Von Eindrücken aus dem Hellweg | Fazit

Ein verregnetes Wochenende in Berlin. Treiben einer Großstadt, kurze Mützen auf dem Hinterkopf, Kleidung aus dem Secondhand Laden. Man nennt es Vintage. Oder shabby-chic. Bioläden, Rennräder, Apple-Computer. Club Mate Flaschen, selbst gedrehte Zigaretten, gekrempelte Hosen, minimalistische Tattoos. Die Vermengung vieler Sprachen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen. Man ist cool, man ist Weltstadt. Arm aber sexy. Alles Menschen der Kunst. Und der Start-Ups. „Home is where your heart is“ und „the concept of home does not appeal to me, I am global citizen. But Berlin, you know, so cool.“ Ankerlos. Traditionslos. Fähnchen, flatternd im coolen Wind.

Der Hellweg im Kontrast. Voller Kontraste. In der Stadtplanung etwa. Andere Welten hinter der Brücke, bis zur Bahnstrecke, in der nächsten Nachbarschaft. Juristen hier, Arbeiter dort. Kraftwerk rechts, Tempel links.
Strähnchen im modernen Kurzhaarschnitt. Markenzigaretten. Bier aus der Region. Vornamen der Kinder im Unterarm verewigt, andere Vornamen als in Berlin. Man spricht deutsch. Oder westfälisch. Start-ups heißen hier Firmen. Status des Eigenheims, des Autos. Gepflegte Vorgärten – was sollen nur die Nachbarn denken. Carports und Garagen, Gartenzäune.

Nachbarschaften im Hellweg. ©mj

Die Herkunft, die Heimat bestimmt signifikant die Identität. „Hamm ist die geilste Stadt der Welt.“ oder „Heessen ist das Zentrum“. Man hat ja alles was man braucht. Stadt. Land. Fluss. Der Hellweg sehr ländlich. Das Ruhrgebiet nicht weit. Aber doch auch: „Nach Düsseldorf an einem Mittwoch Nachmittag ist mir einfach zu weit. Und zu stressig. Da geht der ganze Tag verloren.“

Während Wissenschaftler*innen auf aller Welt die Frage nach Identität untersuchen, hält sich das Thema hier keine Zigarettenlänge. Identität ein Mosaik mit scharfen Kanten. Deutsch. Westfälisch. Sind schwarz-gelb, respektive blau-weiß. Sind, in sperrigem deutsch: Interessensgemeinschaften. Wie die Gruppe Mazda-Cabrio-Fahrer an einem spätsommerlichen Sonntag Nachmittag, in Kolonne fahrend. Oder die Jungs am Bahnhof, alle mit Bierflasche in der Hand, alle mit dicken Buchstaben auf dem Shirt: SC Hackenstramm.
Cool also schon auch. Nur anders. Und vor allem: local citizens. Fest verankert, verwurzelt. Verankert in Vereinen und Verbänden, in Organisationen, in Traditionen, in Freund*innen und Familien. Alle leben sie hier, seit Generationen. Oder kehren zurück, früher oder später. Von hier kommen sie, hier leben sie, hier bleiben sie. Wollen auch mal reisen. Vielleicht sogar weiter weg. Aber.
Eine Zufriedenheit mit dem, was vor der Haustür liegt. Was die Nachbarschaft hergibt. Was Traditionen vermitteln.

In Städten wie Berlin nur wenig von so etwas, was als nationales Selbstbewusstsein betitelt werden könnte. Im Hellweg immer wieder die Vergewisserung des Selbstverständlichen. Markierungen der Zugehörigkeiten, der Sympathien, der Gesinnungen. Vermutlich selten als Kritik am Anderen gemeint.
Für Außenstehende, für mich, aber implizit. Markierung als Deutsch in Deutschland ist Markierung der Deutungshoheit. Ist Aus- und/oder Abgrenzung. Oder Eingrenzung, Begrenzung des Horizonts, je nach Perspektive und Blickwinkel.

