Häuschen im Grünen

Wer träumt nicht von einem Häuschen im Grünen? Ein Ort jenseits der Stadt, fern vom Lärm, unberührt von der täglichen Unruhe, frei vom Stress. Ein Zufluchtsort auf dem Land, umgeben von Wiesen und Wäldern, ist schon seit der Industrialisierung Traum vieler Städter.

Nicht wenige der Pariser Banlieue sind so entstanden: Vor der Stadt flüchtende Wochenendpendler aus dem 19. Jahrhundert haben das Dorf zur Stadt gemacht.

Ein Wochenendhaus  auf dem Land zu haben, ist ein großes Abenteuer und kostet Zeit, denn auch das Haus will Aufmerksamkeit und muss gepflegt werden. Davon erzählt Sarah Khan amüsant in ihrem Roman, der bei dem Verlag mikrotext 2019 erschienen ist.

Aber man kann es auch viel leichter haben und einfach auf dem neu eröffneten KulturFlecken-Weg zu dem Häuschen im Grünen wandern. Die Installation des Siegener Autors Crauss lädt zum Verweilen ein, und gibt dem Vorübergehenden sogar Textfutter mit auf dem Weg. Dabei ist es eine völlig nachhaltige Einrichtung. Ein Häuschen im Grünen für ALLE!

       (c) Crauss                  (c) Sebastian Richter

Das Beitragsbild ist von Crauss, vielen Dank dafür!

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Flecken

 

Wir waren  im Flecken. So heißt ein Stadtteil in Freudenberg, in dem nur alte Häuser stehen. Als wir dort rumliefen, räumte ein Mann vor seinem Haus ein paar Sachen zusammen und da er mich mit den Kindern Französisch sprechen hörte, wollte er wissen ob es uns hier gefallen würde und woher wir aus Frankreich kamen. Ich musste daran denken, dass vor mehr als zweihundert Jahren französische Truppen unter Napoleon in Freudenberg waren, wo sie plünderten, und im Siegerland selbst um ihre Kriegskasse beraubt wurden. Kein Mensch hat das noch erlebt, aber die Häuser im Flecken  schon. Ob sie damals auch so schweigend in ihren Reihen standen wie heute? Im Gespräch sagte ich zu dem Mann, dass mir sein Haus wirklich sehr gefallen würde und er meinte ja, früher, da hätten sie hier ein Geschäft gehabt, aber nun nicht mehr, seit seine Frau tot sei, fünf Jahre schon. Da stand dann plötzlich eine gewisse Traurigkeit mit uns auf der Straße und er meinte, er wäre ja nun schon alt, aber das Geschäft wollte er doch irgendwann wieder aufmachen, nur ginge das gerade nicht wegen Corona.

Ich habe gefragt, was sie denn verkauft hätten und er meinte Glas und solche Sachen und machte eine ausladende Handbewegung auf die Fensterfront. Hinter den putzigen Scheiben mit ihren gestickten Gardinen waren die Schatten von Figuren und Objekten zu sehen, es war Glas, aber auch Zinn, oder Stein, vielleicht sogar Eisen. Ich nickte, ließ meinen Blick über die Hauswand schweifen und meinte, es wäre sicher schön in so einem Haus zu leben.

Er machte eine zustimmende Bewegung, diesmal mit seinem ganzen Körper, und sagte schon, aber schön sei es doch überall auf der Welt, auch in Frankreich. Er wäre öfter mal das gewesen, früher, mit seiner Frau.

Stimmt, gab ich zu und wollte wissen wo.

An einem Ort im Süden, an der Küste, er nannte auch den Namen, aber wir sprachen nicht weiter darüber, denn die Kinder waren schon weiter gelaufen, standen mit schlackernden Armen auf mich wartend am Ende der Straße, doch sie waren es nicht, die mich weiter trieben, es war diese große Traurigkeit die unausgesprochen zwischen unseren Worten auf den Pflastersteinen stand und dort verharrte, wie die Erinnerung an all das, was war und niemals wieder sein würde und der Mann verabschiedete sich von uns, drehte sich, um wieder zurück in sein Haus zu gehen, und mir war, als ginge er gebückter als vorher, als wäre da eine Last, die er mit auf seinen Schultern zurück ins Innere seiner Wohnstätte nahm.

