ist doch Bullshit, du redest dich doch nur raus.

Täterarbeit, sagt Thomas, ist der beste Opferschutz.

Wir sind nun am Berger Hof angelangt, und hätten wir nicht gerade die Schalke-Arena gesehen, würde ich mich in Oberbayern wähnen oder in Südtirol. Es ist schon Nachmittag, deshalb essen wir was Warmes, nämlich Frikadellen, und ich lade Thomas ein, du machst schließlich bei meinem Projekt mit, sage ich. Thomas lacht und sagt, gut, dann nehme ich das an.

Bonustrack: Versuch, ein Huhn zu fotografieren

Weiterführende Links zur Straße der Arbeit

Wanderung von Velbert-Langenberg durchs Deilbachtal
Übersichtskarte (Sauerländischer Gebirgsverein, Bergisches Land)

Mehr von Ulrike Anna Bleier

Qual der Wahl

Müsste, pardon, dürfte ich in Deutschland wählen, müsste ich am kommenden Sonntag tapfer sein. Verkatert aus dem Bett kriechen, mich im Spiegel gar nicht anschauen, ohne mir Wasser ins Gesicht zu spritzen, ohne Frühstück, ohne Gewissensbisse, einfach geradeaus, ohne Umwege zur Wahlurne marschieren und meine Stimme dem kleinsten Übel abgeben. Fertig.

Mitgefühl wählen? Why not?

Von kleinen und großen Übeln

Eine Woche vor dem Tag D. fliegt die flache grüne deutsche Landschaft vor meinen Augen in Zuggeschwindigkeit an mir vorbei. Ich sitze in der ersten Klasse der Regiobahn (dank der Großzügigkeit des „AVV„), fahre aus dem Heinsberger Land nach Aachen und studiere die frisch aufgenommenen Fotos in meinem Smartphone: Wahlplakate mit vielen Sprüchen unter dem bleigrauen Himmel von Übach-Palenberg, der Stadt mit dem „spröden Charme“, wie sie mein ortskundiger Begleiter nennt. Diese muss eine Qual für meine deutschen Freunde sein, die jetzt wählen müssen, pardon, dürfen:

Ins Neuland, mit Kai, dem Piraten?

Das schöne an den Wahlen sind die kleineren Übel. Sie sagen: „Freu Dich aufs Neuland! Für Freiheit! Für Sicherheit! Für Dich!“ – wie mich ein Babyface von Piraten anlächelt: „Barrierefreies Netz überall!“

Klingt tausend Mal besser als „Grenzen sichern“! Fast so gut wie: „Mitgefühl kennt keine Obergrenze! Wählt Menschlichkeit!“, ein schöner Spruch, den ich am Tag davor in der westlichsten Stadt Deutschland, in „Übach-Palenberg“, an der Eingangstür der örtlichen Caritas registriere.

„Mieten, die bezahlt sein müssen“, „Die Linken“ scheinen zu wissen, was ihre Wähler am meisten kratzt. Wie sie aber den Mieten-Wahn in den Großstädten stoppen wollen, sagen sie nicht.

Netze überall! Mieten zahlen überall!

Drei Meter über die Erde hängen die AfD-Sprüche auf den düster blauen Plakaten, die in das Bleigrau des Himmels über Übach-Palenberg  übergehen: „Deutsche Grenzen sichern!“, „Schuldenunion stoppen!“,  „Asylchaos stoppen!“

   

Oh, Gott! Grenzen! Stoppen! Deutschland! Deutschland! Fast überall! Wo ist da die Alternative? Mut für Deutschland? Was ist mit dem Rest der Welt? Die deutsche Grenzen sichern? Wo? Gleich hier in Übach-Palenberg beginnen? Am ungeschützten Grenzübergang zu den Niederlanden? Wie stoppen? Mit Waffen?

Wer ist der kleine „man“, der alles kann?

„Kinderarmut kann man klein reden. Oder groß bekämpfen!“, darum Grün! Schöne grüne Sprachspiele mit dem Modalverb „kann“, das weder verspricht noch verpflichtet. „Oder“? Darum weiter!

„Damit die Rente nicht klein ist, wenn die Kinder groß sind“. Die Sozialdemokraten haben ihre Gerechtigkeitsthemen gefunden.

Mehr Gerechtigkeit, weiter mit Angela?

Damit sie mit Angela, sie strahlt mit einem unwiderstehlichen Lächeln von den riesigen Plakaten „ Erfolgreich für Deutschland!“ in den nächsten vier Jahren regieren können? Pardon, wollen, sollen, dürfen…?