Flaggen im Hellweg ©mj

Wege, Orte, Begegnungen, die meinen Alltag prägen, meist in Großstädten. Mein Rhythmus getaktet von Transportmitteln, von Kommunikation in unterschiedlichen Sprachen, von ‚Projekten‘ hier und dort. Das Verschwimmen von Zeitzonen, von Stadt- und Landesgrenzen. Vernetzung ist das Schlagwort. Ein Grundsatz: Raus aus der Komfortzone. Versuchen, das Andere zu verstehen. Das Fremde. Das Unbekannte. Füreinander sensibel, füreinander aufmerksam machen, miteinander lernen. Das Miteinander ist auffällig im Hellweg.

So fremd mir der Hellweg anfangs war, vielleicht noch ist, so bereichernd waren vier Monate dort, so sehr schätze ich die Vielfalt, die Zufriedenheit, das Miteinander, sei es auch geprägt von lokalen Patriotismen und Rivalitäten, die mir unverständlich sind und bleiben. Das Unverständnis aber nicht relevant.

Relevant ist eine Offenheit. Empathie und Solidarität, im Großen nicht erst jüngst niedergeknüppelt von sozioökonomischen Wandeln, von Differenzen zwischen Stadt und Land, Nord und Süd, von West und Ost.
Was sind Traditionen, während wenige Konzerne zunehmend Denken und Handeln lenken und global normieren?

Vier Monate in einer unbekannten Region, Eindrücke aus Landschaften, aus Stadtgeschehen, Geschichten von Menschen, viele Fässer ohne Boden. Ein Privileg. Reisen bildet. Die Begegnung mit Nachbar*innen aus anderen Regionen. Nachbar*innen im Hellweg, oder Düsseldorf oder Berlin, oder Brüssel, Damaskus, Beijing, Santiago. Die Begegnung mit dem Unbekannten eine Begegnung mit sich selbst. Mikrostrukturen als Exempel für Makrostrukturen.

Zurück in Großstädten erzähle ich Geschichten aus dem Hellweg. Kein Baumarkt, eine Kulturregion in NRW. Auch mir neu. Neue Gedanken zu Heimat, zu Deutschland im Sommer 2017. Neue Rhythmen, Traditionen, Sprachgebräuche.
Im Hellweg, so glaube ich gelernt zu haben, sagt man nicht tschüss. Stattdessen: Bis dahin!

Mehr von Matthias Jochmann

This is the end, beautiful friend – verfrühtes Fazit – UPDATE

(Dies ist eine ergänzte und erweiterte Version, Details siehe Infobox unter diesem Text)

Die Straße ist wie mit gelbem und rotem Konfetti übersät, der Fahrtwind tost ins Gesicht, das Sonnenlicht bricht so grell durch die verfärbten Baumwipfel, dass vor mir einige Sekunden nur Licht und Dunkel ist, Blindflug mit 100 km über eine Sauerländer Bergstraße – und trotzdem ein großes Gefühl von sicher und gut und hier.

Ein spektakulärer 15. Oktober 2017 war das: 24 Grad, blauer Himmel, von den Bergstraßen und Gipfeln Fernsicht und Waldhorizonte, wie ich sie im Kunstunterricht mit verschiedenen Grüntönen bis ins hellgrau immer malen sollte, Seen glitzern und strahlen, die Segelboote wie Rosenblätter auf einem Teich. Die Wiesen entlang der Strecke gemäht, die Felder geerntet, Maisstängel stehen vertrocknet hunderte Meter neben der Straße in Reih und Glied, die Kolben leuchtend gelb wie Überlebende. Das Jahr geht zu Ende und gleichzeitig in zwei Wochen auch der Schreibauftrag. Ich kann nach so einem unfassbar schönen Tag wie gestern nur hoffen, dass das Sauerland auch von mir etwas bekommen hat, außer einen neugierigen, manchmal erstaunten, immer wohlwollenden Blick. Zeit für ein Fazit.