 

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Die Unsichtbaren

“This is how we do things around here.”

– Bright und Parkin, 1997

 

Sie waren silbern und glänzend wie Engelshaar. Sie waren auch sehr lockig. Aber hart waren sie und hatten schneidende Kanten. Sie lagen überall herum, auf dem Boden neben den Maschinen, auf der Ladefläche des Firmentransporters, sogar auf den Schuhspitzen der Männer, die die Schneidemaschinen bedienten. Ich kann mich so gut an diese Späne aus Metall erinnern. Als Kind wollte ich sie aufheben und sammeln, und sie Weihnachten an den Baum zu hängen.

Schau, sagte ich zu meinem Großvater, so haben wir schon das Lametta fürs Fest!

Er war nicht einverstanden. Er sagte mir, dass ich mit den Spänen nicht spielen sollte, sie seien gefährlich, sie würden mich verletzen. Ich durfte sie nicht anfassen, aufheben, schon gar nicht in meine Tasche stecken, sollte sie gefälligst auf der Erde liegen lassen.

Natürlich habe ich sie doch aufgehoben, mir die Taschen vollgestopft und damit gespielt. Selbstverständlich schnitten mir die harten Späne in die Finger. Ich habe es nie jemanden erzählt, denn ich hatte ja etwas Verbotenes getan. Aber ich habe doch immer weiter damit gespielt. Das Blut wischte ich am Stoff meiner Kleider ab und schwieg.

Manchmal sahen die Späne aus wie kleine, sehr spitze Nägel. Je winziger sie waren, umso schwärzer waren sie. Das helle, silberne Leuchten kam von der Masse und besonders liebte ich ineinander gedrehte Späne. Sie sahen aus wie lange Bohraufsätze oder auch wie kunstvolle Schrauben. Wahrscheinlich habe ich deswegen dem Großvater in meinem Roman, die Produktion von Spaneinsätzen für Bohrmaschinen angedichtet, weil die Späne, ihr Glitzern und die von ihnen ausgehende Gefahr, mir so sehr im Gedächtnis haften geblieben sind, genau wie dieser Brandgeruch, der vom Schneiden noch an ihrem Metall haftete.

Heute frage ich mich, ob mir auch verboten worden wäre mit den Spänen zu spielen, wenn ich kein Mädchen, sondern ein Junge gewesen wäre. Vielleicht hätte mich einer der Arbeiter an den Maschinen zu sich gerufen, mich vor sich aufgebaut und indem er meine Hand und meinen Körper gerade hielt, mir gezeigt, wie man Metall bearbeitet. Aber ich war ja ein Mädchen und der Arbeiter hätte sicher Ärger gekriegt. Vielleicht wäre es auch als wichtig angesehen worden, mir schon als kleiner Junge den Zusammenhang von Metall und Produktion zu erklären und nicht zu warten, bis ich größer würde, um sicher zu gehen, dass ich mich überhaupt für so etwas interessierte, denn Mädchen, interessieren sich ja für solche Dinge gewöhnlich nicht. Vielleicht hätte ich meinem Großvater und alles was er mit seinem, aus einem Fabriksken, entstandenen Industrieunternehmen präsentierte, näher sein können, wenn ich ein Junge gewesen wäre. Ich werde es nie wissen. Das Leben hat meinem Großvater keine Zeit dafür gelassen.

Die Industrie und vor allem der Bereich der Metallproduktion sind Männerdomänen. Gerade die heiße Verarbeitung von Stahl manifestiert alles, was gemeinhin mit dem Stereotyp Männlichkeit verbunden ist: Kraft, Schweiß, Schmutz. Bei der kalten Metallverarbeitung, sowie den Produktvertrieb sind Frauen schon eher anzutreffen. Doch in der Unternehmungsleitung, auf den Chefetagen sind sie weiterhin in der Minderheit.

Unsichtbar, würde Carolin Criado-Perez sagen. Sie hat ein umfangreiches Buch zu der Frage geschrieben, warum Frauen heute immer noch in so vielen Bereichen unsichtbar sind. Und ihre Antwort darauf: It´s a mans world!

Männer sind das Maß aller Dinge, die Welt ist nach ihren Bedürfnissen gemacht. Die Ansprüche der Frauen fallen schlichtweg unter den Tisch. Die empfohlene Raumtemperatur in Büros ist für Frauen zu kalt. Die Grenzwerte von Chemikalien zu hoch, die Sicherheitsanzüge zu groß.

