Der Wald

Mir ging’s tatsächlich nur darum, dass die Kinder mit in den Wald können. Auch zur Corona-Zeit. Einmal die Woche. Wir machen hier 120 Waldführungen im Jahr. Und bis zum Sommer sind die natürlich erstmal alle abgesagt. Ich hab ja selbst drei Kinder zuhause und erleb´, wie die sich mühen, diese Zeit zu überstehen. Und da hab ich gedacht: Wie krieg ich vielleicht stattdessen den Wald zu denen?
So kam die Idee. Ich hab jetzt nicht das tollste Handy. Aber eins, was Filme macht. Und ich hab nen Schwager in Hamburg, der ist professioneller Filmemacher. Der dreht – wat weiß ich, wat der dreht: Werbefilme auf der AIDA, Bandvideos, der kann alles. Ich sag: Torben, pass auf, was kost’ das? Wenn ich dir die Aufnahmen schicke und du schneidest die und du sagst mir, dass ich ein schlechter Filmemacher bin, und dann sagst du mir, wie es richtig geht. Nenn mir den Preis! Aber bitte, mach keinen Schwager-Kurs.
Sagt er: Pass auf, mach erstmal ein paar Aufnahmen. Und dann schick mir das. Und dann kam direkt: So geht das nicht.
Du musst mit ´nem Konzept anfangen.
Du musst ´nen Spannungsbogen aufbauen.
Das entscheidende ist der Vorspann. Und der Abspann.
Und denk dran, dass du nicht bei jeder Szene ´nen anderen Pullover anhast! Da werden die Leute ja irre, visuell. Boah.
Und dann musste ich das lernen. So kam das.

Hannes, hampel nicht.

Im Moment brauch ich drei Vormittage, um so einen Film zu machen. Technisch geht’s jetzt schon besser. Am Anfang bin ich einfach mit dem Handy in den Wald. Da hab ich mein Sätzchen gesprochen. Und gedacht: Uh, tolle Szene. Dann bin ich zurück: Ja, warum hat der jetzt nichts aufgenommen? Bis ich mal gelernt hab, diese Einstellung zu aktivieren, dass keiner von außen ans Handy rankommt. Denn wenn einer anruft, dann bricht das ab. Das hat erstmal fünf Filme gedauert.
Und das war auch Frust! Jetzt war das so gut! Und dann musst du das nochmal erzählen! Bin ja auch kein gelernter Schauspieler. Manchmal hab ich auf die falsche Stelle in der Kamera geguckt. Manchmal darf man auch gar nicht reingucken. Bewegen muss man sich. Aber nicht zuviel bewegen! Das sind so Tipps, die man vom Profi kriegt. Was leichter gewesen wär, wär der Profi mit mir vor Ort gewesen. Dann hätte er einmal draufgeguckt und gesagt: Hannes, hampel nicht.
Immerhin, Themen hab ich genug. Denn draußen ist ja immer was los. Das Problem ist eher: Man kann ja nicht 15 Minuten da reinstellen. Da hören die Leute nicht mehr zu. Maximal 6! Als muss man sich beschränken. Wobei mich der Torben beschränkt hat. Der hat gesagt: Ich schneid´ sowieso alles weg. Also beschränk dich schon mal selber.