***

Stammtisch-Probe-Sitzen im Wunderland

Wen werden die beiden deutschen Männer, die nicht unterschiedlicher sein können, wählen, die an meinem ersten „Stammtisch im Wunderland“ , einer Art wandernder Installation, mir zu Probe saßen? Es ist drei Monate her, die Nacht als ich meine Koffer nach Aachen gepackt habe.

Mein Gatte, ein frisch getaufter Genosse, der von seiner ersten Parteisitzung zurückkommt und mit mir bei einem Bier aufgeregt „The Wind of Change“ besprechen will, hat gar keinen Bock auf die beiden wildfremden Männer, die sich zu uns setzen. Ich habe sie angelächelt, aus Versehen, sie mit zwei Witzfiguren aus meiner Heimat verwechselt. Einer, groß, gebückt, unglückliche Augen, leidend unter Trennungsschmerz, wie ich nach exakt einem Bier von ihm persönlich erfahre. Seine peruanische Frau habe ihn, den Pendler zwischen Köln und Aachen, verlassen, weil sie auf ihn nicht mehr alleine zuhause in Köln warten wollte. Sein alter Kumpel aus der Schulzeit, der früher den Balkan als Freiheitsraum und Fluchtort für sich entdeckt hatte, hat die Ehre mit seinem untröstlichen Freund von einer Kneipe zu anderen zu ziehen. „Dat Bier hilft immer!“, meint der Tröster, „Hanni“, wie er sich vorstellt. Er, der ewige Single im 35. Semester Griechisch, Bulgarisch und Rumänisch. Zur Zeit stemple er beim „Onkel Harz 4“, bestellt uns alle eine Runde des dunklen wilden „Exoten“ aus Tschechien, original Prager Bier.

Sex und Religion

Der Tscheche aus der Flasche macht aus uns Experten für alle wichtigen politischen Fragen der Zeit. Hanni stürzt sich auf Angela, „den Mafiaboss mit mädchenhaftem Lächeln, die ihre Feinde meisterhaft verschwinden lässt“. Mein deutscher Mann lobt Martin, den Messias, mit dem er nicht nur die Partei, sondern auch die Gerechtigkeit in Deutschland retten will. Merkel könne mit Kritik umgehen, meint er, weil „sie die Kritik umgeht“.

„Vergiss es!“ sagt der kleine dicke Hannes abwertend.

„Gerechtigkeit ist mit DER Partei nicht mehr zu holen.“

Hannes ganze Familie habe traditionell seit Jahrzehnten Rot gewählt, jetzt seien sie aus Protest und Wut alle ausgestiegen.

Wohin seien sie übergelaufen, will ich fragen, beiße mir aber auf die Zunge. Wählen ist eine zu private Sache, erinnere ich mich. So wie Sex und Religion…

Der traurige Manni will sich irgendwie auch an der Diskussion beteiligen und entlarvt Erdogans Wirtschaftswunder. Ohne Deutschland hätte der „Sultan“ gar keine Chance am Bosporus gehabt, sagt er.

„Dank den anatolischen Türken in Deutschland, die hier von Harz IV leben, kann Erdogan jetzt sogar die Todesstrafe einführen“, fügt Manni hinzu: „Ja, das schaffen wir auch noch!“ sagt Hanni. „Ganz alleine… ohne Putin und Donald“.

Die bosnische Lösung

Ich will die ernsthaften Männergespräche ein wenig dämpfen und erzähle einen Witz von Mujo und Haso, die beiden Bosnier, an die ich gerade dachte als Manni und Hanni hereinkamen und ich sie anlächelte.

Die Lage in Bosnien – Arbeitslosigkeit, Armut, Korruption – Mujo und Haso zerbrechen sich gerade den Kopf, wie sie ihr Bosnien retten könnten: Haso dreht den Kopf besorgt: „ …zuerst gab es den blöden Krieg, dann kam die Privatisierung, nun müssen wir mit dem brutalen Kapitalismus klar kommen..!“ Mujo streicht sich mit dem Zeigefinger über die Lippen:

„Ach, vielleicht gibt es eine Lösung…“ sagte er.

„Welche?“

„Ein Krieg könnte uns retten! Einer gegen Amerika.“

„Was? Bis Du irre? Ein Krieg gegen die Supermacht der Welt??“ protestiert Haso.