Auch halbes Sauerland ist zu viel
„Sauerland“ bedeutete ja im Sinne der „Regionalen Kulturpolitik“ nur den Hochsauerlandkreis. Kreis Olpe und der Märkische Kreis, die auch Ur-Sauerland sind, laufen als Kulturregion „Südwestfalen“. Ich war froh über die Zweiteilung, denn schon der HSK war in seiner Fülle von Orten und Themen und Entdeckungen in vier Monaten niemals zu bewältigen. Obwohl „Bewältigung“ und erschöpfend umfassende Erzählung mein Ziel nicht war. Nur ein Kratzen an der Oberfläche dessen, was „das Sauerland“ ist. Bloß einen Bogen spannen, Momente erzählen und hoffen, dass alles zusammenhält.

Es war Arbeit, auch wenn das für Außenstehende oft so nicht ausschaute. Da fährt einer mit Motorrad und Auto rum, geht Wandern und Radfahren, trifft Leute aus der Region zum Gespräch, besucht bekannte und weniger bekannte Orte, schleppt sein Notizbuch herum, sitzt manchmal auch auf einem Berggipfel oder seiner Terrasse – und schreibt Texte fürs Internet. Manchmal handeln die von Dingen und Leuten, die ihm begegnet sind, manchmal auch von ganz anderen Sachen: eine Haustür, eine Kurve, eine leere Telefonzelle, ein Aufkleber oder ein aufgeschnapptes Gespräch, das mit „Davon träum ich!“ endete.


Regionale Kulturpolitik?
In der Broschüre zur Regionalen Kulturpolitik (RKP) heißt es zwischen weiteren Absichten:

„Das Programm will die zehn Kulturregionen dabei unterstützen, sich auch im zusammenwachsenden (ja?, Anm.d.Verf.) Europa zu profilieren und ihre Attraktivität und Identität nach innen und außen zu stärken.“

Was man in solchen Broschüren eben schreibt.
Das mit „Identität nach Innen und Außen stärken“ passt noch am ehesten aufs Sauerland-Schreiber Stipendium. Jedenfalls dann, wenn die Texte in der Region für Zustimmung oder auch Kritik gesorgt haben, wenn sie Gespräche gestiftet oder den Blick auf das vermeintlich Bekannte hinterfragt haben. Wenn.

Klassische Kulturberichterstattung – das war mir von Anfang an klar – sollte der Westfalenpost oder dem WOLL Magazin überlassen bleiben. Meine Aufgabe sah ich stattdessen darin, in der Doppelrolle aus Bewohner und Buiterling (Zugezogener), mit begrenzter Zeit und festem Wohnsitz in der Region, das zu beschreiben, was ich bei meinen geplanten Zufallsbegegnungen erlebt habe. Nicht weniger und nicht mehr.

Und so wird es sicher auch enttäuschte Erwartungen gegeben haben, durch die Art und Weise, wie ich meinen Auftrag erfüllt habe, aus der Region zu berichten. StadtLandText war ein Pilotprojekt, ich der erste Sauerlandschreiber, der seine Rolle erst allmählich fand, die zentrale Orga erschien an manchen Stellen ausbaufähig und unterfinanziert – alles ganz normale Vorgänge in einem Projekt diser Größenordnung also.

Entäuschungen mögen aber auch durch die Inhalte entstanden sein: Manchmal führt so eine Spiegelung der eigenen Heimat, wie es die Sauerlandtexte ja auch sind, eine Beschreibung also des ganz Nahen und Gewohnten durch einen Fremden, zu der unangenehmen Frage, ob es denn so sein muss. Oder ob es auch anders sein kann. Und was „das Sauerland“ eigentlich ausmacht – jenseits der Klischees (stur, bodentständig, heimatverbunden, geraderaus…).
Die Spiegelung kann andererseits auch dazu führen, stolz auf etwas zu sein, das man gar nicht als so besonders begriffen hat. Da bekommt man dann von Außen gezeigt, dass es einem gut geht, dass das Leben hier gut ist und die Sauerländer zum Bespiel gar nicht stur, sondern im Gegenteil neugierig, auskunftsfreudig und offen sind. Da interessiert sich einer, das ist doch immer ein gutes Gefühl, oder?