Checker Tobi, Checker Can, Checker Weißichnich

Jetzt ruft grad hier ´ne Kräuterpädagogin an. Die will wissen, wann wir weiterdrehen. Das muss dann nämlich alles bis Sonntag fertig sein. Damit der Torben das schneiden kann. „Stressfaktor“ ist noch ein bisschen übertrieben. Aber jetzt warten die Leute drauf. Die sagen: Dienstag, wir freuen uns schon wieder. Wenn der Film dann erst Mittwoch kommt? Da ist man plötzlich schon unter Zugzwang.
Und ich sag mal, ich weiß durch den ganzen Kram meine Rundfunkgebühren jetzt noch mehr zu schätzen. Denn klar, auf dem Level, auf dem wir das jetzt machen, geht das schon so irgendwie. Aber für den nächsten Schritt? Da bräuchte man Kamerateam und Skript und Mikro und haste nich gesehen. WEIL: Um so ´nen richtig coolen Film zu machen, wie Checker Tobi oder Checker Can oder Checker Weißichnich. Das kostet! Das ist nicht: Laberlaber, fertig. Das ist ein Aufwand. Hab ich jetzt kapiert. Klar, der Förster Hannes kann so ein bisschen dummes Zeug erzählen. Aber das ersetzt niemals eine gute Produktion.
Außerdem muss ich letztlich mit dem arbeiten, was ich so finde, ne? Und ich guck dann immer. Neulich zum Beispiel, was haben wir gehabt? Da war ein Baum, der musste weg, da waren aber Spechtlöcher drin. Hab ich gesagt: Schade, den möchtest du nicht fällen, ne? Pass mal auf, da schicken wir ´nen Kletterer rein. Der sägt den runter, bis da, wo die Spechthöhlen sind. Und da kann man auch ´nen schönen Film draus machen. Hab ich gesagt. Naturschutz und Wald.

Darfste nicht, darfste nicht

Bisschen Angst hatte ich nur vor dem Lehrvideo über Jagd. Denn klar. Da gibt’s auf der einen Seite die Jägerschaft. Auf der anderen Seite die kompletten Jagdgegner. Da sitzt man schnell mal dazwischen. Und dann die Frage: Wie kannste das in 6 Minuten überhaupt hinkriegen? Du kannst ja ÜBERHAUPT kein Thema in 6 Minuten so erklären, dass nicht wenigstens einer sagt: Da haste aber wat vergessen. Und ich wusst´ überhaupt nicht, ob ich das kindgerecht vermittelt kriege.
Aber ich glaube, es ist dann doch ganz witzig geworden. Und so, dass man zumindest eine Idee davon kriegt: Aha, so ist die Jagd, darum gibt’s die Jagd. Und dann kann man ja diskutieren.
Zumindest hab ich bislang noch keinen völligen Abriss gekriegt. Auch sonst noch nicht. Das würd´ mich natürlich schon erwischen. Ich bin ja nicht so abgebrüht. Wobei alle sagen: Darfste nicht persönlich sehen, darfste nicht, darfste nicht. Gibt immer auch Idioten, die einfach nur Idioten sind.
Im Gegenteil. Die Rückmeldungen sind meistens positiv. Und du kannst ja auch mal ´ne Frage beantworten. Aber wichtig auch, dass das nur der Blick eines Försters auf eine Sache ist, möglichst nicht zu wertend, für Kinder gedacht. Das ist der Anspruch. Dem möcht ich gerecht werden.

Piuuuh! Ein Buntspecht

Kinder sind immer Kinder. Egal, aus welchem Elternhaus die kommen. Ob die arm sind oder reich oder Migrationshintergrund haben oder ob deren Uropa schon hier war – im Wald, da sind die alle gleich. Und machen sich alle gleich gern dreckig. Wenn sie dürfen.
Und sind gleich interessiert an der Natur. Ganz oft ist es tatsächlich sogar so, dass die Kinder, die in der Schule vielleicht gar nicht so klarkommen, in den MINT-Fächern, dass die aufblühen im Wald.
Beispiel. Ich hatte ein ganz auffälliges Kind, ADHS vielleicht, man weiß es nicht. Der wurde im Wald richtig ruhig. Der wuselte zwar immer noch vor sich hin. Aber dann kam er wieder und hatte sich so einen Ring gebaut, aus ´nem Herbstblatt. Und sagt direkt, warte, ich mach noch was. Die Lehrerin wollt´ den schon einfangen, ich sag: alles gut, alles gut. Und der kam mit der nächsten tollen Idee. Waren die anderen Kinder so: DAT WILL ICH AUCH! Sagt der: Musst du so, dann musst du so – und hat denen das erklärt. Und wir stehen am Rand und sagen: Boah. Was ist mit dem Kind los, ne?
Wo wir dann feststellen: Der Lernort Draußen, das Lernen mit allen Sinnen, das fördert Kinder, die mit der Schulsituation nicht so gut klarkommen. Oh, da! Piuuuh! Ein Buntspecht.