Autos sind nicht sicher für Frauen, weil die Tests auf den Typ Mann laufen. Auch in der Metallindustrie ist die Infrastruktur männlich dominiert, für Frauen fehlt es zum Beispiel an Toiletten in Maschinenhallen. Frauen machen die Hälfte der Gesellschaft aus, sind aber meist unsichtbar, besonders wenn es um Führungspositionen geht.

Klar gibt es Ausnahmen, auch in der Unternehmungsleitung und mit der Zeit immer mehr Frauen, die sich an der Spitze eines Unternehmens durchsetzen. Marie Bilstein beispielsweise war eine Frau aus Südwestfalen, die diesen Habitus beherrschte und nach dem Tod ihres Mannes Ferdinand Robert Bilstein den Familienbetrieb übernahm. Sie lebte von 1848 bis 1924 und führte den Betrieb erfolgreich, bis einer ihrer Söhne diesen übernahm. Ihre Tochter war eine der wenigen Frauen im Kaiserreich, die Kunst studierten.

Auch Nina Patisson führt als Frau heute erfolgreich das internationale Unternehmen Bäumer in Südwestfalen.

Als Urenkelin des Gründers war es für Nina Patisson erst undenkbar, die Spitze des Unternehmens zu übernehmen. Eine Ausbildung im familieneigenen Betrieb, der damals von ihrem Vater geführt wurde, kam für sie nicht in Frage. Sie studierte in Deutschland und im Ausland, arbeitete  einige Jahre für ein Unternehmen in Paris, bevor sie auf den Ruf aus der Heimat antwortete. Nina Patisson hat es sicher nicht bereut und noch weniger das Unternehmen. Doch sie fing nicht als Tochter im Unternehmen an, sondern als eine unter Gleichen. Und diesen eusozialen Ansatz trägt sie auch in ihre Unternehmensleitung. Bei dem Siegener Recruiting Slam rappt sie sogar ihr Unternehmen vor.  Bei ihr sind bereits sechzehn Prozent der Mitarbeiter Frauen, was nicht wenig ist für die Metallindustrie. Den Habitus eines „Unternehmers“ erlernte sie am Vorbild ihrer Vorgänger. Obwohl zuvor immer Männer das Familienunternehmen leiteten, war es außer Frage die Tochter von der aktiven Nachfolge auszuschließen. Heute bereitet es ihr keine Schwierigkeiten, sich in ihrem Arbeitsalltag durchzusetzen. Nina Patisson definiert sich jenseits femininer Stereotypen wie Nagellack und Handtasche, sie inkarniert einen ganz eigenen weiblichen Führungsstil.

Die französische Sängerin Juliette Katz hat kürzlich ein Video veröffentlicht, indem sie eine beeindruckende Analyse dessen leistet, was sie als „eine Frau“ zu sein bezeichnet. In ihrem atemlosen Text berichtet sie, wie sie selbst über Jahre hinweg versucht hat, in eine soziale Schablone zu passen. Statt sich als Frau zu fühlen, empfand sie sich in eine Rolle gezwängt. Denn eine Frau, die sich zu sehr schminkt, ist provokant, einer Frau, die sich zu wenig schminkt, wird vorgeworfen, sich gehen zu lassen. Eine Frau, die sich aufstylt, will Männer anmachen, aber wenn Frau sich bequem ankleidet, hat sie keinen Stil. Juliette Katz weist darauf hin, dass Frauen sich zu oft von außen definieren lassen und dass es eigentlich darum geht, die freie Wahl zu haben. Frei zu sein, sich die Achselhaare zu rasieren oder eben nicht. Die Entscheidung über den eigenen Körper und das eigene Leben sollen Frauen genauso frei treffen können wie ein Mann.

Diese Freiheit fängt damit an, dass Mädchen und Jungen nicht nach geschlechtlichen Stereotypen erzogen werden, sondern als Menschen behandelt werden, die diese Welt  entdecken. Sie verdienen es, die freie Wahl zu haben, und das fängt schon mit den Gegenständen an, mit denen sie spielen.

 

Beitragsbild mit freundlicher Genehmigung der Albrecht Bäumer GmbH

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