„Genau! Deswegen!“ sagt Mujo. „Gewinnen wir den Krieg gegen diese Supermacht, werden wir Amerika! Verlieren wir ihn, werden wir es auch!“

Die drei deutschen Männer lachen zögerlich über die seltsame Logik der beiden Bosnier und ich glaube, ich muss einen besseren Witz erzählen und bin schon bei dem Cheffe und seiner Muse, Donald und Melania, dem Schreckenspaar aus dem weißen Haus, meinem neuen Albtraum und dichte einen alten Mujo-Haso-Fata-Witz um.

Diagnose: Love, Donald 

„Melania leidet, isst kaum noch, wird immer dünner, schaut traurig, geht von Arzt zu Arzt, doch alle Befunde scheinen in Ordnung zu sein. Als sie von einem Frauenarzt untersucht wurde, will der Arzt unbedingt Donald, ihren Ehemann sprechen:

‚Donald, Ihre Frau ist, wissen Sie, eigentlich gesund’. Pause. Langer Blick. Einfühlsame Stimme. Die Diagnose: Melania braucht Love, ein bisschen Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeit, Sex!’

Donald verkrampft sich, schaut mürrisch, sagt nichts, geht raus. Im Wartezimmer sitzt die traurige Melania, knetet ihre langen Finger nervös und fragt: ‚Donald, was hat der Arzt gesagt?’ ‚Nix Gutes!’ meint der mächtigste Mann der Welt. ‚Dir ist, Melania, nicht mehr zu helfen…!“

Ich lache alleine. Die deutschen Männer an meinem Stammtisch sagen „ha-ha-ha“. Meinen bosnischen Humor verstehen sie nicht. Es ist spät, aber sie geben noch einmal alles und setzten ihre ernsthafte, deutsche Analyse fort:

„Schuld an Donald sei das System“, sagt mein deutscher Mann. Das Wahlsystem sei in Deutschland besser als in den USA. „Hillary hatte mehr Stimmen. Eine Millionen mehr…“

„…aber was macht den Unterschied…“, sagt Hannes. „Donald oder Hillary ?… Alles gleich..!“

„Alles gleich???“, regt sich mein deutscher Mann auf. „Wie meinst du das?“

Verschwörungstheorie 

Donald sei eine Witzfigur in den Händen der Weltwirtschaftsmafia. Amerika stecke in den Händen gefährlicher, dunkler Mächte. Donald sei wie Hillary. Ohnmächtig dagegen. Auch er werde von „den dunklen Mächten“ regiert. „Den Drahtziehern!“, so Hannes Theorie.

Manni, der Wirtschaftsexperte, sagt nichts. Er nickt brav vor sich hin. Ob er genau hört, was sein Freund sagt, oder noch in Peru nach seiner Liebsten sucht, die auf ihn nicht jeden Tag warten wollte und in ihre Heimat floh, ist nicht klar.

„Unsinn!“, höre ich meinen deutschen Mann protestieren. „Verschwörungstheorien!“ sagt er. „Wer sind die dunklen, geheimen Mächte?“ fragt er völlig aufgeregt. „Wer???“

„Das kann ich Dir, mein lieber Freund, nicht einfach so sagen. Es ist zu gefährlich!“ flüstert Hannes und kippt den letzten Tropfen des fünften Bieres hinunter.

„Ach, gefährlich? Für wen gefährlich? Was sind das für geheime Mächte! Wer? Sag!“

Hannes dreht feierlich den Kopf.

„Das kann ich leider nicht sagen…“, wiederholt er

Hahn & Hase

In meinem Kopf dreht sich alles vom Bier, lauten Männerstimmen und Stammtischverschwörungen. Ich will nach Hause gehen. Ich will die ganze Bierphilosophie beenden und höre mich sagen:

„… Nicht Juden etwa…oder meinst Du es vielleicht doch?“

Hannes schaut mich verblüfft an, wendet sich zu Manni:

„Siehst Du…?“

Meine Antwort scheint ein Volltreffer zu sein.

„Ach, die Juden und die Weltwirtschaftskrise? Das hatten wir schon mal! Damals in…“, höre ich meinen deutschen Mann protestieren.

„Ja, auch heute in Deutschland regieren sie im Hintergrund!“ sagt Hannes.

„Blödsinn!“ explodiert mein deutscher Mann.

In Deutschland erkenne man sie heute noch an ihrem Namen. „Sie heißen Hase, Fuchs oder Hahn“.

Ich muss laut lachen. Die mütterliche Seite der Familie meines deutschen Mannes heißt tatsächlich Hahn. Und er isst am liebsten bei einem „Hasen“ in Köln.

„Also, so wie wir…! Mein deutscher Mann kommt von einem Hahn… Und ich bin ein Hase“, höre ich mich rufen.