Du machst dat schon

Wenn jetzt jemand aus Nicht-Heiligenhaus das schön findet. Der darf’s natürlich genauso gerne gucken! Aber es ging wirklich überhaupt nicht darum, bei YouTube jetzt eine Ego-Präsenz zu haben. Deswegen darf man auch nicht davon ausgehen, dass Förster Hannes jetzt der größte Wald-Influencer aller Zeiten wird. Wie jetzt Peter Wohlleben. Nicht, überhaupt NICHT so gedacht.
Und ist ja auch Blödsinn. Weil, ich halt da zwar mein Gesicht hin. Aber die ganzen Leute drum rum haben daran Minimum so ´nen großen Anteil. Die, die mitspielen, Rat geben, Ton machen, schneiden. Die sagen: Ich brauch noch was für Dazwischen, also geh mal dorthin und film mal das und das im Halblicht. WO? WAT? HALBLICHT? Genau. 
Oder auch die Kohle besorgen. Da wird ja kein Geld mit verdient. Null, null, null, null, null. Und ich werd auch nicht plötzlich Werbung für Rasierwasser machen. Wär auch komisch bei mir, ne? Nee, dat kostet. Und ich hab das Glück, dass der stellvertretende Vorsitzende von unserem Förderverein gesagt hat: Ich kümmer mich. Musst dir gar keinen Kopf drum machen. Geld ist da.
Ob das von Anfang an da war? Weiß ich gar nicht. Aber muss ich auch nicht. Weil der das eben gesagt hat. Und weil ich auch einen Bürgermeister und einen Dezernenten habe, die nicht meinen: Da guckste aber mal auf deine Überstunden. Oder denkste dran, Samstags nicht ohne Beschluss des Personalrats zu arbeiten. Sondern die sagen: Du machst dat schon.
Ich weiß auch nicht, ob´s so geniale Menschen gibt, die das alles alleine hinkriegen würden. Aber ich finde immer: Das Zusammenarbeiten im Team. Das ist so Gold wert. Sei es, dass man selber auf bestimmte Ideen kommt, sei es, dass der andere eine bestimmte Idee überhaupt erst HAT. Die hat er Gottseidank, wie schön ist das denn! Und da bin ich fernab davon, zu denken, ich bin jetzt der tolle Käse hier.

Corona-Milde

Ich stelle fest, dass man jetzt mehr Leute im Wald sieht. Und das erfreut mich. Ich entwickle sogar so etwas wie eine Corona-Milde. Denn eigentlich bin ich ja auch Polizist im Wald. Und wenn ich dann sehe, da haben jetzt so ein paar Kids eine coole Bike-Strecke gebaut, ne? Da müsste ich eigentlich sagen: Leute, habt ihr sie noch alle? Der erste, der mir da entgegenkam, war auch gleich mal noch mein Neffe.
Aber mal ehrlich. Ob die Kinder ein halbes Jahr mehr oder weniger in der Schule waren. Das merken die mit 90 doch nicht mehr! Die werden sich dran erinnern, wie bei ihnen mit der Krise umgegangen wurde. Hat uns der Förster aus dem Wald geschmissen? Oder haben wir die tollsten Bahnen gebaut?
Ich seh´ das an so vielen Enden. Sei es beim Einkaufen! Und wenn da einer dreimal länger braucht, weil er jetzt zum fünften Mal in seinem Portemonnaie … Ach komm. Lass sie. Jeder so, wie er et grade kann. Das würde ich allen Menschen wünschen.
Und der Förster versucht das, indem er sagt: Diese Bike-Strecke? Da muss ich ja jetzt nicht hingucken. Ich fahr da jetzt heute mal oben rum. Und die Natur wird sich auch davon erholen. Ganz bestimmt. Amen.

