17:41 Uhr, Duisburg Sechs-Seen-Platte

Auf dem Wambachsee herrscht Feierabendstimmung. Hier platschen Kinder, da sitzen Paare in Tretbooten, in der Nähe des Ufers balanciert eine Gruppe auf Surfbrettern. Eine Frau in Sportbikini und Taucherbrille steht auf ihrem Surfbrett, die eine Hand in der Hüfte, in der anderen: eine Paddel. Sie spricht mit einem Mann in olivgrüner Montur am Ufer, Angel und Angelkoffer stehen ungenutzt neben ihm. Im Vorbeigehen ist zu hören:

„…und das Wetter war ja mal ein Traum. Nicht so wie hier. Zwei Wochen Mittelmeer, das kann schon was. Aber bevor die Arbeit wieder losgeht, musste das jetzt hier mal sein. Ist ja auch nicht alle Tage so.“

Der Angler nickt. Dann sind er und die Frau auf dem Surfbrett aus dem Bild, Radfahrer ziehen vorbei, in einem Gebüsch am Wegesrand zetert eine Amsel. 17:42 Uhr



>Sechs-Seen-Platte<

Schon immer waldreich: das Gebiet um die Sechs-Seen-Platte. ©mhu
Schon immer waldreich: das Gebiet um die Sechs-Seen-Platte. ©mhu
Wambachsee, Masurensee, Böllertsee, Wolfssee, Wildförstersee und Haubachsee: Die durch Kiesabbau über Jahrzehnte hinweg entstandenen Seen werden seit den 1960er Jahren von der Stadt Duisburg betreut. Der Ausbau zum Freizeitort ist seitdem Priorität. Die Waldwege rund um die Seen werden zumeist von „Betreten verboten“-Schildern gerahmt – hier ist Naturschutzgebiet. Auch der Haubachsee ist nur über einen Beobachtungsstand einsehbar. Entsprechend groß ist die Vogelvielfalt. Für Wassersportler, Familien und Wochenendausflügler ist die Sechs-Seen-Platte willkommene Abwechslung zur Stadt, die etwa sechs Kilometer entfernt liegt. Freibad und Yacht-Club inklusive.

 

Mehr von Melanie Huber

Trajektturm

Nachts denke ich an den Trajektturm, seine Hebebühne, die still steht, mittlerweile. Nichts wird mehr befördert, von Gleis zu Deck. Es fehlt das Gegenstück am anderen Ufer. Abgerissen wegen Baufälligkeit, so sagen sie. Ich denke an die 47.000 Waggons, stelle mir jeden einzelnen vor, seinen Weg von Land zu Wasser. Wenn ich fertig bin, ist ein Jahr vorüber.

Keine Brücke wollte man hier, wegen der Franzosen. Zu schmackhaft, befürchtete man und baute Türme wie Wächter an beide Seiten des Rheins:

Seitenansicht des Hebeturms mit vorgelegter Dampffähre. In: Atlas zur Zeitschrift für Bauwesen, Jg. VII, Berlin 1857

Nachts lese ich in der Zeitung, wieder geht es darum, etwas nach oben zu hieven. (Frage mich, ob die Geschehnisse der Welt sich nicht auf eine einfache Formel herunterbrechen lassen: Dinge von A nach B bringen.) Diesmal soll eine andere Last befördert werden: die Kunst.

„Wir können den Etat nicht raketenhaft steigern“, sagt die Ministerin. Schade, ich sehe doch so gern den Dingen beim Aufsteigen zu.

Oh! Wie praktisch: Da schiebt sich schon ein Feuerwerk vor die Linse, spiegelt sich im Wasser. Wir sitzen auf einem Boot, fahren vorbei an Containern. Hier wurde verschifft und mit Pferden den Rhein hochgezogen, gegen die Strömung. Mittlerweile alles in internationaler Hand, kaum noch Landgang. Die Seemänner bleiben aus, die Kneipen sterben. Olga und ihre 16 „gesunden“ Zimmer gibt es nicht mehr.

Am nächsten Morgen im Hotel, wirft die Dame zwischen Erkundigungen, ob mein Frühstücksei auch wirklich so hart sei, wie ich es wünsche, (extra länger drinnen gelassen) ein, ihre Mutter stamme aus Hamburg. Immer wieder habe sie zurück gewollt (die frische Luft). Legte sich der Staub, kam das Heimweh. Und der Staub legte sich oft.

Plötzlich muss ich an die Delphine im Hotelzimmer denken. Ihr Sprung schafft es über den Bilderrahmen hinaus.

( Wenn ich zurückkehre, bleibt die Frage: War das überhaupt deine Region? Aber ich habe eine Ufer-abstandsmeßlatte gefunden. Es war die Reise wert! Nicht einmal das Internet kennt sie, die „Bräuler´sche Ziellatte“ von 1950. Wie man damit misst und vor allem, was genau, muss ich noch herausfinden. Sollte sich unter den Lesern ein Binnnschiffahrtskapitän befinden, bitte melden Sie sich in Wagen 13 beim Bordpersonal! oder hier: schreiberin@region-koeln-bonn.de )

 

Mehr von Marie-Alice Schultz

12:08 Uhr, Landschaftspark Duisburg-Nord

Zwischen stillgelegten Hochöfen und Werkshallen stehen vereinzelt Gruppen, in der Regel: familiengleich. Symmetrisch angeordnete Alleebäume wachsen aus sauber-grauem Kiesboden, ein gelbes Schild weist auf die Kollisionsgefahr von Mensch und Kran hin. Satzfetzen wabern über das Gelände: „Stell dich mal hier hin“, „Das ist aber hoch“, „Damals war das noch anders“, „Schau dir mal die Struktur an. Macht man heute auch nicht mehr so“, „Ich kann mich noch erinnern, als das hier alles …“, „Du musst es dir ein bisschen trüber vorstellen…“, „So ne Burg baut sich nicht in zwei Stunden“, „Als ich hier gearbeitet habe…“, „Ist ja alles ganz nett hier, aber warum muss denn immer dieser schreckliche Freizeitfaktor im Vordergrund stehen? Ich will hier nicht die Wände hochklettern. Ich will Füchse sehen“, „…und diese Lautstärke…“, „Mama, guck! Da hinten ist IKEA“.