Hannes bekommt große Augen. Mein deutscher Mann springt vom Stuhl und geht. Ohne sich zu verabschieden. Ohne auf mich zu warten.

Besser er geht als dem kleinen, dicken Hannes mit den dünnen Löckchen eine zu knallen, denke ich mir, trinke mein Bier aus, winke den beiden Männern noch einmal zu und folge brav meinem deutschen Mann.

Deutschland ist dran

Ich solle lieber besser aufpassen… warnt mich mein Mann, als er am nächsten Tag den Löffel in die Hand nimmt und mein liebevoll zubereitetes Müsli mit Mango dann doch noch berührt. Wenn ich so weitermache, dem oder dem einfach so zuwinke…, ziehe ich noch das ganze Unglück Deutschlands auf mich, meint er.

„Jetzt ist es sowieso zu spät!“, kontere ich.

„Hätte ich immer aufgepasst, wäre ich gar nicht bei Dir gelandet…“, lächle ich und zwinkere ihm, meinem deutschen Mann, zu.

„Du bist mein Schicksal! Ohne Dich bin ich verloren…“, sagt er.

„Nun ist Deutschland dran!“ sage ich und gehe in mein Zimmer, meinen Koffer nach Aachen zu packen…

***

Kleiner Kim, große Bombe 

In der Aachener Fußgängerzone in der Pontstraße im Café Kittel, hinter dessen großen Scheiben ich den letzten Schluck meines Café au lait koste, wimmelt es von Studenten, Hipstern und Zukunft. Wen werden sie wählen? Müssen? Dürfen? Können? Wie gucken sie auf die Welt? Auf ihre Zukunft?

Meine Zukunft übt in Aachen seit drei Monaten die Welt zu entziffern. Inzwischen ist die Welt dreimal auf die Stirn gefallen. Der kleine Kim aus Nordkorea scheint unseren bosnischen Witz buchstäblich zu verstehen, will den Amerikanern den Krieg erklären und lässt ständig Atombomben über Japan fliegen. Donald scheint überfordert zu sein. Auf der einen Seite dieses irre Babyface mit der Atombombe, auf der anderen Hurrikans und Tornados, die Amerika verwüsten. Er rennt nur mit seiner Melania in Gummistiefeln umher und verteilt viele große Sprüche. Und Martin, der Genosse aus Würselen, der im Frühjahr wie ein Messias durch die Bundesrepublik zog und jeden, inklusive meines deutschen Mannes, mit dem „Wind of Change“ ansteckte, wirkt nun neben Angela wie eine ermüdete Witzfigur.

Natürlich ist weder das Rentensystem noch der Pflegedienst in Deutschland ohne uns Einwanderer zu retten, brüste ich mich bei den Genossen, deren Wahlbroschüre über Rentenprobleme ich in der Hand halte und zwischen vielen Worten und Statistiken zu verstehen versuche. Ich falte die Zeitung zusammen, stehe auf, gehe zur Theke. Plötzlich spüre ich einen stechenden Blick im Nacken. Ich drehe mich um und erkenne ihn sofort, den gebückten Riesen mit großen Augen, umrandet mit tiefen Schatten:

Manni! Die unselige Bekanntschaft aus der Kölner Kneipe meiner Probe-Stammtisch-Phase, der Pendler zwischen Köln und Aachen, meiner alten und der neuen Welt.

Genosse oder Spion

Er wirkt gelassener, als ob er ein paar Steine aus seinem schweren Rucksack inzwischen entleert hätte, und er trägt eine rote Krawatte.

„Genosse oder Spion?“, will ich in meiner direkten Sarajevo-Art raushauen, doch dann beiße ich mir wieder einmal auf die Zunge. Ja, Politik ist zu privat, so wie Sex und Religion.

„Manfred? Du siehst gut aus. Hast Du gute Nachrichten aus Peru?“

„Ja, das habe ich…“ sagt er und seine Augen fangen an zu leuchten.

„Meine Frau hat sich gemeldet!“

Sie haben sich versöhnt. Nach zwei Monaten dürfe er sie abholen. Er wolle sie nicht wieder verlieren, er habe eine Wohnung in Aachen gefunden…

„Einen Tag nach den Wahlen ziehen wir um…“

„Und Hanni? Wirst Du ihn nicht vermissen?“ frage ich noch so nebenbei.

„Neeee“, zieht er leise die Vokale lang. Es ist ihm unangenehm. Sein Blick klebt am Boden.

„Es hat mich gefreut!“ sage ich. „Und vielleicht bis bald. Mit Deiner Frau in Aachen!“…

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