Mehr von Tilman Strasser

17:55 Uhr, „Bang Boom Bang“

Saatkrähen picken in einem Wohngebiet vor einer angefressen wirkenden Mauer Moos aus dem Boden. Hinter der etwa zwei Meter hohen Mauer mit abschließbarem Tor stehen zwei Dutzend Männer. Ordentlich aufgereiht pinkeln sie ins wildernde Gras. Grau aufragende Pfosten in der Mitte der Brachfläche komplementieren das Bild. Die Abendsonne zeichnet den Horizont weich. Blickt man nicht zu konzentriert in die Ferne, ist die Weite ganz nah.

„Das hier ist der Sportpatz“, sagt ein Mann, der ein T-Shirt mit der Aufschrift „Bang Boom Bang“ trägt. Er hält ein laminiertes Foto nach oben, auf dem eine Tribüne und ein Fußballplatz abgebildet ist.
„Uh, klasse!“, ist aus den Männerreihen zu hören. Dazu Nicken, anerkennende Blicke über Brennesselansammlungen.
Es folgen erhobene Zeigefinger: „Da muss Til Schweiger entlang gejockelt sein.“ Und vor der Brust verschränkte Arme, kombiniert mit breitem Stand: „Ja nee, is klar.“

Dann hat man sich satt gesehen. Es gibt noch weitere Sehenswürdigkeiten. Die Saatkrähen gucken von unten, ihre grauweißen Schnäbel erzählen eine andere Geschichte. 18:06 Uhr



>Bang Boom Bang – Kultfilm im Pott<

Busfenster mit KFZ-Kennzeichen für BBB-Insider. ©mhu
Busfenster mit KFZ-Kennzeichen für BBB-Insider. ©mhu
2011 war die Bustour noch ein Gag auf einem Junggesellenabschied. Dann kam das Interesse außerhalb des Bekanntenkreises. Seitdem bieten die Veranstalter von „Bang Boom Bang – Die Tour“ in regelmäßigen Abständen Fahrten zu den original Drehorten des Kultfilms „Bang Boom Bang – Ein todsicheres Ding“ an. In Unna und Dortmund kann man so neben dem Sportplatz auch Keeks Haus, „Franky’s Video Power“, Schluckes  Fundort, den Flughafen und die Pferderennbahn besichtigen.
Die Nachfrage ist groß, die Tour beliebt und die Veranstalter routiniert. Neben selbst recherchierten Hintergrundinfos zu Regisseur und Film gibt es Bier und Unterhaltung bis in die Nacht. Bei der Tour Ende Juli gehörte auch der Besuch des Films beim Open-Air-Kino im Westfalenpark und Party im Daddy Blatzheim dazu.

Kult, Kult, Kult – warum eigentlich?

Seit 18 Jahren läuft jeden Freitag im Bochumer Kino UCI die deutsche Action-Komödie „Bang Boom Bang – Ein todsicheres Ding“ von Regisseur Peter Thorwarth. „Bang Boom Bang“ ist der erste Teil der heute so schön benannten und beworbenen Thorwarth’schen „Unna-Trilogie“, dazu gehören „Was nicht passt, wird passend gemacht“ (2002) und „Goldene Zeiten“ (2006).
Wenn man fragt, warum es heißt, dass „Bang Boom Bang“ exemplarisch für das Ruhrgebiet stehe, dann folgen Sätze wie: „Das gibt es woanders nicht“, „Das ist typisch Ruhrpott“ und in Abwandlung: „Das ist nur hier möglich“, „So stellt man sich eben das Ruhrgebiet vor“. Dass die Menschen, die ich auf der Bustour getroffen habe, eben nicht so sind, zeigt allein schon die Frage nach schulischem und akademischem Werdegang, Beruf und Familienstand. Trotzdem konnten viele jede Zeile des Films mitsprechen, verbanden erste Dates oder ihre Jugend mit dem Film. Auch waren es überwiegend Männer, die an der Tour teilnahmen. Später im Westfalenpark waren auch mehr Männer als Frauen zugegen. Manch eine Frau wurde für ihre Teilnahme gelobt. Ein „Männerfilm“ also? Und wenn ja: Dann wird unterschlagen, dass Melanie – die einzige signifikate Frauenrolle im Film, gespielt von Alexandra Neldel – die Jungs am Ende alle linkt.