Doku-Fiktion
Überraschungen, Sackgassen und Zufallsfunde, längst Bekanntes und Abseitiges nebeneinander, Kritisches und Affirmatives – manchmal alles in einem Text. Das ist mal besser, mal gar nicht gelungen. 
Ob ein paar Sauerländer nach vier Monaten dieser punktuellen Berichterstattung und subjektiven Schreiberei ihre Region ganz anders sehen? Ob Leute, die noch nie im Sauerland waren, wegen meiner Textes herkommen  – nun, bestimmt nicht. Das wäre vermessen.
In vier Monaten konnte ich nicht mehr beschreiben, als zwei, drei Bojen im Meer aus regionalen Eigenheiten, Traditionen und Geschichten. Ich habe ohne Anspruch auf regionale Vollständigkeit, journalistische Korrektheit und überprüfbare Schlussfolgerungen geschrieben. Das ganze ist eher eine Art Doku-Fiktion geworden als ein Portrai oder gar eine auch nur in Ansätzen erschöpfende Beschreibung. Im Zweifel für den Zweifel, wie Tocotronic mal gesungen haben.

Überhaupt habe ich nach den ersten Wochen mit dem Gefühl „Ich muss über dies&jenes schreiben, das haben die sich gewünscht, das ist ein Highlight, hat jemand gesagt“ einfach nur noch über das geschrieben, was mich packte. Das heißt, was mich tatsächlich animierte, es aufzuschreiben. Ganz. Nicht was repräsentativ oder offensichtlich interessant war. Und so müssen mehr als 30 weitere Ideen, Themen, Orte oder Menschen auf den nächsten Sauerlandschreiber warten – der dann aber ganz andere Dinge suchen und finden wird.

Bloß ein Blog
Hinzu kommt: ein Blog, selbst wenn er so viel gute Presse bekommt und auf so viel Interesse stößt wie StadtLandText, erreicht trotzdem nur eine sehr (sehr!) begrenzte Zahl von Menschen. Kleine fiktive Rechnung: Hier leben nur rund 200.000 potentielle Leser (habe als Zahl mal die Wahlberechtigten genommen). Von denen dürften vermutlich die üblichen etwa 10-15% prinzipiell Interesse an kulturellen Themen haben. Von den 10-15% wollten vielleicht 50% wirklich auch mal hineinlesen in den Blog, nachdem sie aus der Zeitung oder dem Fernsehen davon erfuhren und lesen überhaupt auch mal Blogs. Und von denen haben das dann 50% auch wirklich gemacht: Bleiben rechnerisch 8000 Leute. Ich glaube, es waren weit weniger.

Was mir oft passierte in den vergangenen Monaten, war das Folgende: Ich stellte mich als der Regionalschreiber Sauerland vor. Viele hatten dann tatsächlich vom Projekt gehört und sagten: „Finde ich super. Bin aber noch nicht dazu gekommen mal reinzulesen.“  Wie das Projekt außerhalb, im Rest von NRW, wahrgenommen wurde? Ich habe da nach Jahren als Zuarbeiter und Redakteur von Onlinekulturmagazinen so eine Ahnung.

Stille Tage in Kultur

Trotz Berichterstattung in allen Westfalenpost Regionalausgaben, in der WDR Lokalzeit, dem Woll Magazin und dem Westfalium, trotz der fleißigen Arbeit des HSK Kulturbüros: Auffällig fand ich, dass ich in vier Monaten keine einzige Anfrage aus der Sauerländer „Kulturszene“ oder sagen wir, von den Kulturmachern der Region, für ein Gespräch bekommen habe, keine einzige Einladung zu einer Veranstaltung, kein „komm doch mal auf einen Kaffee vorbei“, nichtmal ein Hinweis, das und das könnte interessant sein – und natürlich auch keine Einladung zu einer Lesung.
Das ist aber nicht schlimm und vielleicht nichtmal überraschend. Denn die Projekte, die ich kennenlernte, wurden ausschließlich durch ehrenamtliches Engagement am Leben gehalten. Und da hat man vermutlich einfach zu sehr mit der eigenen Arbeit zu tun als auf Öffentlichkeit durch ein Projekt wie StadtLandText zu hoffen, das selbst kaum Öffentlichkeit hat – außer die virtuelle in den Medien. An der Menge von Kulturplayern kann es wohl nicht gelegen haben, die sind, trotz der Vertreutheit zählbar. Wen ich dann in den vergangenen Wochen kennenlernte, hatte ich entweder vom Kulturbüro HSK empfohlen bekommen, selbst entdeckt oder von Gespärchspartnern ans Herz gelegt bekommen.