Aus der Geräuschkulisse tritt ein Junge hervor. Er schaut interessiert, er geht auf die Dinge zu. Fasst Gitter an und Stämme. Vor einem Objekt neben dem Imbiss bleibt er stehen. „Hände waschen!“, ruft er freudig, zeigt auf das Objekt und dreht sich zu einer Frau und einem Mann um, die auf ihn zukommen. „Nee, hier kannst du nicht Hände waschen“, sagt der Mann. Der Junge fasst das Objekt an. „Wieso nicht?“, fragt der Junge. „Das ist ein Bohrer. Den kann man nur noch angucken“, sagt der Mann. Der Junge lässt die Hände fallen, schaut zu dem Mann und zurück.
Sein Blick: überrascht, verständnislos. 12:19 Uhr



>Landschaftspark Duisburg-Nord<

Seit den 80er Jahren stillgelegt: Die Rohre auf dem ehemaligen Hüttenwerksgelände in Duisburg-Meiderich. ©mhu
Seit den 80er Jahren nicht mehr in Betrieb: Die Rohre auf dem ehemaligen Hüttenwerksgelände in Duisburg-Meiderich. ©mhu
Der Duisburger Norden ist geprägt von Kohle, Stahl und Eisen. Thyssen wirkte hier ab 1901, nach der endgültigen Stilllegung des Hüttenwerks Anfang der 1980er Jahre wurde das Gelände erst Industriebrache, dann – mit viel Bürgerengagement – Kultur-, Sport-, Freizeit- und Naturort. Der Landschaftspark eignet sich für klassische Spaziergänge und kuratierte Erkundungen. Veranstaltungen, wie etwa die Ruhrtriennale, finden in und rund um die Werkshallen statt. Das Gelände ist frei zugänglich, es bedarf keiner Führungen, um auf die Hochöfen steigen zu können.
Street Art und Liebesschlösser sind Schmuckstücke des Industriegeländes – der Rest ist Geschichte.

 

Mehr von Melanie Huber

21:46 Uhr, Ruhrorter Hafenfest

In kurzen, zeitlichen Abständen sind von verschiedenen Ausflugs- und Restaurantsschiffen auf Rhein und Ruhr folgende Songs zu hören: „Sexy“ von Marius Müller-Westernhagen (3x) und „Männer“ von Herbert Grönemeyer (2x). Neben dem Steuermann der „Oskar“ stapelt sich jüngere Popmusikgeschichte im CD-Format, „Happy“ von Pharell Williams liegt oben auf.

Die Hafenrundfahrt mit der „Oskar“ wird vom Wetter diktiert. Unter dem Düsterhimmel wecken die Lichter der Fahrgeschäfte an Land Begehrlichkeiten. Die Fahrrinne ergibt sich aus den Choreographien winkender Menschen. Aus dem Funk der „Oskar“ kratzen stakkatohaft Standortangaben und Einschätzungen über Gemüts- und Feier-Zustände anderer Passagiere.

Ein Moment der Überraschung entsteht, als das Ausflugsschiff mit dem Bug voran auf ein Restaurantsschiff zuhält. Hier dockt die „Oskar“ an, denn es regnet in Strömen. Auf der Kommandobrücke wird es gemütlich, es gibt Kaffee, Bier und die Blicke der anderen. Gegenüberliegend werden Container still verladen; „Schöne Atmo“, sagt einer.

Als der Regen nachlässt, schunkelt die Mannschaft zu seichten Wasserbewegungen und „It Ain’t Over Till It’s Over“ von Lenny Kravitz zur Friedrich-Ebert-Brücke und dem dort angekündigten Feuerwerk mit „brennendem Wasserfall“. 22:20 Uhr

 



>Ruhrort, Schimanski und das Hafenfest<

Plötzlich da: Schnappschuss im Hafen. ©mhu
Plötzlich Zaungäste: Schnappschuss im Hafen. ©mhu
Ruhrort ist ein rechtsrheinischer Stadtteil von Duisburg. Das ist wichtig zu wissen, denn nicht nur in Köln unterscheidet man zwischen rechts- und linkrheinisch. Ruhrort ist auch einer der kleinsten Stadtteile von Duisburg. Da wirkt der Superlativ „größter europäischer Binnenhafen mit weltweiter Bedeutung“ gleich doppelt so imposant. Und wenn man dann zu hören bekommt, dass Ruhrort für immer Schimanski-Land und deswegen Pott pur sein wird, ist das mit dem Staunen auch ganz leicht. Natürlich alles verbunden mit einer Prise schwarzen Humors und augenzwinkernder Heimatliebe.
Die Schiffsparade auf Rhein und Ruhr inklusive halbstündigem Feuerwerk ist im Übrigen ein Eröffnungshighlight des Ruhrorter Hafenfestes, das in diesem Jahr zum 24. Mal veranstaltet wurde. Die „Oskar“ ist ein Eventschiff mit verschiedenen Tourangeboten und unterhaltsamer Mannschaft.

Mehr von Melanie Huber