Mehr von Melanie Huber

Die difizilen Dämmungen der Dämmerung

Es ist ja mittlerweile ein gut gelüftetes Geheimnis, dass sich der Philosoph Jean Paul Sartre einst ein Arbeitszimmer im Innenhof seiner Pariser Wohnung extra hat anfertigen lassen. Er ließ Schreiner kommen und beauftragte sie, das Zimmer vollständig aus Bücherregalen zu bauen, ohne irgendwelche Steinmauern.

Als die angerückten Schreiner (im franz. Bau-Jargon des 20. Jahrhunderts auch gerne „Holzfrisöre“ genannt) mit ihrer Arbeit fast fertig waren und gerade die dünnen Pappwände als einzige Außenhaut an die Rückseite der Regale tackerten, fragten sie Sartre, ob er sich denn ganz sicher sei, mit seinem Vorhaben und ob sie nicht doch noch eine zusätzliche Dämmung aufbringen sollten. Der nächste Winter würde kalt werden und die Wände seien doch unzureichend dünn. Sartre soll daraufhin gesagt haben: „Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Für die Dämmung sorge ich in den nächsten Jahren schon selbst!“ („Ne me faites pas inquiète. Pour l’isolation que je fais dans les prochaines années se redresser tout»)

Nun, wer einmal ein paar Sartre-Werke an eine zugige Türkante gelegt, oder gar welche gelesen hat, der weiß, dass diese sich hervorragend als Dämmerung in vielen Lebenslagen eignen.
Jahre später saß Sartre dann in seinem mittlerweile vollkommen vollgestellten Arbeitszimmer, hatte alle Regale mit seinen eigenen Schriften gefüllt, lehnte sich zurück und sagte (Achtung, das ist jetzt, im Gegensatz zu allem, was Sie bisher gelesen haben, wahr):

Einem Eigentümer spiegeln die Güter dieser Welt das eigene Dasein wider“

Überreste von Sartres Arbeitszimmer (Modellbeispiel)

Ich hatte mir also vorgenommen, mich mit dem Niederrheiner als Eigentümer und als Entsorger zu beschäftigen. Mit seinem Besitz, dem Abfall, den Neuanschaffungen, dem Gerümpel, dem Geröll, den weggeworfenen Apfelkitschen, laminierten Spanplatten, den benutzten Wattestäbchen, den abgewrackten Autos, den aufgelösten Brausetablettenresten und auch noch dem letzten Rotz Bierspucke in seinen Gläsern.

Aber wer ist er denn, dieser NiederrheinerInnen, von dem Hans Dieter Hüsch gesagt hat „Der Niederrheiner weiß nichts, kann aber alles erklären“? Ich finde das ist ein tolles Angebot und ich nehme es gerne in Anspruch.

In Mönchengladbach frage ich wahllos ein paar Leute, wie der Niederrheiner denn so drauf ist. Ich bekomme unter anderem die Antwort, man wüsste es jetzt auch nicht so genau aber der Niederrheiner sei „jedenfalls anders als der Düsseldorfer.“ Aha!

Ich kenne keinen Düsseldorfer, daher sagt mir das jetzt nichts.

(Im Übrigen ist es so: Ganz NRW behauptet anscheinend vorallem ja „anders als der Düsseldorfer“ zu sein. Bis auf Köln, dort behauptet man, auch ungefragt, nicht zu wissen was Düsseldorf ist)

In Düsseldorf haben sie mehr mit Schrebergärten und so“ lautet die Erklärung weiter. Ich glaube dieser Niederrheiner will mich ein Bisschen verarschen. Allgemein scheint Mönchengladbach aber eher eine Stadt zu sein in der heute keiner Krawall will, denn die meisten behaupten tatsächlich sowas wieman könne nicht alle über einen Kamm scheren“, es gäbe ja „überall immer solche und und solche“. Aha. Der Niederrheiner ist heute diplomatisch. Ich ziehe weiter.