Fazitfazit
Ich habe in vier Monaten 1000 km Strecke im HSK zurückgelegt, habe das erste Heimatmuseum meines Lebens besucht, habe beim Löschen eines Brandes geholfen, habe Kirchen und Kapellen und Kreuzwege durchschritten, habe viele offene, neugierige, auskunftsfreudige Menschen getroffen, war auf Lesungen, Vernissagen, Konzerten, ich bin Flüsse entlang und Berge rauf und runter gewandert und gefahren, habe Klöster und Kunsthäuser von Innen gesehen, habe Menschen gesprochen, die ihre Region lieben, aber auch um die sozialen Probleme (Öffentlicher Nahverkehr, Kneipensterben, Dorfgemeinschaftsverödung, wenig tägliche Kulturangebote, Jugend geht weg…) wissen.
Ich stellte fest, hier ist fast alles aus Bürgersinn und Eherenamt. Jedenfalls die Kultur zu großen Teilen und selbst der Kulturjournalismus. Bei Zeitungsatikel-Honoraren der WP und WR von 12-20 Euro macht man das aus Lust und Laune, nicht aus Verdienstabsichten.

Was habe ich noch gelernt?
Hier sind die Sonntage oft alles andere als geruhsam, wenn das Wetter im Sommer und Herbst stimmt: Dann wird 14 Stunden bis in den späten Abend hinein gearbeitet, die Trecker dröhnen die Straßen hinauf und hinunter, abends wird noch mit Flutlicht auf den Wiesen Heu gewendet. Hier wird am Samstag der Gehweg mit Spatel, Drahtbürste und Besen bearbeitet, hier spricht kaum einer gern und gut über die Holländer, die hier viele Häuser und Hotels kaufen, aber ohne sie gäbe es die Hälfte des Tourismus nicht. Hier sieht man keine Polizei, so gut wie keine Menschen mit irgendeinem „Migartionshintergrund“, hier fahren fast nur Kinder und Alte Bus. Hier macht man regelmässig Abendspaziergänge durch die Feldwege, mit Hund oder Mann oder Freunden, sagt Hallo zum Entgegenkommenden. Hier gibt es eine Weihnachtsbaumkönigin, sehr viele Fliegen trotz angeblichem Insektensterben und es gibt um ein Vielfaches mehr Hochsitze als Theater- und Kinositze. Hier lässt man die Kirche im Dorf, aber geht auch seltener hinein. Und wenn man die Kirche kritisiert, dann wird vielleicht auch mal ein olles Plakat abgehängt, aber angesprochen wird man auf den Text nicht. Auch wenn man später hört, dass er nicht sehr gemocht wurde. Außerdem: Wer regelmäßig Hoch-Kultur schätzt, fährt ins Ruhrgebiet oder nach Köln, wohnt trotzdem gern hier. Wer liest, findet viele, tolle, eigentümergeführte Buchhandlungen, mehr als im Ruhrgebiet. Hier ist jeder in irgendeinem Verein und spricht über Heimat – und trotzdem scheint keiner mehr zu glauben, es geht einfach immer so weiter.

Hier begegnete ich Menschen, die ein gutes Leben führen, längst nicht mehr „hinterwäldlerisch“ abgetrennt von den Entwicklungen außerhalb. Ganz im Gegenteil: Viele der ganz großen Themen, wie die Digitalisierung, die Umbrüche in der Landwirtschaft, der Klimawandel, veränderte Familienstrukturen, Zuwanderung und Abwanderung, überalternde Gesellschaft sind hier sogar früher als anderswo sichtbar – mit allen Konsequenzen. Und der Sauerländer macht weiter. Weil er immer noch weiß, was er hat. Und ich weiß es jetzt auch.

Mehr von Christian Caravante