Ein guter Ort jedoch, um sich etwas erklären zu lassen, ist in jedem Fall ein Museum. Ich lasse die diplomatisch antwortenden MönchengladbacherInnen hinter mir und fahre nach Grevenbroich in das „Museum der niederrheinischen Seele“ in der Hoffnung, dass es seinem ambitionierten Namen standhalten kann.

Vom Bahnhof Grevenbroich aus ist man recht schnell im Stadtpark, der durch seine grüne Sattheit besticht. Nach ein paar Metern sieht man schon die Villa Erckens. Es ist eines von diesen alten Gebäuden, gelb mit weißem Stuck, über Jahre fleißig renoviert und gepflegt, jetzt inmitten der chlorophyllgestärkten Natur sieht es aus, als hätte man ein Stück Buttercremetorte auf eine Wiese geworfen.

Ich rausche hinein. Außer mir und der Frau an der Kasse ist keine Menschenseele dort. Der Niederrheiner und die Niederrheinerinnen scheinen über die Beschaffenheit ihrer Seelen bereits gut informiert zu sein und sind schon, so sah ich es auf dem Hinweg, konzentriert mit Eis essen zugange. Sie kennen schon genug was ich noch zu erkennen suche.

Der Mensch versteht sich selbst nur im Erleben seiner selbst“, wieder Sartre, ein Satz der sich tatsächlich am besten beim Eis essen und mit der Zunge vorzüglich durchkontemplieren lässt.

Space is the Place, gilt auch in Grevenbroich. Wer diesen Ort hier passiert, hat gute Chancen die Villa Erckens und auch die Eisdielen zu finden.


Die
Dauer-Ausstellung, wegen der ich gekommen bin erstreckt sich über drei Stockwerke. Dialekt-Hörproben empfangen einen schon im Treppenhaus mit den unterschiedlichen Aussprechgepflogenheiten der Ortschaftsbezeichnung Grevenbroich:

Grevenbroooch, Grewwebruch, Grievebuich, Grävenbräuich Griwwebruch.

AEIOUÄÖEI

Der Niederrheiner scheint flexibel und kreativ in der Lautmalerei zu sein. Eine Regel habe ich aber dennoch bereits gelernt, merke:

Ein „ o i “ wird in dieser Gegend häufig wie ein langes „O“ gesprochen, das eine Sekunde am Gaumen zu verharren hat, bevor es hinausflöten darf. Probieren Sie es aus!

Grevenbroich, Hambroich, Broich, Korschenbroich, Tüschenbroich.

Wenn Sie anfangen zu husten, dann machen Sie es falsch.

Im Obergeschoss finden sich weiter viele Mitmach-Stationen und ausklappbare Karten, kurze Statements von Niederrheinern und Niederrheinerinnen zum Thema Energie, ein kleine Sammlung, von niederrheinischen Gemälden aus diversen Epochen (beliebte Motive: Garzweiler, Autobahnen, Landschaft).

Die Welt zu Gast am Niederrhein. Niederheinische Kunst in Petersburger Hängung auf Bordeaux-Rot.

Im Untergeschoss der Villa Erckens befindet sich eine alte Kniehebelmünzprägepresse von 1817. Das 200 Jahre alte Gerät war laut Begleittext seinerzeit „ein Meilenstein der Technikgeschichte.“ Münzen konnten damit mit viel weniger Körperkraftaufwand hergestellt werden als zuvor. Mit dem Wissen darum, dass derzeit in ganz Europa laut darüber nachgedacht wird das Bargeld in Zukunft vollständig abzuschaffen, wirkt das Gerät mit seinem großen hölzernen Rad und dem vielen Eisen umso archaischer. Ich stelle mir vor, wie irgendwann in ferner Zukunft neben dem Katapultähnlichen Gerät, jener Computer stehen wird, mit dem einst der erste Bitcoin errechnet wurde. Unsere ferne wunderbare „gegenstandslose“ Zukunft.

Weiter gibt es im Untergeschoss einen Film aus den 50er Jahren in dem die Bagger und die fortschrittliche Mechanisierung des Braunkohletagesbaus Garzweiler angepriesen werden. Die zackige 50er Jahre Sprechweise imponiert mir, ich schaue den Film gleich viermal hintereinander, um die darin erklärten Optimierungserrungenschaften auch wirklich zu verstehen. Ich werde dieses Wissen sicher gebrauchen können, wenn ich mir demnächst Garzweiler ansehe.

Ebenfalls findet sich im Keller ein Werbefilm einer Zuckerfabrik-Fabrik, die stolz verkündet ihre Bauteile vom Niederrhein aus über den ganzen Globus auszuliefern. Der Spot schließt mit dem Slogan:

Wir können sagen: Unser Feld ist die Welt“.

Ähnliches wird Monika Pirch vielleicht auch mal durch den Kopf gegangen sein, während sie ihren Essayfilm „1ha 43a“ gedreht hat, welcher im 1. Stock der Villa Erckens in voller Länge zu sehen ist.

Der Anlass zum Film: Die Filmemacherin gar selbst hat ein Feld, oder eher ein Stückchen Ackerland von eben dieser Größe geerbt und erzählt in ihrem Film von ihrem Umgang mit diesem Erbe.

Zunächst muss sie es aber finden. Irgendwo zwischen Aachen und Köln gelegen, zwischen unzähligen anderen Äckern versteckt, ist ohne Kartografie nicht auszumachen, wo ihr neuer Besitz anfängt und wo er aufhört. Auf den ersten Blick ist es schlicht weites Land, dessen Anblick Stadtmenschen nur als Ausblick aus dem Regionalzug kennen.

Sartre schrieb in seinen „Wörtern“:

Felder und ein Haus verleihen dem jungen Erben ein stabiles Bild seiner selbst; wenn er seinen Kies berührt oder die Fensterrauten seiner Veranda, berührt er sich und bildet mit Hilfe ihrer Dringlichkeit die unsterbliche Substanz seiner Seele.«

Monika Pirchs Film in der Ausstellung


Man sieht Monika Pirch in ihrem Film
zwar ehrfürchtig, doch auch eher ratlos über ihr Feld stapfen.

Ihr Erbe scheint ihr eher Fremdes zu sein, das sie scheu begrüßt, als dass es sie prompt mit jenem existenziellem Selbstverständnis schwängert, wie es Sartre beschreibt.

Auf konventionelle Weise, was in diesem Falle Ackerbau bedeutet, weiß Monika Pirch mit ihrem Erbe nichts anzufangen, sie hat keine Ahnung von der Landwirtschaft.

Es widerstrebt ihr aber auch, es einfach zu verkaufen, schließlich hat es ihrer Familie über mehrere Generationen als Rückendeckung, als substanzielle Absicherung gedient. Als Lösungssuche spielt sie daher sechs Szenarien durch, was sie mit diesem Stückchen Land mitten im Nirgendwo anstellen könnte: verkaufen, bestellen, Nutzung für Windenergie, Zeltplatz. Wofür sie sich am Ende entscheidet, müssen Sie sich am besten selber anschauen gehen.

Ein durchaus spannendes Portrait einer Lebensfrage.

Die unsterbliche Substanz der niederrheinischen Seele habe ich heute noch nicht entdeckt aber ich habe noch (typisch niederrheinisch?) eher schweigsam bei einem Eis über die Seele kontempliert.

Wie isset?“

Joa….Jut. Und selbst?

Joa….auch.“

Jut“

Sehr geheimnisvoll…

Falls Sie Sartres Arbeitszimmer einmal besichtigen wollen, Überreste davon finden Sie vielleicht noch ungefähr hier:

51° 10′ 49.646″ N 6° 26′ 34.095″ E

Mehr von Deborah Kötting